BÜCHERBRIEF AN IRMGARD | 

liebe irmgard,

du hast recht, das ist einigen aufgefallen, anrufe, mails, auch buchhändler darunter und leute aus verlagen, paar mit leicht hämischem unterton oder empört: hast du gesehen, wie das neue buch von der heidenreich heißt? als hätte die mir den titel ans bein gepinkelt, und jetzt warten sie gespannt, wie ich reagiere. als gäbs das nicht oft: ähnliche titel. und nner in wintermänteln‘ ist elf jahre her, (wenn auch noch zu haben), der verlag klein: warum also nicht eine variation davon auf den markt werfen. außerdem: kamelhaarmäntel, das hat, anders als wintermäntel, eben nicht das, worum es mir ging, in diesem sortenreinen beige ist nichts bergendes, nicht diese vieldeutigkeit, dieses himmelreich an vorstellungen und widersprüchen. ein kamelhaarmantel weist zurück in die fünfziger jahre (wie in ferrantes ‚lästiger liebe‘, da kommt auch so ein teil aus eben jener zeit vor), verweist auf mode: und das genau wollte sie. allerdings: heidenreich und schreiben: mündlich ist sie besser, im reden drauflos: wenn das dann diesem plaudern nachempfunden dasteht, so als ob flott gesprochen, dann zerfällt es in füllsel und nette belanglosigkeiten, die dennoch so tun, als ginge es um die welt. und immer ein bißchen zu viel, zu weit hergeholt, zu harmlos, kaffeeplausch eben, auch wenn mitunter was wahres und gutes neben der tasse liegt. meist hat das mit verlorenheit zu tun, mit der frage danach, wer wir sind. ich hab nichts gegen ihr buch, das nette, das gefällige: kann man alles machen. was mich eher stört, sind die namen über namen, die sie ständig ins spiel bringt, oft nur als aufzählung und meist schriftsteller, man muß doch zeigen, wen man gelesen hat, oder, sartre, camus, beckett, goethe und kafka, nietzsche natürlich, benn und balzac. und dann die musiker, die maler, die heutigen stars, so schnell kommst du nicht hinterher, wie die berühmtheiten da auf die seiten purzeln, 100, 150, 200: und (wie tschick lässig sagt) ohne sinn.

telefon ist dazwischen gegrätscht, wunderbarerweise mit dem einsetzen des schneefalls: manchmal stimmen die dinge sich ab. und manchmal muß man, auch wenn man nicht reden will mit dem, der anruft, trotzdem ans telefon gehn. die einsamkeit anderer setzt das eigene interesse schachmatt. grete vermißt, sagt sie, nicht zum ersten mal, ihre früheren liebhaber, den persischen mit den langen haaren und den schwarzen, den sie gehabt hat vor 20 jahren. da konnte man das noch sagen, sagt sie: schwarzer liebhaber, und sie sagt, da gabs noch keine probleme mit flüchtlingen, schwarz oder nicht oder indisch gestreift, die gehörten dazu, nicht wie jetzt, sagt sie, wo sie gleich mit dem messer vor dir stehn, weißt schon, was ich meine. seit einer sie vom rad gestoßen hat, seit ein anderer sie an der supermarktkasse wüst beschimpft hat, weicht sie allem aus, was dunkel ist und bärtig, und flüchtet, wie so viele, die mit dem, was ist, nicht zurechtkommen, in das, was war. wir waren, sagt sie, ohne angst damals, wir waren neugierig, uns haben grenzen nicht gekümmert. warum kümmern sie uns jetzt. religion, sagt sie, das gabs damals nicht, das waren alles politische, sagt sie, und mit mugabe bin ich durch die straßen von kassel gelaufen, arm in arm mit ihm und nkomo. den hat er, sagt sie, später dann umgebracht oder umbringen lassen, aber das wußte ich damals doch nicht, war ja noch in der schule.

