Das bessere Leben (Małgorzata Szumowska)

„Elles“ heißt der Film im französischen Original. Das ist eine neckische Anspielung darauf, dass die Hauptfigur als Journalistin für das Edel-Magazin „Elle“ arbeitet. Ansonsten geht’s hier gar nicht neckisch zu. Die Journalistin, deren Leben auf den ersten Blick perfekt arrangiert zu sein scheint, trifft für eine Reportage auf zwei Studentinnen, die ihre gar nicht perfekte Existenz mit Prostitution absichern müssen. Konfrontationen und Konflikte also sind programmiert.

Regisseurin Małgorzata Szumowska hat ein Händchen dafür, die eher konventionell anmutende Story unkonventionell umzusetzen. Und sie hat mit Juliette Binoche eine charismatische Hauptdarstellerin, die das Publikum geradezu magisch anzieht. Sie spielt die Journalistin Anne. Aus dem Versuch, eine Reportage über das „älteste Gewerbe der Welt“ zu schreiben, wird eine Selbsterfahrungsreise, die bis an die Grenze des Erträglichen geht. Charlotte (Anaïs Demoustier) und Alicja (Joanna Kulig), die beiden jungen Frauen, existieren nur scheinbar in der gleichen Kultur wie Anne. Tatsächlich haben die Beiden völlig andere Auffassungen von dem, was ein erfülltes Dasein sein sollte. Vor allem aus dem Aufeinanderprall dieser unterschiedlichen Auffassungen resultiert die Spannung des Films. Insbesondere die exzellente Kamera sorgt dabei für Doppeldeutigkeiten. Viele Bilder entlarven das, was weithin als bürgerliche Sicherheit gilt (schicke Möbel, tolle Klamotten, materieller Wohlstand allgemein) als Lug und Trug. Journalistin Anne wirkt in zahlreichen Momenten einfach nur verloren, während die sich mit -x Problemen herumschlagenden Studentinnen stets mitten im Leben zu stehen scheinen. Erfreulich: der Job der Amateurnutten wird nie reißerisch in Szene gesetzt. Regisseurin Małgorzata Szumowska und ihre Drehbuchmitautorin Tine Byrckel haben ein feines Gespür für pralle Charakterzeichnungen. Die Schauspielerinnen entsprechen dem perfekt. Dazu kommt die Fähigkeit der Regisseurin, in einer eleganten Inszenierung sichtbar zu machen, was mit bloßem Augen nicht wirklich zu sehen ist, etwa das Geflecht kultureller Muster, in dem sich die Protagonistinnen bewegen. Das ist sehr spannend. Und das ist aufschlussreich. Man fragt sich nämlich als Zuschauer, zwischen welchen von den Strippenziehern der Macht gezogenen Grenzen eigentlich das eigene Leben abläuft bzw. stagniert.

Peter Claus

Das bessere Leben, von Małgorzata Szumowska (Deutschland/ Frankreich/ Polen 2012)

Bilder: Zorro

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Russendisko (Oliver Ziegenbalg)

Es hagelt Verrisse. Und ich wundere mich. Sicher: diese launige Klamotte haut die Filmhistorie nicht um. Es ist nichts als ein Spaß. Aber warum da mit der Keule drauf?

Gestritten wurde schon um das Buch, das von der Mehrheit der Rezensenten geradezu gefeiert wurde, was ich nun wiederum nie verstanden habe. Der in Berlin lebende Moskauer Wladimir Kaminer hat vor zwölf Jahren mit „Russendisko“ seinen schillernden Ruf als hauptstädtischer Szenestar endgültig etabliert – und kräftig die Selbstvermarktungsmaschinerie angeworfen. Unbestritten: Kaminer ist ein begnadeter Plauderer, ein Mann, der es versteht, sich immer gut im Rampenlicht in Szene zu setzen, dessen Lesungen, ob als Ein-Mann-Show oder im Ensemble, schon allein durch seine Präsenz hohen Unterhaltungswert haben. Da kommt es dann auch gar nicht immer so genau darauf an, ob das, was der wuchtige Kerl erzählt oder liest, sonderlich gehaltvoll ist. Die von eigenem Erleben geprägten Kurzgeschichten, die er 2000 unter dem Titel „Russendisko“ veröffentlichte, wurden denn auch vielfach von denen, die ihn beim Lesen im Ohr und vor Augen hatten, bejubelt. Wer den Mann nicht kannte, reagierte hingegen verhaltener. Angesichts des Films wiederholt sich das wahrscheinlich in gewisser Weise. Kenner der Vorlage könnten sich abwenden, andere einfach nur amüsieren.

Die Streitfrage zum Buch war: Ist das Literatur oder Journalismus? Zweifellos sind die Geschichten vom Weggehen aus Russland und vom Ankommen und Nichtankommen! in Deutschland sprachlich schillernde Zeugnisse eines Lebensgefühls, dass man damals mit dem Begriff „Spaßgesellschaft“ zu fassen versuchte. Davon ausgehend einen Spielfilm zu drehen, ist gewagt. Denn die konkreten Kino-Bilder verlangen auch konkrete, handfeste Storys und Charaktere, um ein großes Publikum zu fesseln. Kein Wunder, dass Produzent Christoph Hahnheiser Jahre brauchte, ehe er den Plan der Verfilmung tatsächlich realisieren konnte. Angeblich sind -x Drehbuchautoren, darunter Wladimir Kaminer höchstpersönlich, an dem Unterfangen gescheitert. Oliver Ziegenbalg gelang schließlich mit dem Mut zur Radikalität ein verfilmbares Drehbuch. Der mutige Einfall Ziegenbalgs: Er erfand drei Freunde, die zusammen von der Wolga an die Spree wollen und kommen. Damit gibt es ein Erzählgerüst, in dem sich Episoden und Anekdoten gut verankern lassen. Den Geist der Vorlage bewahrend, hat Ziegenbalg also, nach Differenzen mit einem Vorgänger während der Dreharbeiten vom Produzenten auch gleich als Regisseur verpflichtet, nicht Kaminers Buch adaptiert, sondern sich davon zu einem eigenen Kunstwerk anregen lassen. Angenehmer Nebeneffekt, der einem als erstes auffällt: Viel Plapperndes ist weggefallen. Aber es fällt mehr auf: ein guter Spannungsbogen, angenehmer Witz, der oft intelligenter ist als in der Vorlage, und vor allem exzellente Schauspieler.

Die Story: Wladimir (Matthias Schweighöfer) und seine Freunde Mischa (Friedrich Mücke) und Andrej (Christian Friedel) verlassen 1990 die in sich zusammenbrechende Sowjetunion der Gorbatschow-Ära. Ihr Ziel: Berlin. Die Stadt, noch in West und Ost geteilt, aber hoffnungstrunken schon im ersten Taumel vermeintlicher Prosperität, erweist sich als wahre Traumstation für das Trio. Materielle Probleme gibt es keine. Das nötige Kleingeld fürs Vergnügen wird zur Not selbst mit Schmuddelgeschäften, wie dem Verhökern von Bier, besorgt. Allerdings ist nicht alles rosarot. Über dem Trio schwebt mit düsterer Wucht die Gewissheit, dass nur Wladimir und Andrej eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis haben. Mischa droht nach kurzer Zeit des kleinen Glücks die Abschiebung. Was natürlich verhindert werden muss. Da kommen dann wahre Liebe und käufliche Lust ins Spiel. Mischa wäre ja schließlich nicht der erste, der sich in eine neue Existenz hineinheiraten würde. Doch wie das nicht selten so ist: Selbst zündende Ideen verpuffen gelegentlich in kläglichem Kleinmut. Ob es für das Trio so was wie ein Happy Ende gibt, bleibt lange, lange ungewiss, und damit die Spannung groß.

