Fliegenköpfe (17)

BÜCHERBRIEF AN HEIKO  | 

lieber heiko,

das lassen wir mal, das mit der lesung: du kennst doch die postkarte, auf der leere notenlinien zu sehen sind, und darunter steht: ohne geld keine musik. daß kultur gratis daherzukommen hat, ist gerade bei jenen sehr beliebt, die finanziell bestens abgesichert sind. kannst du mir erklären, warum eine unidozentin, die nicht im traum daran denken würde, auf ihr gehalt zu verzichten, bei künstlern ganz selbstverständlich voraussetzt, sie würden unentgeltlich liefern. das verweigern dieses dummdreisten ansinnens hat übrigens den satz nach sich gezogen: wenn ich gewußt hätte, daß sie geld dafür haben wollen … zieht die diese nummer auch beim bäcker ab, von dem sie das brot will? erwartet die auch von ihrem psychiater, daß der sie umsonst behandelt? aber kultur, und insbesondere literatur, rangiert in der gesellschaft eh unter ferner liefen und wird gerade in großem stil geschleift: während der autoindustrie, die die welt so dringend braucht wie den abgrund, auf den sie zuschlittert, milliarden zugeschustert werden. kannst du nicht selbst ein lied davon singen: kein kulturmagazin mehr in kassel. das literaturblatt in stuttgart: von der bildfläche verschwunden. in freiburg wird die literaturseite aus einer zeitung gekürzt, und bei hr2, dem ausgewiesenen kultursender des hr, hat die digitalisierung so viel kohle verbrannt, daß für die honorierung der wortbeiträge nichts mehr bleibt. bei einem kultursender spielt also die technik eine wichtigere rolle als die kultur. nach außen hin wird aber so getan, als ob: du hörst nach wie vor rezensionen. aber dann schau dir mal an, wie die zustandekommen: übernahmen von anderen sendern, die festangestellten müssen das, was die freien gegen ein honorar geleistet haben, jetzt zusätzlich übernehmen. oder, besonders einfallsreich: buchhändler werden gebeten, ein buch zu empfehlen („also, ich finde das buch gut, weil sie da urlaub machen in südfrankreich, und ich kann ja gerade keinen urlaub machen, aber wenn ich lese, wie die urlaub machen, also, dann ist das so, als würde ich auch urlaub machen“). klinge ich zornig? ich bin zornig: was da läuft, bedeutet nichts anderes, als daß du mit den zwangsgebühren fürs öffentlich-rechtliche ein ausbeutungssystem finanzierst. müßte das nicht der gewerkschaft gewaltig gegen den strich gehen? aber getan wird so, als sei alles bestens in dieser besten aller möglichen welten.
daß dem natürlich nicht so ist, steht bei clemens arvay. (allein, daß er das buch all jenen widmet, die nach wie vor zu differenziertem denken fähig sind, hat mich für ihn eingenommen: differenzierung tut besonders not in einer zeit, in der für die meisten ein reizwort genügt: und sie marschieren grölend drauf los. wo, bitte, ist der nächste feind?) und was da steht, wissen wir eigentlich selbst: nicht in dem umfang und nicht im detail, aber daß wir uns durch die gravierende und immer munter weiter betriebene umweltzerstörung in die scheiße geritten haben, in der wir jetzt stecken: für wen wäre das was neues. trotzdem ist ‚wir können es besser‘ wichtig und jedem ans herz zu legen: arvay ist gesundheitsökologe und stellt verbindungen her, benennt gründe und abhängigkeiten. Er setzt dinge in zusammenhang (und belegt das alles: im anhang finden sich 33 seiten mit quellenangaben), die – längst nicht nur – pandemien anders verstehbar machen. unter anderem erläutert er ausführlich, was das heißt, wenn die testphasen bei der herstellung von impfstoffen so drastisch verkürzt werden: welche unabschätzbaren gefahren dieses staatlich abgesegnete rasante durchpeitschen der impfstoffherstellung birgt. vor allem bei genetischen vakzinen. man sollte arvays buch, kapitel für kapitel, der gesamten politikerriege vorlesen, bis auch der letzte kapiert hat, wie dringend in sachen umweltrettung gehandelt werden muß. kinderträume, ich weiß: dem stehen die massiven interessen der weltkonzerne gegenüber. das nennt man kapitalismus. und kapitalismus, sagt eine freundin, die schmuck fertigt aus den farben, die das meer anspült, kapitalismus ist nicht reformierbar. was das wiederum heißt, bis hin zu den furchtbaren konsequenzen, sollten die sich klarmachen, die glauben, mit demonstrationen allein ließe sich das steuer noch herumreißen.
