Titanic 3D (seit 05. April im Kino)

100 Jahre ist es her, dass die „Titanic“ sank, fünfzehn, dass sich der -xte Film zur Katastrophe weltweit als Kassenrenner erwies. Den gibt’s nun (seit 5. April hierzulande) noch einmal, diesmal in 3D. Und da finden sich doch wirklich Rezensenten, die von einem „Klassiker“ schwafeln. Uff?! Keine Ahnung, wie viele Jahre ein Film auf dem Buckel haben sollte, um als Klassiker eingestuft werden zu können, fünfzehn erscheinen mir in jedem Fall zu wenig. Zudem steckt ja auch das Wort „Klasse“ in Klassiker – und „Klasse“, also herausragend, fand und finde ich an diesem Film nichts als die so gigantische wie grandiose Werbestrategie. Der Film selbst: ziemlich kalter Kaffee. Die Musik wabert, die Schauspieler überziehen, es schnulzt und schmalzt ohne Ende. Und, sorry, da bin ich vielleicht etwas engstirnig: Ich kann mich einfach nicht vom grauenvollen Tod unzähliger Menschen, den sich nicht nur Drehbuchautoren haben einfallen lassen, unterhalten lassen.

Regisseur James Cameron und sein Autorenteam bieten nichts, was über den Seufz-und-Schluchz-Faktor im Banne von Rose und Jack (Kate Winslet und Leonardo DiCaprio) hinausgeht. Frühere Filme zum Thema boten entschieden mehr, etwa der deutsche aus dem Jahr 1943 mit Sybille Schmitz in einer der Hauptrollen. Das ist ein Film, den ich wenigstens als Kandidaten für eine Aufnahme in die Reihe der Klassiker betrachte. Allerdings stimmt es da mit den historischen Fakten so gut wie gar nicht. Aber es geht um Fragen menschlichen Versagens im Banne von Profitgier. In diesem Fall, 3D oder nicht, geht es allein um die gänsehautträchtige Illustration eines zugegebenermaßen grandiosen Schmachtfetzens, den von Céline Dion voller Inbrunst gesungenen Pop-Song „My Heart Will Go On“. Wer den „Titanic“-Schauder will, kriegt ihn sofort, wenn er zuhause diesen Song voll aufgedreht aus der Stereoanlage dröhnen lässt. Kinobesuch echt überflüssig.

Peter Claus

Titanic 3D, von James Cameron (USA 1997)

Bilder: Fox

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Das Leben gehört uns (ab 26. April)

Die schönsten Liebesgeschichten im Kino (in der Literatur, in der Musik… ) sind bekanntlich Liebeskummergeschichten. Genau eine solche erleben wir nun mit Juliette und Roméo. Allerdings hat der Kummer bei ihnen seine Ursache nicht in Kindisch-Kitschigem, wie es gerade das Kino oft zelebriert, sondern in wirklich Schrecklichem: Söhnchen Adam verhält sich seltsam, ist offenbar schwer krank. Die auf allem lastende Frage: Kann das Dasein im Schatten drohenden Todes noch schöne Momente haben?

In einem verblüffenden Mix von Drama und Komödie, Dokumentar- und Videoclip-Stil erzählt das Autoren- und Regieduo Jérémie Elkaim und Valérie Donzelli, die Beide auch in den Hauptrollen agieren, die autobiographisch gefärbte Geschichte. Sie beginnt in einem wahren Rausch des Glücklichseins. Die Zwei, deren Namen nicht zufällig an Shakespeares unsterbliches Paar Romeo und Julia erinnern, schweben auf den Wolken der Verliebtheit. Traumhaft schöne Bilder illustrieren das. Der Sohn komplettiert das Glück. Doch das Kind kränkelt oft. Schließlich stellt sich heraus, dass der Kleine einen Tumor im Kopf hat. Eine Operation ist unumgänglich. Ob die aber wirkliche Heilung bringt, ist fraglich. Juliette und Roméo sind überfordert. Die Liebe zu ihrem Kind und zueinander reicht nicht wirklich aus, um die schwierige Situation souverän zu meistern. Es ist mehr als ungewiss, ob der Familie eine gute Zukunft ins Haus steht. Andererseits soll die Liebe ja bekanntlich Berge versetzen können. Und keine Liebe ist wohl stärker als die zum eigenen Kind!

Interessanterweise gelingt es, die alles andere als komische Erzählung in einer verblüffenden Balance von Humor und Ernst zu halten. Stilistisch irritiert das gelegentlich, etwa wenn eine rasante Videoclip-Ästhetik die Oberhand gewinnt. Entscheidend aber ist der genaue Blick auf den Alltag eines Paares, der alles andere als alltäglich verläuft, der immer wieder von Momenten großen Schmerzes, von Angst, von Ungewissheit, belastet wird. Doch gezeigt wird auch, dass trotz allen Kummers unbeschwerte Momente möglich sind.

In der Reihe von melancholisch grundierten Komödien von einigem Gewicht, wie etwa „Ziemlich beste Freunde“ oder „Best Exotic Marigold Hotel“, nimmt dieser Film durch seinen Mut, sich wirklich existenziellen Fragen zu stellen, eine Sonderstellung ein. Kein Meisterwerk. Formal wird da gelegentlich ein Purzelbaum zuviel geschlagen. Trotzdem: sehenswert – auch und gerade, da am Ende trotz allem Schrecken Hoffnung aufscheint, und weil auch dies ohne jeden Hauch von Sentimentalität geschieht.