Matthias Schweighöfer, Friedrich Mücke und Christian Friedel nehmen mit dem Charme liebenswerter Käuze sofort ungemein für sich ein und ziehen das Publikum damit in ihren Bann. Optimist Wladimir, Künstlerseele Mischa und Grübler Andrej, die liebenswerteste Figur, sind ideale Protagonisten. Dank der Darsteller werden selbst auf den ersten Blick oberflächlich anmutende  Partyszenen zu durchaus differenzierten Bildern jener kurzen Zeitspanne, da nach dem Mauerfall und vor der Globalisierung und deren Folgen eine Blüte der bürgerlichen Gesellschaft in Westeuropa anzubrechen schien. Das Wissen des heutigen Zuschauers darum, dass die Unbeschwertheit rasch vergehen wird, gibt dem Geschehen das Leuchten des Besonderen, Kurzlebigen. Schade, dass sich der Autor und Regisseur Oliver Ziegenbalg nicht durchgängig auf die Wirkung des Einfangens von ungeschminkter Realität verlässt. Einiger Schnickschnack, wie etwa völlig überflüssige Zeichentrickmomente, bringen keinen Gewinn, stören nur.

Der Film hat mit der Vorlage außer dem Titel nur wenig gemein. Was ich höchst angenehm finde. Die Melange aus Witz, Kalauern, Melancholie und Rückschau auf ein Berlin, das es so nur ein paar Monate gab, ist rundum vergnüglich. Und wenn dann das Vergnügen verrauscht ist (was schnell geschieht), bleiben einem sogar ein paar Gedanken ernsthafterer Art zur Zeitgeschichte.

Peter Claus

Russendisko, von Oliver Ziegenbalg (Deutschland 2012)

Bilder: Paramount

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Cambodia versus Hollywood

Actress Daliah Lavi recalls the making of “Lord Jim” in 1964

Daliah Lavi in 1964

When Daliah Lavi invited Hollywood star Kirk Douglas to her 10th birthday party, the little girl had no idea that this would eventually lead to an unforgettable adventure in Cambodia. Jewish-American Douglas (“Spartacus”) was filming “The Juggler” in a kibbutz near Haifa in Israel in 1952, where Daliah lived with her German/Russian immigrant parents. The actor saw the pretty kid with the olive skin and the dark eyes, wanted to adopt her and take her to California. The parents refused. Instead Douglas left a generous donation that enabled Daliah to study ballet in Sweden until the age of 15. A life in Paris, an acting career in Rome and the female lead in the movie “Lord Jim”, mainly shot in the temples and jungles of Angkor in 1964, followed.

“Cambodia was a real adventure for me as a young girl”, the actress and singer, now aged 69, said in an interview. “Looking back, however, I must confess that the creation was more of an adventure than the film itself.”

Screenwriter and director Richard Brooks bought the rights for Joseph Conrad’s novel “Lord Jim” for just 6500 dollars in 1958. He was obsessed by the idea of turning the story of a British merchant sailor, who is discredited as a coward and wants to redeem himself, into an epic film. Brooks wrote the screenplay for three years, got a nine million dollar budget from Columbia Pictures, persuaded “Lawrence of Arabia”-actor Peter O’Toole to star in the movie and travelled through Asia to find exotic locations.
However, an exotic actress for the significant part of “The Girl” was missing until October 1963. “Richard Brooks found me during his stopover in Rome”, Daliah Lavi said. “Someone told him to see the movie Il Demonio. I played a girl who was possessed by evil spirits. Richard Brooks saw the film in a private screening and said: ‘That’s my girl! Who is she?’ He called my agent and sent me straight to Asia without even testing me. My mother came with me, since I was so young.”

Daliah Lavi and her mother Ruth flew via London, Cairo and Kuwait to Hongkong, where filming began in the former British colony. In early 1964 the 110 American and British filmmakers flew to Phnom Penh and continued their trip with smaller airplanes to the final destination Siem Reap. With Angkor Wat as a magnificent background, the set designers and an army of local craftsmen had erected the houses, pagodas and schools for the fictional village of mythical Patusan.

The western invaders stayed at the Auberge Royale des Temples, a quiet hotel that faced Angkor Wat and is nothing but a parking lot for busses and tuk-tuks today. Built in 1909 for the very first Angkor-tourists from Europe and the US, the former hotel had a more interesting younger history: “Richard Brooks and Prince Sihanouk had a special deal”, Daliah Lavi said. “Cambodia would allow us to come and film, if the production company built an additional modern wing to the small hotel and hand it over to the Cambodian people afterwards.” Indeed, Brooks spent more than half a million dollars on 45 new double rooms with air conditioning, showers and western toilets.

Lord Jim (1964)

With unfamiliar outside temperatures of 40 degrees celsius, a zoological mix of snakes, lizards, bats and mosquitos and no bars or nice restaurants in Siem Reap, the hotel became the most popular spot for the actors. “Everybody was sitting together in the dining room”, Daliah Lavi said. “Only James Mason was a lonely wolf and not very communicative, but Peter O’Toole was good to me and protective like a brother. And there was the cute little Khmer boy who played in the movie. He was in heaven, since he could stay in the hotel with us. The company ran into him in the streets of Siem Reap, when he was riding a funny bicycle. As a reward for his work they gave him a beautiful new bike, and of course money to his family.” Zum Rest des Beitrags »

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Wer weiß, wohin? (Nadine Labaki)

Christen und Moslems in einer Gemeinschaft? Krise! Das muss aber nicht sein. Jedenfalls nicht, wenn sich die Menschen die Weisheit der Frauen in dieser launigen Komödie zu eigen machen. Die Geschichte, die sich aus vielen kleinen und kleinsten Geschichtchen zusammensetzt spielt in einem Dorf in einem nicht genau bezeichneten Land im Nahen Osten.  Zwischen den Religionsgruppen kommt es zu Spannungen, als sich die Lage draußen im Land verschärft. Die Minen, bisher allein ums Dorf herum, drohen nun auch hier, wo Moschee und Kirche nur ein paar Schritte voneinander entfernt stehen, zu explodieren. Die Männer jedenfalls sind auf Gewalt programmiert. Anders die Frauen. Klug, wie sie sind, setzen sie auf Mutterwitz. Und siehe da: Es könnte doch auch alles anders verlaufen als meist gewohnt!

Die aus dem Libanon stammende Autorin, Regisseurin und Schauspielerin Nadine Labaki, deren „Caramel“ in bester Erinnerung ist, setzt auf Lachen und Herzensgüte. Ihre einige ernste Töne anschlagende Komödie erzählt, ganz klar, ein Märchen, manifestiert einen Wunschtraum. Das Grauen, das etwa derzeit aus Syrien via Fernsehen um die Welt geht, spielt bei ihr keine wirkliche Rolle. Allerdings hütet sie sich auch vor simplen Verniedlichungen, indem sie durchweg mit ihrer leichtfüßigen Inszenierung das Märchenhafte der Geschichte betont.

Antiken Vorbildern folgend machen die Frauen dem Irrsinn ein Ende, indem sie sich den Männern entgegen stellen – jedoch nicht militärisch, sondern listig. Sie zerstören die Lautsprecher des Dorf-TV, damit die Mannsbilder keine gewaltdurchtränkten Nachrichten mehr erreichen, sie setzen auf Erotik durch Stripperinnen, mischen Berauschendes oder benebelndes ins Essen, damit die Kerle außer Gefecht gesetzt werden. So wie die Frauen in der Geschichte, Verschiedenstes nutzen, mixt Nadine Labaki Elemente verschiedener Genres wild und fast zügellos, vor allem Musical, Tragödie, Komödie. Als Europäer mag man erst einmal denken, dass den Spannungen so wohl kaum beizukommen sei. Immerhin: der Film setzt Hoffnung in die Welt, dass dem doch so ist. Ein erster, klitzekleiner Schritt. Aber immerhin: ein Schritt!

