Tag sechs: Das Finale

Keine Überraschung: Die Jury des Wettbewerbs der abendfüllenden Spielfilme hat unerwartet entschieden. Damit reiht sie sich in eine lange Reihe vieler Jurys auf weltweit sehr vielen Filmfestivals ein. Das ist zu akzeptieren. Die Jurorinnen und Juroren dürften ihre eigenen Maßstäbe definiert haben. Doch welche? Mitunter lässt sich das an den Auszeichnungen ablesen. Was hier so einfach nicht ist.

Wurde nach stilistischer Originalität gesucht? Dann hätten andere Filme weit mehr Ehren verdient. War inhaltliches Gewicht ausschlaggebend? Auch dann drängen sich dem Festivalbesucher andere Filme auf. Was also war’s? Schaut man sich die mit Preisen bedachten Werke an, fällt auf, dass sie eines eint: sie setzen auf Oberflächenreize. Besonders auffallend ist das bei dem MAX OPHÜLS PREIS FÜR DEN GESELLSCHAFTLICH RELEVANTEN FILM an „Joy“ (Drehbuch und Regie: Sudabeh Mortezai). Der Film um das Leben, besser um den Versuch des Überlebens der jungen Nigerianerin Joy (Joy Alphonsus) ist ehrenwert. Schön deutlich hält er ein Plädoyer für Würde und Anstand, Freiheit und Toleranz. Schon wenige Minuten nach dem Beginn von Joys Geschichte im Wiener Milieu von Sexarbeit und Menschenhandel weiß man als Zuschauerin und Zuschauer wo der Hase im Pfeffer liegt. Mitdenken ist nicht notwendig. Alles wird einem sozusagen auf einem goldenen filmischen Tablett serviert. Hollywood im Kleinformat.

Auch die anderen Auszeichnungen im Spielfilmwettbewerb sind von ähnlichem Kaliber; mit Preisen bedacht worden sind durchweg hübsche, ja sogar neckische Filme, die kein mitdenkendes Publikum brauchen. Das ist schade. Es sind Filme, denen alles Wilde fehlt, denen es an Mut mangelt, mit groben Ecken und Kanten zu provozieren. Stattdessen haben sie – wie der Hauptpreisträger „Das melancholische Mädchen“ – allenfalls einen(!) formal originellen Einfall, der einem pointierten Kurzfilm gut anstünde, aber ausgedehnt auf Spielfilmlänge in einer Sackgasse der Langeweile endet.

Nun, die Jury selbst wird wissen, warum sie so und nicht anders entschieden hat. Fest steht: Sie war mutloser als viele der jungen Filmemacherinnen und Filmemacher.

Peter Claus

Bild ganz oben: STILLES LAND GUTES LAND | Regie: Johannes Bachmann| Cut-Up Distribution

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Die Auszeichnungen des 40. Filmfestivals Max Ophüls Preis

MAX OPHÜLS PREIS: BESTER SPIELFILM

DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN, Deutschland 2019, Regie: Susanne Heinrich

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MAX OPHÜLS PREIS: BESTE REGIE (FILMPREIS DES SAARLÄNDISCHEN MINISTERPRÄSIDENTEN)

CRONOFOBIA, Schweiz 2018, Regie: Francesco Rizzi

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MAX OPHÜLS PREIS: BESTER SCHAUSPIELNACHWUCHS

Simon Frühwirth für NEVRLAND (Österreich 2019, Regie: Gregor Schmidinger)

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MAX OPHÜLS PREIS: BESTER SCHAUSPIELNACHWUCHS

Joy Alphonsus für JOY (Österreich 2018, Regie: Sudabeh Mortezai)

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MAX OPHÜLS PREIS FÜR DEN GESELLSCHAFTLICH RELEVANTEN FILM

JOY, Österreich 2018, Regie: Sudabeh Mortezai

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MAX OPHÜLS PREIS: PUBLIKUMSPREIS SPIELFILM

KAVIAR, Österreich 2019, Regie: Elena Tikhonova

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MAX OPHÜLS PREIS: FRITZ-RAFF-DREHBUCHPREIS

CRONOFOBIA, Schweiz 2018, Buch: Daniela Gambaro, Francesco Rizzi (Regie: Francesco Rizzi)

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MAX OPHÜLS PREIS: PREIS DER ÖKUMENISCHEN JURY

DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN, Deutschland 2019, Regie: Susanne Heinrich

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MAX OPHÜLS PREIS: PREIS DER JUGENDJURY

NEVRLAND, Österreich 2019, Regie: Gregor Schmidinger

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MAX OPHÜLS PREIS: BESTER DOKUMENTARFILM