Peter Claus

Das Leben gehört uns, von Jérémie Elkaim und Valérie Donzelli (Frankreich 2011)

Bilder: Prokino

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Wurst. Mit Wein, Weihnachten, Wild und Gemüse. (Ausstellung Nikolaus Heidelbach)

ohne Titel 4 (c) Nikolaus Heidelbach aus Wurst, DuMont Buchverlag

Die Wurst soll Frankfurts Ambition untermauern, Hauptstadt der Satire zu sein. Seit Ende 2008 existiert in der Mainstadt das caricatura-Museum, das mit einer Dauerausstellung, die der Neuen Frankfurter Schule gewidmet ist, bereits beträchtliche Satirepfunde in die Waagschale wirft und offensiv die nicht geringe Hauptstadtabsicht verkündet. Neben Frankfurtern wie Poth, Traxler oder F.K. Wächter kommen in Wechselausstellungen einheimische wie internationale Karikaturisten hinzu – aktuell der Kölner Illustrator, Zeichner und Buchautor Nikolaus Heidelbach. Er hatte sich in Bild und Buch bereits um Wein, Wild, Gemüse sowie Weihnachten verdient gemacht und rückt nun die Wurst in den Mittelpunkt seines beträchtlichen zeichnerischen Könnens. Zum Rest des Beitrags »

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Spieglein, Spieglein (ab 05. April)

Was haben die Märchen der Gebrüder Grimm im Kino nicht schon über sich ergehen lassen müssen. Das bundesdeutsche Kino hat auf der Höhe der so genannten Sex-Welle mit „Grimms Märchen von den lüsternen Pärchen“ zumindest titeltechnisch den absoluten Tiefpunkt markiert. Hollywoods Neuverfilmung von „Schneewittchen“ habe ich im Vornhinein nicht viel zugetraut und den Film, der bereits in der Vorwoche angelaufen ist, geschwänzt. Die freundlichen Kritiken reihum jedoch haben mich aufhorchen lassen. Und, ja: schnuckelige Unterhaltung.

Das aufgepeppte Märchen um den Kampf einer blaublütigen Stiefmutter gegen ihr Mündel und das Altern amüsiert mit flotten Sprüchen, einer bestens aufgelegten Julia Roberts in der Rolle der „bösen Alten“ und augenzwinkernden Anspielungen auf alte Zöpfe im Kampf um Gleichberechtigung der Geschlechter. Erfreulicherweise haben die Drehbuchautoren die Vorlage mit Vorsicht umgemodelt. Das Wichtigste: Sämtliche Figuren sind ernstzunehmende Charaktere. Deshalb haben auch Erwachsene einen Heidenspaß.

Die Filmhistorie muss nun nicht gleich umgeschrieben werden, ein Meilenstein des Kinos ist nicht zu bestaunen – aber ein Spaß, der nicht in die Niederungen des Zotigen abrutscht (und wenn, dann so klug, dass man einfach nur mitlachen muss!) und mit einer modernen, jedoch nie modisch-aufgemotzten Version der uralten Geschichte mitten ins Hier und Heute passt.

Peter Claus

Spieglein, Spieglein, von Tarsem Singh (USA 2012)

Bilder: Studiocanal

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Die Königin und ihr Leibarzt (ab 19. April)

Die Dänen haben mal wieder einen Hit gelandet – allerdings fern von Dogma- und anderen neueren Erzählregeln. Der Kostümfilm „Die Königin und ihr Leibarzt“ folgt altgedienten dramaturgischen Mustern. Und genau darin scheint ein Grund für den Erfolg zu liegen: Jedefrau und Jedermann kann der Story um Grundfragen menschlichen Miteinanders ohne große Anstrengung folgen.

Die Geschichte folgt, basierend auf einem Bestseller, historischen Fakten: Der deutsche Arzt und Aufklärer Johann F. Struensee gewinnt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts großen Einfluss auf den dänischen König Christian VII. und gewinnt so einige Macht im politischen Alltag. Dies insbesondere auch, weil der Monarch weithin als geisteskrank gilt. Heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nach war er vermutlich manisch-depressiv. Struensee war einige Zeit der tatsächliche Regent. Was, ganz klar, die um ihre Pfründe fürchtenden Vertreter der bisherigen Macht erst zittern und dann zu Gegenmaßnahmen greifen lässt. Die tatsächliche oder eventuelle auch nur erfundene Liebe zwischen Struensee und Königin Caroline Mathilde eröffnet der Reaktion alle Mittel und Möglichkeiten, sich zur Wehr zu setzen. Als dann auch vieles darauf hindeutet, dass Struensee Caroline Mathilde geschwängert hat, ist das Schicksal des Paares besiegelt. Mit ihm wird zudem der Fortschritt aus dem Königreich verbannt.

Im Februar gab’s auf der Berlinale gleich zwei Silberne Bären. Kurze Zeit später mauserte sich der Film in Dänemark zu einem der finanziell erfolgreichsten aller Zeiten. Regisseur Nikolaj Arcel gelang eine wirksame Melange aus Krimi, Historiengemälde und Psychodrama mit einigen delikat inszenierten erotischen Szenen. Opulente Bilder und ein flotter Ton der Erzählung sorgen für Spannung und Schauwert. Beides wird vom exzellenten Darsteller-Ensemble unterstützt. Der vor einigen Jahren als „Bond“-Bösewicht bekannt gewordene Mads Mikkelsen brilliert in der Hauptrolle des Struensee mit rauem Sex Appeal und verschlagener Intelligenz. Neben ihm setzt Mikkel Følsgaard in der Rolle des Königs Glanzlichter, wofür es zu Recht einen der Berlinale Bären in Silber gab, und verleiht Alicia Vikander der Königin Schönheit und Weltgewandtheit.

Den zweiten Silber-Bär gab es in Berlin für das Drehbuch. Eine kluge Entscheidung. Denn anders als in jüngeren Filmen um historisch verbürgte Persönlichkeiten, beispielsweise „The Iron Lady“, beschränkt sich dieser Film nicht auf Anekdötchen und Privates, sondern bezieht die Zeitgeschichte kritisch mit in die Handlung ein. Dadurch bekommen die verhandelten Fragen um Moral und Mitmenschlichkeit Gewicht – und weisen über das Geschehen weit hinaus, nämlich mitten in unsere Gegenwart.

Peter Claus

Die Königin und ihr Leibarzt, von Nikolaj Arcel (Deutschland/ Dänemark 2012)

Bilder: MFA+

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My Week With Marilyn (ab 19. April)

Bilder, Skulpturen, Popsongs, Romane, Filme, Theaterstücke und unzählige Gerüchte über ihren Aufstieg und Fall – auch fünf Jahrzehnte nach ihrem tragischen Tod ist Marilyn Monroe omnipräsent. Zu Lebzeiten von den Bossen der Filmindustrie als Inbegriff der doofen Blondine ausgebeutet, sind ihre schauspielerischen Fähigkeiten heute allgemein anerkannt. Filme wie „Bus Stop“, „Some Like It Hot“ und insbesondere „The Misfits“ zeugen davon, dass sie tatsächlich das Zeug zur herausragenden Charakterinterpretin hatte. So weit, so traurig. Doch noch ein Film? Die TV-Adaption von Joyce Carol Oates Bestseller „Blond“ hatte doch schon alles bestens gezeigt. Hatte sie eben nicht. Dieser Film erinnert auf heitere Art an die Legende mit einem Blick auf eine klitzekleine Anekdote – und erzählt damit ungemein viel über den Star, die Frau und über eine Welt, in der es Sensible, wie berühmt sie auch sein mögen, immer schwer hatten und wohl auch immer schwer haben werden.

