Marcel Ophüls: Meines Vaters Sohn. Erinnerungen.

Der große Max und der kleine Stips auf Weltreise

Frei nach Erich Kästner: Der berühmte Dokumentarfilmer Marcel Ophüls legte in Berlin mit „Meines Vaters Sohn“ die deutsche Ausgabe seine aufregenden wie bewegenden Lebenserinnerungen vor

Mit dem historischen Erkenntniswert von Memoiren ist es so ein Ding. Wie soll man ihren Wahrheitsgehalt einschätzen, wo die Versuchung für die Autor doch so nahe liegt, sich einseitiger Erinnerungsseligkeit hinzugeben, die Zeitläufte im Rückblick schönzufärben und bei anderen, unangenehmeren Vorfällen von partieller Amnesie befallen zu werden? Der berühmte Dokumentarfilmer Marcel Ophüls, Sohn des Spielfilmregisseurs Max Ophüls, hat in seinem Erinnerungsband „Meines Vaters Sohn“ einen ebenso raffinierten wie bauernschlauen Weg gefunden, um dieses unaufhebbare Dilemma von Autobiographien zu thematisieren und zu umgehen.

Marcel Ophüls, Jahrgang 1927, stellt der chronologischen Erinnerung an seinen stationenreichen Lebensweg zwei Episoden voran, mit denen er sich selbst einen Freischein für eine ganz besondere Art unzuverlässigen Erzählens ausstellt. Nach einem mysteriösen Badeunfall am Strand von Rio und einer kaum weniger rätselhaften Hirnoperation in Paris habe er „nun dieses Loch im Schädel“. An manche Vorfälle in seinem Leben, zum Beispiel die Arbeit als Regieassistent bei Julien Duviviers Remake von Max Ophüls „Marianne“, könne er sich partout nicht erinnern.

Was dann über 300 Seiten lang folgt, ist ein großes Dementi auf das, was er gerade eben noch für sich in Anspruch genommen hat. Diese Erinnerungen sind erstaunlich in ihrer akribischen Detailfülle, amüsant in ihrem Pointenreichtum, befreiend in ihrer selbstironischen, kritischen Haltung. Aber dem Leser bleibt der Prolog als unsichtbares Warnschild vor Augen. Es könnte so gewesen sein, aber Abweichungen, Fehler und Auslassungen sind nicht ausgeschlossen. Womöglich hat der Autor bloß seiner literarischen Phantasie freien Lauf gelassen …

Allein – die suggestiv-schnodderige Erzählkraft des Autors legt nahe, seine Sicht der Dinge für echte Münze zu nehmen. Zu schön und zu originell ist die Biographie der deutsch-jüdischen Familie Ophüls, die lange Zeit noch den Ursprungsnamen Oppenheimer trug, um bloß angestrengt ausgedacht zu sein. Etwa die vom „großen Max“, der sich in seiner frühen Zeit bei der UFA in Babelsberg mit Kinderbuch-Verfilmungen beschäftigte, und der dem einzigen Sohn wohl in Anlehnung an Erich Kästners Weihnachtsmärchen „Fips und Stips auf Weltreise“ den Kosenamen Stips gab. Wie aus dem kleinen Stips dann Jahre später der junge „Zewen“ wurde, das lässt sich im Buch nachzulesen. Aber noch viel lustiger ist es, die Genese dieses Neologismus aus dem Mund des Autors zu hören.

Bei der Vorstellung seines Buchs während der Berlinale, die den 87jährigen mit einer Ehren-Kamera auszeichnete, kommt Marcel Ophüls auf diese und andere Kindheitserinnerungen zu sprechen. Zewen – ein Name dessen Herkunft bis heute unerklärlich ist – fällt, als der Vater bei einer Stadtrundfahrt in Wien plötzlich vor einem Hotel anhält: „Du bist zwar in Frankfurt geboren, aber hier ist der Ort, an dem du gezeugt worden bist.“ Auch eine Form kindlicher Aufklärung.

Marcel Ophüls schüttelt es bei dieser verbalen Beschwörung von glücklicher Kindheit, er scheint sich in sich selbst verkichern zu wollen, seine Stimme kiekst vor Vergnügen, bevor er dann zielstrebig den roten Faden der Erzählung wieder aufnimmt.

Und dieser Erinnerungsfluss ist ein einziges Blättern in der Filmgeschichte des 20. Jahrhunderts. Fritz Kortner, der dem nach eigenen Worten „bildungslos“ aus dem Exil in Hollywood heimgekehrten Teenager Marcel deutsche Klassik beibringen will und daheim bei den Ophüls scheinbar absichtslos den „Prolog im Himmel“ aus Goethes „Faust“ deklamiert oder der große Regisseur Billy Wilder, den die Mutter nachsichtig als den „kleinen Wilder“ tituliert, weil er lange vor dem Exil als Boulevardreporter in Wien unterwegs ist. Und ganz wie die Mutter spricht auch Sohn Ophüls den Namen Wilder mehrmals deutsch-österreichisch aus – zum Ergötzen des Publikums, das diese Verweigerung der Anglisierung eines Namens als süße Grille eines alten Mannes goutiert.