HI, A.I., Deutschland 2019, Regie: Isa Willinger

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MAX OPHÜLS PREIS: BESTE MUSIK IN EINEM DOKUMENTARFILM

LET THE BELL RING, Deutschland 2018, Regie: Christin Freitag

Musik: Jonathan Ritzel

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MAX OPHÜLS PREIS: PUBLIKUMSPREIS DOKUMENTARFILM

CONGO CALLING, Deutschland 2019, Regie: Stephan Hilpert

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MAX OPHÜLS PREIS: PUBLIKUMSPREIS MITTELLANGER FILM

DIE SCHWINGEN DES GEISTES, Österreich 2019, Regie: Albert Meisl

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MAX OPHÜLS PREIS: BESTER MITTELLANGER FILM

LABEL ME, Deutschland 2019, Regie: Kai Kreuser

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MAX OPHÜLS PREIS: BESTER KURZFILM

BOOMERANG, Österreich 2018, Regie: Kurdwin Ayub

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MAX OPHÜLS PREIS: PUBLIKUMSPREIS KURZFILM

STILLES LAND GUTES LAND, Schweiz 2018, Regie: Johannes Bachmann


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Tag fünf:

Die Beiträge des Spielfilmwettbewerbs, sechzehn insgesamt, sind durch. Über drei oder vier Filme möchte man gern als Preiskandidaten diskutieren. Es sind die Filme, bei denen die Freude an formalen Innovationen mit inhaltlichem Gewicht eine schöne Allianz eingegangen ist. Davon gab es in diesem Wettbewerb eindeutig zu wenig. Das wirft Fragen auf, etwa die, ob die jungen Leute nichts von Gewicht zu sagen haben. Die Antwort dürfte mit einem „Nein“ ausfallen. Denn ansatzweise sind durchaus handfeste Themen auszumachen. Ausgrenzung, Einsamkeit, Angst, vor allem Angst – vor zu hohen gesellschaftlichen Erwartungen, vor zu starkem ökonomischen Druck, vor Versagen in dieser oder jener Hinsicht. Nur: zu oft werden diese Themen in zu kleinen Geschichten, oft nur Geschichtchen, nicht einmal reflektiert, allenfalls angedeutet. Viele der abendfüllenden Spielfilme, zu viele in diesem Ophüls-Jahrgang, muten an, als wären lediglich Kurzspielfilm-Ideen zeitlich ausgewalzt. Und schon ist die nächste Frage da: Was haben die Mentorinnen und Mentoren geleistet? Bei dem aus dem Wettbewerbs-Angebot weit herausragenden Spielfilm „Stern“ von Anatol Schuster (siehe den getidan-Ophüls Beitrag von Tag vier des Festivals) war das Edgar Reitz. Als Außenstehender ist nicht zu beurteilen, wie weit Reitz beraten, gefördert, sich eingemischt hat. Es drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass er – so kennt man ihn – engagiert begleitet hat, Talent aufbauend, unterstützend. Vielleicht sollte jemand wie Reitz mal denen, die Studierenden und Anfängern beratend zur Seite stehen, ein paar Unterrichtseinheiten geben!

Interessanterweise war die Ausbeute im Dokumentarfilm-Wettbewerb – auch hier lief formal viel interessanten – inhaltsreicher. Neben dem hier schon ausführlicher gewürdigten „Macht das alles einen Sinn? – Und wenn ja – Warum dauert es so lange?“ von Andreas Wilcke sei unbedingt auf „Helmut Berger, meine Mutter und ich“ von Regisseurin Valesca Peters verwiesen, und das nicht nur, weil der Film bereits am 21. März deutschlandweit in den Kinos startet. Valesca Peters, auch für Buch und Montage des Films verantwortlich, ist Bemerkenswertes gelungen: Sie hat eine vollkommen künstliche, inszenierte Doku geschaffen, die eine schier unglaubliche Authentizität ausstrahlt.

Es ist eine Doku über Viscontis Lieblingsschauspieler und langjährigen Lebensgefährten Helmut Berger. Der, das bekam Valesca Peters ganz schnell mit, fällt, sobald eine Kamera läuft, in Posen, schauspielert, stellt sich aus. Also hat sie die Kamera erst einmal ausgeschaltet, hat sich mit ihm unterhalten, hat seine klugen und nicht gespreizten Sätze aufgeschrieben, daraus ein Buch entwickelt und das dann mit dem Schauspieler umgesetzt. Klar verblüfft dabei auch, den einstigen Jet-Set-Clown, den Unterhalter der Schönen und Reichen, in Niedersachen, auf einer Couch, in einem Dorf, daheim bei der Mutter von Valesca Peters zu erleben. Die Finanzcontrollerin nämlich hat sich vorgenommen, das Idol ihrer Jugend ins wahre Leben zurückzuholen. Durch den Kunstgriff des bewussten Inszenierens ist ein erstaunliches „Document humain“ entstanden. Man sitzt da und staunt, man ist gerührt, und man sieht sich plötzlich den Spiegel vorgehalten. Absolut erstaunlich – und preiswürdig.

Peter Claus