Robert Beachy: Das andere Berlin. Die Erfindung der Homosexualität. Eine deutsche Geschichte 1867 – 1933

Der Traum vom modernen Sodom

Der US-Historiker Robert Beachy verfolgt über Kaiserreich und Weimarer Zeit den Aufstieg Berlins zur Hauptstadt der homosexuellen Bewegung – und vergisst dabei ein paar Fragen

An Berlin scheiden sich die Geister. Das war zu vielen Zeiten so, besonders stark aber während der Jahre der Weimarer Republik. „Berlin bei Nacht. Ein Sündenpfuhl. Und dahinein soll ich mich stürzen?“, fragte sich im September 1926 Joseph Goebbels. Diese Angst vor höllischem Feuer hielt ihn nicht davon ab, sich wenige Wochen später zum Gauleiter der NSDAP in eben jener Reichshauptstadt machen zu lassen. Einer verteufelt ähnlichen Berlin-Terminologie bedient sich ein anderer Prominenter jener Zeit: „Ich bin Babel, die Sünderin, das Ungeheuer unter den Städten.“ Klaus Mann schwelgt über „Laster noch und noch“ und feiert das Berliner Nachtleben: „Junge-Junge, so was hat die Welt noch nicht gesehen.“ Wobei sich, das muss man hinzufügen, sarkastischer Stolz und tiefe Trauer in Klaus Manns Sätze mischen. Denn geschrieben sind die Lebenserinnerungen „Am Wendepunkt“ 1942 im New Yorker Exil. Da war der Weg zurück nach Deutschland für einen Homosexuellen und Antifaschisten wie den Thomas-Mann-Sohn versperrt. Das wilde, ausschweifende Berlin war nur noch eine wehmütige Reminiszenz.

In seiner Stadt-Ethnographie „Das andere Berlin“ hat Robert Beachy den Goebbelschen Ekel vor dem Moloch Berlin weggelassen, Klaus Manns Lobpreisung wird hingegen seiner Einleitung leitmotivisch vorangestellt. Das macht Sinn, hat aber auch Nachteile.

Zunächst einmal sei positiv festgehalten: Der amerikanische Historiker nimmt uns mit auf eine aufregende Erkundungstour durch das subkulturelle Berlin, das in unzähligen Nischen und Ecken pulsiert. Wobei Subkultur hier nahezu gleichbedeutend mit schwuler Kultur und Politik ist. Die homosexuelle Bewegung – so Beachys Befund – hat im bürgerlichen Berlin tiefwurzelnde historische Ausläufer, fächert sich dann aber in eine kaum überschaubare Zahl von Gruppen und Grüppchen auf, ist durch weltanschauliche Gräben getrennt und ist sich – kaum überraschend – oft spinnefeind. Leicht zynisch gesprochen: Was Magnus Hirschfelds Wissenschaftlich-humanitäres Komitee (WhK) mit der Gemeinschaft der Eigenen (GdE) und dem Bund für Menschenrechte (BfM) zusammenhält, ist nur der Kampf gegen die staatliche Repression. Der begegnete dem deutschen Homosexuellen lange Zeit in Gestalt des Strafrechtsparagraphen 175. Zäh und wendungsreich ist der Kampf gegen diese ständig lauernde Gefahr einer Kriminalisierung von Sexualität.

In den Jahren bis 1933 übte Berlin auf Schwule aus der deutschen Provinz wie aus dem Ausland eine magische Anziehungskraft aus. Englische Reisende wie der Schriftsteller Christopher Isherwood hatten hier ein Initiationserlebnis, das sie ihr Leben lang nicht verlassen sollte und waren baff, welche Vielzahl von Möglichkeiten Berlin ihnen bot und in welchen bizarren Erscheinungsformen Homosexualität ihnen hier begegnete. Vom Strichjungen am Bahnhof Zoo bis zum edel drapierten Transvestiten in einer der geschätzt über 100 Schwulenbars der Hauptstadt.

Doch Beachys Feldforschung in den Milieus der Homosexuellen setzt weit vor Weimar ein. Die „Harden-Eulenburg-Affäre“ von 1906 erschütterte Berlin und das wilhelminische Deutschland in seinen straighten Grundüberzeugungen, verschaffte dem Kaiser einen kleinen Nervenzusammenbruch, führte zu einer Kette von Verleumdungs- und Meineidsprozessen und endete mit jämmerlichen Karriereabbrüchen, wo nicht gar Selbstmorden. Und das alles nur, weil ein Journalist enthüllt hatte, welche Männerfreundschaften in einer dem Kaiser nahestehenden Kamarilla gepflegt wurden. Die „Liebenberger Tafelrunde“ hatte „Wilhelm II.“ mit dem Kosenamen „Liebchen“ bedacht. Deutschland war geschockt. Der Eulenburg-Skandal „popularisierte die Vorstellung, dass es eine homosexuelle Identität gab“, schreibt Beachy. Zu ergänzen wäre, dass Homosexuelle gleichzeitig aber auch in den Rang von Weltverschwörern wie Juden und Freimaurer aufrückten. In den Augen der europäischen Nachbarn war die deutsche Metropole schon „Berlin Sodom“. Bei Beachy fügt sich der Skandal als Baustein in die Beweiskette, dass Homosexualität in Deutschland nicht zu Beginn der liberalen Weimarer Zeit vom Himmel gefallen ist.

