Kraft der Kunst

Vor etwa drei Jahren durfte ich Zeuge eines kreativen Prozesses der aussergewöhnlichen koreanischen Künstlerin Yi Soonjoo werden. Es war nicht das erste und nicht das letzte, aber wieder ein inspirierendes Mal, ihr über die Schultern schauen zu können, wie sie Bezug nahm auf traditionelle Minhwamalerei, die alle Moderne – so um Paul Klee herum – in Korea auf phantastische Weise vorweggenommen hatte. Ihr ausgewähltes Motiv stammte diesmal von dem notorischen Tuschezeichnungspaar Tiger mit Elster, was sie auf ihre besondere Art umwertete in eine zeitgemässe Installation. Ich konnte mich vor Begeisterung garnicht mehr von den vielen alten Tiger-mit-Elster-Variationen trennen, fühlte mich beflügelt, zumal es in Korea zu meiner Freude von Elstern nur so wimmelt, denn sie sind witzig, klug & keineswegs diebisch. Tiger in Korea zu finden wird nicht nur schwierig, sondern unmöglich sein, da der letzte 1923 von einem kleinen Japaner mit seiner Flinte erlegt worden war. Man kann ja Tiger sonntags malen dachte ich mir & warum sollte mir dies verboten sein? In meiner Erregung grub ich sogleich meine Hände in einen Klumpen Ton ein, knetete solange, bis mir eine gewollte Form erschien. Der eingeschweisste Ton hatte bei mir jahrelang unter der Treppe gelagert, da ich ihn anfangs für eine Hitlerbuddhafigur eingeplant hatte. Dies klingt nun wohl sehr befremdlich, rekurriert aber auf eine Kontemplation eines deutschen Buddhisten aus Frankfurt – eines nicht sehr deutschen, wohlgemerkt -, der die Ansicht vertrat, dass alle Wesen eine Buddhanatur hätten, also auch der Adolf Hitler. Ich sah damals dies merkwürdige Bild vor meinem geistigen Auge und wollte ihm Gestalt verleihen, nahm aber lange Abstand, da sie eventuell in eine falsche Richtung weisen könnte.Soweit wegen des guten Tons.Denn der formte sich nun wie von selbst nicht zu jener abstrusen Doppelnatur in Einem, sondern zu zwei fabelhaften Tieren, denen ich nach Trocknung noch eine grobe Schwarzweisseinfärbung verlieh. Der Tiger verlor dann leider durch Putzen des privaten Ausstellungsraums zuerst seinen Schwanz, aber die Elster hatte ihren sicheren Platz hoch im Treppenhaus an der Wand gefunden und schaute unentwegt durchs Treppenhausfenster auf die Kirsch- und Ginkobäume davor.

Vor kurzem meldete sich dann ein echter Vogel, ein Star. Er machte im ausgehenden letzten Winter auf sich aufmerksam, indem er immer wieder an den Scheiben des Treppenhausfensters lautstark herumpickte, auf der Suche nach untergekrochenen Insekten & Mikroben, wie ich länger annahm. Bis ich eines Tages lachend erkannte, dass der Star immer auf Höhe meiner Elsterwandskulptur von aussen an die Scheiben hackte wie ein Specht. Er wollte die Elster vertreiben! Die Scheibe war mittlerweile schon trüb und zerkratzt, der Star  wie besessen und holte ab & wann auch seine Frau mit auf die Kirschbaumzweige. Das war ihr Revier, na klar. So gab ich nach, stieg an der Wand hoch, nahm die Tonelster runter & weg. Aber Stare haben wohl sowas an sich, sie klopften anderntags schon morgens früh einfach weiter. Na gut, ich habe noch mehr auf Lager und hänge direkt von innen eine Fotokopie eines grimassierenden Gesichts an die Scheibe und zwar genau an dem bereits fast grau gravierten Glas. Die Stare wurden nun intensiver beobachtet & liessen nicht locker. Vorerst. Der Winter zieht sich lang heraus und die Kirschblüten lassen noch auf sich warten, geschweige die Laubblätter, so blieb eine grosse schwarzweisse Grimasse für meinen Nachbar ärgerlich sichtbar, was mir allerdings garnicht in den Sinn gekommen war, da ich mit meiner Nase quasi an der eigenen Scheibe haftete.

Nun, mein Nachbar, ein mittelalter Japaner, war wohl daraufhin angesäuert, hatte sich dummerweise angesprochen gefühlt und öfters – wie ich bei offenen Fenstern vernehmen konnte – erregt mit seinem Bruder in Japan telefoniert, der für die Wartung von 55 einheimischen Atomkraftwerken zuständig ist. „Per Anno haben wir 11.000 Beben auf der Insel!“ – „Bleib du lieber, wo du bist und sorg dafür, dass die Nordkoreaner die Halbinsel denuklearisieren!“ – „Pass du lieber auf, dass du deinen Job richtig machst, bei soviel gefährlichen Eiern auf Wackelpudding!“ So ging es tagelang gereizt hin & her, wenn mein Nachbar seinen Frieden im Kirschbaum suchte, fand er wohl nur ein diebisch-teuflisches Grinsen vor, der Familienfrieden war dahin & sein Bruder fing daraufhin leider an, bei der Arbeit zu schlampen. „Wir haben die Kraftwerke für Beben bis zu Richter 7,8 todsicher, auch das alte, was ich jetzt links liegen lass, weil die TEPCOtypen das Ding auch nach 40 Jahren noch melken wollen – ich bin doch nicht lebensmüde!“  Ich achtete nicht mehr auf derartige Interna, mein Vogel hackte & machte mich weiter ratlos. Ausserdem werden wir in Korea seit Jahren medial auf die ständigen Manöver wegen Nordkorea und seiner atomaren Bedrohung eindressiert. Japan ist ein notwendig guter Wirtschaftsgigant. Die alten Tage, wo es Korea einfach einkassierte, abschaffen & sich einverleiben wollte, sind vorbei & verziehen. Alles eine Frage der Buddhanatur. Und plötzlich macht Japans Sonnenkraft wieder von sich reden, sozusagen über nacht. Wir müssen alle die Fenster schliessen. Eine dunkle Wolk kommt herein (zu Wasser & zu Luft). Amaterasu steigt herab und stülpt ihre Strahlen ein wiederholtes fürchterliches Mal über uns Nachbarländer in ihrer perioden Gier. Aber es ist doch so: die Erde will Sonne sein (und dazu hat sie sich massenhaft nützliche Idioten gezüchtet) und der Mond will Erde werden – Fortschritt! … On verra, ganz ruhig!

Text und Fotos: Alfred Harth

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