Versuch einer Ehrenrettung

Harro Zimmermann erzählt die Biographie von Friedrich Sieburg. Seine Zweifel am berühmten Kulturkritiker kleidet er häufig nur in Fragen

Das Literarische Quartett alter Prägung ist Vergangenheit. Pünktlich zu seiner weichgespülten ZDF-Neuauflage starb auch Marcel Reich-Ranickis treuer Adlatus Helmut Karasek. Damit geht endgültig eine Epoche zu Ende. Mit Karasek ist der letzte Vertreter des Champagner-Journalismus tot; ein Mann, der in seinem gesellschaftlichen Auftritt so elegant und charmant wirkte wie in seinem feuilletonistischen Schreiben. Die beiden erscheinen in einer ausgenüchterten Gegenwart als Paradiesvögel, doch gemessen an dem früheren FAZ-Herausgeber Friedrich Sieburg (1893 – 1964) sind sie nur epigonale Figuren. Sieburgs ausgestellte Eitelkeit, sein aristokratischer Lebensstil und sendungsbewusstes Werk lassen sich kaum übertreffen. Dieses Leben liegt schon Jahrzehnte zurück, datiert aus einem anderen Zeitalter. Sieburgs Biographie hat sich über die großen Brüche von Weimarer Republik, Drittem Reich und Nachkriegszeit in atemraubender Kontinuität immer wieder neu entwickelt. Er ist der idealtypische Vertreter einer Zeit, da Journalismus und Krise noch nicht synonym waren und der Glaube an die Macht der Medien noch nicht von so bösen Wörtern wie „Lügenpressse“ kontaminiert war.

Als Friedrich Luft, ein in der Nachkriegszeit nicht minder bekannter Berliner Feuilleton-Platzhirsch, Sieburg mal in einer Rezension als „gehobenen Tagesschriftsteller“ feierte, da reagierte der so Titulierte äußerst pikiert. Weder sei er jemals ein feuilletonistischer Plauderer gewesen noch ein klassischer Journalist. Dieser „aparte Intellektuelle“, so sein jüngster Biograph Harro Zimmermann, bediente zwar die Seiten der linken „Weltbühne“, dann der liberalen „Frankfurter Zeitung“, später der wertkonservativen Zeitschrift „Gegenwart“ und war bis zu seinem Tod bei der herrschaftskonformen FAZ. Doch er empfand sich stets als Literat, wenn nicht gar als Schriftsteller, der nur an seinen Büchern gemessen werden wollte. Darunter finden sich Bestseller wie „Gott in Frankreich?“ (1929) oder „Unsere schönsten Jahre“ (1950). Er glaubte an die Erlösungskraft der Poesie, an die Macht des Worts und in prominenter Nachfolge seines Lehrmeisters Stefan George an die herausragende Stellung des Dichters in einer seelenlosen Moderne. Der studierte Geisteswissenschaftler Friedrich Sieburg blieb zwar vom Zugang zum inneren Zirkel des George-Kreises ausgeschlossen, aber fühlte sich wie zum Ausgleich für diese Kränkung sein Leben lang zu Höherem berufen. Er wollte selbst hinter den Kulissen an den Strippen ziehen, mit den Reichen und Mächtigen verkehren, es drängte ihn in den diplomatischen Dienst.

Botschafter in Frankreich, seiner mal geliebten, mal verachteten Wahlheimat, ist Sieburg nie geworden. Da hat der Kollege Kurt Tucholsky mit seinem Spott nicht ganz richtig gelegen. Aber zum Botschaftsattaché und Emissär mit besonderen Aufgaben in Lissabon und Madrid und ganz am Ende in Pétains Marionettenrepublik Sigmaringen hat er es gebracht, Wenn auch nur unter kompromittierenden Umständen und über Umwege. Sieburg arrangierte sich nach 1933 sehr schnell mit den neuen braunen Machthabern, heuerte bei der „Dienststelle Ribbentrop“ an und fand unter Hitlers frankophilem Botschafter Otto Abetz während des Weltkriegs Zugang in die deutsche Gesandtschaft in Paris. Während Europa allmählich in Trümmer versinkt, residiert Sieburg im Grandhotel „Ritz“, ähnlich wie der ihm Geistesverwandte Ernst Jünger, der in der Nähe im Hotel „Raphael“ Quartier nimmt. Ganz so, wie es sich nach dem Selbstverständnis der beiden Herren gehörte.

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© Cover Wallstein

Die schillernde Gestalt des Friedrich Sieburg hat schon seine Zeitgenossen stark interessiert. Lion Feuchtwanger hat ihm die zwielichtige Figur des Journalisten Erich Wiesener in seinem Roman „Exil“ zugeeignet und nach dem Krieg war Sieburg Zielscheibe erbitterter Anwürfe und beredter Verteidigungen. Der Eiertanz, ob Sieburg nun un-willentlich Parteigenosse gewesen ist oder nicht, nimmt vorweg, was sich später bei Walter Jens wiederholen sollte.