Peter Claus

Wer weiß, wohin?, von Nadine Labaki (Frankreich/ Libanon 2011)

Bilder: Tobis

 

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Take Shelter (Jeff Nichols)

2007 machte Autor und Regisseur Jeff Nichols nachdrücklich mit der Kain-und-Abel-Variante „Shotgun Stories“ auf sich aufmerksam. Das Bruder-Drama überzeugte insbesondere auch, weil der Film – fern von vordergründigen Verweisen – als Bild des desolaten Zustands der US-amerikanischen Gesellschaft zu lesen war. Genau das macht auch seinen neuen Film sehenswert.

Jeff Nichols zieht das Publikum mit einem intelligenten Psychodrama in seinen Bann. Die Geschichte spielt im US-amerikanischen Bundesstaat Ohio. Hier lebt Curtis LaForche (Michael Shannon) mit seiner Frau Samantha (Jessica Chastain) und der sechsjährigen gehörlosen Tochter Hannah (Tova Stewart) in einer Kleinstadt. Auf den ersten Blick sieht das Familienleben recht angenehm aus. Zwar kann von Wohlstand keine Rede sein, aber ebenso wenig von Armut. Aber: Curtis wird von düsteren Träumen heimgesucht, in denen ein Orkan alles Leben hinwegfegt. Von den Visionen bedrängt, beginnt er mit dem Bau eines Schutzbunkers. Niemand nimmt ihn ernst. Doch er kommt nicht zur Besinnung. Es sieht so aus, als würde das vermeintliche Fehlverhalten des Mannes, sein Abrücken von der von allen für unverrückbar gehaltenen Realität, zwangsläufig zu einer Katastrophe führen.

Erst einmal ist das ein handfester Psychothriller, eine profunde Studie persönlichen Abdriftens in eine kranke Welt. Doch das ist ebenso eine Parabel auf das „Verrücktsein“ der gegenwärtigen USA, die Pervertierung des ur-amerikanischen Traums vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der Film zeigt, dass sich unter gewissen Umständen eben auch das Böse, das Kranke, das Grausame unbegrenzt entfaltet. Aber: Wer mag, kann sich ganz ohne Reflexionen in den Sog der Geschichte vom Abdriften eines vielleicht oder wirklich oder überhaupt nicht geisteskranken Mannes ziehen lassen.

Jeff Nichols, verantwortlich für Drehbuch und Regie, lässt sich Zeit beim Erzählen. Er kultiviert eine unheilvolle Ruhe. Die Hauptfigur ist durchweg in der Schwebe zwischen Wachen und Wahn. Das steigert damit die Spannung beträchtlich. In den Landschaftsbildern scheint hinter allem Schönen stets Bedrohung zu lauern. Curtis LaForche wirkt in diesen Szenerien, von denen nie klar ist, ob sie Realität oder Traum sind, wie ein bis zur Weißglut angespanntes wildes Tier im Käfig. Michael Shannon, der schon in „Shotgun Stories“ beeindruckte, spielt den Curtis mit machtvoller körperlicher Präsenz. Einerseits zeigt er das virile Arbeitstier, andererseits lässt er in müden Blicken und schlaffen Gesten den verunsicherten Grübler aufscheinen. Schließlich wurde einst bei Curtis’ Mutter eine Schizophrenie diagnostiziert. Hat ihn die Krankheit eingeholt? Als Zuschauer bangt man mit dem Protagonisten, dass die Antwort „Nein“ ist. Doch das hieße, dass tatsächlich ein alles vernichtender Orkan droht. Zusammen mit Curtis gerät man also in einen Teufelskreis der Gefahr, aus dem kein Entrinnen möglich scheint. Neben Michael Shannon fasziniert Jessica Chastain als um Verständnis bemühte Ehefrau. Die junge Schauspielerin, die im Vorjahr mit Hauptrollen in gleich sieben Spielfilmen beeindruckte, zeigt mit kühler Präzision im Vorführen kontrollierter Angst, dass sie zu den gegenwärtig größten Talenten Hollywoods gehört. In einer Schlüsselszene des Films ist für einen Moment unklar, ob die von ihr gespielte Frau wirklich gute Gefährtin oder durchtriebenes Monster ist. Mit einem einzigen Blick baut Jessica Chastain eine enorme Spannung auf. Da hält man als Zuschauer wirklich die Luft an. Kameramann Adam Stone unterstützt Regie und Schauspiel, indem er ein nahezu in Grau erstickendes Land beschwört, eine Heimstadt der Verzweiflung, ein Zuhaue, das keinen Halt bietet.

Am Ende gibt es einen wahrlich überraschenden Twist. Jeff Nichols kassierte dafür von einigen Kritikern ziemliche Schelte. Was ich nicht nachvollziehen kann. Gerade das Finale entlässt einen in die beunruhigende Situation, durch Curtis LaForche die Schattenseiten des eigenen Daseins wahrzunehmen.

Peter Claus

Take Shelter, von Jeff Nichols (USA 2011)

Bilder: Ascot Elite (24 Bilder)

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John Demjanjuk

Meldung Der NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk ist tot. Der frühere ukrainische KZ-Wächter starb  im Alter von 91 Jahren in einem Pflegeheim.

 

Passbild Demjanjuks aus seinem SS-Ausweis aus dem Jahr 1943

Passbild Demjanjuks aus seinem SS-Ausweis aus dem Jahr 1943

Die Gesichter des John Demjanjuk  von Guido Rohm

Wenn wir sterben, dereinst, röchelnd, oder mit einem Lächeln im sich auflösenden Gesicht, dann werden wir mit einem Paket im Arm sterben, in das wir unser Glück und unser Unglück, unsere Schuld und unsere Unschuld gewickelt haben. Ein Reststaub wird in der Erinnerung derer kleben bleiben, die uns kannten. Der Wind wird den Staub mit der Zeit in alle Himmelsrichtungen tragen, damit er dort unteilbar mit all den Erinnerungen verschmilzt, die niemanden haben, der sie benutzt. Denn Erinnerungen wollen gelebt werden, man muss sie in die Hände nehmen, drehen, wiegen. Erinnerungen verändern ihr Aussehen, sie werden hübscher und hübscher, bis man sie zu all den anderen Dingen stellt, die sich auf oder in einem Schrank befinden. Erinnerungen werden ab diesem Zeitpunkt zum Teil einer Aufbewahrungskultur, zu Staubfängern, die spätestens mit dem Tod dessen, der sie bewahrt hat, auf dem Müll der Geschichte landen.

Man muss schon sehr viel Schuld auf seinen Rücken geladen haben, damit man nicht zu schnell ad acta gelegt wird. Das sollte kein Anreiz sein, von nun an in Gewaltverbrechen zu schwelgen, denn der Tote – so der Stand in diesem Augenblick, auch wenn hier Religionen wiedersprechen – wird sich nicht an der Erinnerung, die er hinterlässt, erfreuen. Tot ist tot und verfault.

Nun ist einer gestorben, dessen Bilder so zweifelhaft unterschiedlich sind, dass ich sie nicht einsortieren kann. Mal erscheint er mir als “netter Onkel”, dann wieder als ein Mann, der unter seinen Hautlappen verschwindet, der unter sein eigenes Gesicht zu kriechen scheint, als ob es nur eine Maske wäre, die er irgendwo gefunden hätte.

John Demjanjuk ist tot, dieser Mann, dem so viele Verbrechen angelastet wurden, dass man eine Maske finden muss, um die Zahl, die einem da entgegen geschleudert wurde, überstehen zu können. Aber jeder will leben, Opfer und Täter, jeder muss mit den Bildern, die sich in seinem Kopf angehäuft haben, ein Auskommen finden. Zum Rest des Beitrags »

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Fotoausstellung zu Boris Mikhailov

Schlaffer Penis, fette Salami

Den Realismus mit seinen eigenen Mitteln schlagen: Die Ausstellung „Time is out of joint“ in der Berlinischen Galerie zeigt den Fotoexperimentator Boris Mikhailov.

Eine Frau, die im Schnee ihren Unterleib entblößt, ein alter Mann in Uniform, der eine Axt schwingt, einer streckt dem Betrachter seinen vernarbten Hintern entgegen. Seit seiner berühmten Bilderserie „Case History – Krankheitsgeschichten“ ist Boris Mikhailov unter einem festen Image abgespeichert.

