Geliebtes Leben (Oliver Schmitz)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 9. Mai 2011
Kinderschicksale im Kino – da droht Kitsch. Doch diese Romanverfilmung erspart uns allen Herz-Schmerz-Schmonzes. Hier geht’s hart zu, entsprechend dem harten Thema: Aids in Afrika.
Hauptfigur der Geschichte ist die 12-jährige Chanda (Khomotso Manyaka). Das Schicksal des Mädchens wird von Aids bestimmt. Eine Schwester stirbt, die Mutter wird krank, der Stiefvater ist es offenbar längst… Hilfe von den Freunden oder Nachbarn gibt es keine. Stattdessen gibt es viel Gerede. Niemand aber spricht wirklich aus, was Sache ist. Und für Chanda wird das Über-Leben immer schwieriger…
Der Film basiert auf dem in Deutschland unter dem Titel „Worüber keiner spricht“ veröffentlichten Roman des kanadischen Schriftstellers Allan Stratton. Das Buch beleuchtet die Auswirkungen verlogenen Schweigens drastisch. Etwa 800 000 Aidswaisen gibt es in Südafrika, Kinder, die keinerlei staatliche noch caritative Unterstützung erhalten. Erfreulicherweise wird das im Film nicht von Sentimentalität zugedeckt. Die Geschichte der Halbwüchsigen wird wie ein Krimi erzählt. Das ist sehr wirkungsvoll. Zum Rest des Beitrags »
SharePolnische Ostern (Jakob Ziemnicki)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 9. Mai 2011
Im Januar, beim diesjährigen Festival um den Max Ophüls Preis in Saarbrücken, wurde der Schauspieler Henry Hübchen mit einer Filmreihe geehrt. Da fand sich neben Bekanntem, wie „Alles auf Zucker!“, auch Neues und Noch-Unbekanntes, so „Polnische Ostern“.
Hier spielt Hübchen, legendär als Protagonist bei Frank Castorf an der Volksbühne Berlin, einen Großvater, der seine Enkeltochter über alles liebt. Als deren Mutter, seine Tochter, stirbt, wird das Mädchen von Amts wegen zum Vater nach Polen geschickt. Doch der Opa gibt nicht auf. Er macht sich auf den Weg in die Ferne, weil er glaubt, um das Glück des Kindes kämpfen zu müssen. Henry Hübchen erzählte mir in Saabrücken dazu: „Ich bin selber Großvater, und da kann ich mir vieles von dem vorstellen, was in der Figur vor sich geht. Gerade auch in Bezug auf das Thema Einsamkeit. Ja, ich verstehe den Mann total. Auch diese Traurigkeit, die ihn umgibt, ist mir nicht fremd.“ Zum Rest des Beitrags »
ShareMetropolis (restaurierte Fassung – Fritz Lang)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 9. Mai 2011
Wolkenkratzer, Neonlichter, Werbetafeln – alles grell – alles bedrohlich – und das vor allem auch, weil neben Menschen Roboter die Szenerie beherrschen – solche Bilder gibt es in vielen Science-Fiction-Filmen. 1927 aber schuf Regisseur Fritz Lang damit als erster die filmische Vision der Endzeit. Eine Pioniertat.
Die Story von Verstümmelung und Restaurierung des Films und dessen x Versionen kann vielfach nachgelesen werden, sei hier also nicht wiedergekaut. Faktum: Knapp 150 Minuten von einst wohl sehr viel mehr sind nun zu sehen, Zwischentitel verweisen auf das Fehlende.