Die Geschichte blendet zurück auf den Sommer 1956. Die 30-jährige MM (Michelle Williams) ist einer der zugkräftigsten Kassenmagneten Hollywoods. Mit ihrem kindlich-naiven Sex Appeal gilt sie als Traum aller Männer. Für den einige Jahre jüngeren Briten Colin Clark (Eddie Redmayne) ist sie das tatsächlich. Als dritter Regieassistent während der Dreharbeiten von „Der Prinz und die Tänzerin“, inszeniert von Laurence Olivier (Kenneth Branagh), der auch die männliche Hauptrolle spielt. Die weibliche spielt Marilyn Monroe, die ihren neuen Mann, den Schriftsteller Arthur Miller (Dougray Scott), im Schlepptau hat. Schlecht im Textlernen, unpünktlich, von Ängsten getrieben und deshalb launisch, erobert die Diva die Herzen der Mitarbeiter nicht. Olivier würde ihr am liebsten den Hals umdrehen. Colin Clark aber versteht sie. Er und sie liegen irgendwie auf einer gedanklichen Ebene. Was die Dreharbeiten erheblich erleichtert. Der junge Mann wird ihr Vertrauter und Mädchen für alles. Und sogar so etwas wie ein Liebhaber. So etwas? Was das heißt, sehe sich jeder selbst im Kino an!

Michelle Williams ist nicht die Monroe. Doch es gelingt ihr mit herzerweichender, erschütternder Intensität, die komplizierte Persönlichkeit der Ikone spürbar werden zu lassen- und sogar jene geradezu überirdisch erscheinende Aura, von der die Monroe einst umstrahlt wurde. Michelle Williams imitiert die Monroe gelegentlich, wenn es gilt, die Film-im-Film-Ebene zu bedienen, und sie erforscht sie, da die Monroe fern des Schweinwerferlichts beobachtet wird. Da sind denn einige zarte Szenen entstanden, die in der Filmhistorie ihresgleichen suchen.

Hat sich die Episode damals wirklich so zugetragen? Der wirkliche Colin Clark behauptet es. Falls nicht, schwindelt er überaus geschickt, indem er sich keineswegs als makellosen Helden darstellt. Eddie Redmayne spielt ihn mit gehörigem Charme und dürfte mit dieser Rolle den Grundstein für eine solide Karriere legen. Einziges Ärgernis: der eitle Kenneth Branagh als eitler Laurence Olivier. Ihm wurden von Drehbuch und Regie ein paar Szenen zu viel eingeräumt, so dass die anfängliche Freude an der ironischen Zeichnung des eitlen Superstars von anno dunnemals (dessen „Hamlet“ noch heute magische Anziehungskraft verströmt!) irgendwann in Genervtsein umschlägt. Egal: Michelle Williams lässt einen diesen einen Einwand vergessen. Die Erinnerung an Marilyn Monroe  aber bekommt durch sie neue Leuchtkraft. Man verlässt das Kino und ist sich sicher: Wenn einmal nichts von der siebten Kunst übrig sein sollte, Marilyn Monroe wird bleiben.

Peter Claus

My Week With Marilyn, von Simon Curtis (England/ USA 2012)

Bilder: Ascot Elite

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Ausstellung „Berlin.Status“

Andrew Gilbert: Installation On White BG cosmic

Andrew Gilbert: Installation On White BG cosmic

Der unbedingte Wille zur Form

„Berlin.Status“ im Kreuzberger Künstlerhaus Bethanien bietet dem politkonzeptuellen Mainstream Paroli. Ein Präsentierteller unbekannter Genies ist die Schau nicht.

Nach dem Status Berlins zu fragen, gleicht dem Versuch, Bakterienkulturen mit dem Geodreieck zu vermessen. Schon zu Mauerzeiten war der Status von Berlin heikel. Nur auf dem Rücken der drei Westmächte stand der Vorposten der Freiheit so ehern. Und wer sich in diese Statue hineinwagte, verlor sich in einem Kosmos aus Paralleluniversen.

Man fragt sich also, was Christoph Tannert und Sven Drühl geritten haben mag, mit der Schau „Berlin.Status“ im Kreuzberger Künstlerhaus Bethanien noch einmal zu beweisen, dass an der Spree eine „Kunststadt ohne Konsens“ steht. Bewies doch selbst die missglückte Ausstellung „based in Berlin“ im vergangenen Sommer, dass es keinen „Berliner“ Stil, sondern nur ästhetische Individualisten gibt. Zum Rest des Beitrags »

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Edgar Reitz über die Zukunft des Kinos und das Gewinnstreben einer Branche, die mit Kunst nichts im Sinn hat…

© Edgar Reitz Filmproduktions GmbH

© Edgar Reitz Filmproduktions GmbH

Herr Reitz, Wahrnehmungskonventionen verändern sich, kulturell und auch  über Generationen. Jüngere Zuschauer wollen etwas anderes im Kino sehen als Ältere, was für Filme braucht das Kino? 

Wir wissen ja was da im Moment geboten wird. Nehmen wir die Computergames: Das ist eine Riesen-Industrie, die perfekt funktioniert! Aber bei diesem Thema halte ich mich nicht für kompetent. Wenn Sie mit mir sprechen, müssen Sie bedenken, dass ich die Dinge vom künstlerischen her sehe. Und das Besondere an jeglicher Kunst ist, dass sie sich den Standards widersetzt.

Was heißt das genau

Kunst will nicht dieses permanente Entwerten und diese permanente Vergänglichkeit aller Gefühle. Sie will dem entgegenwirken – will etwas Beständiges finden. Ich glaube, das wir das auch bei jungen Menschen heute finden, diese Suche nach etwas Beständigem in einer sehr unbeständigen Welt.

Und hat dann genau über diese Sehnsucht oder dieses Bedürfnis Kino als Ort auch eine neue  Chance?

Eine neue Chance, durchaus.

Inwieweit arbeiten Sie mit digitalen Techniken?

