Zeitungen sind ein nationaler Pflegefall

In Deutschland sollen jetzt ein Masterplan und die Digitalisierung weiter Teile der Archivbestände dieses Stück Kulturerbe retten. – Wie mit dem Älterwerden eines Mediums anfängliche Verachtung in Historiker-Wertschätzung und Popularität beim Publikum umgeschlagen ist.

Um die Zeitung ist es schlecht bestellt. Zumindest in ihrer klassischen papiernen Erscheinungsform ist sie von existenzbedrohenden Gefahren umstellt. Ihr gelten kulturpessimistische wie fatalistisch-technokratische Untergangsszenarien. Wer es gnädig mit ihr meint, der weist ihr für die Zukunft – ähnlich wie der Vinylschallplatte – einen Platz im Reservat der aussterbenden Aufzeichnungsmedien zu.

Dabei lauert der wahre GAU an einer anderen Stelle. Die hat paradoxerweise mit der sagenhaften Erfolgsgeschichte des Mediums Zeitung zu tun. Zeitungen, mehr als ein Jahrhundert Zeitungsgeschichte sind ernsthaft in ihrem Bestand bedroht. Der Feind heißt Säurefraß. Er nagt an den Seiten und hat viele Dokumente bereits unbenutzbar gemacht. Der Zersetzungsprozess geht auch deshalb so schnell voran, weil die Verleger ab 1850 immer höhere Auflagen drucken konnten und aus Kostengründen auf stark holzhaltiges Papier verfielen. Holzschliffpapier, das ideal für die Verarbeitung in den Rotationsmaschinen war, dessen Halbwertzeit jedoch begrenzt ist. Im Lauf der Jahre und durch schlechte Lagerung und nachlässigen Umgang noch einmal begünstigt, vergilbt das Papier. Es wird fragil und zerfällt in seine Bestandteile. Was die Fachleute aus ihrem Bücherbestand kennen, begegnet ihnen in gleicher dramatischer Form beim Massenmedium Zeitung wieder. Allein in der Staatsbibliothek Berlin lagern 25.000 großformatige Bände mit nicht weniger als 10 Millionen Blättern auf unzähligen Regalmetern. Das Zeitungsarchiv habe lange Zeit ein „Schattendasein“ geführt, gibt Reinhard Altenhöner unumwunden zu. Der 2015 nach Berlin an die Staatsbibliothek als ständiger Vertreter der Generaldirektorin gekommene Fachmann für Bestandserhaltung im digitalen Zeitalter sieht aber auch einen Grundstein gelegt, um einen Gutteil des Zeitungs-Erbes zu erhalten.

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Faksimile | Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung | Berlin | Mosse | 1898-03-04 (Quelle: zefys.staatsbibliothek-berlin.de)

Die Rettungsaktion für ein Stück nationaler Alltagskultur, das in den Bibliotheken nach Altenhöners Einschätzung „eine deutlich spürbar wachsende Rolle“ spielt, kommt spät. Sie kommt – wenig überraschend in unserer Zeit – nicht allein in Gestalt klassischer Konservierung und Restaurierung, sondern über Quellenerfassung und digitale Transformation. Was nicht ohne Folgen für die Wahrnehmbarkeit dieser Bestände abgeht: Bislang sichtbares Material wird nur noch im Auge des Betrachters sichtbar sein. Es sei denn, man kann es sich leisten, Zeitungen in Papierform wie als Digitalisat zu erhalten. Hier spielt sich die gleiche Diskussion wie unter Filmhistorikern ab, wo es um die Frage geht, ob das Zelluloid-Filmmaterial nach Erstellung einer Digi-Kopie weggeworfen werden kann oder aufbewahrt werden soll. Denn allen Beteiligten ist klar, dass auch die Halbwertzeit digitaler Kopien begrenzt ist und spätestens mit der nächsten kleinen Technik-Revolution immer weitere Überspielungen nötig sind.