Doch Marcel Ophüls, der sich im Buch gleich eingangs als „Querulant“ bezeichnet (und sich damit für alle folgenden Despektierlichkeiten pardoniert) wäre nicht Ophüls, wenn er über alle Berühmtheiten gleichermaßen freundlich urteilt. Gustav Gründgens, der als Göring-Protegé in der NS-Zeit große Intendantenkarriere machte, bot Vater Max nach dem grotesken Scheitern von „Lola Montez“ in Frankreich zwar Obdach für Theater-Inszenierungen in den 50er Jahren, beobachtete dessen Bühnenerfolg in Hamburg aber mit wachsendem Neid und hielt nach dessen frühem Tod 1957 eine „kalte, distanzierte, nichtssagende Totenrede“. Ähnlich abschätzig äußert sich Marcel Ophüls an anderer Stelle über den berühmten Kollegen Jean-Luc Godard („hat gestern genau das Gegenteil von dem gesagt, was er heute sagt“), und der ewige Rivale Claude Lanzmann bekommt in einer ellenlangen Fußnote sein Fett weg. Für dessen opus magnum hält Ophüls eine ausgesuchte Gemeinheit bereit. „Shoa“ sei zwar „ein gewaltiges Meisterwerk, wenn auch nicht zwingendermaßen ein filmisches“. Und das Lanzmann, der seine Art der Beschäftigung mit dem Holocaust und Auschwitz für allein verbindlich hält! Noch ein vergiftetes Lob hält Ophüls bereit. Bei der Lektüre von Lanzmanns Memoiren habe er auf Seite 400 aufgegeben, als der Autor gerade dabei war, eine weitere Nordkoreanern im Dreck Asiens zu verführen: „Er, ein Meister der Verführung in wirklich allen Geländeformen“. Was ist das? Neid, Eifersucht oder die berechtigte Abrechnung mit einem unverbesserlichen Don Juan französischer Prägung, mit dem Ophüls übrigens die Mitgliedschaft in der Berliner Akademie der Künste teilt?

Hier hat die unterschiedliche Rezeptionsgeschichte von Lanzmanns „Shoa“ und Ophüls’ NS-Zeit-Film „Le chagrin et la pitie´“ offenbar tiefe, nicht mehr zu heilende Wunden hinterlassen. Ersterer galt – zumindest der französischen Kritik – als „warmes Meisterwerk“, der andere wurde mir deutlicher Reserve als „kaltes Meisterwerk“ wahrgenommen. Dabei bieten „Das Haus nebenan“ (so der schlechte deutsche Verleihtitel) wie später auch „Hotel Terminus“ Musterbeispiele, wie nah beieinander die Groteske und das Grauen, Heroismus und Feigheit im Dritten Reichs liegen und wie sich nur mit Verstellung und Mimikry, mit List und Naivität nachträglich Licht in das Dunkel von Schweigen und Verdrängung bringen lassen. „Kaltes Meisterwerk“, zu diesem Fehlurteil konnte nur eine Kritik gelangen, die lieber den bröckelnden Mythos der Résistance pflegte als der Tatsache ins Auge zu sehen, dass die Mehrheit der Franzosen lange dem Marschall Pétain treu ergeben war und auf diese Weise mitschuldig am Holocaust wurde.

Diese Ambivalenzen von Schuld und Verstrickung konnte wohl nur jemand aufzeigen, der zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Europa und Amerika pendelte und den seine Recherchen nach Klaus Barbie, dem „Schlächter von Lyon“, rund um die halbe Welt geführt haben. Auch für die Nähe von gickelndem Lebensmut und abgrundtiefer Verzweiflung bietet die Lebensgeschichte des großen Sohns eines großen Vaters ein anschauliches Beispiel. Während der Dreharbeiten zu „Hotel Terminus“, als chronische finanzielle Sorgen und privates Unglück unüberschaubar wurden, hat Marcel versucht, mit Tabletten seinem Leben ein Ende zu setzen. Unsentimental schreibt und spricht er über diesen Vorfall.

Ganz still wird es im Saal des Berliner Institut Français, als Ophüls auf etwas zu sprechen kommt, was gar nicht mehr im Buch, seinem ersten Buch übrigens, steht. Bewegt spricht er vom Trauermarsch nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“. So bewegt ist er von der Solidarität dieses Augenblicks in Frankreich, dass er sich die Augen mit beiden Händen zuhält. „Frankreich, mein Land.“ Das rührende Bekenntnis eines polyglotten Menschen.

Von Michael André

 

Marcel Ophüls: Meines Vaters Sohn. Erinnerungen

Propyläen-Verlag Berlin

320 Seiten mit div. Abbildungen und Personenregister

Aus dem Französischen von Jens Rostock

Originaltitel: „Mémoires d’un Fils à Papa“

Hardcover 22 Euro

(ISBN-13: 9783549074589)

E-Book 18.99 Euro

 

 

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