Ich arbeite neuerdings teilweise auch mit digitalen Systemen. Im Grunde ist die digitale Kamera ja auch eine Erweiterung  der Filmkamera, und der digitale Schnitt ist eine Weiterentwicklung des Filmschnitts. Aber ich verwende dieses verbesserte Werkzeug dazu, dem Leben auf der Spur zu sein, so wie es immer mein künstlerisches Bekenntnis war.

Warum passiert angesichts dieser vereinfachten und verbilligten Techniken der Bildnahme nicht mehr Positives, Experimentelles? Sie sagen an einer Stelle Ihrer Bücher die Dramaturgien wären so konventionell – die meisten  Filmszenen arbeiten immer auf Höhepunkte hin… oder nehmen wir Peter Greenaway, der das ganze System Kino von Grund auf kritisiert.

Aber diese Kritik von Greenaway richtet sich doch nicht gegen das Filmmaterial oder die Kameras oder die Techniken, die man verwendet, sondern die richtet sich gegen die Branche und gegen die Industrie! Zum Rest des Beitrags »

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Was lockt uns ins Kino?

Über die dunkle Höhle und ihre Geheimnisse…

Nicht nur bei großen Film-Festivals gibt es zu Beginn jeder Vorführung diesen magischen Moment, wenn die Saallichter ausgehen, der Vorhang sich hebt, das aufgeregte Stimmengewirr aufhört und die zappelnden Gliedmaßen zur Ruhe kommen. Entlastet von jeglicher Verpflichtung folgt der Zuschauer einem festgelegten Ritual, einer Art Licht-Liturgie, und er ist bereit sich für eine festgesetzte Zeit der einzigen Lichtquelle hinzugeben, die das Dunkel durchbricht. Kino garantiert den Raum einer unkontrollierten Haltung – unwillkürlich schiebt man sich tiefer in den Sitz – ohne soziale Beobachtung und schafft so die Voraussetzung für eine veränderte Wahrnehmung. Sobald der Film beginnt setzt ein komplizierter psychischer Prozess ein. Der Zuschauer gibt sich ein Stück weit auf und tritt in eine fremde, unbekannte Welt ein. Der Alltag mit all seinen Malaisen und Verpflichtungen wird für die Zeit der Kino-Session zurückgelassen, vergessen, verdrängt. An seine Stelle treten der Kontakt und die Konfrontation mit Geschichten und Gesichtern, die neu und unbekannt sind. Abgrenzung und Identifikation werden quasi therapeutisch-vergnüglich erlebt. Zum Rest des Beitrags »

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Nathalie küsst (ab 12. April)

Nathalie (Audrey Tautou) verliert Francois (Pio Marmai). Ein Unfall reißt ihn aus dem Leben. Die junge Frau ist verzweifelt. Erst lange, lange Zeit später, fühlt sie sich in der Lage, dem Werben eines Mannes (François Damiens) überhaupt nur Aufmerksamkeit zu schenken. Sie hat sogar den Mut zu einem ersten Schritt, einem Kuss. Die Folgen sind geradezu traumhaft schön. Doch ist dem Glück zu trauen?

Die Story ist klein, dünn, recht vorhersehbar – und zieht einen im Handumdrehen in den Bann. Das liegt vor allem an den beiden Hauptdarstellern. Audrey Tautou gibt der Nathalie mit vielen Höhen und Tiefen eine magische Aura, sorgt dabei mit ihrer darstellerischen Klasse dafür, dass sie nicht wie eine Märchenfigur anmutet. Auch François Damiens hat eine enorme Präsenz. Sein Markus ist absolut Durchschnitt mit Bauchansatz und Halbglatze. Doch Witz und Scharm, die allein schon aus den Augen sprühen, machen ihn zu etwas Besonderem. Beide zuzusehen, ist eine einzige Freude.
Die Brüder David und Stéphane Foenkinos stehen hinter dem Kino-Kleinod. David hat den Roman, der als Vorlage diente, geschrieben, hat ihn zusammen mit Stéphane auf die große Leinwand übertragen. Nach einem Kurzfilm geben die Zwei damit ihr Debüt als Regisseure eines abendfüllenden Spielfilms. Sie mögen offenkundig das klassische Erzählkino. Pure Effekthascherei bleibt aus. Es geht um die Erkundung von Seelenlandschaften. Dabei wird nicht gegrübelt, sondern selbst Schweres geradezu leichtfüßig beleuchtet. Wobei eine sensible Farbdramaturgie dafür sorgt, dass die jeweiligen Stimmungszustände der Protagonisten auch optisch erfahrbar sind. Der raffinierte Einsatz für Musik, Songs inklusive, sorgt zudem für manche Überraschung. Da muten dann sogar abgegriffene Stereotypen, wie der Eiffelturm als  d a s  Symbol für Paris als Stadt der Liebe originell an.
Die Komödie mit melancholischem Grundton hat einen sehr eigenen Charme, dem sich wohl nur verdammt hartgesottene Naturen entziehen können. Allen, die kluge Unterhaltung mögen, kann man den Film nur empfehlen.

Peter Claus

Nathalie küsst, von David & Stéphane Foenkinos (Frankreich 2011)

Bilder: Concorde

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Monsieur Lazhar (ab 12. April)

Der Algerier Bachir Lazhar (Fellag) hofft in Kanada auf politisches Asyl. Einen Job als Lehrer ergattert er schon mal. Doch das ist ein besonderer Job. Seine Vorgängerin hat sich nämlich per Suizid aus dem Leben genommen. Die Klasse ist geschockt, ja, traumatisiert. Der Zugang zu den Kindern ist also besonders schwer herzustellen. Doch Bachir hat langsam Erfolg. Den Elf-/Zwölfjährigen geht es mit der Zeit besser. Aber er selbst? Niemand ahnt, welche inneren Kämpfe er auszustehen hat. Wird er sich selbst helfen können?

Der in diesem Jahr für den „Oscar“ nominierte Film von Regisseur Philippe Falardeau basiert auf einem Theaterstück. Das ist gelegentlich zu spüren, was der Qualität keinen Abbruch tut. Diese Qualität resultiert insbesondere aus dem intelligenten Nachdenken über Probleme des Mit- und Gegeneinanders verschiedener Kulturen. Was mit großen Emotionen aufgeladen ist. Die Bildsprache ist dabei angenehm zurückhaltend, fast sachlich. So wird ein Abdriften in Gefilde des Kitsches vermieden. Wozu auch sämtliche Darsteller beitragen. Und: es wabert keine billige Musiksauce, die das Publikum unentwegt einlullen soll. Höchst angenehm! Schön auch die leise Ironie. Da gibt es zum Beispiel die Lehrerin Claire (Brigitte Poupart). Sie möchte, dass Monsieur Lazhar von seiner Vergangenheit berichtet, meint es nur freundlich, und merkt nicht, wie gutmenschelnd falsch ihre Zuwendung anmutet.