Für den Erhalt von Zeitungen haben sechs große deutsche Bibliotheken gerade unter Federführung von Altenhöners SBB einen Masterplan erarbeitet, der derzeit zur Evaluierung der Deutschen Forschungsgemeinschaft vorliegt. Die DFG hat im Lauf der letzten Jahre in die Digitalisierung verschiedenster Materialien bereits über 100 Millionen Euro gesteckt. Wenn die Initiative so kommt wie vorgeschlagen, dann wird sich die Summe nochmal deutlich erhöhen. Die Investition wird nicht auf einen Schlag fällig, sondern verteilt sich in kleineren Portionen auf einen größeren Zeitraum. Langfristig kommt viel Geld zusammen, das aber immer noch keinen Vergleich zu der angeblich 500 Millionen Euro hohen Förderung in Frankreich aushält. Dort hat der Staat vor Jahren viel Geld locker gemacht, um kraftvoll gegen die Herausforderung von Google und die kommerzielle Ausbeutung des Gutenberg-Erbes bestehen zu können. Wobei das Geld in Frankreich beileibe nicht nur ins digitale Zeitungsarchiv geflossen ist.

Den Rückstand auch auf Zeitungs-affine Länder wie Australien, Neuseeland, Österreich oder den Niederlanden aufzuholen, wird eine anspruchsvolle Aufgabe sein. Altenhöner drückt es vornehm aus: „Es gibt Länder, die mehr getan haben.“ Landesweit verstreut sind derzeit ungefähr 300 Millionen alte Zeitungs-Seiten bis 1945 vorhanden. Davon liegen bislang rund 40 Millionen als Digitalisat vor. Dazu kommen Millionen Seiten, die vor Jahren bereits auf dem inzwischen veralteten Speichermedium Mikrofilm archiviert wurden. Die Bänder sind teilweise in einem schlechten Gebrauchszustand, und es bleibt abzuwarten, wie viele sich für eine Digitalisierung überhaupt noch eignen.

Reinhard Altenhöner glaubt dennoch: „In den nächsten zehn Jahren könnten pro Jahr sechs Millionen Seiten digital aufbereitet werden.“ Damit wäre immerhin rund ein Drittel des Bestands erfasst „Das ist realistisch, die Hälfte des Bestands aufzunehmen wäre ideal.“ Zum Vergleich: als 2012 die Pilotphase begann, sprach Altenhöners Dresdner Kollege Thomas Bürger davon, dass gerade mal 3 Prozent der 16.000 alten Zeitungen digitalisiert seien.

Reinhard Altenhöner, Ständiger Vertreter der Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin
Reinhard Altenhöner, Ständiger Vertreter der Generaldirektorin der Staatsbibliothek zu Berlin | Foto: Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Hagen Immel

Wobei Experten wie Altenhöner erst mal vor der Frage stehen: „Wie kommen wir zu einem einheitlichen Datentopf und einem eigenen Zugang für Zeitungsrecherche?“ Nur wenn diese Probleme User-freundlich beantwortet sind, ist der offene und freie Zugang zu den einzelnen Ausgaben kein bloßes Versprechen mehr. Die nächsten Fragen lauten: Was kann und was soll aufbewahrt werden? Welche Zeitungen, welche Jahrgänge sollen Priorität haben? Dazu kommt die spannende Frage: Wo lagert eigentlich welches Material? Deutschlands Bibliotheks- und Archivlandschaft ist vielfältig, aber auch unübersichtlich. Was in der Vergangenheit gesammelt worden ist, lässt sich in keiner Systematik fassen, sondern hatte auch mit individuellen Vorlieben und Neigungen von einzelner Personen und regionalen Akzenten zu tun. Altenhöner: „Der klassische Fall sieht so aus: „Einzelne Bibliotheken haben einzelne Ausgaben oder einzelne Jahrgänge. Die nächste hat wieder andere.“ Wie wird aus diesem Puzzle ein Bild mit möglichst wenigen Löchern?

Solche Überlegungen, aus denen archivarische oder wissenschaftliche Wertschätzung spricht, ist der Zeitung in ihren großen Zeiten nicht zuteilgeworden. Ganz im Gegenteil. So sprach der berühmte Historiker Johann Gustav Droysen (1808 – 1884) von den Zeitungen und dem von ihr angelieferten Material als den „Überresten“, quasi als der Schlacke ernstzunehmender Quellen. Mit dieser Verachtung stand er unter seinen Kollegen nicht allein. Und er konnte sich im schönsten Einklang mit Volkes Meinung fühlen. Demnach war die Zeitung vom Vortag noch gut genug, um die gerade vom Markt geholten Heringe darin einzuwickeln.

