Ein perfekter, allzu perfekter Alleskönner namens Mickey

Zum 90. Geburtstag der berühmtesten Maus der Welt öffnet der Disney-Konzern sein Archiv und der Taschen-Verlag legt eine neue, maßstabsetzende Chronik vor.

Ich muss etwas zugeben. Walt Disneys Mickey Mouse hat in meiner Kindheits- und Jugendwelt keine sehr große Rolle gespielt. Zwar bekam ich wöchentlich vom Ehapa-Verlag als deutschem Lizenznehmer das aktuelle Micky-Maus-Heft zugeschickt – meinem ständigen Quengeln hatten die Eltern nicht standhalten können – aber wenn die Comics dann auf dem Tisch lagen, erfolgte sofort eine Selektion: Donald first (eine Bevorzugung, die sich in Zeiten von Donald Trump wie ein böser Scherz anhört), gefolgt von der veronkelten und sonst wie versippten Großfamilie Duck. Dann erst kam das Mäuse-Bestiarium zum Zug, mitsamt dem notorischen Widersacher Kater Karlo alias Peg Leg Pete und den anderen mediokren Verbrechergestalten sowie den schlappohrigen Hunde-Polizisten.

Mit meiner Vorliebe für Donald Duck stand ich als Jugendlicher in Deutschland im Lager einer breiten männlichen Mehrheit. Die legendäre Übersetzerin und Chefredakteurin Erika Fuchs trägt an dieser Vorliebe für Donald & Co. nicht wenig Schuld. Sie stattete den Enten-Wüterich und seine pflegebefohlenen Neffen mit so viel literarischem Dekor und komisch verballhornter Bildung aus, wie sie einem Carl Barks im amerikanischen Donald-Original nicht eingefallen war. Nur konsequent ist, dass in aller Regel Donald oder Dagobert den Aufmacher-Comic fürs Heft lieferten und weiter liefern.

Dieser deutsche Beitrag allein reicht natürlich nicht aus, um die auffällige Verkehrung von Intention und Rezeption zu erklären. Nach dem Willen seines Schöpfers Walt Disney sollte die Mäusefigur angemessen so charakterisiert sein: „Micky ist ein Alleskönner. Kein Wunder, dass jeder gern mit ihm befreundet wäre.”

Um Micky sollte sich alles drehen. Disney tat das Seine, um die von ihm gewünschte Ordnung herzustellen. Noch 1940, also zwölf Jahre nach seinem Leinwanddebüt in „Steamboat Willie“, machte Disney seinen Liebling mit den großen Ohren in „Fantasia“ zum Zauberlehrling im dritten, künstlerisch sehr ambitionierten Langfilm. Derweil musste Konkurrent Donald in den Krieg ziehen. Der Choleriker Duck wurde zum Propagandisten des amerikanischen Weltkriegs-Engagements. Disney lieh diese Comic-Figur an die Regierung aus, machte sich als loyaler US-Bürger zum Helfer der Roosevelt-Administration, obwohl ihn als Paternalisten alter Schule mit den New-Deal-Demokraten nicht viel verband. Aber selbst diese klare politische Positionierung schadete Donald und seiner Popularität nicht dauerhaft. Micky blieb in seinem Schatten.

Paradoxerweise hat das mit seiner Perfektion zu tun. So wenig wie man mit hellsichtigen Detektiven wie Lord Peter Wimsey oder Sherlock Holmes befreundet sein mag, so langweilig ist auf die Dauer eine Freundschaft mit einer Maus, die zwar permanent das Abenteuer sucht, in höchste Gefahr und Not gerät, aber selbst in Gefangenschaft ihren Optimismus nie verliert und in solchen Situationen zum pfiffigen Selbst-Entfesselungskünstler wird. Mickey ist ein Freund der uniformierten Macht und des Gesetzes. Ein freundlicher Spießer, der mit ungleich mehr Geschick als Donald bei Daisy sich die Zuneigung von Partnerin Minnie Mouse sichert, der sich in der Gesellschaft eines tumb-treuen Mischwesens namens Goofy wohl fühlt und dem die Zuneigung seines Hundes Pluto gewiss ist. Pluto kommt immerhin das Verdienst zu, dass an ihm die gut gemeinten Erziehungsversuche seines Herrchens scheitern. Dumm bleibt dumm, dagegen steht nur eine grenzenlose Treue.