Schärfe erreicht der Film, wenn er sich mit dem Behördenalltag auseinandersetzt. Bachir  muss erleben, dass ihm das Faktum einer politischen Verfolgung abgestritten wird. Wie er dabei um Fassung, um Worte und um Haltung ringt, macht einem beklemmend klar, was es bedeuten kann, wenn man anonymen Vertretern der Demokratie, die „doch nichts als die Arbeit machen“ ausgeliefert ist. Selten gelingt es Kunst, die Verlorenheit eines Fremden derart intensiv darzustellen. Großes Kino!

Peter Claus

Monsieur Lazhar, von Philippe Falardeau (Kanada 2011)

Bilder: Arsenal

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Martha Marcy May Marlene (ab 12. April)

Martha (Elizabeth Olsen) ist einer Sekte entkommen. Im Landhaus ihrer älteren Schwester Lucy (Sarah Paulson) will sie zur Ruhe kommen. Doch das gelingt nicht. Ängste und Erinnerungen treiben sie in den Wahn. Rettung erscheint unmöglich!

Noch ein Horrorstück der üblichen Art? Nein. Drehbuch- und Regie-Debütant Sean Durkin gelang ein außergewöhnlicher Thriller höchst kunstvoller Art, der sich weit aus dem Durchschnitt heraushebt. Sean Durkin versteht es überaus raffiniert, Spannung aufzubauen, zu halten und permanent zu steigern. Dabei arbeitet er überwiegend überaus subtil. Der Einbruch des Irrealen in ein scheinbar ganz gewöhnliches bürgerliches Umfeld wird geradezu greifbar. Die kluge Mischung aus bedrohlich-ruhigen Bildern und oft surreal anmutenden Klang-Collagen erweist sich dabei als sehr effektvoll. Dazu sorgt die elegante Verquickung von Gegenwart und Vergangenheit, Erinnertem und Eingebildetem, für Spannung pur. Hauptdarstellerin Elizabeth Olsen agiert mit traumwandlerischer Sicherheit. Zu Recht wird sie in den USA als  die  Schauspiel-Entdeckung des letzten Jahres gehandelt.

Zu all diesen Qualitäten kommt als Entscheidendes hinzu: Der Film setzt sich durchaus ernsthaft mit gängigem Sekten-Unwesen auseinander und nutzt diese Ebene zudem dazu, über den gegenwärtigen (Geistes-)Zustand der US-Gesellschaft nachzudenken. Das geschieht tatsächlich dezent, so dass sich Freunde puren Schock-Vergnügens nicht bedrängt fühlen müssen. Doch wer das Kino auch ein wenig nachdenklich verlassen möchte, wird gut bedient.

Peter Claus

Martha Marcy May Marlene, von Sean Durkin (USA 2011)

Bilder: Fox

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Abschied vom Retrorealismus (6. Bundeskongress BkF)


Ein Ausflug zum retrorealistischen Canyon und Vorschlag an die Kommunalen Kinos

6. Bundeskongress des Bundesverbandes für kommunale Filmarbeit

Grenzüberschreitungen - Neue europäische Netzwerke, digitale Vertriebswege und intermediale Communities (19. – 21. November 2010, Hamburg)

Ein Grußwort

von Robert Bramkamp

Sehr geehrter Staatsrat Dr. Hill, liebe Frau Bienenfeld, liebe Kinobetreiber und Kinobetreiberinnen, Filmfreunde, sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte mich vorab bedanken für zwei Hinweise, die Herr Staatsrat Dr. Hill in seinem Grußwort gegeben hat und die ins Zentrum dessen führen, worüber ich in meiner „Carte Blanche“ sprechen möchte.

Da ist zum einen das Problem des Generationswechsels, der für einen Blick auf die möglichen Zukünfte des Kinos ganz entscheidend ist, und zum anderen die Frage, wie man mit dem archivierbaren Erbe umgeht und wie man es digitalisieren kann. Zu diesen Fragestellungen hat es im Jahr 2010 eine erneute Kooperation der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HfbK) und dem Metropoliskino/Kinemathek Hamburg gegeben, bei der wir die fast neuwertig in Hamburg liegende 35mm-Kopie von DER TOD DES EMPEDOKLES auf der Riesenleinwand gesehen und dann mit dem in Hamburg technisch bestmöglich digitalisierten Counterpart verglichen haben. Zum Rest des Beitrags »

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Jäger und Sammler

Zieh doch endlich irgendwas an, ist doch voll dein Kleiderschrank, nörgelte er und guckte streng auf die Uhr. Ich guckte traurig in den Schrank. Stimmt, er war ziemlich voll. Stellenweise mit leichter Tendenz zur Unübersichtlichkeit. Zum Anziehen fand ich trotzdem nichts. Ein voller Kleiderschrank bedeutet nicht zwangsläufig ein volles verfügbares Konfektionslager.

Ich kann nämlich nichts wegwerfen. Keine Blusen aus der vorvorletzten Saison, keine Röcke, die mir je nach aktuellem Diäterfolg entweder zu weit oder zu eng sind und wenn ich wirklich mal ein paar Schuhe mit gerissenen Riemchen zur Mülltonne trage, blutet mir das Herz. In meinen Beständen finden sich gestreifte Hosen mit weitem Schlag als der Marlene-Stil mal wieder in war, ein zehn Jahre altes langes Schlauchkleid in Hahnentrittmuster, ungefähr sieben ausgemusterte alte Handtaschen, ein bodenlanger schwerer grauer Mantel, in dem ich von Weitem Lenins Ehefrau Nadeshda Krupskaja ähnelte und sogar ein T-Shirt-Body mit Strass-Besatz aus den 90ern. Aus der Zeit, als keine progressive Frau ohne dynamisch um den Hals gewickeltes Tuch (im Palästinenser-Muster, gebatikt oder seidengemalt) zur wöchentlichen Yoga-Runde ging, hüte ich eine umfangreiche Sammlung. Haushalts-expertinnen raten ja zur radikalen jährlichen Ausmusterung. Ich bring das nicht fertig. Keine Ahnung warum. Zum Rest des Beitrags »