Warum jetzt also eine Biographie? Vielleicht, weil Harro Zimmermann aus dem Nachlass von Sieburg, seinen in Marbach verwahrten Tagebüchern zitieren durfte, und sich in einer Fußnote bei Sieburgs Stiefsohn Heinrich Senfft dafür auch artig bedankt. Zimmermann zitiert ausführlich, häufig über Seiten lang und sucht weit über 400 Seiten lang seine titelgebende These zu stützen: „Friedrich Sieburg – Ästhet und Provokateur“. Es ist der Versuch einer posthumen Ehrenrettung für einen der “intellektuellen Gründerväter der Bundesrepublik“, der aus den Klauen der „akribischen Nazi-Fahnder im Gefolge der 68er Grammatik“ befreit werden soll. Erklärtes Ziel des Biographen Zimmermann, eines früheren Hörfunkredakteurs und Literaturprofessors in Bremen, ist es, Sieburg in eine gnädige Ambivalenz zu überführen. Als „Narziss und Melancholiker“, „Genussmensch und Glücksucher“ sollen wir ihn künftig sehen. Vor allen Dingen aber als einen, der zum Aufstieg der jungen Wirtschaftswunderrepublik immer in kritischer Distanz blieb. Auf ästhetischem Feld ein erklärter Feind der Nachkriegsliteratur, auf dem politischen Terrain alles andere als ein Parteigänger Adenauers, und erst recht kein stockkonservativer Denker, der sich auf „Holzwege“ à la Heidegger begab. Ein über den Krieg zur Demokratie Bekehrter, ein Warner vor dem wachsenden Provinzialismus in unseren Städten und Köpfen.

Zimmermanns Vorhaben gelingt, wenn auch nur um den Preis großer Nachsicht mit dem Porträtierten. Zimmermann hat eine explizit politische Biographie geschrieben, in die das lebenslänglich flamboyante Privatleben des Friedrich Sieburg nur in Spurenelementen Eingang findet. Zimmermann zeichnet den Lebensweg seines Protagonisten mimetisch nach und kleidet seine Zweifel und Bedenken vorzugsweise in Fragen. Fragen, die bisweilen in Ketten aneinander gereiht erscheinen und ihn weiterer Tiefenbohrung entheben.

Die Wertschätzung des Autors für seinen Untersuchungsgegenstand nimmt zuweilen kuriose Züge an. So heißt es über die Zeit, da Sieburgs Dienste im besetzten Paris nicht mehr benötigt werden und die Hoffnung auf eine Korrespondentenstelle für die von Goebbels protegierte Zeitschrift „Das Reich“ in der neutralen Schweiz sich zerschlagen hat: „Friedrich Sieburg muss die schweren Zeiten nun als Privatier in der württem-bergischen Provinz überstehen. Immerhin hat er seine umfangreiche Bibliothek und Teile des Mobiliars retten können.“ Fast ist man versucht, Mitleid mit der im Sommer 1944 so gebeutelten Primadonna der deutschen Kulturkritik zu empfinden. Der vertraut seinem Tagebuch an: „Keine Philosophie der Welt reicht mir aus, um nicht zehnmal am Tag den Mut zu verlieren“ Warum, das deutet Zimmermann diskret an: „Seine private Lebenssituation wird zunehmend unerträglich.“ Siegburgs (dritte) Ehefrau muss „zu einem extrem pathologischen Fall geworden sein.“

Anlass für eine rückhaltlose Selbstbefragung zu seiner Rolle in barbarischer Zeit sieht Sieburg weder in der kurzen Periode des Schreibverbots und erst recht nicht in den Nachkriegsjahren. Ihm reicht es, seit seinem Eintritt in den diplomatischen Dienst als Autor nicht mehr in Erscheinung getreten zu sein. Er hat sich die Finger nicht mehr schmutzig gemacht. Er war und ist angewidert vom Antisemitismus, aber Selbstauskunft über seine Zuträgerdienste gibt das Tagebuch nicht. Und was war mit der vielgeschmähten, weil ganz auf Parteilinie liegenden Rede Sieburgs vor der „Groupe Colloboration“ im März 1941? Sein Biograph versucht es mit einer gewundenen Exkulpation. Demnach wollte Sieburg die Intelligenz des besetzten Landes provozieren, sie aus ihrem „fast erschütternden Schweigen“ herausreißen, um Ärgeres zu verhindern. Etwas, was Hitler und Goebbels für die (nie eingetretene) Friedenszeit angeblich planten. Paris als „Mischung aus Gemüsegarten und Lunapark.“

