Hollywood im Schmuddellook

Somewhere (Regie: Sofia Coppola, USA 2010)

Das ist mal eine interessante Perspektive. Sofia Coppola nimmt sie ein – in ihrem hier im Hauptwettbewerb gezeigten Filmchen „Somewhere“ (Irgendwo). Darin erzählt sie, wovon sie immer erzählt: der Einsamkeit der Schönen und Reichen. Natürlich gibt’s wieder eine weibliche Hauptfigur, die durch das Leben eines Mannes gespiegelt wird. Diesmal ist es eine Zehnjährige (verkörpert von Elle Fanning), die plötzlich bei ihrem Vater, einem populären TV-Akteur (Stephen Dorff) auftaucht. Hauptschauplatz ist das berühmte Hotel Chateau Marmont in Hollywood, jenes, indem Fotograf Helmuth Newton so gern war, und wo er schließlich starb. Kenner entdecken Anspielungen auf ihn und seinen Tod. Aber das ist Nebensache. Wer’s nicht weiß, vermisst es nicht. Die Hauptsache: Der Anti-Held wird durch die vernachlässigte Tochter geläutert. Am Ende darf der Mann weinen. Schnief. Seufz. Schneuz.

Klar, wie schon beim öden „Lost in Translation“, finden sich auch hier wieder Kritiker, die diese langweilige, selbstreferenzielle Chose, die sich keinen Deut um soziale Hintergründe oder irgend etwas anderes Wichtiges außerhalb des Show-Biz-Minikosmos’ schert, grandios finden. Sollen sie. Sicher: der Erzählstil von Frau Coppola ist hübsch. Sie mag das Beiläufige. Da ist alles irgendwie nett und neckisch, und in alles ist alles deutbar. Lesbar ist das zum Beispiel als Abgesang auf das alte Hollywood, wo es richtigen Glamour gab, richtige Stars wie Cary Grant und Marilyn Monroe. Heute gibt’s nur noch mittelmäßige Abziehbilder. Kann man so deuten, man kann es aber auch lassen.

Da ist mir handfeste Unterhaltung, die von vornherein sagt, „hey, lehn Dich zurück, lass Dich berieseln“, lieber. „Reign of Assassins“ aus China ist so ein Angebot, hier außer Konkurrenz gezeigt. Das Regie-Duo Su Chao-Pin/John Woo erzählt ein Märchen aus dem alten Peking der Rikschas und Holzhäuser. Eine Frau, ein Mann, die Liebe, viel Geheimnis, Schwertkämpfe, Kung Fu, perfekt choreographiert, inszeniert und am Computer aufgemotzt – schon kommt herrlicher Kintopp heraus. Weil völlig überzogen, stört es auch nicht, dass schon in den ersten Minuten x Leichen den kleinen Handlungsfaden in sehr, sehr viel Blut tauchen. Hier ist jedes Bild, jeder Dialog, jeder Kampf derart schön überzogen, dass es nichts ist als ein großer Spaß.

Reign of Assassins (Regie: Chao-Bin Su, John Woo China, Hong Kong, Taiwan, 2010)

Im Alltag außerhalb des Festival-Budenzaubers gibt’s wenig Spaß. Die Polizisten kämpfen um höhere Löhne, die Venezianer für niedrigere Mieten, die Leute auf dem Lido dafür, dass ihr altes Krankenhaus, seit Jahren eine Ruine, nicht auch noch zum Tummelplatz für Spekulanten wird, die auf dem Gelände Apartments errichten wollen. Sind das nicht auch Filmthemen? Eigentlich ja. Doch die Zeit, da Autoren und Regisseure sich solcher Unannehmlichkeiten annahmen, scheint weitestgehend vorbei zu sein. „Somwhere“, irgendwo, irgendwann – das sind die Schlagworte, die von den Filmemachern bevorzugt werden. Sie locken das Publikum, so nach wie vor der Eindruck hier, lieber ins Nirgendwo und Nirgendwann. Eskapismus, Weltflucht ist angesagt. Kann ja auch mal ganz nett sein.

Nur: nett allein ist zu wenig. Die Filmfest-Gemeinde wartet auf Gewichtigeres!


Peter Claus

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