über kapitalismus redet auch joni mitchell (ah, joni mitchell: wollten wir nicht schon längst mal wieder einen nachmittag oder einen langen abend mit musik verbringen?), nein, eigentlich redet sie nicht darüber: sie erzählt, kurz nur, von den greisinnen, die in las vegas in einer spielhalle „wie hypnotisierte hühner“ an den automaten stehen und ihr geld loswerden: „wenn die renten eintreffen, dann werden die busse in die altersheime geschickt“: so funktioniert kapitalismus. und wenn joni mitchell etwas erzählt, schließt das neben der begebenheit auch ihre reaktion darauf ein, ihre haltung, ihre gefühle: und du siehst, wie sie versucht, sich und die welt zu verstehen. und das zu vermitteln. es sind gute gespräche, die sie da führt: sie hat etwas zu sagen. über musik und malerei und unterschiedliche musen. über das „gewisse maß an durcheinander und verwirrung“, das ein künstler braucht. über werte und heimat und psychoanalyse. über die meinungslose und daher leicht zu manipulierende mehrheit. und daß es gute gespräche sind, bemerkenswert gute, liegt auch an malka marom. die muß sich nicht (wie beispielsweise e. bronfen in den interviews mit siri hustvedt) selbst vorführen, sie läßt joni mitchell zeit und raum, und nur gelegentlich, wenn sie etwas ausführlicher oder genauer haben will, hakt sie nach. und joni mitchell antwortet, direkt und unverstellt, ohne jede diplomatie, ohne rückhalt oder hintergedanken, ausführlich, offen bis zur verletzlichkeit, ein kind, bestrebt, sich bis in die seele zu erklären. sie wird gefragt, also antwortet sie: so einfach ist das. (bei einer veranstaltung wollte mal eine frau von mir wissen, wie ich das mache mit den gedichten, erinnerst du dich, woher meine einfälle kommen und wie ich damit umgehe: und ich habe ihr gewissenhaft alles mögliche auseinandergesetzt, und hätte mir hinterher in den arsch beißen können: ich glaube, das wollte sie so genau gar nicht wissen. aber bei joni mitchell gefällt mir das sehr.)
ganz anders schreibt dag solstad von sich: der Roman heißt wie das datum, an dem er zur welt kam. dreht sich also um seine person. auf den untersuchungstisch haben sich schon viele autoren gelegt. sich seziert, unter die lupe genommen, faser für faser. allerdings selten so besessen und akribisch wie solstadt das macht. er und er. und wieder er. nicht exemplarisch: sondern in seiner einzigartigkeit. er, der hier tatsächlich zum ersten mal in seinen romanen, die ebenfalls von ihm handeln und ihn abhandeln, ich sagt. auch wenn dag solstad aus sandefjord ein anderer ist, der mit elf jahren zu dem autor dag solstad wurde und seitdem mindestens elf weitere male ein wieder anderer geworden ist: zu unterschiedlichen zeiten sind das beschriebene ich und das schreibende ich unterschiedliche personen. was er jetzt weiß und vorher nicht wissen konnte, trägt seinen teil bei. minimalistische variationen über das ich. und im hintergrund läuft ‚1000 airplanes on the roof‘ von phil glass, während solstad („alles in meinem leben ist schrift“) in die sortiererei eines sachverhalts vertieft ist und die worte unermüdlich hin- und herschiebt, neu schichtet, anders arrangiert: bis sie endlich die ordnung haben, die er beabsichtigt hat und von der wir nicht sagen können, warum sie besser ist als die ordnung, die die worte davor hatten. man sieht seine augenbrauen zittern vor bemühen, so akkurat wie möglich zu sein. doch hin und wieder haut das hin, mit seiner penibilität, dann funktioniert sie wie eine besonders delikate form der komik: und man muß hell auflachen. als er sich in der dieffenbachstraße in berlin seine person im körper eines deutschen radfahrers vorstellt, heißt es: Das leben würde sich dann in all seiner banalität als sinnlos erweisen“. an vielen stellen mußte ich an thomas melle denken, nicht an die art, wie er schreibt (das kann er wesentlich poetischer), sondern wie er in ‚mit dem rücken zur welt‘ über seine bipolare störung schreibt: die stellen, an denen die manische phase risse bekommt, durch die die depression hereinbricht.
was hübsch ist, sind die kleinen fehler der übersetzerin (falsche wortfolge, falsche zeitangabe, falsch verwendeter genitiv): weil sie der herumrechterei des autors in den rücken fallen, kleine sabotageakte, die ihren charme haben und ihre freiheit. vielleicht sollte samuel finzi das buch einlesen: seine stimme ist wie geschaffen dafür, ein feingliedriges insekt, das auf dem rücken liegt und zappelnd darum kämpft, wieder auf die beine zu kommen.
ein buch noch schnell am schluß, schnell auch, weil ich es enttäuschend fand: von einer reihe, die ‚gedankenspiele über…‘ heißt, hatte ich einfach etwas scharfsinnigeres erwartet. doch wie ilija trojanow ‚die neugier‘ behandelt, das ist dann doch ein etwas sehr hausbackenes geplänkel und eher für die unbedarfteren unter den lesern. muß es auch geben. den besten und sinnlichsten satz gebe ich dir weiter, er betrifft deine vorliebe für reiseliteratur: „wenn ich ein buch über eine wanderung lese, meine ich, die sprache in meinen füßen zu spüren, so als sei die erzählung nicht auf papier, sondern auf sohle gedruckt.“ was mich allerdings daran stört, ist, daß die qualität eines buches für ihn unwichtig scheint: es gibt auch ziemlich miserable bücher über wanderungen. spürt er deren sprache auch in seinen füßen? genug jetzt.