Doch die Micky Maus, die ich über Comics in den 1960er Jahren kennengelernt habe, war nur noch die gezähmte Version ihrer selbst. An die Geschichtlichkeit eines mittlerweile über 90 Jahre alten kleinen Comic-Helden zu erinnern, seine aus der Not Disneys geborene Entstehungsgeschichte, seine anarchischen Wurzeln, an die vielen äußerlichen wie charakterlichen Liftings im Laufe der Jahre – dieses Verdienst kommt einer Neuerscheinung zu, die von Gewicht, Umfang und Qualität der Texte wie Bilder alles in den Schatten stellt, was bis jetzt über diese Kunstfigur veröffentlicht worden ist. Die Rede ist von „Mickey Mouse – die ultimative Chronik“, dem jüngsten Coup des Kölner Taschen-Verlags. Wie schon vor zwei Jahren bei „The Walt Disney Film Archives“ hat der amerikanische Konzern diese Arbeit nicht einem seiner eigenen Verlage anvertraut, sondern sich auf eine Lizenzproduktion eingelassen. Man kann darin eine geniale Medienstrategie sehen, denn über diese Form der Kooperation mit Dritten entgeht Disney dem Vorwurf einer hagiographischen Selbstbeweihräucherung. Filmhistoriker und Kritiker Daniel Kothenschulte als Herausgeber und Benedikt Taschen als Verleger unzähliger aufwändiger Kunstbände haben den Ruf exzellenter Fachleute in ihren Gebieten. Sie haben schon mit dem Disney-Film-Band Maßstäbe gesetzt – und auch diesmal gehalten.

Neben einem Vorwort des aktuellen Disney-Chairmans Bob Iger besteht das gefühlt tonnenschwere, aus Archivbeständen opulent bebilderte und dokumentierte Coffee-Table-Book im Wesentlichen aus den Texten zweier amerikanischer Autoren: J.B. Kaufman, der als Fachmann für Disney-Filme schon im ersten Band dabei war und David Gerstein, der als Spezialist für Disney-Comics gilt. Der Akzent des Buchs liegt bei „The Golden Age“ bis zum Zweiten Weltkrieg. „The Silver Age“ reicht bis zum Tod Walt Disneys 1966 und bekommt auch noch einmal ordentlich Platz. Dagegen fällt das „Modern Age“-Kapitel bei insgesamt 486 Seiten mit nur noch 40 deutlich ab. So gesehen wohnen wir in diesem Buch auch einer Verfallsgeschichte bei. Vielleicht müssen noch viele weitere Jahre vergehen, bis auch unserer Gegenwart größerer Stellenwert eingeräumt wird, etwa beim Blick auf die global allgegenwärtige Merchandising-Figur Mickey.

Mit dem exklusiven Zugriffsrecht des Disney-Konzerns auf die Mickey Mouse ist es allerdings in absehbarer Zeit vorbei. Zumindest in ihrer ursprünglichen Erscheinungsform wird sie ab Januar 2024 gemeinfrei sein. Eigentlich sollte das Urheberrecht für Zeichentrickfilme wie „Plane Crazy“ und „Steamboat Willie“ schon 1999, also 70 Jahre nach der Kinopremiere, ablaufen. Doch der US-Kongress machte dem einen Strich durch die Rechnung. Er erließ das Sunny-Bono-Gesetz (vulgo: Lex Micky) und verlängerte das Urheberrecht generell um 25 Jahre. Die Offenlegung des Mickey-Archivs zu diesem Zeitpunkt ist somit auch eine wohlkalkulierte Flucht nach vorn. Als Devise gilt: Bevor andere, in den Augen des Konzerns weniger Berufene, sich an Mickey vergreifen, machen wir es selbst, in aller ästhetischen Opulenz und auf quasi-akademischem Niveau.