Kaum war der 1938 in Charkow geborene Künstler Ende 1996 von seinem Berliner DAAD-Stipendium in seine Heimat zurückgekehrt, macht er sich daran, das Leben der „Bomzhes“, der Obdachlosen in der ukrainischen Industriestadt festzuhalten. „Schrecklich, aber unvergesslich“, notierte ein britischer Kritiker vor gut zehn Jahren über Mikhailovs drastische Aufnahmen. Sie avancierten zu Chiffren des postsozialistischen Niedergangs. Mikhailovs Siegeszug durch die Museen begann. 2000 wurde er dafür mit dem renommierten Hasselblad-Foto-Preis ausgezeichnet.

Boris Mikhailov  ohne Titel (aus der Serie Case History), 1997-1999  Sammlung Berlinische Galerie, Berlin  Copyright the artist

Boris Mikhailov ohne Titel (aus der Serie Case History), 1997-1999 Sammlung Berlinische Galerie, Berlin Copyright the artist

Es ist das Verdienst der jüngst eröffneten Ausstellung der Berlinischen Galerie, dass sie dieses reduzierte Bild aufbricht. Denn anders als bei der Nan-Goldin Ausstellung vor einem Jahr verlässt sich Kurator Thomas Köhler, der Direktor des Hauses, diesmal nicht auf die „Erfolgsbilder“ seines Gastes, sondern präsentiert das gesamte Oeuvre bis in die jüngste Gegenwart.

Und das lehrt, dass man diesen Künstler nicht auf irgendeinen Realismus festlegen sollte. Auch wenn er selbst immer wieder das „Alltägliche und Gewöhnliche“, gar „Wahrhaftigkeit“ für seine Kunst reklamiert. Wenn er sich spöttisch als „Straßenköter“ bezeichnet. Oder die Abwesenheit ästhetischer Ambitionen dadurch demonstriert, dass er seine Bilder „aus der Hüfte schießt“. So entstand seine Serie „Am Boden“, mit der er 1991 in Kiew und Charkow das Leben der Ausgegrenzten festhielt. Zum Rest des Beitrags »

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Contraband (Baltasar Kormákur)

Ex-Teenie-Pop-Star und Ex-Model Mark Wahlberg beweist mal wieder, dass er als Schauspieler vor allem im Part des harten Kerls fesseln kann. Diesmal verkörpert er einen Mann, der dem Verbrechen Adieu gesagt hat. Doch die Umstände zwingen ihn zu einem vermeintlich letzten Großeinsatz als Schmuggler.

2007 bekam Mark Wahlberg für eine Nebenrolle in „Departed – Unter Feinden“ immerhin eine „Oscar“-Nominierung. Dafür muss man schon was können. Und, ja, er kann. In diesem Thriller sorgt er durch die Doppelbödigkeit seines Spiels für besondere Spannung. Lange ist nicht klar, ob der von ihm verkörperte Chris ein Ehrenmann oder ein Gauner ist. Das ist recht reizvoll. Denn als Zuschauer erwischt man sich immer wieder dabei, dass man vielleicht einem echt fiesen Typen auf dem Leim geht und ihm die Daumen drückt.

Inszeniert hat der vor zwölf Jahren mit der Erotik-Komödie „101 Reykjavik“ international bekannt gewordene Isländer Baltasar Kormákur. Er gibt mit diesem Krimi seinen Einstand in Hollywood. Die Handlung des Films basiert auf dem 2008 gestarteten isländischen Publikumserfolg „Reykjavík Rotterdam“. Darin hatte Kormákur, der in seiner Heimat auch als Darsteller geschätzt wird, die Hauptrolle gespielt. In seinem Remake setzt er mit Mark Wahlberg auf einen zugkräftigen Star. Der und das zügige Tempo des Films sorgen dafür, dass sich Action-Fans gut unterhalten können – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Peter Claus

Contraband, von Baltasar Kormákur (USA/ Großbritannien 2012)

Bilder: Universal

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Best Exotic Marigold Hotel (John Madden)

Gutbürgerliche Zerstreuung bietet diese Komödie. Als erstes locken die englischen Schauspielstars Maggie Smith, Judie Dench und Tom Wilkinson und der Name des Regisseurs, John Madden. Sein „Shakespeare in Love“ gehört ja zu den schönsten cineastischen Bonbons der letzten Jahre. Die Erwartungen sind also hoch. Sie werden erfüllt.

Erzählt wird von einigen älteren Herrschaften. Sie folgen einer Internetofferte, die ihnen in schillernden Farben die perfekte, luxuriöse und erschwingliche Altersresidenz in Indien verspricht. Vor Ort sieht es dann nicht mehr so rosig aus wie in der Werbung. Doch die Damen und Herren geben nicht klein bei. Sie raffen die Röcke, krempeln die Ärmel hoch – und entdecken nicht nur sich selbst völlig neu.

Gelegentlich wird das Märchen brüllend komisch, doch es überwiegt leiser Humor. Besonders delikat sind die Momente der Melancholie angesichts der Unausweichlichkeit von verschiedenen Schattenseiten, die das Alter zwangsläufig mit sich bringt, Tod inklusive. John Madden gibt der farbenfrohen Bestsellerverfilmung einige wohl gesetzte Momente in Moll, die das turbulente Geschehen erst recht zum Leuchten bringen. Seine feinsinnige Inszenierung, die Herzensgüte und Intelligenz viel Raum schenkt, besticht mit der Eleganz des klassischen Erzählkinos von Hollywood-Format im besten Sinn. Das von dem Star-Trio angeführte internationale Schauspielensemble nimmt die Zuschauer von Anfang an augenzwinkernd an die Hand und reißt sie unaufhaltsam mit. Dabei wird kein Zweifel daran gelassen, dass hier nicht pur Realität gespiegelt wird. Zwar wird die soziale Wirklichkeit in Indien keineswegs ausgeblendet. Doch das Wesentliche sind die meist weich gezeichneten Porträts der Protagonisten, die in späten Jahren ein ganz junges Leben für sich entdecken.

Gewicht bekommt die durchweg überzeugende Geschichte durch das ganz nebenbei aufscheinende Plädoyer für Offenheit gegenüber Fremden. Wie leicht das geschieht, zeigt Folgendes: Am Anfang schimpft die von Maggie Smith mit herrlich trockener Schnoddrigkeit gespielte Muriel, sie werde niemals etwas essen, dessen Name sie nicht aussprechen könne, und gibt damit ihrem Misstrauen gegenüber allem ihr Unbekannten Ausdruck. Später frönt sie nicht nur einer geradezu enthemmten kulinarischen Lust, sondern zeigt auch in manchem Lächeln und Augenzwinkern, wie weit sie sich Neuem doch noch öffnen kann. Da wird aufs Schönste klar, dass es nie zu spät ist, ein bisschen klüger und zu werden. Da, endlich, darf es sogar romantisch werden und Amor kommt zum Einsatz. Tröstliche Botschaft: Alt-Werden kann auch Spaß machen. Nun ja, ein Märchen halt.

Peter Claus

Best Exotic Marigold Hotel, von John Madden (Großbritannien 2011)

Bilder: Fox

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Das Turiner Pferd (Béla Tarr)

Der Ungar Béla Tarr gehört zweifellos zu den Philosophen des Gegenwartskinos. Eskapistische Unterhaltung ist seine Sache nicht. Er will das Vergnügen des Denkens vermitteln. Am Anfang des Films wird auf eine angeblich wahre Begebenheit verwiesen: Am 3. Januar 1889 soll Friedrich Nietzsche beobachtet haben, wie ein Kutscher ein störrisches Pferd misshandelte. Der Philosoph warf sich dem Pferd um den Hals. Danach lag Nietzsche zwei Tage schweigend auf dem Sofa, sprach dann noch einmal ein paar Worte und blieb für die nächsten zehn Jahre, bis zu seinem Tod, stumm.