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TITANIC 3D (James Cameron)

oder: Wie das Raumkino zur Opernbühne wird, und was Liebe und Schiffbruch zur Amerikanisierung der Welt beitragen

Was ich schon immer wissen wollte: Ob man eine Liebesgeschichte eigentlich in 3-D erzählen kann. Bislang nämlich hat sich die räumliche Öffnung des Kinos perfekt für Ländereien, Architekturen und Schlachten bewährt, für das Errichten phantastischer Parallelwelten und die Kreation bizarrer Mischwesen, die den Zuschauer anspringen, um ihn zu verschlingen. Gewiss gibt es auch eine zartere kinematografische Gestaltung der neuen digitalen Räumlichkeit, in der Poesie der Wassertropfen, der Feuerfunken, der Staubpartikel. Auch tänzerische Choreographien und sportliche Betätigungen bieten sich der Veräumlichung an. Wenn es indes um Menschen und ihre Beziehungen geht, dann würde man doch am liebsten die Polarisationsbrille abnehmen. Aber dann verschwimmen die Menschen auf der Leinwand oder auf dem Bildschirm. Sie finden im Raum, so scheint es, aneinander keinen Halt.

Der Verdacht liegt nahe: Die Liebe ist zweidimensional. Der Raum ist für Maschinen, Massen und Gemetzel. Die Liebenden finden sich nicht im Raum, sondern indem sie diesen negieren. Sie werden zum Tafelbild ihres Begehrens, sie dürfen der Welt nur eine Projektion ihres Glücks zeigen, denn im Räumlichen droht ja alles, noch dahinter zu sehen, oder „einzudringen“. Skulpturen zeigen Helden oder Katastrophen. Aber keine Liebe. Die Teilhabe ist eine andere: Liebende sind Menschen, die die Kunst beherrschen, sich der Welt zu zeigen und sie zugleich auszuschließen. Man darf weder auf die Weise „dabeisein“, wie es die Verräumlichung (als letzte Attacke auf die Privatsphäre vielleicht) verspricht, noch auf die Rückseite gelangen. Zum Rest des Beitrags »

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Der letzte Untergang: ZDF Mehrteiler „Titanic“

Schiffbruch mit Zuschauer, oder: Wie sich das Fernsehen den Untergang der Titanic aneignet

In seiner „Metapherologie“ unterscheidet Hans Blumenberg drei Arten von Metaphern: Die erste dient der Ausschmückung, die zweite entsteht aus Unklarheit, die dritte Form aber nennt er die „absolute Metapher“. Sie enthält mehr als ihr Ausgangsmaterial, und sie verweigert die Rückführung auf rationalen Diskurs und bloße Tatsachen. Das Modell einer absoluten Metapher ist in Blumenbergs Denken der Schiffbruch, ein grandioses Scheitern auf einer „Schifffahrt des Lebens“, von den Mythen der Frühantike bis in die Gegenwart, da man ihn sowohl als erschöpfte Metapher als auch als Metapher der Erschöpfung ansehen kann. Wie ein ermattetes Untier liegt die Costa Concordia am Strand, deren Kapitän als einer der ersten von Bord gegangen ist. Kaum besser ließe sich Blumenbergs Theorie vom Paradigmenwechsel der absoluten Metaphern in der Geschichte illustrieren. Selbst vom Schiffbruch als größter Metapher des Scheiterns blieb nur eine traurige Farce. Zum Rest des Beitrags »

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Und wenn wir alle zusammenziehen? (Stéphane Robelin)

Das Kino entdeckt die Alten. Klar: Sie machen einen Großteil der potentiellen Kundschaft aus. Und nicht wenige von ihnen sind alles andere als knapp bei Kasse. Allerdings: Die guten Filme zum Thema Altwerden sind für ein junges Publikum genauso attraktiv. Schließlich stellt sich die Frage, wie die späten Jahre leicht und unbeschwert zu bewältigen sind, jeder und jedem. Und genau darum geht’s in diesem Fall. Stichwort: Wohngemeinschaft. Viele träumen davon. Nicht selten wird daraus ein Alptraum. Aber mit Witz und Charme kann es klappen, wie in dieser wohl temperierten Komödie.

In „The Best Exotic Marigold Hotel“ zog es eine Handvoll Privatiers ins ferne Indien. Die Ehepaare Jeanne (Jane Fonda) und Albert (Pierre Richard), Annie (Geraldine Chaplin) und Jean (Guy Bedos) und dazu Witwer Claude (Claude Rich), Freunde seit Jahrzehnten, bleiben in Frankreich. Wozu in die Ferne schweifen? Probleme gibt’s auch hier genug! Die werden heftig, als Claude von seiner Familie in ein Heim abgeschoben werden soll. Seine Freunde verhindern das. Annie und Jean nehmen ihn auf. Was Jeanne und Albert auf den Plan ruft. Tatkräftig gehen sie die WG-Gründung an. Der junge Deutsche Dirk (Daniel Brühl), der das Projekt zunächst allein mit akademischem Interesse für sein Soziologiestudium begleitet, wird mehr und mehr zum „Mädchen für alles“. So leicht, wie das Vorhaben zunächst in die Tat umgesetzt werden kann, so beschwerlich jedoch ist der Weg zu einem wirklich harmonischen Miteinander. Vergesslichkeiten, Zipperlein und ernsthafte Erkrankungen, auch Missgunst und Eifersüchteleien, über Jahrzehnte in aller Freundschaft versteckt, brechen sich Bahn. Dirk muss die Ärmel kräftig hochkrempeln. Das Quintett ist gezwungen, Leben neu zu lernen.