Ausführlich beschäftigt sich aber auch Beachy mit der deutschen Jugendbewegung der Jahrhundertwende und den diffusen ideengeschichtlichen Quellen des Wandervogels. Was er über den Vordenker Hans Blüher konzise zusammenträgt, wirft ein nicht immer schmeichelhaftes Bild auf diese männerbündische Vereinigung. Ein misogynes, ja stellenweise antisemitisches Weltbild scheint da auf, bei gleichzeitiger Betonung von Führerkult und dem Ideal homoerotischer Freundschaften, das sich auf eine krude, missverstandene Graecophilie berief und damit Knabenliebe rechtfertigte. Von naher Ferne grüßt die Odenwaldschule.

Kurioserweise fehlt bei Beachy jeder Verweis auf den Stefan-George-Kreis, wo auf höchstem Dichter-Niveau und mit unbedingtem Willen zur Selbststilisierung das Verhältnis zwischen dem Meister und seinen Anhängern selbstquälerisch durchgespielt wurde. Eine Variante des Führerkults mit sublimiert homosexuellen Zügen.

An solchen Stellen rächt sich, dass Beachy dem Ekel, der in Goebbels Wortwahl von Berlin als „Sündenpfuhl“ liegt, keine Bedeutung beimisst. Als Historiker schildert er den scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg der deutschen Schwulenbewegung, zeichnet ihre kleinen politischen und großen kommerziellen Erfolge getreulich nach, aber der versammelte Hass, der sich zur gleichen Zeit auf Seiten der politischen Reaktion ballt, der kommt bei ihm nur als großer Knall vor. Hier fehlen weitergehende kulturgeschichtliche Interpretationen.

Beachys Schlussstationen sind die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933, speziell die Verwüstung und Plünderung des Hirschfeld-Instituts für Sexualwissenschaft in Berlin-Tiergarten und schließlich der endgültige Rollback nach der Ermordung des schwulen SA-Führer Ernst Röhm 1934. Dazu passt die Verschärfung des §175. Stimmt alles und greift doch zu kurz.

Robert Beachy – übrigens ein Kollege von Dagmar Herzog („Die Politisierung der Lust“) – stellt sich leider nicht die Frage: Wie konnte eine aggressiv homophobe Bewegung wie der Nationalsozialismus so viel homoerotische Sehnsüchte und Bedürfnisse seiner Anhänger binden und dauerhaft an sich fesseln? Hat der deutsche Faschismus die gleichgeschlechtliche Sexualität von der Erotik abgespalten und unter striktes Tabu gestellt, gleichzeitig aber die übrigen Triebkräfte für den Führer und das Reich mobilisiert? Der Buchautor begnügt sich damit, eine BfM-Umfrage aus dem Jahr 1926 zu zitieren, wonach „ungefähr 40 Prozent der Befragten nationalistischen oder rechtsextremen Organisationen anhingen.“ Verantwortlich soll laut Beachy der Erste Weltkrieg sein, der „maßgeblich zur Verbreitung der maskulinistischen Ideologie beigetragen hatte.“ Also bloß ein Fall von homosexueller Verblendung?

Von weiblichen sexuellen Sehnsüchten können wir hier nicht sprechen. Das tut auch Beachy nicht. Er behandelt die Lesben-Bewegung erst gar nicht. Er ist sich dieser Leerstelle bewusst, verweist auf „Desiring Emancipation“ seines Kollegen Marti Lybeck. Ob diese strikte Arbeitsteilung sinnvoll ist, sei bezweifelt. Dazu ist das Feld zwischen weiblicher und männlicher Homosexualität doch zu sehr von Dünkel (Männer) und Nischendasein (Frauen) bestimmt.

Eindrucksvoll korrigiert Beachy den „linguistischen Determinismus“ eines Michel Foucault, dem er vorwirft, bei der Entdeckung der Homosexualität wie ein Mediziner oder Naturwissenschaftler vorgegangen zu sein: Den Experten bliebe es demnach vorbehalten, neue sexuellen Identitäten zu entdecken, sie zu benennen und ihnen Leben einzuhauchen. Bei Beachy ist es ein Zusammenspiel von Ärzten wie Hirschfeld und Krafft-Ebing und ihren Subjekten wie dem homosexuellen Juristen Karl-Heinrichs Ulrichs, die diese Bewegung in Gang setzten.

„Homosexualität ist eine deutsche Erfindung“ heißt es reißerisch wie griffig auf dem Buchumschlag. Nach Quellenlage kann es an dieser deutschen Sonderstellung keinen Zweifel mehr geben. Auch wenn der Focus auf Berlin und Deutschland liegt, ein wenig mehr über die Interdependenzen zwischen den einzelnen Metropolen der westlichen Zivilisation zu Beginn des 20. Jahrhunderts hätte man doch gern erfahren. Dass auch anderen Ländern Homosexualität nicht fremd war, beweist das Buch am Rand. Der Mann, der Maximilian Harden zu seiner Denunziationsgeschichte im Fall Eulenburg veranlasste, war ein Botschaftsrat an der französischen Gesandtschaft in Berlin. Dieser Raymond Lecomte galt im Jargon der Berliner Polizei als „König der Päderasten“. Kaum anzunehmen, dass der ausländische Diplomat seine Veranlagung erst am preußischen Hof entdeckt hat.

Michael André

 

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Cover © Siedler

 

Robert Beachy: Das andere Berlin

Die Erfindung der Homosexualität.
Eine deutsche Geschichte 1867 – 1933

Siedler-Verlag, Berlin 2015

462 Seiten

24.99 €

E-Book 19.99 €

 

 

 

 

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