Fliegenköpfe (11)

BÜCHERBRIEF AN LISETTE

liebe lisette,

sankt petersburg gerade hinter dir, vor mir ein buch, in der einer das unbedingt will: nach sankt petersburg (wie tschechows drei schwestern nach moskau, nach moskau – aber der russe, der in diesem fall das gemüt der figuren bewegt, ist dostojewski): nein, nicht will, wollte: in der nacht, bevor er fährt (respektive fahren wollte), vergast theodor sich in seinem roten fiesta. also bleibt es am freund des toten hängen, der keinen namen hat, nur „ich“ sagt in dolgans roman: soll er, will er an theodors stelle nach sankt petersburg fahren, zwei jahre nach dessen selbstmord hat er es immer noch nicht auf die reihe gekriegt. und passenderweise und zu allem schönen überfluß singen in diesem augenblick hier im zimmer die leningrad cowboys „knockin‘ on heaven’s door“: manchmal führt doch noch eins zum andern und rundet sich und wird absicht. dazu gehört, daß eine der kneipen in dem roman „eule“ heißt: lockt dich das nicht, bei deiner wertschätzung für diese tiere?

übrigens: tiere (und die nächste abschweifung): es ist auffallend, wie sehr sich das häuft, in der literatur der letzten jahre, daß tiere herzzerreißend qualvoll zu tode kommen: in cynan jones „graben“ ist es u.a. ein geschossener fasan, der danach noch drei wochen lang „langsam verfaulend“ verenden muß. in agualusas „allgemeiner theorie des vergessens“ ist es ein äffchen namens che guevara, das, verletzt und wimmernd, bei einer frau zuflucht sucht: nur um von ihr ein messer in den mageren bauch gerammt zu kriegen. bei anna enquists „denn es will abend werden“ klebt auf einer vierspurigen autobahn der flügel eines schwans am asphalt fest, mit seinen füßen und den unbeholfenen schlägen seines anderen flügels stemmt sich der mächtige vogel „ohne die geringste aussicht auf erfolg gegen den tod“. (zwei sätze noch aus enquists roman: „wir sind pünktlich, es wird gutgehen, und irgendwann ist es auch immer wieder elf uhr“. schön, oder, das mit der elf. der andere steht auf einem fragwürdigeren blatt: „auf einem ast des apfelbaums sitzt eine amsel“. säße sie auf einem kirschbaum oder wäre sie ein sperling, eine blaummeise: die alliteration wäre zufriedenstellend im arsch. die frage ist, ob der satz auch schon im niederländischen original so gebläht dahersegelt, ob also auch da die anfangsbuchstaben von baum, vogel und sitzgelegenheit aufeinander abgestimmt sind: oder ob das auf die kappe der übersetzerin geht. und bei dolgan (um wieder die kurve zu kriegen) sind es die tauben, die er leiden läßt: mit gebrochenem flügel, abgerissenem, nur noch an einem sehnenfetzen hängenden schnabel, augen, die nicht mehr erkennbar sind, zuckt eine spärlich vor sich hin, „sie starb, dachte ich, und sie mußte ein bewußtsein davon haben zu sterben“. und eine biene: sie wird zwischen den falten eines akkordeons zerquetscht.

zwei kleine ableben neben den vielen anderen (es gibt in diesem roman wirklich ein gerüttelt maß davon, u.a. einen sandler, dem theodor und der ich-erzähler mit böser lust so heftig zusetzen, daß er sich schließlich aufhängt: theodor hätte also jeden grund gehabt, schuldergeben nachzuziehen: der ich-erzähler scheint in dieser hinsicht von gröberem kaliber), und ganz stimmig zu so viel tod leuchtet die zahl vier ständig in den seiten auf wie eine warnblinkanlage: da sind vier kerzen, vier kinderwagen, vier (DIN-A4) schulhefte, vier scheinwerfer, vier gläser cola, vier rechen, vier sorten getränke in der „eule“, vier striche im filz des billardtisches, vier noch nicht bankrott gegangene geschäfte in der bahnhofspassage, vier kontrollrunden, vier fotokopien einer hand … außerdem hat es dolgan mit der schönheit, mit dem vertrauen, mit dem verstehen. auch die stille (die, wie albahari, wie wondratschek, so viele schriftsteller im übermaß schätzen) findet bei ihm unentwegt erwähnung, ist abgeschmackt, vollkommen, total, voller überfordernder intimität, existenziell, wie ein schlußpunkt, kaum zu ertragen, greifbar, penetrant, die einzig mögliche antwort. die stille ist allgegenwärtig, in ihr lösen sich die narkotischen bilder, die serien surrealistischer szenen (und einmal nicht aufgepaßt: schon ist die blöde alliteration geschehen): das buch liest sich wie von selbst, süffig würde man sagen, wäre es wein. dolgan schreibt nah an der wahrheit, manchmal näher am traum, er folgt einer lichteren logik, die aus dem gestrüpp berechnender überlegungen hinaus führt hoch auf den bergrücken, wo der blick weiter als in die ferne reicht, dorthin, wo sie unsichtbar wird und durch die vorstellung ersetzt.