Warum Tarr seinen Film damit beginnt, erklärt er im Folgenden nicht. Vielen Interpretationen stehen die Türen offen. Zu sehen sind sechs gekennzeichnete Kapitel einer düsteren Erzählung: sechs Tage voller Leid und Schmach. Tarr und sein Kameramann Fred Kelemen zeigen mit stoischer Ruhe den kargen Arbeitsalltag eines Bauern/Kutschers (Janos Derzsi) und seiner Tochter (Erika Bok) auf dem Land. Es ist windig. Rundum gibt es nichts Anheimelndes. Wasser gibt’s aus dem Brunnen. Menschen kommen kaum vorbei. Schlafen, Essen, Holzhacken, Anspannen des Pferdes im Stall – Eintönigkeit ist angesagt. Doch es kommt schlimmer: das Licht bleibt aus, es kann kein Feuer mehr für die Kartoffeln gemacht werden, das Wasser versiegt. Eine Katastrophe erscheint als unausweichlich.

Wer mag, kann den Film als Weltuntergangsphantasie verstehen. Die exzellent gestalteten Bilder lassen viele Deutungen zu. In jedem Fall zeigen sie das Erstarren alles Lebendigen auf höchst eindrucksvolle Weise. Aber warum erstarrt es? Sind es Zeitumstände, örtliche Gegebenheiten, oder doch vor allem innere Befindlichkeiten der Menschen? Das Publikum muss nicht nur nach Antworten suchen, es muss schon erst einmal Fragen für sich finden. Das ist der große Reiz, der vom Film ausgeht: Man wird als Kinobesucher tatsächlich zum Mitgestalter. A und O des Films: Kelemens Tableaus. Dem Kameramann gelangen atemberaubend schöne Gemälde, wunderbare Kompositionen von Licht und Schatten, in denen die Akteure das archaische „Spiel“ überaus authentisch anmutend entfalten können.

Ganz klar: Wer Action sucht, sollte sich den Film nicht anschauen. Alle aber, die sich gern auf ein Changieren zwischen Bildender Kunst, Literatur, Theater, Film, Philosophie einlassen möchten, dürften einen Hochgenuss erfahren. Schön, dass der rührige Berliner Basis-Film Verleih den Mut hat, den wohl kaum zum Kassenschlager tauglichen Film in die Kinos zu bringen!

Peter Claus

Das Turiner Pferd, von Béla Tarr (Frankreich/ Schweiz/ Ungarn/ Deutschland 2011)

Bilder: Basis-Film

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Barbara (Christian Petzold) – Der Raum, der Freiheit heißt

„Barbara“, der erstklassige Film von Christian Petzold mit Nina Hoss erzählt eine wahrhaftige Geschichte.
Sie handelt von der DDR, von Freiheit und vor allem: vom Menschen

Barbara, die Ärztin, liest Stella, der Patientin, am Krankenbett eine Geschichte vor. Barbara wurde aus Berlin hierher strafversetzt, sie hat einen Ausreiseantrag gestellt. Stella ist aus dem Jugendwerkhof  geflohen, sie wird bald zurück müssen. Die Geschichte, die Barbara liest ist „Huckleberry Finn“, es ist die Stelle, wo sie ihre Flucht planen, den Fluss hinunter. Eine Flucht ins Irgendwo, wo es anders ist. Eine Flucht, deren Ziel verlassen heißt, nicht: ankommen. So hören die beiden Frauen gleichsam ihrer Geschichte zu und suchen Trost darin. Zum Rest des Beitrags »

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Barbara (Christian Petzold) – Ein besonderes Experimentierfeld

Ein besonderes Experimentierfeld

Christian Petzolds neuer Film “Barbara” erinnert an die DDR. Und er markiert die widerläufigen Aspekte des Menschlichen: die Sorge füreinander und die Freiheit.

Ein Film, der „Barbara“ heißt, kann nur vom Fremdsein handeln. Oder von der Frau, die von den Vätern enthauptet wird, weil sie sich gegen sie entschieden hat. Jedenfalls ist dies die Passionsgeschichte, tief im Kern der Sache.

Man vergisst es gelegentlich: Eine der Bedeutungen von Film beschreibt eine Schicht, die auf einem Material – oder einer anderen Schicht – liegt, Flüssiges, das fest wird, Festes, das sich verflüssigt. Bei Christian Petzold kann man sehen, wie Film bedeutet, hinter Schichten zu sehen, auf neue Schichten, und möglicherweise beginnt das alles mit einer Einstellung auf Nina Hoss’ Augen und die Fenster eines öffentlichen Verkehrsmittels. Und damit, dass sie, wo alle anderen, die aus dem Bus kommen, ein Ziel ansteuern, zögert.

Da ist sie schon im Blick eines anderen, eines rauchenden Mannes, der sie beobachtet, wie sie sich auf eine Bank setzt. Dann beginnt das Drama zwischen zwei widerläufigen Aspekten des Menschlichen: der Sorge füreinander und der Freiheit. Zum Rest des Beitrags »

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John Irving und wie er die Welt sieht (André Schäfer)

Die Doku startete bereits in der Vorwoche in den Kinos. Weil die Pressevorführung verpasst, konnte ich den Film erst jetzt sehen – in einer leider sehr schlecht besuchten Vorstellung. Dabei handelt es sich um einen absolut sehenswerten Essay – jedenfalls für alle, die John Irvings Bücher lieben.

Der höchst agile Mann von nun auch schon 70 Jahren (am 02. März war der Jubiläumsgeburtstag) packt einen mit seinem Charisma. Das nicht von ungefähr kommt. Regisseur André Schäfer enthüllt dessen Geheimnis schnell: eiserne Disziplin.

Stilistisch verwirrt der Film ein wenig: mal aufgemacht wie eine bunte Illustriertenstory ist er im nächsten Moment hochphilosophisch. Beim Nachdenken fällt einem dann auf, dass es ja in den Büchern Irvings genau so zugeht. Da sehen wir also den Schriftsteller mal als Hundenarr, dann als Schreiber, hier als netten Nachbarn, dort als bohrenden Begleiter von Persönlichkeiten, die er offenkundig für seine Arbeit ausnutzt, indem er sie hemmungslos befragt, belauscht, ja, belauert. Aufschlussreich: Wie John Irving ein Rechercheteam rund um den Globus auf Trab hält. Nix da von einsamem Genie!

Quintessenz Irvings: Man muss lieben, was man macht. Klingt banal. Ist es aber nicht. Wie viele Menschen beugen sich allein Notwendigkeiten und machen, was sie gar nicht machen wollen, allein, um die Miete reinzukriegen?!

André Schäfer versucht, sich dem Schriftsteller und dessen Werk behutsam, feingeistig anzunähren. Das gelingt, denn platte Sensationshascherei bleibt aus, auch dumme Interpretationen. Manchmal, etwa wenn er bekannte Schauplätze berühmter Irving-Romane zeigt, gleitet Schäfer ein wenig ins Sentimentale. Irving-Fans werden grad das genießen, Zuschauer mit mehr Abstand sollten großzügig darüber hinwegsehen.

Manche seiner Fans haben John Irvings bisher letzten auf deutsch erschienenen Roman („Letzte Nacht in Twisted River“) wegen ziemlich vieler Verrisse noch nicht gelesen. Nach Ansehen des Films werden sie wohl sofort in den nächsten Buchladen rennen.

Peter Claus

John Irving und wie er die Welt sieht, von André Schäfer (Deutschland/ Österreich/ Schweiz/ Kanada/ Indien/ USA/ Niederlande 2012)

Bilder: W-Film

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Haywire (Steven Soderbergh)

Im Action-Kino haben meist die Männer das Sagen, Machos mit Muskeln und sonst nicht viel im Angebot. Schlagkräftige, selbstbewusste Frauen sind Mangelware. Blockbuster wie „Drei Engel für Charly“ und „Lara Croft“ sind nichts als Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Da kriegt Steven Soderbergh nun schon mal Bonus-Punkte, weil er in seinem neuen Film einer Frau wirklich die Hauptrolle zubilligt.