Dafür finden sich im Tagebuch viele „Schmerzenslaute über Deutschland“. Hier kommt auch Zimmermann nicht umhin, dem Autor „nazi-affine Arabesken“ zu attestieren:

“Friedrich Sieburg reflektiert das Ende des NS-Regimes im altvertrauten Sprachgehege, in einer Nomenklatur, die der realen Situation der Zeit nicht gerecht werden kann.“

Diese nicht-bewältigte Vergangenheit hindert Sieburg nicht, in der jungen Bundesrepublik zu einer dritten Karriere durchzustarten. Er verabschiedet sich nicht schuldbewusst von einem Gestern, kappt keine ideologischen Wurzeln, der „Sinfoniker der Sprache“ schreibt weiter im alten Pathos und mit der gleichen Verve, die ihn schon in den 20er Jahren umstandslos vom Phänomen auf das Wesenhafte, von der Erscheinung auf das Volkstypische schließen ließen. Seine Frankreich-Bücher werden neu verlegt und stehen hoch im Kurs. Er wird Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, bekommt in Baden-Württemberg eine Professur, kehrt 1957 heim nach Frankfurt, diesmal zur neugegründeten Frankfurter Allgemeinen. Erst als Chef des Literaturblatts, dann sogar als Herausgeber. Zu äußerst komfortablen Bedingungen. Präsenzpflicht am Main hat er nur alle 14 Tage. Da setzt er sich morgens in Stuttgart ins Flugzeug und kehrt abends heim in sein Arkadien nahe Tübingen. Vergangene Zeitungs-Zeiten …

Nein, Sieburg war kein Nazi, das weist Zimmermann mehrfach nach. Wie so vielen nationalkonservativen Intellektuellen der Weimarer Zeit waren ihm die neuen Herrn zu plebejisch, ihrem pathologischen Judenhass konnte und mochte er nicht folgen. Aber in seinem Denken, Fühlen und Sehnen war er durchaus anschlussfähig ans Dritte Reich. Und seine träge Genußsucht hinderte ihn daran, Konsequenzen à la Erich Kästner zu ziehen. Er verstummte zwar, wurde aber dabei zu einer Art Doppelagent, um es freundlich auszudrücken. Er überwinterte luxuriös in Paris und gehörte später zu den Verächtern der deutschen Emigranten und ihrer Literatur. Er konnte mit der „Gruppe 47“ und der „Flakhelfer-Generation“ reinweg gar nichts anfangen. Für die FAZ muss damals Gottfried Benn der einzig lebende Säulenheilige gewesen sein. Das änderte sich nachhaltig erst, als nach Sieburgs Tod Marcel Reich-Ranicki Chef des Literaturblatts wurde. Ausrechnet MRR, den Sieburg früher mal aus der FAZ vergrault hatte und über den er in einem Brief geschrieben hat: „Dieser Mensch ist doch von einer Provinzialität, die kaum zu ertragen ist.“

Selbst da, wo der junge Sieburg unter dem Eindruck der Novemberrevolution noch selbst links massenbewegt war, lässt seine expressionistische Sprache eine verräterisch andere Diktion erkennen: „funkelnder Vormarsch! Bewegung! Rhythmus! Tanz! Sechzig Millionen tanzen im gleichen Takt!“ Hier spricht die Sehnsucht des vereinzelten Einzelnen, in der Masse aufzugehen. Eine Körpersehnsucht, die die Nazis später auf den Reichsparteitagen und anderswo perfekt einlösten.

Wirkungsgeschichtlich wird Sieburg zum Ahnherrn des deutschen Frankreich-Bilds mit all seinen Stereotypen, die sich mal über die angebliche Zurückgebliebenheit des Nachbarn mokieren oder voller Faszination von dessen savoir vivre schwärmen. „Ohne Friedrich Sieburg kein Ulrich Wickert“, hat vor Jahren der Romanist Wolfgang Geiger spöttisch festgestellt. Und was für den journalistischen Frankreich-Kenner Wickert galt, möchten seine Nachfolger auf dem ARD-Korrespondentenplatz an der Seine bis heute geltend machen.

Zu solchen Ausblicken kommt das Buch leider nicht. Stattdessen beschäftigt sich Harro Zimmermann immer wieder damit, die alten Kritiker des Kritikerpapstes – von Axel Eggebrecht bis Walter Boehlich – in die Schranken zu weisen. Schade.

Michael André

 

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Harro Zimmermann:

Friedrich Sieburg – Ästhet und Provokateur

Eine Biographie, Wallstein Verlag 2015

€ 34,90 (D) | € 35,90 (A) 488 S.

ISBN: 978-3-8353-1722-2

 

 

 

 

 

 

 

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