es ist ja selten die geschichte: es ist die art, wie sie erzählt wird: ob du die luft, die du atmest beim lesen, zum leben brauchst, ob die geschrieben worte übers blut jede zelle deines körpers mit sauerstoff versorgen: und du denkst schärfer und fühlst tiefer und bist mit einem mal, glaubst du, zu größeren dingen fähig. wenn du auf die richtige literatur triffst. wie bei dolgans „elf nächte und ein tag“ (die leute, die die elf im titel ihrer bücher unterbringen, schreiben gute literatur. meistens. auch wenn ich davor eine der ausnahmen erwischt hab, ausgerechnet eine norwegische, die die regel bestätigen). und daß es sich auch noch um elf nächte im november handelt (laut klappentext: der eben mal wieder nicht stimmt: ab irgendeinem zeitpunkt dehnt sich die zeit und die nächte gehen in schnee und eis unter und sind längst in den tiefen winter geraten, der andere monatsnamen trägt).

und haben die österreicher (dolgan ist einer) nicht irreführend schöne worte, delogierung, zum beispiel: und was so elegant klingt, als würde es mit weißen handschuhen und stola ins theater stolzieren, heißt nichts anderes, als daß sie dich aus der wohnung schmeißen. das führt mich zu einem anderen wort, das weder mit österreich noch mit eleganz viel zu tun hat, eher mit aberglauben: solutionismus: setzen die ernsthaft auf die technik, in der hoffnung, die würde das problem, das es ohne sie gar nicht erst gäbe, in den griff kriegen? und weil ich schon bei dem vermischten bin: enttäuschenderweise hat auch lukas bärfuss, der neue büchnerpreisträger (von dem ich wenig weiß, außer daß er einen roman geschrieben hat, in dem pflaumenblaue schuhe eine rolle spielen), die „würdigung“ widerstandslos angenommen. ich wünschte, einer wäre endlich mal manns genug (nein, ich werde diesen ausdruck verdammt nochmal nicht ins weibliche wenden), den unter seilschaften ausgehandelten preis weit von sich zu weisen: er ist, spätestens seit freiheitsverkrüppler wie mosebach ihn zugeschustert bekamen, keine auszeichnung mehr und schon gar nicht im sinne büchners.

und vergiß nicht, lisette, eine deiner nächsten routen durch die straßen von kassel zu legen: die eulen mehren sich (und ihr bestand ist bedroht: unser freund nebenan sammelt sie ebenfalls: und der hat demnächst geburtstag).

also: sieh zu.

und sei, natürlich, umarmt

ingrid

 

© 2019  ingrid mylo

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Christoph Dolgan: Elf Nächte und ein Tag

Droschl 2019, 207 Seiten, € 20,-

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Anna Enquist: Denn es will Abend werden

Roman aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers

Luchterhand 2019, 284 Seiten, € 22.-

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7 Gedanken zu „Fliegenköpfe (11)

  1. Habe es mit Vergnügen gelesen – das literaturwissenschaftliche Handwerk
    ist selbstverständlich da – aber voll von (Herz)Blut, dessen die
    akademischen Eunuchen entleert sind. Das kann nur ein dichterisch
    lebender Mensch. Du hast meine Bewunderung, danke für Deine Gedanken!
    Dr. Thomas Boening

  2. „Gut gegeben“ hätte man früher dazu gesagt. Ich staune, wie viele leidende Literatur-Tiere du kennst.

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