Zwei Warhol-Werke aus NRW werden in New York für 150 Millionen Dollar verkauft.

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Die Angst-Lust vor dem Platzen der Kunstblase

Zwei Warhol-Werke aus NRW werden in New York für 150 Millionen Dollar verkauft. Die Hysterie um die Auktion schlägt weiter Wellen – und doch greift die Rede vom Tabubruch zu kurz.

Business Art. Eine Wortschöpfung, die Andy Warhol zugeschrieben wird und die der aus den Karpaten nach New York exilierte Pop-Art-Künstler wie kein anderer in die Tat umgesetzt hat. Geschäftstüchtig war Warhol mit seiner Factory Zeit seines Lebens und daran hat sich auch 27 Jahre nach seinem Tod nichts geändert. Als jetzt zwei überlebensgroße Siebdrucke bei Christie’s in New York zur Versteigerung kamen, da brachten sie weit mehr, als erste Schätzungen vorausgesagt hatten. Für 151,1 Millionen Dollar wechselten „Triple Elvis“ und „Four Marlons“ den Besitzer. Die deutsche Kunstszene schwankt zwischen Entsetzen und Empörung. Trotz aller Warnungen („Sündenfall“) und Einsprüche („Tabubruch“) hat die NRW-Regierung an ihrem Plan festgehalten und zwei Bilder aus quasi-öffentlichem Besitz veräußern lassen. Wer Warhol und seine Verkaufs-Philosophie in Erinnerung behalten hat, der kann sich gut vorstellen, dass der Meister diesen Vorgang mit Beifall begleitet hätte. „Der sitzt jetzt auf Wolke neun und grinst sich eins über die Gralshüter, die seine Werke heute als unveräußerlich und heilig ansehen“, kommentierte ein prominenter grüner NRW-Landespolitiker noch vor wenigen Tagen.

Warhols Business Art, das war die Adelung schnöden Gelderwerbs zu einer eigenen Kunstideologie. Alles was der Künstler zum Gegenstand seiner Beschäftigung erklärt, ist auch Kunst. Die Person des Künstlers eingeschlossen. Der inszeniert sich selbst als Kunstwerk und vermarktet sich seriell. Selbstreferenzialität – auf die Spitze getrieben.

Ob Norbert-Walter Borjans, seines Zeichens Finanzminister des Lands Nordrhein-Westfalen, je von der Warholschen Interpretation moderner Kunst gehört hat? Wohl kaum. Dazu ist der Sozialdemokrat viel zu sehr old school, war nicht umsonst Kämmerer der Stadt Köln und hat sich im Land einen Namen gemacht als Geld-Eintreiber, dem fast jedes Mittel recht ist, um deutsche Steuer-Flüchtlinge dingfest zu machen. Selbst vor Einschnitten bei Kunst und Kultur wird nicht Halt gemacht. Bemerkenswert war Borjans’ Einlassung vor einigen Tagen im Landtag, als er die Politik für die Warhol-Bilder als nicht zuständig erklärte und dabei eine eigene Werttheorie entwickelte: “Ein Kunstwerk hat einen Wert, wenn es zu veräußern ist. Wenn ausgeschlossen wird, es zu veräußern, hat es auch keinen Preis.” Damit trifft er die Kunst-Blase in ihrem Herzen.

Das rot-grüne Regierungsbündnis in Düsseldorf sah keinen Hinderungsgrund, die Versteigerung von zwei Warhol-Objekten der landeseigenen Enkeltochter Westspiel GmbH zu verhindern. Allen Protesten von 26 nordrhein-westfälischen Museumsdirektoren und medialem Dauerbeschuss zum Trotz. Deren selbsternanntes Sturmgeschütz war und ist die FAZ. Die sieht einen „Werteverfall ohne Beispiel“ heraufziehen. Rhetorischen Flankenschutz gaben Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und die NRW-Opposition, wie abwechselnd von „Tabubruch“ und „Sündenfall“ sprachen. Und für den Deutschen Kulturrat, oberste Lobby-Verband der Branche, äußerte sich Geschäftsführer Olaf Zimmermann: „Die skandalöse Versteigerung ist Ausdruck einer sich seit Jahren ausbreitenden radikalen Philosophie: Markt vor Gemeinwesen”.

Eine gewisse Blindheit, wenn nicht gar Scheinheiligkeit spricht aus diesem Engagement. Als die beiden Objekte, mit denen Warhol Elvis Presley und Marlon Brando nachträglich zu Ikonen der Pop-Art kürt, noch in NRW waren, da hat kein Hahn nach ihnen gekräht. In den goldenen 70ger Jahren waren sie für die Spielbank Aachen angeschafft worden. Für eine vergleichsweise lachhafte Summe. Als Deko-Ware für süchtige Spieler. Doch der Zeitgeist und das Publikum wandelten sich und „Triple Elvis“ und „Four Marlons“ wanderten ins Magazin. Keiner der jetzt protestierenden Museumsdirektoren hat sie je vermisst. Keiner hat sie für eine Sonderausstellung angefordert. Warum auch? Diese Warhol-Phase ist in anderen Museen im Land hinreichend dokumentiert. Gleichwohl hat ihr Marktwert sich in diesen Jahren um das Hundertfünfzigfache vermehrt. Obwohl sie weggeschlossen waren oder gerade weil sie den Augen der Öffentlichkeit verborgen blieben? Hier stehen wir vor einem der Mysterien des Kunstmarkts.