Aber: Soderbergh und Action? 1989 wurde er mit dem avantgardistischen Spielfilm „Sex, Lügen und Video“ berühmt. Seitdem gilt er als einer der wichtigsten Vertreter des US-amerikanischen Independent-Kinos fern der Hollywood-Maschinerie. Im letzten Jahrzehnt jedoch tummelte er sich mit der dreiteiligen Reihe um den von George Clooney dargestellten Spießgesellen Daniel Ocean und dessen Edel-Banditentum schon im Fahrwasser munterer Unterhaltung fern allen Avantgardistischen. Fast sieht es so aus, als wolle er partout beweisen, dass er die Nase voll hat vom guten Ruf. Als er „Haywire“ im Februar während der Internationalen Filmfestspiele in Berlin vorstellte, witzelte er denn auch mit einem nur leichten Anflug von Resignation: „Es braucht doch niemand mehr einen ernsthaften Film von mir.“ Vielleicht ist das ja nur die Reaktion auf das eher zurückhaltende Zuschauerecho auf seinen im Vorjahr gestarteten durchaus ernst zu nehmenden Viren-Thriller „Contagion“? Der gesellschaftskritische Endzeit-Schocker hatte zwar überwiegend freundliche Rezensionen bekommen, das Publikum aber nicht wirklich in Scharen angelockt.

Diesmal also zielt Soderbergh voll auf die breite Masse. Er offeriert einen Film, der nichts als unterhalten will. Die Grundidee originell: eine Frau hat das Sagen und das Hauen und Stechen. Leider reichte die Idee nur zu einer recht fadenscheinig und bei -x anderen Männer-Mucki-Shows abgekupferten Story vom guten Menschen, der bisher die Bösen jagte und nun selbst zum Opfer eben der Bösen wird. In diesem Fall handelt es sich um Mallory Kane (Gina Carano). Sie arbeitet unter absoluter Geheimhaltung als Spezialagentin für Washington. Ihre Einsätze sind derart geheim, dass sämtliche Mitarbeiter im Dunstkreis des Weißen Hauses eine Verbindung zu ihr leugnen würden. Drum hat die Sirene mit der Lizenz zum Töten auch keine Verbündeten, als sie selbst auf einer Abschussliste landet. Mallory weiß nicht, wer ihr warum an den Kragen will. Sie ahnt nur sehr schnell, dass Flucht nichts nutzt. Mallory muss handeln, wenn sie nicht bald in wirklich aller Stille in einem anonymen Gräberfeld beigesetzt werden möchte. Falls etwas von ihr zum beisetzen übrig bliebe. Das ist die Frage, die für Spannung sorgt.

Autor Lem Dobbs schrieb 1991 das Drehbuch zu Soderberghs brillantem filmischem Rausch „Kafka“. Der Mann kann’s. Das hat er auch mit anderen Filmen bewiesen. Diesmal fiel ihm nicht recht was ein. Beeindruckt von der körperlichen Präsenz der als Schauspielerin bisher weitgehend unerfahrenen Kampfsportlerin Gina Carano setzt Dobbs auf die von der Lady ausgehende Wirkung. Die ist Dank einiger wirklich ungewöhnlicher Körpereinsätze zumindest anfangs tatsächlich groß. Doch da von keiner durchgehend klugen Geschichte zum Tragen gebracht, auch, weil Gina Carano als Schauspielerin gar nichts zu bieten hat, verebbt der Reiz recht schnell.

Zu sehen also ist, wie sich Gina Carano, mehrfache Meisterin in der in den USA sehr populären Sportart „Mixed Martial Arts“, als knallharte Kampfmaschine austobt. Dabei mutiert die von ihr verkörperte Mallory zum unheiligen Racheengel mit teuflischer Muskelbeherrschung. Sie setzt sogar Muskeln ein, von deren Existenz neunundneunzig Prozent der Frauen (und Männer!) weltweit vermutlich noch nie etwas gehört haben. Um sie herum tummeln sich Stars: Ewan McGregor, Michael Fassbender, Antonio Banderas und Michael Douglas. Die sind, was sonst die Frauen im Action-Genre sind: nett anzusehende Zugaben, sozusagen Kraftfutter für die mörderische Mallory. Das ist hübsch neckisch.

Steven Soberbergh hat pure Action versprochen, und die wird geboten. Das ist nicht ehrenrührig, das ist kein Reinfall, allerdings auch kein Höhepunkt der Filmhistorie. Pech für Soderbergh: der gute Ruf. Der lässt einen nun mal was anderes erwarten und programmiert die Enttäuschung.

Peter Claus

Haywire, von Steven Soderbergh (USA 2011)

Bilder: Concorde Film

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Barbara (Christian Petzold)

Christian Petzold hat im Februar den Silbernen Bären für die Beste Regie der Berlinale bekommen. Ein schöner Erfolg, doppelt schön, weil alle drei deutschen Beiträge im Wettbewerb Bären-stark waren.

Petzolds Film ist inszenatorisch dicht, darstellerisch kompakt, in der Fragestellung aufregend. Und die geht über die Zeit der DDR, in der die erzählte Geschichte angesiedelt ist, weit hinaus. Sie dreht sich nämlich um Probleme wie Anstand und Aufrichtigkeit. Das ist hoch aktuell angesichts einer Gesellschaft, in der ein Bundespräsident zurücktritt, weil viele Menschen ihm das Vertrauen entzogen haben, halten sie ihn doch für einen Mann, der nicht immer Anstand und Aufrichtigkeit wahrt. Aktuell ist das auch, weil sehr viele Leute im Arbeitskampf die beiden großen „A“ aus ihrem Alphabet streichen.

Selbstverständlich kann man den Film pur als DDR-Reflexion ansehen: Erzählt wird, die Geschichte spielt 1980, von einer Ärztin (Nina Hoss). Sie ist im Visier der Stasi, wird laufend bedrängt, psychisch und physisch. Als Strafe für den gestellten und nicht zurückgezogenen Ausreiseantrag wurde sie von Berlin, Hauptstadt der DDR, in die Provinz, an die Ostsee, versetzt. Das Krankenhaus ist klein, der Kollegenkreis auch. Barbara ahnt, wir als Zuschauer wissen es: um sie herum sind so einige Spitzel. Spannend daran: Petzold vermeidet alle Schwarz-Weiß-Malerei. Jede und jeder hat Licht- und Schattenseiten. Das macht’s aufregend. Hier wird nichts und niemand abgeurteilt. Geurteilt wird schon: Am Ende siegt (eine Spur zu rosarot übrigens, dies als klitzekleine Randbemerkung) die reine Menschlichkeit.

Die Gestalt der Barbara erinnert an die der Erzählerin in Christoph Heins 1982 in der DDR erstmals veröffentlichten Novelle „Der fremde Freund“, die 1983 in der BRD unter dem Titel „Drachenblut“ erschien. Im Buch von Hein nicht ausgesprochen (wie auch?!), dreht sich auch da alles (eine Ärztin erzählt brutal nüchtern von ihrem Alltag) um den Satz: „Hier kann man nicht glücklich werden“. Barbara spricht ihn aus. Kein Wunder: Der Film ist einer von Nachgeborenen, Hein hat damals aus der Zeit heraus geschrieben. Was weder für noch gegen den Film spricht, aber dessen Haltung charakterisiert. Stärker noch als bei Hein zeigt der Film, kann er zeigen, die verinnerlichte Scheu, sich anderen zu öffnen, gar hinzugeben. Wer in der DDR gelebt hat, fröstelt stellenweise.

Nina Hoss spielt die Titelfigur sehr ruhig, konzentriert, fast stocksteif. Diese Frau wagt es nun einmal nicht, sich zu rühren. Das ist körperlich sichtbar. Exzellent! Aber sie zeigt zugleich die unter der Oberfläche brodelnden Gefühle, zeigt auch, dass diese Frau weder ihr Denken noch ihre Menschlichkeit abgestellt hat. Schauspielerisch ist das, auch von den Partnern von Nina Hoss, wirklich hervorragend!

