Locarno, 08. August 2010:

Eines lässt sich schon vor Festivalhalbzeit feststellen: Olivier Père, der neue künstlerische Direktor, hat ein kluges Händchen, wenn es darum geht, Filme auszuwählen, die zu Diskussionen anregen, die Pro und Contra provozieren. Aber, leider, macht er keine so gute Figur, wenn er abends auf der Bühne vor der großen Leinwand auf der Piazza Grande Filmemacher, gar Auszuzeichnende, präsentiert. In einem schlecht sitzenden weißen Anzug absolut falsch gekleidet, zu unendlichem Redefluss von mangelndem Inhalt neigend, ist das recht schlechtes Kino. Beispiel: Die Auszeichnung der Schauspielerin Chiara Mastroianni, Tochter von Catherine Deneuve und Marcello Mastroianni, mit einem Ehrenpreis für ihre außerordentlichen darstellerischen Leistungen. Peinlich. Dazu kommt in diesem Fall (was nicht neu ist in Locarno): Der Ehren-Leopard wird vergeben, der oder die Geehrte darf sich ins Mikro bedanken (was Frau Mastroianni mit deutlicher Rührung tat), – und dann husch, husch von der Bühne. Und Schluss. Nur ein Filmchen mit Trailern hat die Kunst der Aktrice vorab belegt. Der geweckte Hunger, sie in einer ihrer Glanzrollen zu erleben, wird nicht gestillt. Hier ist dringend Änderung angeraten. Wenn schon Ehrung, dann bitte auch so, dass nicht

nur die den Preis stiftende Firma, in diesem Fall eine Sektfabrik, ausführlich beworben wird, sondern auch die oder der Ausgezeichnete. Und bei Filmkünstlern ist das doch einfach: Anschließend gilt es einen entsprechenden Film zu zeigen.

Die Filmauswahl, das Entscheidende, bleibt dennoch anregend. Deutschland punktete zu mitternächtlicher Stunde mit „Rammbock“, einem Zombiethriller des jungen Regisseurs Marvin Kren. Der gerade mal 64 Minuten kurze Film nimmt das Subgenre des Horrorkinos erfreulich unernst. Krachende Effekte gibt es, ganz klar, viel Trash dazu, und die spürbare Lust am Spiel mit den Erwartungen der Zuschauer. Ein netter Spaß.

Im Wettbewerb läuft Gewichtigeres. Viele Diskussionen löste der französische Spielfilm „Homme au bain“ (Der Mann im Bad) von Regisseur Christophe Honoré aus. Die einen langweilten sich, die anderen fühlten sich höchst angeregt über den Sinn des Lebens zu diskutieren. Honoré stellt den Pornodarsteller François Sagat in der Rolle eines einsamen Stromers vor, der den Verlust seines Liebhabers nicht überwinden kann und sich in allerlei real ausgelebte Sexphantasien hinein steigert. Parallel dazu gibt es dokumentarische Aufnahmen, die Chiara Mastroianni in New York zeigen, wo sie in Filmklassen über ihre Arbeit spricht und daneben durchaus auch erotische Abenteuer erlebt. Schwierig an dem Film: Es gibt viele Verweise auf philosophische und künstlerische Strömungen der Gegenwart. Doch diese erschließen sich nur den Kennern. Sie haben dadurch eine reiche Grundlage für anregende, weiterführende Gedanken. Alle anderen werden ausgeschlossen.

François Sagat in "Homme au bain"

Hier, in Locarno, hat der Film ein Frage bekräftigt, die seit Tagen im Raum steht: Wieso erzählen die hier vorgestellten jungen Filmemacher ihre Geschichten sehr, sehr oft mit einer starken, mitunter gar übermäßig stark anmutenden Betonung der Sexualität? Das Ausleben sexueller Bedürfnisse scheint für viele das A und O des Lebens zu sein. Ist es das inzwischen in der bürgerlichen Gesellschaft tatsächlich? Ist die Zeit der über den jeweils eigenen Tellerrand hinausreichenden Auseinandersetzungen vorbei? Dienen gesellschaftliche Möglichkeiten nur noch allein dazu, sich über das Privateste zu definieren? Wenn dem so ist, dann ist das ein schlechtes Zeichen für den Gang der Zeit. Das hieße nämlich, dass die Hoffnung auf eine bessere Welt aufgegeben werden muss. Die nämlich ist mit der Erfüllung körperlicher Begierden vielleicht für eine gewisse Zeit für Einzelne vorstellbar, zur Realität für die Massen kann sie so jedoch nie werden.

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