Doch die Zeiten haben sich geändert. Der groschenbillige Wegwerfartikel von einst wird heute als „Historische Zeitung“ zum Geburtstag oder Hochzeitstag zum stolzen Preis von 39 Euro im Internet angeboten. Versprochen wird ein Original mit Echtheitszertifikat. Eine Kopie oder ein Reprint werden ausdrücklich ausgeschlossen. Die Zeitung ist zum begehrten Sammelobjekt geworden und in der FAZ veröffentlicht passend zum neuen Zeitgeist ein emeritierter Mainzer Publizistikprofessor einen flammenden Aufruf zur Gründung eines Deutschen Zeitungsmuseums. In tiefer Verehrung wird die Zeitung zu „einem der großen abendländischen Kunstwerke“ erklärt. Natürlich fehlt bei Jürgen Wilke nicht der Verweis auf Schopenhauer und dessen zum geflügelten Wort gewordenen Ausspruch von der Zeitung als dem „Sekundenzeiger der Geschichte“. Bitter vermerkt wird gleichzeitig die Skepsis des Philosophen, wonach dieser Teil des Chronometers „selten richtig geht“ und „von unedlerem Metall ist als die beiden anderen“.

Schopenhauers Vorbehalte gegenüber Zeitungen waren durchaus berechtigt. Doch ihre notorische Unzuverlässigkeit und schlechte Reputation hat schon in der Frühzeit berühmte Dichter wie Heinrich von Kleist oder Ludwig Tieck nicht abhalten können, sich als Verleger oder Autor zu versuchen. Die Karrieren eines Karl Kraus, Joseph Roth, Kurt Tucholsky – um nur ein paar zu nennen – sind untrennbar mit Zeitungen und Zeitschriften verbunden. Oder ein aktuelles Beispiel: Der fleißige slowenische Philosoph Slavoj Zizek beherrscht die Klaviatur der synchronen internationalen Publikation seiner Aufsätze wie kein anderer. Sein bevorzugtes Medium: diverse Zeitungen.

Längst ist die Zeitung selbst Gegenstand künstlerischer Beschäftigung geworden. Über Filme wie „Front Page“ (1931) oder „Citizen Kane“ (1940) hat sich ein eigenes Genre konstituiert und ein Jahrhundertroman von Uwe Johnsons „Jahrestage“ (1967) lässt sich mühelos auch als Zeitungsroman lesen. Johnsons bevorzugtes Objekt der Beobachtung ist die „New York Times“, die mit folgendem Prädikat geadelt wird: Sie sei „das Bewusstsein des Tages“. Johnsons Hauptfigur Gesine Cresspahl ist ständige „Times“-Leserin. Für sie ist es so, als sei nur mit Hilfe der „alten Tante Times der Tag zu beweisen.“

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Zeitungsarchiv des Martius-Staden-Instituts

Die Wertschätzung von Zeitungen hat mittlerweile die verschiedensten Ebenen erreicht: Die Skala reicht von seriösen Wissenschaftler bis zu lokalen Hobbyhistorikern. „In den Bibliotheken werden historische Zeitungen ständig nachgefragt“, weiß der Dresdner SLUB-Chef Thomas Bürger aus eigener Erfahrung. Zeitungsarchive sind wie Spiegel, in den die Menschen schauen und dabei ihre Vorfahren erblicken.

Zeitungen sind nicht bloß objektive Informationsorgane, die die Öffentlichkeit über aktuelle Geschehnisse unterrichten, wie Emil Dofivat als der Doyen der Zeitungswissenschaften noch 1967 glauben machen wollte. Zeitungen sind vielmehr ein hochkomplexes Medium, in dem gesellschaftliches Bewusstsein und Ideologien, Unbewusstes und Alltäglich-Banales zusammenfließen und in einem neuen journalistischen Aggregatzustand in Druck gehen. Zeitungen sind spannend als Gesamterscheinung. Nicht nur der Leitartikel, auch die Anzeige für amerikanische Lucky Strike-Zigaretten oder die Eigenreklame eines Wahrsagers geben Aufschluss über die Süchte und die psychosoziale Verfasstheit einer Gesellschaft. Deshalb ist auch die Empörung des amerikanischen Schriftstellers Nicholas Baker verständlich, der schon 2001 bei der Lektüre von damals noch mikroverfilmten Zeitschriften feststellen musste, dass die letzten Seiten mit den Anzeigen einfach ausgelassen waren. Johannes Schneider, Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig, gab dem Schriftsteller in einem Interview unlängst recht: „Diesen Fehler würde man heute nicht mehr machen“. Heute werden bei der nachträglichen Digitalisierung von Büchern sogar die Einbände abfotografiert. Und bei den Zeitungen es ist selbstverständlich, dass bei der vorbildlich erhaltenen „Vossischen Zeitung“ in der ZDB-Datenbank sowohl die Morgen- als auch die Abendausgabe eines Tages gelistet sind.