Für mich besonders spannend: Das Zeitlose des Gezeigten. Je länger die Handlung dauert, umso mehr interessiert mich nicht das DDR-Typische, fesselt mich hingegen das Nachdenken über Allgemeingültiges. Das ist für mich die entscheidende Qualität des Films: Ich werde gezwungen, über das Hier und Heute nachzudenken. Wer Klassiker liest oder gute Aufführungen ihrer Stücke im Theater sieht, tut das immer. Petzold befindet sich mit seinem Film also in bester Gesellschaft, nämlich der von Künstlern, die weit über den Rand des eigenen Befinden hinausschauen.

Nach „Die innere Sicherheit“ ist Christian Petzold zum zweiten Mal äußerlich in die deutsche Vergangenheit gegangen. Wie vor zwölf Jahren, so zielt er auch diesmal auf die Gegenwart – und trifft voll ins Schwarze. Mehr und mehr wird Christian Petzold im Kino zu  dem  Chronisten Deutschlands nach 1989!

Peter Claus

Barbara, von Christian Petzold (Deutschland 2012)

Bilder: Piffl

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Ödipussi (Vicco von Bülow)

 

Alltags-Verquas eines linkischen Biedermannes

Es gibt Fälle bei denen wird unweigerlich der Eindruck erweckt als könnten sie niemals einer adäquaten Lösung zugeführt werden – und doch existiert sie auf eine bestimmte Art und Weise. Die Lebensweise von Stoff- und Möbelhändler (in 3. Generation) Paul Winkelmann (Loriot) ist so ein Fall.

Von Bülows erstmaliges „mise en scène“ in Kinoformat bringt uns dessen heitere Comicfiguren als real existierende Tante Lotte-Onkel Egon-Fabula direkt aufs Wohnzimmersofa. Die narrativen Stilmittel erreichen in ihrem Dynamikstrudel ein derartiges Signifikanzniveau, dass selbst Sigmund Freud sein dem Filmtitel monstranz-trächtig gleichnamiges psychoanalytisches Konzept überdenken müsste.

Als ob nicht schon die „Neue Deutsche Film“-Generation zu Beginn der 1980er Jahre dem Gegenwartskino ihr feingeistig-sozialrevolutionäres Exempel auf statuierte, da poliertes Kommerzkino in Hollywood reizvoller erschien, bedurfte es 1987 des intellektuell-satirischen Weggrinsens jeglicher warnender Vorbilder eines Stilhumoristen wie Loriot.

Fragt sich der Rezipient was er hier sieht, muss er unverhohlen zu dem Schluss gelangen: ‚sich selbst‘! Verbrachte nicht auch schon ich die Freitag- und Samstagabende im spießigen „Lass uns was spielen“-Ambiente mit Menschen deren trautes Privatleben einem unzerbrechlichen Neutron gleicht, anstatt mit Freunden auszugehen? Unternahm nicht auch ich schon absurdeste Versuche selbstbewusster und so lebensbejahender zu werden? Und jedes Mal schwingt sie mit, diese eingeschaltete Begleitrationalität, die uns in Loriots ÖDIPUSSI so vortreffliche Korrelationen ans Bein liefert » die allzu quälende Frage „was wird ‚Sie‘ dazu sagen?“

Hier ausnahmsweise einmal nicht die in Courths-Mahlers Idealwelten schwelende Frau Gemahlin, sondern die hochkultivierte first-class- Mama (Katharina Brauren) persönlich. Sie verkörpert besagtes Neutron schlechthin – unter Anwendung ganz simpler Tricks wie dem ‚Aufbraten‘ von Kartoffelpüree für ihren neuen Untermieter Herrn Weber, seines Zeichens ein hochgesitteter Klaviervirtuose. Der selbstverliebte Herr Sohn wagt es immerhin in seinem ‚jungen‘ Alter sich eine eigene Wohnung zu mieten!

Loriots ‚heile‘ Mama-Firma-Vereins-Diegese‘ könnte zweifelsohne aus einem der lieblich-kitschigen Novells um Hedwig Courths-Mahlers ‚blautintiger‘ Feder stammen. Bloß findet hier das arme Unterschichten-Aschenbrödel nicht zum wohlbehüteten Traumprinz aus gesittetsten Adelsstrukturen – weil in ÖDIPUSSI überhaupt keine plebiszitären Elemente erwähnenswert vorkommen – es handelt sich lediglich um die gelangweilte genervte ‚Go away and let me be‘-Mimik von Diplom-Psychologin Margarethe Tietze (Evelyn Hamann). Sie ist den alltäglichen Zwangsgedanken- und Handlungen ihrer Patienten längst überdrüssig und setzt nun auf gediegene Kommunikation unter den „Bekloppten“ mittels dem Einsatz einer Sitzgruppe in neuen hellen Farben, um ‚gewissen zwischenmenschlichen Schwierigkeiten‘ trotzend Harmonie herzustellen. Von hoffnungs- weil aussichtslosen Weltverbesserungstheorien längst entfernt, wenden wir uns den wohlwollenden Effekten emotional-synthetischer Ersatzbefriedigungen zu. Begleitet von völlig a-sexuellem Charme (wie auch, bei Hamann und Loriot?) verfolgt die Kontrapunktik der handelnden Figuren ihre Kommunikationsziele auf einer deutlich nüchtern-verstandesgetränkten Transformierungsebene.

ÖDIPUSSI steht wie kaum eine andere deutsche Slapstickkomödie (evtl. PAPA ANTE PORTAS – auch Loriot) für den absolut klaren Menschenverstand in seiner bis ins banalste Detail durchrationalisierten Situationskomik. Sie bietet eine summa summarum ideologiefreie und wertneutrale Draufsicht auf den durchschnittlichen Alltags-Waldi, ohne dabei jemals ernsthaft anzüglich, bewusstseinsumpflügend oder parteiisch zu werden. Loriot und sein Ensemble betrachten ihre Adressaten als einen Kreis emanzipierter Bürger, die die prätentiös konstruierten pick-up’s eines ‚angebrannten Hefezopfs‘ oder ‚wir posieren schon mal fürs Familienbild‘ zu deuten verstehen.

Die lauen Annäherungsversuche Winkelmanns an Margarethe offerieren das infantile Vorgehen des typischen Durchschnittsdeutschen in Liebesangelegenheiten. Die unerklärlichen dennoch ureigenen Komplexe höchstwahrscheinlich aus kindheitstraumatischer Perzeption herrührend, werden einfach hinwegkompensiert mit pseudo-effektivem und ambig politischem Vereinshabitus am Stammtisch in der Eckwirtschaft. Einerseits versteht sich die Organisation, der Winkelmann angehört, als Pioniergruppe die daran arbeitet, die Begriffe „Umwelt“ und „Frau“ in den Karnevalsgedanken zu integrieren, andererseits regt sich ein männliches krawattenbehängtes Mitglied beim Toilettengang über eine junge Punkerin am Tresen verweilend auf.

Vicco von Bülow filmt an gegen den Pessimismus einer breiten Generation von Filmkünstlern um Wim Wenders und R.W. Fassbinder » deren vornehmstes Anliegen politischer Massendialog in seinen soziokulturellen Verfehlungen zu sein scheint. Warum nicht endlich akzeptieren dass wir nun mal täglich aneinander vorbeireden und uns im sicherheitsorientierten Wohlfühl-Deutschland als „würdig und recht“ erweisen. Kehr ein unter mein Dach, aber halt den Schnabel und iss was auf den Tisch kommt! Das geht so weit, dass jemand auch im fortgeschrittenen Alter nicht weiß in welcher Straße er wohnt.Der Alltags-Verquas dieses linkischen Biedermannes kennt keinerlei Pein und zieht bissige Schnuten. Wir verzeihen gerne – schließlich ist’s Loriot der uns zum Narren hält!

