Der Junge muss an die frische Luft (Regie: Caroline Link)

Hape Kerkeling hat die deutsche Unterhaltungsszene in den letzten fast dreißig Jahren mit etwas beschenkt, was hierzulande Seltenheitswert hat. Intelligenter Witz, der sich nicht zu satirischen Höhen aufschwingt und damit vom Niveau eines Unterhaltung suchenden Massenpublikums abhebt, der sich diesem Publikum aber auch nicht anbiedert, indem er durch die Niederungen niveauloser „Comedy“-Routine watet.

Besonderen Respekt hat Kerkeling zu Recht auch als Buchautor empfangen. „Ich bin dann man weg“ und „Der Junge muss an die frische Luft“ wurden von Publikum und Kritik gleichermaßen geschätzt. Kein Wunder, dass die nach Stoffen suchenden Filmproduzenten in beiden Fällen zugeschlagen haben. Aber mit Erfolg?

Die Kino-Adaption des Bestsellers „Ich bin dann mal weg“ kam zu Weihnachten 2015 in die Kinos. Binnen kürzester Zeit wurde die magische Grenze von einer Million Besuchern erreicht. Trotz der wunderbaren Martina Gedeck in einer Schlüsselrolle war der Spielfilm jedoch nicht mehr als „nett“. Man verließ das Kino amüsiert aber nicht wirklich bewegt. Bei der Leinwand-Fassung von „Der Junge muss an die frische Luft“ ist das ein wenig anders. Wenn da am Ende kurz der echte Hape Kerkeling auftaucht und fast selig lächelt, stellt man sich als Zuschauer gern an seine Seite – amüsiert und angerührt.

Kerkeling hat mit dem Buch seine Kindheit beschrieben. Im Zentrum steht der Tod der Mutter. Das Kind Hans-Peter Kerkeling hat eine ganze Nacht lang, von Angst gelähmt, im Bett neben der an einer Überdosis Schlaftabletten Sterbenden geschlottert. Hier kommen Komik und Tragik extrem dicht zueinander. Hape Kerkelings Geschick als Autor zeigt sich dabei darin, dass er keine wuchtig auftrumpfende Sprache braucht, um das deutlich zu machen, auch kein gefühlsduseliges Auf-die-Tränendrüsen-drücken. Als Leser wird man zudem gefangen genommen, weil er noch im dunkelsten Moment Hoffnung imaginieren kann.

Daraus einen Spielfilm machen zu wollen, ist ein wirklich wagemutiges Unterfangen. Caroline Link, die 2003 den „Oscar“ für „Nirgendwo in Afrika“ gewonnen hat, ist also Mut zu attestieren, wie auch der Drehbuchautorin Rut Toma, die vielleicht durch „Solino“ am bekanntesten ist. Beide haben es nicht durchweg geschafft, Sentimentalität zu vermeiden, den lakonischen Ton der Vorlage zu treffen. Auch, leider, vertrauen sie dem Publikum nicht immer genug, meinen, eine erklärende Voice-Over-Stimme sei notwendig. Das ist bedauerlich. Aber dennoch bleibt man dran, lässt sich mitreißen und bewegen. Das ist in erster Linie Hauptdarsteller Julius Weckauf zu danken. Der jetzt elfjährige Junge aus dem Ruhrpott wirkt durchweg authentisch. Seine scheinbare Natürlichkeit, die von der Regie sorgsam gehütet wurde, begeistert. Man meint, er spiele sich selbst ohne jede Anstrengung, so perfekt balanciert er zwischen Tragik und Witz, Mut und Übermut. Caroline Link ist es gelungen, das Talent des Jungen klug zum Leuchten zu bringen, seine Schauspiel-Lust sicher zu lenken. Julius Weckauf als Hans-Peter Kerkeling ist das emotionale Zentrum des Films. Unvergesslich.

Die Familienszenen spielen sich überwiegend in Recklinghausen ab, im Ruhrpott, Anfang der 1970er Jahre. Detailverliebt, ohne in Postkartenkitsch abzugleiten und ohne ein Zuviel an politisch-kulturellen Verweisen wird der damalige west-deutsche Alltag gespiegelt. Der schon verblassende Rum des Wirtschaftswunders zeigt sich in Zigarren- und Likörkonsum, gemütlichen Einrichtungen (samt Kruzifix) und Fernsehwonnen mit Ilja Richters „Disco“. Dass der Karneval den jährlichen Höhepunkt des Lebens markiert, versteht sich von selbst. Angenehm nebenbei wird gezeigt, dass die Männer zwar meinen, das Sagen zu haben, dass es aber die Frauen sind, die das Leben meistern müssen. Luise Heyer („Jack“) führt das exzellente Ensemble der Schauspielerinnen mit Bravour an. Sensibel spielt sie Hans-Peters Mutter Margret. Eine Frau, die permanent zwischen himmelhochjauchzend und zu todebetrübt wandelt. Eine Frau, die daran leidet, dem Sohn all ihre Liebe schenken zu wollen, es jedoch nicht kann. Die Last immer wiederkehrender depressiver Schübe ist zu heftig, schließlich tödlich. Luise Heyer mutet in keinem Moment gefühlig an, lässt der Margret immer eine anrührende Würde. Ursula Werner und Hedi Kriegeskotte geben dazu den beiden Großmüttern von Hans-Peter kraftvolle Gestalt. In den kleineren, dabei nicht unbedeutenden Männerrollen zeigen etwa Joachim Król und Sönke Möhring ihr Können. Auch sie überzeugen. Nur ab und an zuckt man zusammen, weil die Sprache nicht flüssig anmutet, weil das „Ruhrdeutsch“ zu kurz kommt. Hatten die Filmschöpfer etwa Angst vor hörbarem Lokalkolorit? Schade. Aber: Man nimmt’s zur Kenntnis und vergisst es auch schon wieder.

Caroline Link & Co. ist ein guter Unterhaltungsfilm gelungen. Damit löst sie ihren eigenen Anspruch wirkungsvoll ein. Diese Literaturverfilmung hat das Zeug zum Hit. Und das zu Recht.

Peter Claus

Bild ganz oben: © Warner

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