© TASCHEN

“Disneys Schatzkiste ist geöffnet worden“ überschrieb eine begeisterte FAZ ihre Rezension der „Mickey Mouse Chronik“. Das Wort Schatz weckt vordergründig Erinnerungen an einen anderen Maus-Fan. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hatte seinem Idol Adolf Hitler zu Weihnachten 1937 ein Paket mit 30 Filmen aus jüngster internationaler Produktion geschenkt, darunter waren auch 18 Disney-Filme. „Ganz glücklich über diesen Schatz“ sei der Führer, jubelte Goebbels danach in seinem Tagebuch. Wobei man wissen muss, was Hitler bei Disney als wertvoll fand und was in seinen Augen Schund war. Schicksalsschwere Märchenfiguren wie Schneewittchen und biedermeierliche Genrebilder rührten ihn, dagegen war die Mickey Mouse ein „degeneriert tanzender Idiot“. Diese Art von Zeichentrick war Hitler wohl zu nahe an der Karikatur, die als politisch zersetzend galt und verboten war.

Auf jeden Fall war der Kino-Maniac Hitler besser dran als seine deutschen Volksgenossen. Denen war der Zugang zu aktuellen Disney-Produktionen seit 1935 nahezu unmöglich. Zum Teil aus der beschriebenen ideologischen Abwehrhaltung, aber auch wegen der chronisch knappen Devisen des Reichs kamen keine Disney-Filme mehr nach Deutschland. Die Nazis hatten damals bekanntlich andere Prioritäten. Was sie aber nicht daran hinderte, Appetit auf eine eigene Trickfilmproduktion zu entwickeln. Autarkie war das große Zauberwort, selbst auf diesem Gebiet. Beim Thema Disney mischen sich wie so oft Neid, Hass, Bewunderung in der nazistischen Seelenwelt. Die übermächtige „US-Fabrik“, so Hitlers Traum, sollte in die Schranken gewiesen werden.

Trotz Einzelerfolgen konnte davon nie ernsthaft die Rede sein. Disney blieb Disney und Disney wächst bis zum heutigen Tag. Der jüngste Beweis: Die Übernahme von 21th Century-Fox im November 2018 machte den Disney-Konzern zum weltweit größten Medienkonzern.

Michael André

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Walt Disneys Mickey Mouse: Die ultimative Chronik

David Gerstein | J. B. Kaufman |Daniel Kothenschulte

Hardcover mit Leseband, 496 Seiten, 29 x 39,5 cm, in Kartonverpackung mit Tragegriff

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MEHR INFORMTIONEN

Quelle des folgenden Textes und alle Bilder: Taschen

Im Mittelpunkt des zweiten Bandes der umfangreichsten Reihe, die es je zu Disneys Animationsfilmen gab, steht die Galionsfigur des Hauses Disney, Mickey Mouse. Offizieller Geburtstag ist der 18.11.1928, als der damals noch ziemlich freche und anarchische Held mit den Untertassenohren in dem Film Steamboat Willie in New York seine Kinopremiere erlebte. Über 1.250 Abbildungen, darunter Werkfotos, Animationszeichnungen, Storyboards und seltene Entwürfe, zeichnen Mickeys Siegeszug nach und liefern detaillierte Informationen über alle rund 122 Zeichentrickfilme, die zeitlosen Comicabenteuer und das unendliche Universum des Mäusemerchandise.

https://www.taschen.com/pages/de/catalogue/film/all/01148/facts.walt_disneys_mickey_mouse_die_ultimative_chronik.htm

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