Lohnt es, sich den Film anzusehen? – Viele Kritiker und viele Filmfreaks beantworten die Frage mit einem enthusiastischen „ja“. Dem kann ich nicht so ohne weiteres folgen. Auch ich finde es beeindruckend, was Fritz Lang und Team vor weit mehr als einem halben Jahrhundert tricktechnisch und in der Ausstattung vollbracht haben. Auch ich sehe zehn, fünfzehn Minuten mit Entzücken architektonische und technische Zukunftsentwürfe, die manches, was in später erfolgreichen Science-Fiction-Abenteuern geboten wurde, in den Schatten stellen. Aber dann beginne ich mich schlichtweg zu langweilen. Die Story um Menschen, Maschinen und Maschinenmenschen finde ich einfach nur fragwürdig, vor allem, weil sie kritiklos ein Herrenmenschenbild zeichnet, dass dem der Nazis ekelhaft nahe kommt. Wenn da vom „Herz als Mittler zwischen Hirn und Hand“ gefaselt wird, beschleicht mich doch ein Grausen! Die deutsche Satire-Zeitschrift „Simplicissimus“ schrieb 1927: „Nimm zehn Tonnen Grausen, gieße ein Zehntel Sentimentalität darüber, koche es mit sozialem Empfinden auf und würze es mit Mystik nach Bedarf; verrühre das Ganze mit Mark (sieben Millionen) und du erhältst einen prima Kolossalfilm.“ Das unterschreibe ich auch 2011.
Peter Claus
Metropolis, Fritz Lang (Deutschland 1927, restaurierte Fassung von 2010)
Bilder: Warner
METROPOLIS wiedergefunden (von Georg Seesslen und Markus Metz)
Die Filme des Fritz Lang: Das Universum der Unsicherheit (Geoerg Seeßlen)
ShareAutos
von Guido Rohm in Im Labyrinth des GR, Kolumnen & Blogs am 9. Mai 2011
Das ist doch ein ausgemachter Quatsch, ein Unsinn ist das, sagt der Jupp, die Maria drauf, ja, so schweig doch, der Bub sitzt in der Stube an seinen Aufgaben, aber das will den Jupp nicht stören, er läuft aufgeregt um Maria herum, der kann das ruhig hören, sagt er, der kann wissen, was seine Mutter für eine ist, der Jupp tritt in die Türöffnung hinein, die Türöffnung ist zu klein für so einen großen Körper, er senkt den Kopf, er ruft, Alexander, lass dich nie mit den Weibern ein, der Junge reagiert nicht, der Junge konzentriert sich auf seine Buchstaben, er malt Buchstabe für Buchstabe in sein Heft hinein, er würde gern in so einem Buchstaben versinken, in einem Wort gar, da hat er doch gerade eines geschrieben, Auto lautet es, Auto steht da, ein Auto steht bereit, wie gerne würde er jetzt in das Auto steigen, auch wenn er keinen Führerschein hat, aber in seinen Träumen, denkt Alexander, da braucht man ja auch keinen Führerschein, während der Jupp noch in der zu kleinen Türöffnung steht, in diesem Loch, Zum Rest des Beitrags »
Die einstigen Lichtspielhäuser am Berliner Kurfürstendamm
von Daniela Kloock in Kino: Vergangenheit+Zukunft, Kolumnen & Blogs am 9. Mai 2011
Traumhäuser des Kollektivs
Kinos am Kudamm – Geschichte, Untergang und Zukunft
Wer heute bei Tommy Hilfinger, Zara oder Benetton am Kurfürstendamm einkauft muss schon genau hinsehen um Details zu entdecken, die auf eine Zeit verweisen als diese Gebäude noch Lichtspielhäuser und veritable Kinopaläste waren. Das „Marmorhaus“, der ehemalige „Gloria-Palast“, die „Filmbühne Wien“ oder das einstige „Universum-Kino“ (heute „Schaubühne“) sind architektonische Überbleibsel eines Erlebens von Kino, welches im krassen Gegensatz zu den anonymen und indifferenten Räumlichkeiten heutiger Multiplex-Kinos steht. Einladene, schön beleuchtete Foyers, großzügige und gepflegte Zuschauerräume, riesige Leinwände, alles sollte darauf hinweisen, dass Kino gesellschaftsfähig geworden war und sich vom einfachen Jahrmarktsrummel und den kleinen Ladenkinos verabschiedet hatte. Die Filmwirtschaft boomte in den 10er und 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Allein in Berlin eröffneten 400 Lichtspieltheater, die Größten und Prunkvollsten am Kurfürstendamm. Zur Eröffnung des „Gloria Palastes“ 1926 – es wurde „Tartuffe“ gezeigt, ein UFA-Film mit Emil Jannings – schrieb die Frankfurter Zeitung: „Die großen Lichtspielhäuser in Berlin sind Paläste, sie schlicht als Kinos zu bezeichnen wäre despektierlich!“ Den wohl treffendsten und schönsten Ausdruck für ihren besonderen Charakter hat Walter Benjamin geprägt. Er sprach 1927 von „Traumhäusern des Kollektivs“, und sein Zeitgenosse Siegfried Kracauer nannte sie – vielleicht eher an die hübschen Platzanweiserinnen denkend – „optische Feenlokale“… Zum Rest des Beitrags »
ShareDer Fotoliebhaber
von Guido Rohm in Im Labyrinth des GR, Kolumnen & Blogs am 9. Mai 2011
McCoy betrachtete das Bild.