Die hysterische Aufgeregtheit, die vor allem die Frankfurter Allgemeine bei diesem Thema zeigte, zielte vordergründig auf eine Sozialdemokratie, die a) mit Geld nicht umgehen kann und b) hoffnungslos kunstfern ist und c) wie weiland Schalck-Golodkowsky in der DDR den Ausverkauf des Landes betreibt. Die Widerstandshaltung gipfelte in der Forderung: „Die Warhols müssen bleiben“. Fast klang es so, als hinge die Wohl und Wehe eines Bundeslandes ab vom Verbleib der beiden Warhols.

Womit wir uns dem Kern der Sache nähern. Hinter den mal wütenden, mal sarkastischen Einreden steht etwas ganz anderes. Die Angst, die nackte Angst nämlich, dass über diesen Eingriff des Staats und seiner Bürokratie in einen Markt mit ganz eigenen, kaum durchschaubaren Gesetzen die große Kunstblase platzen könnte. Dieser Zusammenbruch ist vielfach beschworen worden – meist angstvoll, manchmal auch lustvoll herbeigesehnt. Der Publizist Georg Seeßlen hat sein jüngstes, schwergewichtiges Buch „Kunst frisst Geld – Geld frisst Kunst“ ein Pamphlet genannt hat und er hat dieses Untergangs-Szenario auch durchgespielt. Zusammen mit seinem Co-Autor Markus Metz hält er diese Möglichkeit eines radikalen Neuanfangs für eine Illusion. Denn der Staat ist viel zu sehr Mitspieler und Profiteur des bestehenden Systems. Wie die Christie’s Auktion beweist: Die Spielbank wird saniert, Steuereinnahmen fließen und der Versteigerer geht bei diesem abgekarteten Spiel auch nicht leer aus.

Dem Wertsystem der Kunst fehlt zwar jede solide Deckung, trotzdem glaubt jeder (oder möchte glauben) an Reichtum und Zuwachs. Mit der Kunst in der Postmoderne verhält es sich nicht anders als mit dem Papiergeld des Postkapitalismus: Beide sind sie letztlich virtuell, beider Wert basiert stillschweigend auf einer gesellschaftlichen, international geteilten Überzeugungen. Wenn aber das Vertrauen schwindet, ist der Kollaps nicht mehr fern.

Konkret zu unseren Warhols: Der Markt wird diese Zuwachs problemlos verdauen. So wie einst bei Picasso oder unlängst bei Mark Rothko. Warum, noch mal gefragt, also dann diese medial geschürte Angst? Weil dahinter die Furcht steht, dieses Beispiel könnte Schule machen. Gebetsmühlenartig werden die Sündenfälle aus der Vergangenheit (Eon, Langen-Stiftung) aufgezählt und schaudernd werden die künftigen Krisenherde aufgezählt: Die in Abwicklung befindliche West LB, jetzt schamhaft Portigon genannt, hat aus Friedel Neubers Zeiten noch einen veritablen Kunstschatz. Und hat noch auch WDR-Intendant Tom Buhrow gleich nach seinem Amtsantritt ein Sparprogramm vorgestellt, das mit der WDR-Kunstsammlung einen großen, 600 Objekte umfassenden Posten aufweist? Darunter ist mit einem großformatigen Ernst-Ludwig Kirchner auch ein Prachtexemplar der klassischen Moderne.

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Das ist Kunst – das kann weg

Hier scheint sich eine Perspektive aufzutun, der mit Kulturpessimismus nicht zu beizukommen ist. Nur wenn es massiert zu staatlichen Eingriffen in den Kunstmarkt kommt, dann wird sich dauerhaft eine Störung in den Marktmechanismen ergeben.

Aber bevor dieses unaufhörliche Wachstum zum Stillstand kommt und die berühmte Blase platzt, müssen noch ganz andere Faktoren hinzutreten. Seeßlen / Metz dröseln dieses Geflecht penibel auf, stellen aber dialektisch eine düstere Prognose: „Den Preis für das Platzen der Kunstmarkt-Blase wird natürlich auch die Allgemeinheit bezahlen, die sich endlich nicht mehr vor die Wahl von Kunstmuseum und Badeanstalt gestellt sieht. Es wird ihr beides genommen.“

Und die FAZ? Die beklagt einseitig das Schicksal der Kunst: „Die Büchse der Pandora ist geöffnet. Kunst im Besitz des Landes, mit Steuergeldern angeschafft und Eigentum der Bürger, ist nicht mehr sicher.“ Die bittere Wahrheit, dass Geld Kunst frisst und Gleiches vice versa gilt, ist ihr fremd.

 Michael André

Bild: Andy Warhol Museum entrance hallway wall, Pittsburgh, PA. von Photojunkie

 

 

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