und während die welt weiter verrückt spielt und tatsächlich verrückter wird, wächst die harmoniesucht ins pathologische bei denen, die schon immer den genauen blick gescheut haben, der ihnen kröten entdecken könnte oder stinkendes elend. zeig ihnen, was wo im argen liegt: und du kriegst eins übergebraten: sie wollen nicht wissen, was los ist, sie wollen lieber ruhig schlafen: das kostet inzwischen viel verdrängunsarbeit. die wiederum strengt an: und das macht rechtschaffen müde. falls das nicht hinhaut, sollten sies vielleicht mit dem schreiben versuchen, so, wie es für meg wolitzer funktioniert: die hält sich damit, schreibt sie, „die sorgen der welt vom leib“. während andere, wie sadie smith, dieses werkzeug gerade dazu benutzen, in den wunden herumzustochern, auf der suche nach dem, was sie verursacht hat. menschen sind unterschiedlich, autorinnen erst recht. und ihre gründe zu schreiben sowieso. interessant wirds, wenn unter den autorinnen paar wirkliche schriftstellerinnen sind, wie im ’schreibtisch mit aussicht‘: allerdings: was der untertitel (’schriftstellerinnen über ihr schreiben‘) suggeriert, lösen die zusammengesammelten (und in der mehrzahl vor jahren verfaßten) beiträge nur zum geringen teil ein: viel mehr als ums schreiben geht es in den meisten fällen um die person, die schreibt. seht her, ich bins. nicht immer uninteressant. aber woran liegt es, daß bei den amerikanerinnen, wenn sie ‚ich‘ sagen, dieses ‚ich‘ nicht unbedingt und ausschließlich ihr persönliches ist, nicht ihr eigentum: sondern exemplarisch, stellvertretend für andere, selbst dann noch, wenn sie sich die fusseln von der seele zupfen. ihre selbstentblößung hat etwas souveränes. und klingt nicht nach nabelschau und achselschweiß wie bei den deutschen autorinnen, die so in sich vertieft sind und mit sich beschäftigt, daß es ‚die anderen‘ für sie gar nicht gibt: ihre sätze brummen um ihr häufchen ‚ich‘ wie ein fliegenschwarm um …, nun ja.

früher hab ich viel highsmith gelesen, englisch, deutsch, egal: was ich zuerst in die finger gekriegt hab, ‚tiefe wasser‘ war grandios und der ’schrei der eule‘ und später die ‚leute, die an die türen klopfen‘. und daß sie die mörder, mit den besseren argumenten auf ihrer seite, davonkommen ließ, mord war rache an erlittenem übel, und tiere die am meisten leidtragenden; klar, hat sie die ‚tapferste ratte von venedig‘ ebenfalls rache nehmen lassen an der verhaßten menschenbrut. gabs damals nicht so häufig in der literatur, daß denen in der dunkelheit und im dreck das wort geredet wurde. die frühen stories von ihr sind jetzt nelkenbestreut (oder sollen das doch rote rosen sein auf dem umschlag) zu haben, die, die ich schon kannte, sind nach wie vor gut, die fünf bislang unveröffentlichten spielen (bis auf eine ausnahme) in der gleichen liga. was mir jetzt erst aufgefallen ist: ihre ähnlichkeit, obwohl sie nicht viel mit ihm zu tun hat, mit dem hochgeschätzten ray bradbury, mit der atmosphäre seiner geschichten voller süßigkeiten (bei highsmith haufenweise) und jahrmärkte und licht auf den bäumen (und bei highsmith das viele gelb, sei es ein linoleumboden, ein stift, eine primel, verbrannte felder oder die schalen der zitronenschnitze für die drinks an der bar: die seiten sind gebadet in gelb). das aroma einer zeit, als die zukunft zwar schrecken verhieß, aber von einer gegenwart, die handfest und verläßlich genug war, noch auf distanz gehalten wurde. das bedrohliche übermorgen betraf die leute von damals nicht: es würde erst jene betreffen, die lange nach ihnen kommen würden und die zu weit weg waren, ihrem gefühl zu fern, um mitleid mit ihnen zu haben. mitleid ist für highsmith eh kaum von belang, eine (wie es der leiter der letzten documenta ausgedrückt hätte) leere kategorie, mit der liebe hat sie ihre liebe not, und hoffnung wird bei ihr schneller ranzig als frittenfett. und wenn es drauf ankäme, hat sie mal verlautbaren lassen, würde sie eher eine katze retten als einen menschen. mit dieser haltung derart weitreichende literatur hervorzubringen, feinnervig und voltenschlagend: kniefall.