Der Mann auf dem Bild war er, der sich einen Strick um den Hals legte. Er lächelte in die Kamera. Er stand auf einem einfachen Holzstuhl. Sie hatten das Foto in McCoys Keller aufgenommen. Der Strick war an einem Rohr befestigt. Er hätte nicht beantworten können, ob der Strick im Ernstfall halten würde.
Natürlich hatte sich McCoy nicht erhängt, obwohl er auf dem nächsten Bild stranguliert zu sehen war. Die Zunge hing ihm aus dem Hals. Speichel troff auf sein Hemd. Der Fotograf hatte gute Arbeit geleistet. Sehr gute Arbeit sogar. Einer der Speichelfäden hing noch in der Luft. Kurz vor dem Auftreffen auf dem zweitobersten Hemdknopf. Die Zeit war gefroren worden.
McCoy sah sich beim Sterben zu, bei einer seiner Proben für den Tod. Zum Rest des Beitrags »
Blood Tea and Red String (Christiane Cegavske)
von Andre Thaetz in Draufsicht, Kolumnen & Blogs am 8. Mai 2011
Christiane Cegavske begann mit den Arbeiten zu dem Stop-Motion Animationsfilm 1993. Bis zur Vollendung dauerte es dann geschlagene 12 Jahre. Diese enorme Dauer resultierte aus geringen finanziellen Mitteln sowie der Tatsache, daß Cegavske auch in andere Projekte involviert war, wie z.B. an den Animationsszenen zu Asia Argentos Höllentrip “The Heart Is Deceitful Above All Things”. Stilistisch und inhaltlich orientiert sich das Werk an ihrem Kurzfilm “Blood and Sunflowers” von 1992. Die Handlung stellt sich recht märchenhaft dar. Unter einer Eiche leben bepelzte Rabenvögel, die von aristokratischen Albinomäusen in einer Schildkrötenkutsche Besuch bekommen. Die Mäuse beauftragen die Vögel nach dem Bildnis einer Frau eine Marionette anzufertigen. In die Puppe nähen die Vögel ein Ei, welches im Bach vorbei trieb. Die Vögel verlieben sich in ihr Werk, wollen es nicht hergeben. Die Auftragsarbeit wird von den Mäusen gestohlen, worauf sich die Vögel auf die Reise machen, um die liebgewonnene Puppe zurückzuholen… Zum Rest des Beitrags »
Share1492 – Die Eroberung des Paradieses (Ridley Scott)
von Henryk Goldberg in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 2011
Was uns von den Bäumen trieb
Die erhabenen Augenblicke der Menschheit haben kaum erzählbare Bilder: Einstein, die große Formel kritzelnd, Beethoven, die Neunte summend, das sind Albernheiten.
Und Kolumbus, Amerika entdeckend? Das sind, bei Ridley Scott, ein Paar Stiefel, in Zeitlupe die letzten Meter durchs Wasser schlurfend, dann ein Kniefall. Das zeigt uns, was wir im Wunsch nach Erhabenheit oft verdrängen: Geschichte ist kein Punkt, sondern eine Linie. Weil Ridley Scott das weiß, hat der einen interessanten Film über Kolumbus gekonnt.
