Heaven’s Gate (Regie: Michael Cimino)

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Der 1980 uraufgeführte Western „Heaven’s Gate“ ist einer der berühmtesten „unbekannten“ Spielfilme aus Hollywood. Berühmt ist er, weil er zur Zeit der Produktion die damals extrem hohe Summer von etwa 44 Millionen US-Dollar gekostet hat. Unbekannt ist „Heaven’s Gate“, weil der Film kaum in den Kinos zu sehen war – und wenn, dann fast nur in verstümmelten Kurzfassungen.

Jetzt gibt’s „Heaven’s Gate“ vom Label capelight in Originallänge fürs Heimkino – mit zahlreichen Extras.

„Heaven’s Gate“ ist nicht nur berühmt und gleichzeitig nahezu unbekannt, sondern auch berüchtigt. Denn der Autor und Regisseur Michael Cimino folgt mit diesem Western nicht den klassischen Hollywood-Mustern der Heldenverehrung und -verklärung. Er zeigt, wie es wirklich war: brutal, unmenschlich, dreckig. Mit der realistischen Spiegelung von Leben und Sterben im sogenannten Wilden Westen kratzt dieses Epos gehörig am Gründungsmythos der US-amerikanischen Nation. Hier agieren keine tapferen Goldsucher, stehen den edelmütigen Cowboys keine züchtigen Frauen zur Seite. Hier agieren geld- und machtgierige Leute, die sich für besser halten als die amerikanischen Ureinwohner oder die aus Afrika entführten Schwarzen oder viele ihresgleichen, die weißen Einwanderer aus Europa.

Es ist die kritische Sicht auf die US-amerikanische Geschichte, die diesen nun bald vierzig Jahre alten Spielfilm hoch aktuell macht. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gilt er noch immer weithin als misslungen. Nestbeschmutzung wird nicht gern gesehen. Bei Filmkennern dort und außerhalb der USA wird der Film längst als Meisterwerk gehandelt. Die Meisterschaft von Michael Cimino zeigt sich schon in der raffiniert gebauten Story. Die dreht sich um den Kampf etablierter Groß-Farmer gegen gerade angekommene arme Einwanderer aus Europa. Die Wohlhabenden wollen von ihrem Reichtum nichts abgeben. Sie wehren sich gegen die Einwanderer. Sie wehren sich nicht nur mit Worten. Es wird ein Mordauftrag erteilt. Fast zweihundert „Eindringlinge“ sollen aus dem Weg geräumt werden. Erzählt wird also eine Immigranten-Saga, gespickt mit klugen Szenenfolgen um den Wert von wahrer Freundschaft, echter Liebe, unschuldiger Menschlichkeit – und Fremdenhass, Verachtung, Diffamierung, Mord und Totschlag.

Ciminos Meisterschaft zeigt sich im Erzählten und darin, wie er erzählt. Die visuelle Gestaltung, die Montage von Bild und Ton, der Musikeinsatz etwa sind superb. Bestechend ist dazu die Schauspielführung: Kris Kristofferson zeigt als Sheriff so viel Charisma wie in keiner seiner anderen Filmrollen, Christopher Walken mutet an wie der Fiesling an sich, es begeistern Stars wie Jeff Bridges, Joseph Cotten, John Hurt, Mickey Rourke, Brad Dourif. Der Star des Film allerdings ist Isabelle Huppert. Berückend wie selten, zugleich stahlhart und sensibel anmutend, fasziniert sie in der Rolle einer Bordellchefin. Die von ihr mit diesem Film wohl durchaus angestrebte Hollywood-Karriere blieb aus. Der Misserfolg des Films übertrug sich auf ihren Marktwert in den USA. Der fiel ins Bodenlose.

Der Film hatte damals keine Chance. Der Vorwurf, unpatriotisch zu sein, vergraulte das Publikum in den USA von vornherein. Die verstümmelten Kurzfassungen, die ins Kino kamen, nahmen dem Epos allen künstlerischen Reiz. So ist die DVD-Edition allein deshalb sehenswert, weil der Film im Director’s Cut in der Länge zu sehen ist, die Michael Cimino verantwortet hat. Dazu begeistern zahlreiche Interviews mit Beteiligten – wie Cimino selbst, dem Kameramann Vilmos Zsigmond, den Schauspielstars Kris Kristofferson und Jeff Bridges. Infos zur Restaurierung des Films und ein umfangreiches Begleitheft sind für Filmfans zusätzliche Highlights.

Vor allem aber gibt die Edition die Möglichkeit, einen spannungsgeladenen, künstlerisch rundum überzeugenden Spielfilm zu entdecken, dessen in magische Bilder gefasster Blick in die Vergangenheit der USA konturenscharf und darum schockierend genau ist – und der weite Teile der politischen US-Gegenwart reflektiert, eine Gegenwart voller Waffenwahn, Fremdenfeindlichkeit, Geldgier und Machthunger.

Peter Claus

Bilder:

Heaven’s Gate, Blue-Ray-Edition bei capelight

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