67. Filmfestspiele Venedig (06.09.2010)

Spiegelung des Kino-Alltags


Essential Killing (Regie: Jerzy Skolimowski, Polen, Ungarn, Irland, Norwegen, 2010)


Spiegelung des Kino-Alltags. – Wenn überhaupt, ist das die einzig mögliche Schlagzeile über dem Angebot des diesjährigen Filmfestivals von Venedig. Marco Müller, der künstlerische Direktor, hat offenbar alles genommen, was er nur kriegen konnte. So finden sich denn Genre-Filme neben Sozialdramen, Martial-Arts-Legenden neben Polit-Statements. Und es findet sich manch Rätselhaftes.

Den bisher wohl rätselhaftesten Film hat der polnische Regisseur Jerzy Skolimowski ins Rennen geschickt: „Essential Killing“. Der Film löste ein großes Rätselraten aus. Was wird erzählt? Warum? Auf die simplen Fragen lassen sich nicht leicht Antworten finden. Der Film beginnt in Arabien, Nordafrika, vielleicht auch in Afghanistan. Es ist nicht klar. Drei englisch sprechende Männer, einer hat einen Minensucher dabei, ziehen durch unwegsames, karges Gelände, voller Sand und tiefen Schluchten. Das Trio ist per Funk mit einem Hubschrauber in Kontakt. Weshalb sie hier sind, wird nicht klar. Durch eine der Schluchten hastet ein Mann (Vincent Gallo), offenbar ein Einheimischer. Er versteckt sich in einer Höhle. Von dort erschießt er die drei Männer, als sie Rast machen. Schon ist ihm ihm ein Kommando von Soldaten auf der Spur. Er wird gefangen genommen. Wir sehen, wie er gefoltert wird. Durch einen Autounfall kommt der Gefangene in unwegsamem Gelände, wohl in den weiten Wäldern der polnisch-russischen Grenze, frei. Er kann fliehen. Es wird Hatz auf ihn gemacht. Obwohl er x-Mal schwer verletzt wird, er tritt in eine Wildfalle, stürzt einen Fels hinunter, bekommt schwere Wunden, und, obwohl eisiger Winter ist, überlebt er und rennt durch die Wildnis. Schließlich kommt er zu einer stummen, wohl auch gehörlosen, Frau auf einem einsamen Gehöft. Sie versorgt ihn notdürftig. Dann reitet er, schwer blutend auf einem Schimmel davon. Schnitt. Der Schimmel steht allein auf einer vereisten Wiese. Aus. – Antworten auf die zwei Eingangsfragen? Nicht möglich, nicht mal Spekulationen. Prätentiös in der Gestaltung, unglaubwürdig in der kleinen Fabel, schauspielerisch nahe Null, – die Fragen bleiben unbeantwortet, es bleiben die Rätsel. Das größte: Warum wurde der Film in den Wettbewerb eingeladen?

Das rätselten manche auch in Bezug auf Tsui Harks „Detective Dee and the Mystery Phantom Flame“. Dabei ist das kein Rätsel. Marco Müller liebt das Genre-Kino, und er liebt vor allem das chinesische Kino. „Detective Dee … “ erzählt eine im 7. Jahrhundert unserer Zeit angesiedelte Geschichte um Macht und Mord. Es wird gekämpft und gekillt bis zum Überdruss. Die Ausstattung ist pompös. Der Computereinsatz bei der Produktion muss beachtlich gewesen sein. Nur: Der Film hat keine Seele, keinen Witz, keinen Charme. Er ist überflüssig. Eine reine Darbietung von Production Values. Einige glauben, Müller habe den Film vor allem Jury-Präsident Quentin Tarantino zu liebe eingeladen. Vielleicht stimmt’s. Vielleicht auch nicht.


Post Mortem (Regie: Pablo Larraín, Chile, Deutschland, Mexico, 2010)


In gewisser Weise ebenfalls rätselhaft, aber dies auf wundersam-anregende Weise: „Post Mortem“. Das ist ein Film aus Chile, den man nicht gern guckt, aber mit Gewinn sieht. Regisseur Pablo Larrain blickt auf den Tod Allendes zurück. Das macht er aus ungewöhnlichem Blickwinkel: Der Schreiber der Pathologie des wohl größten und wichtigsten Krankenhauses in Santiago de Chile steht im Mittelpunkt. Er ist ein seltsam-verschrobener, in sich gekehrter Mann, der sich für nichts außerhalb seiner kleinen Welt interessiert, schon gar nicht für Politik. Doch es ist die Politik, die aus ihm ein Monster macht. In angespannter Ruhe, sehr leise, ungemein langsam zeigt der Film, gleichsam wie in einer Laboranordnung, wie ein Durchschnittsbürger vertiert. Das geht einem sehr an die Nieren. Leider zeigt der Regisseur ein, zwei sehr spekulative Sexszenen. Die hätte es nicht gebraucht, um den Charakter der Hauptfigur zu beleuchten. Das ist schade. Doch der positive Gesamteindruck bleibt. Einige handeln den Film hier zur Halbzeit auf der Liste möglicher Gewinner. Ich mag noch nicht spekulieren. Es kommen noch viele Filme. Alles ist offen.

Peter Claus

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