Nicht den Moment der Landnahme, er lässt den großen Gerard Depardieu erzählen, wie ein Mann seine Überzeugung behauptet gegen die Ignoranz der Zeitgenossen. „Ich habe es getan“, sagt Kolumbus später.
Das ist der Satz, der uns von den Bäumen trieb. Und Ridley Scott erzählt ihn zwei Stunden lang in schönen Bildern.
Henryk Goldberg
Text erschienen in Thüringer Allgemeine (04.06.2011)
ShareDas Parfum (Tom Tykwer)
von Henryk Goldberg in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik 2011
Kein Geheimnis, nirgends
Dieses wunderbare Buch, in dem der betörende Lavendelduft der Provence mit der professionellen Kälte des Chirurgen erzählt wird. Doch Bernd Eichinger und Tom Tykwer misslingt es schon im Drehbuch, Sprache und Geist des Buches in eine Kino-Geschichte zu verwandeln. Dieser Massenmörder ist ein hässlicher, ein unbemerkter Mann ohne bemerkbare Eigenschaften.
Doch der Film verwandelt dieses fühlbare Nichts in ein inhaltliches und ästhetisches Nichts. Die Leere als Lebensgrundlage kommt nicht vor. Ben Whishaw ist ein guter Schauspieler und, anders als die Romanfigur, ein gut aussehender Mann. Doch das Innere zu zeigen, das Nichts, das dieses Monster gebiert, gibt ihm das Buch keine Chance. Nur Karoline Herfurth. Das Mirabellenmädchen verströmt einen betörenden Zauber, sie vermittelt eine Ahnung von den Geheimnissen, von denen dieser geheimnislose Film nichts weiß.
Henryk Goldberg
Text erschienen in Thüringer Allgemeine (02.06.2011)
Bild: Constantin Film
ShareAus dem Leben eines Top-Terroristen (1)
von Guido Rohm in Im Labyrinth des GR, Kolumnen & Blogs am 8. Mai 2011
Das Ei wäre zu hart, eine völlige Zumutung, schimpft der international gesuchte Top-Terrorist, auf dessen an diesem Morgen grämlich dreinblickenden Kopf fünfundzwanzig Millionen US-Dollar ausgesetzt sind, aber, so denkt der Top-Terrorist, was bringen dir schon fünfundzwanzig Millionen US-Dollar, wenn du nicht einmal jemanden im Hause hast, der dir ein ordentliches Ei zubereiten kann, er schlägt die Zeitung zu, wieder nichts über mich, sagt er zu Maria, die eifrig nickt, die ihm gerade ein Toast aus dem Toaster angelt, sieh dir das doch an, sagt der Top-Terrorist, er steht bereits neben dem Toaster, viel zu dunkel, er hält Maria das Toast unter die Augen, so etwas kann niemand essen, ich sollte dich zum Kochdienst bei den Gefangenen abordnen, denen kannst du so einen Kohleklumpen in die Zelle bringen, aber doch nicht mir, und wieder nickt Maria, während ein morgendlicher Schrei die Stille zerreißt, die sollten doch auf keinen Fall, der Top-Terrorist unterbricht seine eigenen Gedanken und stürmt in den Flur hinaus, Zum Rest des Beitrags »
Der Nachtwanderer
von Guido Rohm in Im Labyrinth des GR, Kolumnen & Blogs am 7. Mai 2011
Ein Reisebericht
Er schlägt die Bettdecke um wie die Seite einer Erzählung. Der Schmerz hat an die Türen seines Körpers geklopft. Der Schmerz ist ein vielarmiges Wesen mit unzähligen Köpfen. Eine Hydra. Ein ungebetener Gast, der – trotz des angewiderten Ausdrucks im Gesicht seines Gastgebers – Einlass verlangt. Verweigert man ihm den Eintritt, dann klettert er eben einfach durch ein Kellerfenster in den Körper. Der Schmerz ist ein geübter Einbrecher. Der Nachtwanderer liest in seinem Körper. Schmerzzeit heißt dieses Kapitel. Zum Rest des Beitrags »
ShareProf. Martin Hagemann über 3D Film (Ein Interview)
von Daniela Kloock in Kino: Vergangenheit+Zukunft, Kolumnen & Blogs am 7. Mai 2011
Wir arbeiten im offenen Versuchsfeld
Der deutsche Produzent Martin Hagemann glaubt an die Zukunft von 3D
Herr Hagemann, Sie bereiten zur Zeit den ersten deutschen Science Fiction Film „Creeping Zero“ in 3D nach einem Buch von Jeff Noon vor. Der Film war ursprünglich in 2D geplant, wie kam es zu der Entscheidung?