Als erstes locken die berühmten Schauspieler ins Kino. Absolut zurückhaltend agierend, gelingt es den Stars, ernst zu nehmende Charakterstudien zu entwickeln. Natürlich: Die Geschichte wird komödiantisch erzählt, geht nicht immer in die Tiefe. Doch blanke Oberflächlichkeit wird durch die Akteure verhindert. Regisseur Stephane Robelin hat die Sechs klug und sensibel geführt und mit ihnen das von ihm selbst geschriebene Drehbuch nahezu perfekt umgesetzt. Die an emotionalen Momenten reiche Geschichte wird angenehm unaufgeregt und betont langsam erzählt, was aber nie in Langeweile abgleitet. Ob Liebesleid und -lust oder Krankheit und Tod – viele Aspekte des Daseins, die bekanntlich völlig altersunabhängig sind, werden warmherzig aber fern von Kitsch und mit Lust am Fabulieren ohne Kalauer beleuchtet. Das Schönste daran ist, dass kein Moment lächerlich wirkt, in keinem Augenblick eine der Figuren denunziert wird. Dabei gibt es jede Menge zu lachen. Dazu reizt vor allem der von Pierre Richard mit launiger Tapsigkeit gespielte Albert, der gern mal dieses vergisst und jenes nicht wahr haben will, vor allem nicht das Alter.

Im Kreis der internationalen Berühmtheiten behauptet sich Daniel Brühl nicht nur tapfer, er bietet sogar eine seiner bisher reifsten Darstellungen. Auch er spielt erfrischend zurückhaltend und durchweg mit Augenzwinkern. In einigen sehr verhaltenen, melancholisch angehauchten Szenen mit Jane Fonda gelingt es ihm, den jungen Mann zur Schlüsselfigur der Geschichte reifen zu lassen. Diese wird dadurch nicht nur für schon ältere Kinobesucher interessant und spannend. Die Auseinandersetzung mit der Frage, wie es sich einrichten lässt, dass auch die späten Jahre glückliche werden können, sollte schließlich immer möglichst früh beginnen. An einem lässt der Film diesbezüglich keine Zweifel: wichtigste Voraussetzung für gutes Gelingen ist der Mut zur Selbstironie. Da können sich wohl die meisten von uns von den Protagonisten einiges abgucken.

Peter Claus

Und wenn wir alle zusammenziehen?, von Stéphane Robelin (Frankreich/ Deutschland 2012)

Bilder: Pandora

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The Lady (Luc Besson)

Schon „J. Edgar“ und „The Iron Lady“ irritierten, wenn sie nicht gar verärgerten, damit, dass sie Abziehbilder vom Leben berühmter Personen lieferten, ohne sich wirklich um deren (verheerendes) politisches Wirken zu kümmern. Nun also ein Film um Aung San Suu Kyi aus Burma (heute: Myanmar), Gallionsfigur aller Freiheitsliebenden, nicht nur in Asien. Und auch diesmal: Zeitgeschichte schrumpft zu blasser Illustration. Im Vordergrund: Herz-Schmerz, der gelegentlich gar in Kitsch versinkt.

Der Film blickt zunächst ein Vierteljahrhundert zurück: in England leben Aung San Suu Kyi (Michelle Yeoh), ihr Gatte, der Wissenschaftler Michael Aris (David Thewlis), mit den beiden Söhnen in Harmonie. Als die Mutter der jungen Frau auf Grund gesundheitlicher Probleme Hilfe braucht, zieht die Familie nach Burma, ein von politischen Unruhen heimgesuchtes Land. Von Oppositionellen gedrängt, übernimmt Aung San Suu Kyi den Vorsitz der National League for Democracy. Gebeten wird ausgerechnet sie, weil ihr Vater, ein 1947 ermordeter Vorkämpfer der Demokratie, so etwas wie ein Volksheld ist, und sich darum die Verehrung von ihm auch auf die Tochter und damit die Partei übertragen könnte. Aung San Suu Kyi gewinnt die anstehende Wahl. Doch das Militär spielt nicht mit, verhängt einen Arrest über sie und verbietet sogar den Kontakt zu den ihren. Michael, der Brite, versucht, in Europa Hilfe zu organisieren. Ausgang ungewiss.

Der Filmtitel, „The Lady“, übernimmt den Ehrentitel, den die Bevölkerung in Burma Aung San Suu Kyi gegeben hat. Das Bio-Pic über die burmesische Friedensnobelpreisträgerin aber interessiert sich dafür und für den Grund der Verehrung nur am Rande. Regisseur Luc Besson, bekannt als Mann für Actionknaller der gehobenen Art, blickt dafür umso länger auf die Liebes- und Familien-Geschichte. Er tut’s sehr lang, und leider auch sehr gefühlsduselig.

Waren es schon bei „J. Edgar“ und „The Iron Lady“ die Schauspieler, die einen halbwegs versöhnten, ist es auch diesmal so. Michelle Yeoh aus Malaysia fesselt mit einem starken, viele Nuancen bietenden Porträt. Sie war auch in der Vorbereitung die treibende Kraft, holte den Regisseur an Bord, sorgte für Geld. Der Film ist ihr also offenbar ein Anliegen. Schade, dass sie dabei nicht darauf geachtet hat, dass mehr als eine Schmonzette entsteht. Der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi wird der Film in keinem Moment gerecht. Michelle Yeoh aber beeindruckt, und das insbesondere in den Szenen, da sie unaufdringlich zugleich die Kraft und die Ohnmacht von Aung San Suu Kyi zeigt. David Thewlis harmoniert bestens mit ihr. Auch er zeigt keinen pappigen Helden, sondern einen Menschen mit Ecken und Kanten, lebensprall und authentisch anmutend.

Freunde exzellenter Schauspielkunst werden gut bedient, politisch interessierte Filmfans nicht. Schade, dass der Gesamteindruck darum recht zwiespältig ausfällt.

Peter Claus

The Lady, von Luc Besson (Frankreich/ Großbritannien 2011)

Bilder: Universum (Walt Disney)

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The sad story behind Douglas Fairbanks’ classic travelogue movie

Aging in Angkor

“Around the World in 80 Minutes” that led him to Cambodia in 1931

By Michael Scholten

In 1939, when World War II broke out, Victor Fleming directed two of the most popular movies in cinema history: The Wizard of Oz and Gone With the Wind. Just a few movie buffs know that Fleming spent a professional visit to Angkor Wat eight years before his final breakthrough. In those days he was travelling with Douglas Fairbanks, who contracted his friend and mentor Victor Fleming to direct the travelogue Around the World in 80 Minutes.

1931 was a changing point in Flemings’ and Fairbanks’ lives. While the golden years of the director were yet to come, the ultimate star of the silent movie era was facing the rapid decline of his career with the advent of the talking pictures. Therefore the all boy tour to Cambodia and other Asian countries was not just a business trip, it was a desperate escape from Hollywood and a disloyal cinema audience.

