Festival der Schauspielkunst

Wieder einmal wird es bestätigt: es gibt verdammt viele sehr gute Schauspielerinnen und Schauspieler auf dieser Welt. Gute Regisseure machen sich das selbstverständlich zu Nutze. Auffallendes Beispiel dafür hier im Wettbewerb, außerhalb der Konkurrenz: „Contagion“ von Steven Soderbergh (USA), die reißerisch aufgemachte Story vom Kampf verzweifelter Wissenschaftsheere gegen einen Virus, der die halbe Menschheit hinwegzuraffen droht. Das weitgehende Fehlen tieferer gesellschaftlicher Bezüge mindert die Wirkung. Akteure wie Marion Cotillard, Kate Winslet, Gwyneth Paltrow aber sorgen für darstellerisches Format und halten einen bei der Stange.

Im Falle von „Shame“ (Großbritannien), der sich um den Goldenen Löwen bewirbt, sind es Carey Mulligan und Michael Fassbender, die mit ihren Interpretationen für Spannung und Klasse sorgen. Sie spielt eine Sängerin, die nicht den ganz großen Erfolg hat und auch privat eher im Abseits vor sich hintrudelt, Suizidversuche inklusive. Mulligan macht aus der Rolle, die eine Nebenrolle ist, ein Ereignis. Ohne hysterische Ausbrüche, fern von großem mimischen Aufwand und mit einer lakonisch-knappen Körpersprache macht sie das seelische Elend der jungen Frau deutlich und zieht das Publikum in ihren Bann. Der Deutsch-Ire Michael Fassbender verkörpert den Bruder der Musikerin und damit die Hauptrolle, einen New Yorker mittleren Alters, der nach außen perfekt funktioniert, jedoch innerlich ziemlich kaputt ist. Der Typ ist total von virtuellem Sex per Computer abhängig, holt sich ab und an eine Prostituierte. Versuche, so etwas wie eine echte Beziehung aufzubauen, scheitern regelmäßig. Fassbender empfiehlt sich mit seiner Interpretation dieses völlig vereinsamten Großstadttigers nach „A Dangerous Method“ (wo er Carl Jung spielt) nun schon zum zweiten Mal als Kandidat für die Auszeichnung mit dem Silbernen Löwen des Festivals für den besten Hauptdarsteller. Auch er braucht keine Großen Auftritte, um zu wirken. Mimischer Ausdrucksreichtum, die physische Präsenz, die intelligente Ausstrahlung garantieren eine außerordentliche Wirkung. Fassbender hat ganz offenkundig das, was vielen wirklichen Stars attestiert wird: er geht mit der Kamera eine ganz besondere Beziehung ein und wirkt aus sich heraus, egal was er macht oder eben auch nicht. Regisseur Steve McQueen, der von der bildenden Kunst kommt und mit „Shame“ erst seine zweite Inszenierung fürs Kino präsentiert, gibt den zwei Schauspielern erfreulich viel Raum und Zeit zur Entfaltung. Leider aber verlässt er sich fast ausschließlich auf deren enorme Wirkung und auf die daraus resultierende Atmosphäre, die von der kühlen, oft fast aseptisch anmutenden Ausstattung noch verstärkt wird. Die Momentaufnahmen aus dem Alltag eines Computersex-Süchtigen vereinen sich nicht zu einer wirklich spannenden Story. Hier wäre es ausnahmsweise einmal gut gewesen, wenn ein paar Anstrengungen mehr unternommen worden wären.

Weniger wäre mehr gewesen im Falle des italienischen Wettbewerbsbeitrags „Terraferma“. Die Geschichte von den radikalen Veränderungen, die das Auftauchen von illegalen Flüchtlingen aus Afrika auf einer kleinen, armen, italienischen Insel, insbesondere in der Familie eines alten Fischers, bewirken, wuchert geradezu mit Klischees. Auch hier nehmen gute Schauspielerinnen und Schauspieler für sich ein, etwa Donatella Finocchiare als verzweifelte Mutter. Doch die groben Dialoge und die holzschnittartige Geschichte, die Emanuele Crialese ohne jede Originalität inszeniert hat, wiegen schwer. Anders als in „Shame“, wo die Schauspielkunst für Spannung sorgt, wirkt sie hier letztlich vergeudet. Dennoch könnte auch dieser Film am Ende zu den Festival-Gewinnern gehören, denn: Er singt ein Hohelied auf alles Gutmenschentum. So was kommt bei Jurys gut an.

 

Peter Claus aus Venedig, 4. September 2011

Bild:  Shame (la Biennale di Venezia © 2011)

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