Auf die Idee ein 3D Projekt zu machen sind meine englische Kollegin Julie Baines und ich durch „Avatar“ gekommen. Uns war klar, dass hier etwas entstanden ist, was ästhetisch für das Genre Science Fiction bzw. Thriller interessant sein könnte. Hinzu kam, dass es von finanzieller Seite her eine enorme Nachfrage nach 3D Filmprojekten gab, was sich mittlerweile schon wieder etwas relativiert…
Bleiben wir beim Finanziellen. Wie viel teurer ist denn eine 3D Produktion und woran liegt das?
In der Regel wird ein 3D Film zwischen 25 und 30 Prozent teurer. Das liegt zunächst daran, dass 2D-Drehbücher meistens einfach in 3D gedreht werden. Wenn aber ein von Anfang an für 3D geschriebenes Drehbuch die Grundlage für die Produktion ist, dann betragen die Mehrkosten nach meiner Erfahrung nur noch circa 10-15 Prozent. Zum Rest des Beitrags »
ShareTischleinDeckDich
von Guido Rohm in Im Labyrinth des GR, Kolumnen & Blogs am 7. Mai 2011
Kommen Sie. Geben Sie sich einen Ruck. Wir sind das Restaurant Ihres Vertrauens. Sie werden Ihren Anruf nicht bereuen.
Wir werden Sie abholen. Mit einem großen Wagen. Einer Limousine vielleicht. Sie mögen doch Limousinen? Oder sollte es ein Panzer sein?
Wir können Ihnen jeden Wunsch erfüllen. Wir lesen die Wünsche noch von den Lippen ab. Wir haben Fachpersonal. Die besten Leute der Welt. Auch Lippenleser.
Wir werden Sie entführen. Wir werden Ihnen einen einmaligen Abend bereiten. Sie müssen nur offen sein für unsere Überraschungen, denn unser Restaurant stellt stets nur einen Tisch zur Verfügung.
Der Tisch kann aber überall stehen.
Es kann sein: Sie werden auf der Müllhalde essen. Sie sollten sich davon nicht abschrecken lassen. Wir stellen Ihnen auch ein Gewehr zur Rattenjagd an den Tisch. Sie werden nur zugreifen müssen.
Kommen Sie und bestellen Sie noch heute einen Tisch, der vielleicht in der Fußgängerzone ihrer Stadt stehen wird. Mit einem Absperrband abgeriegelt, damit die Leute ausweichen müssen. Sie werden die Sensation des Stadtbummels werden.
Oder würden Sie lieber in einem Kino speisen? In einem vollbesetzten Kino? Der Tisch wird vor der Leinwand stehen. Sie werden zu einem Teil des Films. Den Film können Sie sich selbstverständlich aussuchen. Werden Sie Teil einer Liebesschnulze. Eines Kriegsfilms. Ganz egal. Unsere Kundenfreundlichkeit kennt keine Grenzen. Zum Rest des Beitrags »
Michael Manns Los Angeles
von Wolf Jahnke in Filmwissen, Kolumnen & Blogs am 6. Mai 2011
«Im Winter ist es in einer klaren Nacht so, als wäre man
auf Drogen.Alles ist schwarz und funkelt, und man
kann ewig weit sehen,besonders die etwa zwanzig
Flugzeuge, die da gleichzeitig in LAX landen.»