eins hab ich noch für dich, irmgard, ein richtiges pfundsstück, ein wahres trumm von buch, eine art adventskalender fürs ganze jahr, heißt: mit so vielen türchen, wie das jahr tage hat. das schaltjahr: denn der 29. februar ist mitbedacht. und jeden tag findest du was neues vor, überraschungen von allen möglichen schriftstellern, denkern, musikern und anderen künstlern (dir muß ich ja nicht kommen von wegen geschlechtsgerechter endung: der krampf, der da gerade überall veranstaltet wird mit der hoheitsvollen pause, bevor ein habt ihrs auch gehört – ‚innennachgeschoben wird: und warum sollte es von belang sein, wie künstler oder handwerker innen sind im gegensatz zu außen), klar durchdachtes und rüdes und poetisches und leidvolles und angriffslustiges. durch die jahrhunderte, vom 12. oktober 1492 bis 20. dezember 2007: ein sklavenmarkt in sansibar, die französische revolution, ein spaghetti-wettessen in neapel, die cholera in wien, zahlreiche sonnenauf-und-untergänge, hinrichtungen, scotts südpolarexpedition, die pest in london, dreharbeiten, verkorkste selbstmorde und gelungene (aus der sicht anderer), die besteigung des chimborazo, träume von adorno, elsa morante, silvia plath und richard wagner (der hat in der nacht zum 3. juni 1879 geträumt, daß ihn jüdinnen verhöhnen). was an diesem tagebuch der tagebücher eine zusätzliche glanzleistung ist: das umfangreiche register sowohl der autoren (nebst kurzbiographie) als auch der quellen, du kommst, wenn du an einem namen einen narren gefressen hast, ganz schnell an all seine anderen einträge, oder du besorgst dir gleich das journal, aus dem sie stammen. klar, vermiss ich paar größen, kaschnitz und handke, cioran, den richtigen walser, robert, anstelle des dümpelnden lehrers, du wirst andre vermissen. dafür erfährst du, was eine gebetspfeife ist (lies mal den eintrag von h. l. mencken am 12. juni 1934: du wirst dich wundern), lernst neue wörter kennen (oder wußtest du, was ‚minet machen‘ ist?) und mehr: gottfried benn erachtet das geld als „edelste triebfeder des menschen“ und glaubt, an einem anderen tag, nicht an erklärungen. virginia woolf hat mit lytton strachey über katzenklos und selbstbefleckung diskutiert, paul bowles war vom verhalten einer spinne verwirrt, lichtenberg stellte „starke veränderungen“ in seinem zahn fest, eleanor coppola kommt auf 27 badezimmer (wenn sie ihre wohnungen in „los angeles, new york, san francisco, napa plus dem haus hier in manila“ mitzählt), tschaikowski kocht vor wut wegen eines verlorenen kartenspiels, beatrice potter wirft die berechtigte frage auf, was man von leuten halten solle, „die nahen verwandten ein hotel empfehlen, in dem es wanzen gibt“. für ralph waldo emerson waren im april 1837 „alle zeitungen ein chor von eulen“, und hugo von hofmannsthal hat schon im oktober 1906 das verschwinden der alten bäume beklagt, das ausrotten der tiere: „das hermelin, der zobel, der reiher sind fast ausgemordet“. das bild des menschen hat sich (das stellst du beim lesen in diesem kompendium schnell fest) über die jahrhunderte ziemlich verändert, die auffassung dessen, was als barbarisch gilt, als schicklich oder erstrebenswert: auf seinen vernichtenden umgang mit der natur hat das wenig einfluß gehabt.

dir einen besseren abend

ingrid

 

 

© 2021 ingrid mylo  

 

© Cover: Verlag

Elke Heidenreich: Männer in Kamelhaarmänteln

Kurze Geschichten über Kleider und Leute

Hanser 2020

225 Seiten

€ 22,-

 

 

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© Cover: Verlag

 

Ilka Piepgras (Hg.):

Schreibtisch mit Aussicht

Schriftstellerinnen über ihr Schreiben

Kein & Aber 2020

286 Seiten

€ 23,-

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© Cover: Verlag

Patricia Highsmith:

Ladies | Frühe Stories

aus dem Amerikanischen von M. Walz,

D. van Gunsteren, pociao

Diogenes 2020

309 Seiten

€ 24,-

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© Cover: Verlag

Rainer Wieland (Hg.):

„Stand spät auf, legte mich dann aber wieder hin“

Durch das Jahr mit dem Buch der Tagebücher

Piper 2020

696 Seiten

€ 40,-

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