Victor Fleming, a mechanic and race-car driver, entered the film business as stuntman in 1910. In World War I he served in the photographic section of the US Army and became the personal cameraman for President Woodrow Wilson at the post-war Versailles Peace Conference. Back to Hollywood, he rose to the rank of a cinematographer, working with director D.W. Griffith on Intolerance (1916) and later directing the greatest action and comedy stars of the silent cinema era, among them Douglas Fairbanks.

“The King of Hollywood” was best known for his funny characters in silent films. His remarkable athletic abilities would gain wide attention among a worldwide audience. To avoid being controlled by the Hollywood studio system and to protect their independence, Douglas Fairbanks, his future wife Mary Pickford, their best friend Charlie Chaplin and director D.W. Griffith formed their own company United Artists in 1919, which gave them complete artistic control over their films and the profits generated. United Artists was kept solvent immediately after its formation largely from the success of Fairbanks’ films, many of them directed by Victor Fleming. When “Everybody’s Hero” Fairbanks married “America’s Sweetheart” Pickford in 1920, the crowds went wild about the movie industry’s first celebrity couple, who made their European honeymoon and their life at a luxurious Beverly Hills estate called Pickfair public.

Fairbanks staged a new type of adventure-costume picture and became famous for his swashbuckling roles in box office hits such as The Mark of Zorro (1920), The Three Musketeers (1921), Robin Hood (1922), The Thief of Bagdad (1924), the first full-length Technicolor film The Black Pirate (1926) and The Gaucho (1927).

There was no bigger star in Hollywood than Douglas Fairbanks. During the first ceremony of its type, he and Mary Pickford placed their hand and foot prints in wet cement at the newly opened Grauman’s Chinese Theatre on Hollywood Boulevard in 1927. In the same year Fairbanks was a founding member of the Academy of Motion Picture Arts and Sciences, serving as its first president and hosting the first award ceremony at the Roosevelt Hotel.

Could anything stop this amazing success story? Yes, the introduction of talking pictures did within less than two years. Fairbanks’ last silent film was The Iron Mask (1929), which included an introductory prologue spoken by Fairbanks. The hero D’Artagnan gave this speech and – as no other of Fairbanks’ former heroes – died in the end. The “King of Hollywood” was waving good-bye to silent pictures.

Fairbanks did not share the fate of many other actors, who had to retire immediately because of a bad voice or a foreign accent. Fairbanks had a trained voice from his early years on theater stages. However, the technical restrictions of early sound films dulled his enthusiasm. Zum Rest des Beitrags »

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Die Tribute von Panem – Tödliche Spiele (Gary Ross)

Die Teenies im Freundeskreis, durchweg lesehungrige kluge junge Leute, die „Harry Potter“ mit Sympathie und den „Biss…“-Vampiren mit Ironie begegnet sind, kreischen angesichts dieses Spektakels vor Begeisterung und rennen mehrfach ins Kino. Also bin ich mitgerannt – und staune: Das Fantasy-Abenteuer erweist sich als äußerst düsterer Blick in eine mögliche Zukunft und damit in unsere Gegenwart. Nichts da von weltfremdem Trallala, knallhart geht’s zu.

Gezeigt wird eine kaputte Welt. Zerbrochen sind nicht allein, wie schon heute, die alten Wertvorstellungen, nein, die materielle Welt ist am Bröckeln. Naturkatastrophen haben die Menschheit in die Schranken verwiesen. Im Land Panem herrscht nun aber nicht schlichte Menschlichkeit, sondern das Geld. Das regiert im sogenannten Kapitol. In zwölf Distrikten leben die, die vom Kapitol aus ausgesaugt werden. Was zu Aufständen geführt hat, die brutal zerschlagen worden sind. Nicht genug damit, fordert der Präsident (Donald Sutherland) aus Rache alljährlich einen Tribut: pro Distrikt müssen ein Junge und ein Mädchen im schönsten Jugendalter entsandt werden, die dann in einem inszenierten Medien-„Spiel“ gegeneinander antreten, einem „Spiel“ auf Leben und Tod. Als Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) und Peeta Mellark (Josh Hutcherson) von Haymitch Abernathy (Woody Harrelson) auf ihre Einsätze vorbereitet werden, beginnt ein Kampf gegen die Allmacht des Bösen. Es sieht lange nicht so aus, als gäb’s dabei für die jungen Leute auch nur die kleinste Chance auf einen Sieg.

Für Spannung also ist gesorgt. Das aber wird im Verlauf des Geschehens fast nebensächlich. Regisseur Gary Ross und seine beiden Drehbuchmitautoren haben die Bestseller-Adaption entsprechend der Vorlage ganz auf gesellschaftskritische Fragestellungen ausgerichtet. Der Gedankenreichtum ist höchst publikumswirksam verpackt. Gebildete Zuschauer haben sofort viele Assoziationen, die über das Unvorstellbare in den deutschen Konzentrationslagern der Nazis bis zurück zum Gladiatoren-Horror im Alten Rom reichen, die aber auch heutige Schauplätze des Schreckens in unserer Welt einbeziehen.

Naive Zuschauer werden spätestens dann hellwach, wenn die blutigen Spiele ins Zentrum rücken – klare Weiterentwicklungen von gegenwärtigem TV-Müll wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Dschungelcamp“. Nicht nur erinnert der eklig-salbungsvolle Moderator Caesar (Stanley Tucci) an Typen, die Fernsehkonsumenten bis zum Erbrechen kennen. Wichtiger: Es wird ohne vordergründiges Draufherumreiten deutlich, dass hier Menschen verheizt werden, um Geld zu machen – via Massenvermarktung des Schreckens als Show. Klar wird auch: diverse sogenannte „soziale“ Netzwerke im Internet sind bereits Vorstufen derartigen Übels. Das ist harte Kost. Mit überraschender Wirkung, die ich, natürlich absolut nicht repräsentativ, bei einzelnen jungen Kino-Fans beobachten konnte: Sie haben ihre Netzwerk-Konten im Internet abgemeldet und gehen auf Emanzipationskurs in Sachen Kommunikation. Bleibt zu hoffen, dass dies Schule macht – und dass die zwei noch folgenden Teile der Trilogie die gleiche Klasse haben wie dieser erste.

Peter Claus

Die Tribute von Panem – Tödliche Spiele, von Gary Ross (USA 2012)

Bilder: Studiocanal

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