Michael Mann
Michael Mann (geb. 1943 in Illinois) studierte Film in London. In L.A. schrieb er für Krimi-Serien wie Starsky & Hutch (1975) und inszenierte die Spielfilme Ein Mann kämpft allein (1978) und Der Einzelgänger (1981).
Die TV-Serie Miami Vice (1984–87) bestach mit der innovativen Mischung aus Gewalt und Eleganz, schnellen Schnitten und Popmusik. Sie machte ihn berühmt, obwohl dieser Stil schon seine Spielfilme prägte. Mann selbst wehrte sich stets gegen den «Schöpfer»-Credit von Miami Vice, für die er «nur» seine Produktionsdesigner einbrachte, die «seinen» Look fortsetzten. Sein Stil galt lange als oberflächlich, aber mit Der letzte Mohikaner (1992) erhielt Mann Anerkennung von Publikum und Kritik. Mit seinen Gangsterballaden Heat und Collateral hat Mann L.A. als moderne, zerfaserte Stadt neu erfunden und feiert diese speziell in Nachtaufnahmen als die Stadt der Lichter. Die Filme bestechen durch stark ästhetisierte wie realistische Bilder, grauhaarige Gangster bestimmen das Geschehen, das sich regelmäßig in explosiven Schießereien entlädt.
«Dieser Regisseur will die Welt fast dokumentarisch genau erforschen – und findet doch traumwandlerisch sicher ihre magischen Momente.» (Tobias Kniebe, The European) Zum Rest des Beitrags »
ShareVerteidigungsmaßnahmen
von Guido Rohm in Im Labyrinth des GR, Kolumnen & Blogs am 5. Mai 2011
Raus da, raus da, der Helm sitzt, ist zwar nur ein Fahrradhelm, besser als gar nix, denkt er und macht einen Schritt in die Welt hinein, er betritt den Feind, was ist das, denkt er, als ein Blatt an ihm vorüber tänzelt, dieses Blatt hat hier nichts verloren, schon rennt er hinter dem Blatt her, er bekommt es zu fassen, er spurtet zur Mülltonne, er schlägt den Deckel nach hinten, wirft das Blatt angewidert hinein, schließt den Deckel, atmet erleichtert auf, so etwas darf nicht noch einmal passieren, denkt er, da entdeckt er die Mülltonnen des Nachbarn, die Mülltonnen stehen nicht an der vorgesehenen Stelle, er hat es diesem Monster von Nachbar doch schon erklärt, verflucht, verzeihen Sie meinen Fluch, aber die Mülltonne sollte exakt dreißig Zentimeter von der Hauswand entfernt stehen, außerdem sollte sie in Richtung des Mars ausgerichtet werden, Sie müssen darauf achten, hat er geschrien, denn schließlich und endlich wollen Sie ja wohl nicht den Weltfrieden gefährden, oder, der Nachbar hat ihn mit geöffnetem Mund angesehen und genickt, und was muss er nun erblicken, er stürmt über die Straße zu den Tonnen hin, er richtet sie rasch aus, er schnauft laut, sieht auf seine Uhr, er legt den Kopf schief, horcht, nichts von einem Fliegerangriff zu hören, Zum Rest des Beitrags »
Barfuß auf Nacktschnecken (Fabienne Berthaud)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 5. Mai 2011
Diane Kruger gehört zu den Schauspielerinnen, die von der Kritik weithin unterschätzt werden. Nicht selten wird das Ex-Model für seine Darstellungen mit Häme überzogen. Da ist es von Regisseurin Fabienne Berthaud schon mutig, die Aktrice als Hauptdarstellerin zu engagieren. Allerdings: Berthaud ist Französin. Und in Frankreich ist das Image von Diane Kruger ein anderes als in Deutschland. Die Franzosen gehen lockerer mit ihrem Wechsel von der Mode- in die Filmwelt um. Bei unseren Nachbarn hat sie schon in manchem kleinen, feinen Film gespielt – und zu Recht Lorbeeren eingeheimst.
