Im besten Sinne eigenwillig

Erste Wettbewerbsbeiträge beim Filmfestival Max Ophüls Preis

Der erste Wettbewerbstag beim 32. Filmfestival Max Ophüls Preis war ergiebig. So ergiebig, dass schon heute für einige Filme Sondervorführungen angesetzt werden mussten, weil die Platzkapazität in den Kinos nicht ausreicht. Klar: Das Saarbrücker Publikum ist gierig auf neue Filme. Hier haben es Filmemacher erst einmal leicht. Die Kinos sind schnell voll. Doch es spricht sich auch schnell herum, wenn sich ein Film nicht lohnt. Dass bereits Extra-Aufführungen angesetzt werden müssen, spricht für Zustimmung.

Den ersten Tag hat ein Spielfilm ganz klar überstrahlt: „Der Mann, der über Autos sprang“. Der in Berlin lebende irischstämmige Regisseur Nick Baker-Monteys erzählt mit viel Sinn für Rhythmus, Bildgestaltung und in einem wohligen Erzählton voller Geheimnis die Geschichte eines Mannes (Robert Stadlober), der einmal quer durch Deutschland wandert, um so, wie er sagt, seine Energie zu bündeln, und diese dann einem Kranken als Hilfe zu übertragen. Klingt nicht nur etwas verrückt. Ist es auch. Der junge Mann ist nämlich gerade aus einer Nervenheilanstalt abgehauen. Doch, wie so oft: Der Verrückte ist der eigentlich Gesunde und hilft einigen Leuten, endlich einmal zu sich selbst zu finden, vielleicht sogar zu einem neuen Lebensweg.

Mal pathetisch, dann wieder lakonisch, durchweg von knappen, pointierten Dialogen und – im reizvollen Gegensatz dazu – großen, üppigen Kinobildern geprägt, gefällt der Film als pralles Märchen. Man kann schmunzeln und auch mal eine Träne verdrücken. Kintopp im besten Sinn des Wortes! Und: Im besten Sinne eigenwillig, weil schön eigenartig und – abgesehen vom Finale, wo ein bisschen zu viel aufgelöst und erklärt wird – mit Sinn fürs Geheimnisvolle.

Der Regisseur, der das Erfolgsproduzentenduo Burkert & Barreiß sowie die Fernsehsender ARTE und SWR in Baden-Baden als Geldgeber gewinnen konnte, legt einen handfesten Talentbeweis ab. Er kann schnörkellos inszenieren, hat Gespür für Wirkung, führt Schauspieler sicher zu einem minimalistischen, dabei ausdrucksstarken Spiel. Nein, „Der Mann, der über Autos sprang“ schreibt die Filmgeschichte nicht neu. Aber er stellt vieles, sehr vieles, was den deutschen Fernseh- und Kino-Alltag bestimmt, in den Schatten. Und das ist schon eine ganze Menge

Daneben fiel „Der Albaner“ von Regisseur Johannes Naber auf. Der ungleich unspektakulärere Film, was die Machart betrifft, schaut sehr direkt auf Menschen im Abseits: Arben, ein junger Mann aus Albanien (Nik Xhelilaj), schlägt sich illegal in Deutschland durch, um das Geld für die Hochzeit mit seiner Liebsten zusammen zu bekommen. Demütigung, Erniedrigung, Ausbeutung sind sein Los. Schließlich wird er vor die Frage gestellt, unterzugehen, oder seine Würde zu verhökern. – Die etwas schematische Story kostet Wirkung. Man ahnt zu rasch, worauf die Story hinaus will, sieht den pädagogisch dräuenden Zeigefinger. Sehenswert allerdings sind die Szenen aus Albanien, einem in Mitteleuropa weithin unbekannten Land. Für eine lukrative Auswertung in den Kinos dürfte das alleridings nicht reichen.

Diese zwei wichtigsten Filme des Festival-Dienstags markieren die Pole des Angebots in Saarbrücken: publikumswirksame Unterhaltung der wirklich guten Art, die jedoch nur im Ansatz über sich selbst hinaus weist, einerseits, gut gemeinte Sozialreports mit Entdeckungen fremden Welten im nur scheinbar allüberall erkundeten Europa andererseits. Pole, die für Spannung sorgen, und die Entdeckungen garantieren.

Text: Peter Claus

Der Mann, der über Autos sprang (Deutschland 2010)

Regie: Nick Baker-Monteys

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