über die lesung reden wir, wenn etwas mehr anstand ins spiel kommt.
zusammen kaffee trinken können wir schon vorher. und musik hören.
sei herzlich gegrüßt

ingrid

 

© 2020  ingrid mylo

Alle Buchcover: © Verlag


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Clemens G. Arvay:

Wir können es besser


Quadriga 2020

272 Seiten

20,-

 

 


Joni Mitchell:

Ich singe meine Sorgen und male mein Glück
Gespräche mit Malka Marom


aus dem Kanadischen von Thomas Bodmer
Kampa 2020

252 Seiten

22,-

 

 

Dag Solstad:

17. 7. 41
Roman aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger

Dörlemann 2020

285 Seiten

22,-

 

 

Ilija Trojanow:

Gedankenspiele über die Neugier
Droschl 2020

53 Seiten

10,-

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4 Gedanken zu „Fliegenköpfe (17)

  1. Wie immer, das liest sich gut, macht auf Bücher neugierig, sagt einem auch, auf welche man getrost verzichten kann und ruft einem Ingrid Mylos schönes, sensibles Gesicht in Erinnerung, dass man spürt, man sähe es gerne bald wieder.

  2. Ich bin ganz begeistert von Deinem Text, insbesondere Deiner zutreffenden Kritik an der scheinbaren Selbstverständlichkeit der Nichtbezahlung künstlerischer Arbeit.
    Als Vorsitzender des Kulturbeirats in Wiesbaden versuche ich, eine Politik der Akzeptanz der gesellschaftlichen Notwendigkeit einer auch finanziell gesicherten künstlerischen Arbeit zu befördern.

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