Die Geschichte beginnt dramatisch: Lily (Ludivine Sagnier) verliert ihre Mutter Françoise (Anny Romand). Intellektuell und emotional nie erwachsen geworden, sondern weitestgehend auf Schulkind-Niveau geblieben, bot ihr das Leben auf dem Land einiges an Schutz. Ihre Schwester Clara (Diane Kruger) versucht nun, die Rolle der Mutter zu übernehmen. Sie zieht zu Lily aufs Land. Was wiederum für die Städterin alles andere als einfach ist. Zudem mosern Gatte Pierre (Denis Ménochet) und dessen Eltern (Brigitte Catillon und Jacques Spiesser). Clara muss also in Folge ihres ersten Schrittes noch manche schwierige Entscheidung treffen… Zum Rest des Beitrags »
ShareBad Boy Kummer (Miklós Gimes)
von Peter Claus in Film, Filmwissen, Kolumnen & Blogs, Kritik am 5. Mai 2011
Unter Freunden des Dokumentarfilms hat der Name Miklós Gimes einen guten Klang. Vor Jahren hat der gebürtige Ungar, der seit seiner Kindheit in der Schweiz lebt, einen geistreichen und herzerwärmenden Essay über seine Eltern, vor allem die Mutter, gedreht und darin geschickt europäische Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gespiegelt. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an „Bad Boy Kummer“, in Deutschland erstaufgeführt im Januar beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken.
Tom Kummer wurde berühmt-berüchtigt durch Betrug. In den 1990-er Jahren verkaufte er an Zeitungen und Hochglanzmagazine Interviews mit Superstars, die allesamt erfunden waren. Keines der Gespräche mit den Promis hatte je stattgefunden. Jetzt lebt er von professionellem Tennisspiel und -unterricht in den USA. Im Blick zurück nennt er sich selbst einen „bad boy“, einen „bösen Buben“. Das klingt kindisch. Womit vermutlich der Schlüssel zur Persönlichkeit Kummers gefunden ist: der Typ ist nie wirklich erwachsen und damit verantwortungsvoll geworden. Zum Rest des Beitrags »
ShareWillkommen im Süden (Luca Miniero)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 5. Mai 2011
Diese Story kommt einem arg bekannt vor: Postbote Alberto (Claudio Bisio) hat die Nase voll vom tristen Einerlei seines Daseins. Angestachelt von der Gattin (Angela Finocchiaro) ersucht er um Versetzung nach Mailand, in die große Welt also. Doch er landet noch tiefer in der Provinz, in Süditalien. Als Norditaliener beginnt für den armen Mann ein Horrortrip…
„Willkommen bei den Sch’tis“ auf Italienisch? Genau! Aber es funktioniert. Denn die Macher haben die Fabel nicht einfach in anderer Kulisse und Landschaft nacherzählt, sie haben sie den Eigenheiten Italiens angepasst. Die Italiener haben’s geliebt. Der Film wurde zu einem der kommerziell erfolgreichsten in der Kinogeschichte des Landes überhaupt.
Claudio Bisio und Alessandro Siani, in Italien sehr bekannte Komiker, spielen die Hauptrollen mit Verve und geben dem Film zusätzlich Originalität. Wer sich locker unterhalten lassen will, wird nicht enttäuscht. Hübscher Gag am Rande: Dany Boon, der Hauptdarsteller und Regisseur von „Willkommen bei den Sch’tis“, taucht auch auf. Damit verbeugt sich Regisseur Luca Miniero charmant vor dem berühmten Original.
