Mary Poppins‘ Rückkehr (Regie: Rob Marshall)

Ein wehmütiges Winke-Winke aus der Vergangenheit. Das vor allem ist dieser Spielfilm. Erzählt wird die Geschichte, die 1964 schon einmal erzählt worden ist: Das himmlische Kindermädchen namens Mary Poppens steigt aus den Wolken herab und schenkt einer Londoner Familie die Gabe, das eigene Glück zu erkennen, es sogar halten zu können und dann auch noch frohgemut in die Zukunft zu schauen.

Nun ja, ganz genau so wie im 54 Jahre alten Kinder-Kino-Klassiker ist es dieses Mal nicht. Das Wichtigste: Die Handlung wurde in die 1930er Jahre verlegt. Die zauberhafte Nanny Mary Poppins kümmert sich um die Kinder ihrer einstigen Schützlinge. Wobei die jetzt erwachsenen Kinder von einst ebenfalls Hilfe brauchen. London ist Schauplatz geblieben. Neu ist, dass ein Hauch Realität aufblitzen darf. Die Ereignisse begeben sich nämlich in der Zeit der großen Wirtschaftskrise. Also brodeln auch in der Familie Banks finanzielle Sorgen. Michael Banks (Ben Wishaw) ist obendrein verwitwet und muss sich mehr oder weniger allein um seine drei Kinder kümmern. Doch die Gesandte aus dem Reich der Wunder weiß Rat. Phantasie, Optimismus und eine unerschütterlich Lust am Träumen sind ihre Stützen. Dazu hat sie auch noch eine kluge Botschaft: Lass Dich nicht verbiegen, sei Du selbst. Ihr Motto: „Alles ist möglich, auch das Unmögliche“.

Das Ereignis des Films ist die Darstellung der Titelfigur. Emily Blunt kann bereits eine Nominierung für die Anfang Januar anstehende Auszeichnung mit einem Golden Globe verbuchen. Viele sehen sie bereits als Oscar-Gewinnerin. Denkbar ist das. Denn sie interpretiert die Figur originell, weniger süßlich und dafür mit mehr Eigensinn und Exzentrik als die 1965 für ihre Interpretation mit einem „Oscar“ ausgezeichnete Julie Andrews. Emily Blunt kommt mit ihrer Darstellung sicher näher an die Vorstellungen der australischen Autorin P. L. Travers (1899 – 1996) heran als Julie Andrews. Und sie kommt auch dem Publikum näher als ihre Vorgängerin, gibt sie der Figur mit ihrer Art doch eine angenehme Bodenständigkeit. Emily Blunts Darstellung lässt einen fast vergessen, dass inhaltlich nicht wirklich Aufregendes offeriert wird.

Regisseur Rob Marshall („Chicago“, „Into the Woods“) und Autor David Magee („Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger“) wollten wohl gar nichts Modernes schaffen. Es mutet so an, als hatten sie eine liebevolle Verbeugung vor dem Original im Sinn. Das haben sie handwerklich nahezu perfekt hinbekommen. Die einzelnen Episoden des Geschehens sind durch stimmige Musical-Nummern miteinander verbunden. Da zeigt Emily Blunt dann erneut, wie schon in „Into the Woods“, dass sie auch singend und tanzend bestehen kann. An ihrer Seite entfaltet der am New Yorker Broadway enthusiastisch verehrte Lin-Manuel Miranda als Lampenanzünders Jack ein Feuerwerk musikalisch-tänzerischer Brillanz. Ben Whishaw als Michael und Emily Mortimer in der Rolle seiner Schwester Jane haben die gefühlvollsten Momente, die sie mit Nonchalance meistern. Total auf die Pauke haut Meryl Streep in einem überdrehten Gastauftritt. Der jetzt 93-jährige Dick van Dyke, er hatte 1964 den Vater von Michael und Jane gespielt, absolviert dazu eine hübsche kurze Nummer und Colin Firth darf als herzloser Banker mal so richtig den Fiesling rausgucken lassen. Das ist alles putzig und amüsant. Es darf gelacht und geschmunzelt, und ab und an auch mal ein Tränchen verdrückt werden. Der Ton der Erzählung ist locker, das Tempo sacht, die Musik meist einschmeichelnd. Wobei es dieses Mal keinen Titel gibt, der das Zeug zum Gassenhauer hat, wie dereinst etwa „Ein Löffelchen voll Zucker“ und „Chim-Chim-Cheree“. Doch will man grad darüber nachdenken, reißt einen eine raffinierte Montage aus realen Spielszenen und Animation mit. Der Film passt genau zu jenem Slogan, der wohl zur Zeit der Erstverfilmung des Stoffes noch als Werbung in den bundesdeutschen Lichtspielhäusern hing: „Mach Dir ein paar schöne Stunden – geh ins Kino!“ Das funktioniert. Doch es ist auch wie damals: Schon kurz nach dem Kinobesuch kann man sich grad mal noch so erinnern, was einem da vorgegaukelt worden ist.

Peter Claus

Bild ganz oben: © Disney Enterprises, Inc.

Mary Poppins‘ Rückkehr, von Rob Marshall (USA/2018)

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