© Stefan Bußhardt  

„Ödipussi“ – Slapstick BRD von 1987, Regie: Vicco von Bülow (Loriot)

Bilder: Tobis

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Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe

JETZT IST ES RAUS

Und hier noch eine allgemeingültige Anleitung zum fachgerechten Öffnen:

Weiterführende Lektüre: Rezension im FREITAG

Rezension bei NDR Kultur

Gespräch bei Deutschlandradio Kultur

Buchpremiere am 1. März 2012, Kino Babylon!

 

mehr lesen, sehen und hören via TACH marionbrasch.com

siehe auch: GETIDAN > Kolumnen & Blogs > Marion Brasch: TACH

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Das gibt Ärger (McG)

Reese Witherspoon, die für ihren Auftritt in „Walk the Line“ (2005) den „Oscar“ ergatterte, hat jede Menge Kredit bei allen, die gute Unterhaltung mögen. Ob in „Eiskalte Engel“ oder in „Natürlich blond“ – sie hat mit Charme und Witz gepunktet.

Die verschleudert sie nun in der dünnen Story um zwei Männer und eine Frau. Die Beiden (Tom Hardy und Chris Pine) sind CIA-Agenten und beste Freunde. Sie wollen einander nichts böses, nur die Frau (Reese Witherspoon) wegschnappen. Da ist viel Ansatz zu Komik, doch die geht selten über Krach-Bumm-Zisch hinaus. Wofür es noch einen deutschen Bösewicht gibt, den Til Schweiger spielt. Das macht’s auch nicht besser.

Regisseur McG gelang es nicht, Action, Romantik und Humor gut auszubalancieren. Je länger sich die Geschichte hinzieht, umso angeschaffter wirkt der Witz, manche Gefühlsregung aufgesetzt und jeder Anlass für Action zu konstruiert. An die Klasse seiner Kino-Version der TV-Serie „3 Engel für Charlie“ reicht er nicht heran.

Reese Witherspoon macht ja eine ausgesprochen gute Figur. Tom Hardy, gerade erst in „Dame, König, As, Spion“ glänzend, Chris Pine sorgt mit Muskeln und Macken für Abwechselung. Auch Til Schweiger hat seine Momente. Um einen verregneten Nachmittag aufzupeppen reicht das, leider nicht zu mehr.

Peter Claus

Das gibt Ärger, von McG (USA 2012)

Bilder: Fox

 

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Shame (Steve McQueen)

Noch ein Schauspielerfilm, noch ein Film mit Ecken und Kanten.

Der Schauspieler: Michael Fassbender, Ire deutscher Abstammung. In gleich fünf Filmen machte er im Vorjahr auf sich aufmerksam und kam endlich zu Star-Ruhm. Fassbender spielt unter der Regie des vor allem als Video- und Fotokünstlers bekannten Steve McQueen einen New Yorker Yuppie, für den Sex der einzige Lebensinhalt ist, sei er real, sei er per Computer ins Haus geholt. Dieser Brandon ist ein total ausgebrannter Typ. Weder kann er sich wirklich seiner psychisch gestörten Schwester (Carey Mulligan) annähern, noch ist er in der Lage, wenn es mal drauf ankommt, wirklich mit einer Frau zu flirten, zu reden, Emotionen zuzulassen.

Fassbender läuft oft nackt durch die Szenerie, doch die Seele des von ihm verkörperten Brandon wird nicht sichtbar. Das liegt am Drehbuch. Über Äußerlichkeiten kommt es nämlich so gut wie nie hinweg. Allein eine Szene lässt ahnen, was für ein Potential in der Geschichte steckt: Brandon verabredet sich in einem Restaurant mit einer Kollegin (Nicole Beharie). Beide haben offenkundig Interesse aneinander. Bei ihr geht das aber über schnellen Sex hinaus. Sie sucht einen Partner, versucht also ganz klassisch den anvisierten Typ durch Gespräche zu erkunden. Doch da gibt es nichts zu erkunden. Weder kann er zuhören, noch hat er etwas zu sagen. Die Kamera beobachtet das nicht zustande kommende Gespräch oft von außen, durch Glasscheiben. Wir, als Zuschauer, müssen die Worte nicht verstehen. Die Körpersprache sagt alles. Das ist hochspannend.

Steve McQueen will vielleicht über die Probleme nachdenken, die eine mehr und mehr alle Sexualität zur Ware degradierende Gesellschaft befallen. Leider bleibt er dabei im Ansatz stecken, so beeindruckend die kalte Ästhetik des Films auch ist. Michael Fassbender hat eine großartige Präsenz. Nur leider darf er viel zu wenig spielen, um einen facettenreichen Charakter zu entwickeln. Der Film macht neugierig auf weitere mit Michael Fassbender. Wenigstens das.

Peter Claus

Shame, von Steve McQueen (England 2011)

Bilder: Fox (Prokino)

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Die eiserne Lady (Phyllida Lloyd)

Dieser Film bereitet einem Unbehagen. Es ähnelt dem, das einen bereits angesichts von „J. Edgar“ befiel. Der Grund: die Entpolitisierung der Hauptfigur. Diesmal also Margaret Thatcher, von 1979 bis 1990 Premierministerin Großbritanniens. Privatisierung von Staatsbetrieben, Zersetzung des Gesundheitswesens, Krieg um die Falklandinseln und Zerschlagung der Macht der Gewerkschaften sind wesentliche politische Stichworte zur Person. Doch die interessieren im Film von „Mamma Mia!“-Regisseurin Phyllida Lloyd nur am Rande. Es wird gemenschelt. Die öffentliche Persönlichkeit, die von den einen als Totengräberin des englischen Proletariats noch immer mit Hass verfolgt wird, von den anderen als Retterin der Nation verehrt, kommt nur als Beiwerk vor.

Fokussiert wird auf die Frau an sich. Die Erzählung setzt im Alter ein: Margaret Thatcher (Meryl Streep) lebt zurückgezogen. Schlaganfälle und eine beginnende Demenz haben sie geschwächt. Sie zieht sich in ihr Inneres zurück, führt lange imaginierte Gespräche mit ihrem toten Gatten Denis (Jim Broadbent). Und sie erinnert sich – an das Elternhaus, die Familie, Auseinandersetzungen mit den dominanten Männern in der Politik, den Kampf um Macht und Anerkennung. Ausführlich etwa wird illustriert, wie Margaret Thatcher Schwächen in Stärken ummünzte, beispielsweise ihre „unmögliche“ Stimme zur Waffe schmiedete.

Politik schrumpft zu Beiwerk. Statt Information, etwa wenn es um den Falklandkrieg geht, gibt es überzogene Musik, um die Stimmung anzuheizen. Die ist besonders peinlich, wenn es um Persönliches geht. Wuchern Emotionen, knallen die Akkorde. Aber bleiben wir beim Politischen: Anders als in „The Queen“ werden Harmonie und Konkurrenz von Öffentlichem und Privaten nicht problematisiert. Die Margaret Thatcher des Films agiert in einem fast luftleeren Raum.

Meryl Streep, die für ihre Darstellung gerade den „Oscar“ bekommen hat, spielt selbstredend famos. Körperhaltung, Maske, Stimme, Gestik – die Schauspielerin hat die Thatcher „voll drauf“. In den Szenen mit Jim Broadbent läuft sie zu Hochform auf. Da sind spannende Reflexionen über Szenen einer Ehe zu erleben. In Selbstgesprächen Margaret Thatchers wird angedeutet, sie betrachte die Jahre in der Politik im Nachhinein als verlorene Jahre. Das mag sein. Nur sind es Jahre, die England und auch Europa entscheidend geprägt haben. Den Anteil von Margaret Thatcher an dieser Prägung nicht zu zeigen, nicht einmal zu kommentieren, das ist sträflich, und der Film schrumpft deshalb zur Schmonzette.

Peter Claus

Die eiserne Lady, von Phyllida Lloyd (England/ Frankreich 2011)

Bilder: Concorde Film

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