Sie war die erste prominente DDR-Schauspielerin, die sich vollkommen nackt zeigte. „Die Schlüssel“ hieß dieser Film von Egon Günther, in dem sie in Krakau unter der Dusche stand.

Für die Wahrnehmung der Schauspielerin Jutta Hoffmann kann diese Nacktheit unter der Dusche als eine Art Schlüsselszene gelten: Sie war die erste Schauspielerin, die einen neuen Typ junger Frauen in der DDR repräsentierte. Nicht primär durch diese Nacktheit, obgleich sie eine gleichsam fröhliche Erotik um sich streute, aber durch die Selbstverständlichkeit, die Unangestrengtheit, mit der sie die Ansprüche einer jungen Frau umgab. Es war die Zeit,um 1972, da die besseren DEFA-Filme mit bislang ungekannter Radikalität einen individuellen Glücksanspruch einforderten, es war gleichsam der Schritt vom Wir zum Ich. In gewisser Weise bereitete Egon Günther mit einer ihm von Jutta Hoffmann gespielten Frauenfigur Heiner Carow und Angelika Domröse den Weg für ihre legendäre Paula.

Szene aus "Die Schlüssel", DDD 1972, DEFA

Es ist „Der Dritte“, der Jutta Hoffmann zu einer ersten Schauspielerin macht. Wie sie als Marie, mangels Mann, wie probierend und leicht verlegen, ihre Freundin Lucie küsst (Barbara Dittus) und dann doch lieber den Rock kürzen lässt für einen weiteren Mann, den dritten, das hatte Klasse und es ist Teil des kulturellen Gedächtnisses vieler Menschen, die damals ins Kino gingen.

Auf eine ganz andere Weise jung, wieder bei Egon Günther, war die Adelmuse, vulgo: Adele Schopenhauer als Lotte in Weimar. Diese wunderbare Ironie, diese hinreißende Parodie des Weimarer Musenwesens, die doch auch eine Sanftheit hatte, ein Verständnis, das war kulinarische Schauspielerei der höheren Art.

Aber so blieb es nicht. Sie spielte am Berliner Ensemble Fräulein Julie: verboten. Im Fernsehen: Das Versteck: verboten, Geschlossene Gesellschaft: verboten, Ursula: verboten. Als dann auch noch Wolf Biermann für die DDR verboten wurde, da verbat sie sich das und ging.

Sie wurde auch im Westen eine erste Schauspielerin. Große Bühnen, Professorin in Hamburg, Kommissarinnen im Fernsehen. Hier bleibt sie die Erste des Ostens. Doch sie ist so gut, dass sie gesamtdeutsch wurde.

Text: Henryk Goldberg

Text erschienen in Thüringer Allgemeine 03.03.2011

Zentralbild Kutscher 3.2.1971 Berlin: Jutta Hoffmann bei Proben im Maxim-Gorki-Theater mit Jugendweiheteilnehmern der 8. Klasse der Theodor-Neubauer-Oberschule, die im Rahmen einer Jugendstunde ein Foyergespräch.


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