Peter Claus
Willkommen im Süden, Luca Miniero (Italien 2010)
Bilder: Constantin Film
ShareBeim Arzt
von Guido Rohm in Kameraauge, Kolumnen & Blogs am 5. Mai 2011
Sie scheint etwas erzählt zu bekommen, wir können es nicht hören, die Kamera ist in der gegenüberliegenden Wohnung aufgebaut, wir filmen aus dem Fenster, wir haben die Praxisräume nicht mit Mikrofonen ausgestattet, nein, das sah unser Auftrag nicht vor, wir filmen nur ihr Gesicht ab, das nun die Nachricht erhält, dieses wunderschöne Gesicht, das nickt und nickt, und nun, passen Sie auf, damit Sie auch ja nichts verpassen, wir zoomen heran, jetzt nickt sie nicht mehr, sie verharrt, das Kinn zeigt in Richtung Stirn des Arztes, es muss eine überraschende Nachricht sein, sie bewegt den Kopf noch immer nicht, wir haben das Bild nicht eingefroren, das ist sie, die sich noch immer nicht bewegt, die Worte des Arztes haben zu einer Lähmung geführt, erst jetzt kommt Bewegung in ihr Gesicht, sie öffnet den Mund, das Kinn ist immer noch auf Stirnhöhe, sie versucht sich mit dem geöffneten Mund an einem Satz, es könnte eine Frage werden, aber nein, sie schließt den Mund wieder, ihr Kinn senkt sich, sie blickt nun zu ihrem Schoß hinunter, wir können nur ahnen, was sie gesagt bekommen hat, wir werden hier keine Vermutungen äußern, der Arzt scheint noch zu sprechen, sie sieht wieder zu ihm hin, sie schluckt, man kann es an den wellenartigen Ausbeulungen des Halses sehen, diese Wellen, die nach unten in ihren Körper schwappen, diese Wellen, die uns helfen sollen, Unangenehmes in den Körper zu spülen, sie nickt nun wieder, nur leicht, der Arzt greift nach einem Papiertaschentuch, er zieht es aus einer Box auf seinem Schreibtisch, er reicht ihr das Tuch, sie greift danach, dieses kleine Wort könnte ein Danke gewesen sein, sie schnäuzt sich, sie faltet das Tuch bedächtig und reibt sich das so entstandene Papierquadrat über die Augen, da müssen Tränen sein, die wir übersehen haben, wir gehen an ihre Augen heran und tatsächlich, da kann man sie sehen, die Tränen, sie laufen nun als Schlieren über ihre Wange, sie nickt und nickt, der Arzt spricht auf sie ein, jetzt steht sie auf, sie reicht dem Arzt die Hand, er begleitet sie zur Tür, er führt sie hinaus, dann geht er in sein Behandlungszimmer zurück, er schüttelt den Kopf, er geht zum Fenster hin, öffnet es, greift nach seinen Zigaretten, er zündet sich eine Zigarette an, er zieht daran, sieht zur Straße hinab, er hebt das Gesicht und sieht zu unserem Fenster hin, er mustert das Fenster, weg, weg, weg, wir wollen nicht entdeckt werden, und außerdem haben wir ja die Bilder, die wir wollten.
Guido Rohm
ShareWinters Geburtstag
von Guido Rohm in Im Labyrinth des GR, Kolumnen & Blogs am 4. Mai 2011
Winter hat Geburtstag.
Er kann diesem Tag, der ihn so brutal Jahr für Jahr auf die Veränderungen seines Körpers aufmerksam macht, der ihm Verfall und Alter unbedingt vor Augen führen muss, nichts abgewinnen.
Schon seit den frühen Morgenstunden steht Winter vor dem Spiegel und fährt mit dem Finger durch die Risse seine Haut, da sind Falten, schreit er auf, und auch gar nicht wenige; anschließend zählt er noch die Haare, die sich im Waschbecken angesammelt haben. Da er sich mehrmals verzählt, belässt er es irgendwann dabei (er vermutet eine Zahl um die 4 541 658) und geht nach einen kühnen Rechnung davon aus, in etwa drei Tagen alle Körperbehaarung als Gabe an die Kacheln des Badezimmers weitergegeben zu haben. Zum Rest des Beitrags »
