Druckerzeugnisse sind mehr als Text und Bild. Nicht nur das Feld, das einzelne Dokument, ist interessant, Auch das Umfeld mit seinen vielen zerstreuten Zeichen ist zum Verständnis wichtig. Was zählt, ist nicht allein vollständige Verfügbarkeit einer Ausgabe, auch Kontinuität ist wichtig. Chronologische Vollständigkeit gibt Aufschluss, wie die großen Zeitungen etwa einen Politskandal wie den der drei jüdischen Brüder Sklarek über einen langen Zeitraum verfolgt haben. Der Furor und die Enttäuschung, die in der Berichterstattung der einzelnen Zeitungen von konservativ bis radikal aufscheint, lassen das bevorstehende Ende der Weimarer Republik längst vor der „Machtergreifung“ 1933 erahnen. Gut archivierte und zugängliche Ausgaben von Zeitungen helfen, das Gesamtbild jener unruhigen Berliner Zeit zu erhellen.

Frankreich und seine Nutzer haben es bis jetzt besser. Die Bibliothèque Nationale besitzt mit gallica.bnf.fr ein Gesamtportal, mit dem sich zum Beispiel virtuos durch die komplett digitalisierten Jahrgänge vieler französischer, vorzugsweise Pariser Zeitungen navigieren lässt. Natürlich gibt es auch hier Lücken, einzelne Ausgaben, ganze Jahrgänge etwa aus der letzten Erscheinungsphase der einst renommierten „La Presse“ sind verschollen. Aber das sind Ausnahmen. In der Regel sind vom 19. Jahrhundert an bis zum Ende des Vichy-Regime und dem Einmarsch der Alliierten in Paris 1944 fast alle einst publizierten Ausgaben digital archiviert.

Das stellt sich in Deutschland anders dar. Wer etwas über das berühmte „Berliner Tageblatt“ aufschlägt, der findet zwar eine imponierende Jahrgangsliste, doch das Jahr 1930 zum Beispiel scheint nur aus Sonntagen zu bestehen. Ganze 50 Ausgabe sind insgesamt digital archiviert und öffentlich zugänglich. Dagegen ist der „Briesetal-Bote“, ein Bezirksanzeiger für die Nordberliner Region, mit 279 Ausgaben im gleichen Jahrgang vergleichsweise phantastisch erschlossen. Das berührt ein grundlegendes Problem: Wie sammelt man? Nur nach Relevanz der Ereignisse, Themen und Daten?

Unikats-Charakter lässt sich dem „Brailaer Anzeiger“, der an diesem Tag auf dem neuen Großscanner der Staatsbibliothek zur Datenerfassung bereitliegt, ohne weiteres attestieren. Die Ausgabe datiert aus den Zeiten des Ersten Weltkriegs und trägt den umständlichen Untertitel „Amtsblatt des Abschnitts-Kommandos Braila und der Kaiserlich Deutschen Kommandantur“. Braila, das liegt an der Donau, gehört zu Rumänien und war im Weltkrieg ab 1917 von der deutschen Donau-Armee besetzt. Der journalistische Wert dieser Gazette ist nicht hoch zu veranschlagen, aber als militärhistorisches Dokument deutscher Expansion Richtung Osten hat sie ihren eigenen Wert. Wie in vielen anderen Fällen ist auch hier Eile für Digitalisierungs-Chef Thorsten Siegmann und seine Mitarbeiter geboten: Vergilbte Zeitungsränder zeugen von fortgeschrittenem Säurefraß.

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Im Bestand der Zeitungsabteilung der Staatsbibliothek befinden sich Zeitungen ab der Mitte des 18. Jahrhunderts in Originalausgaben. Neben den bedeutenden Berliner Zeitungen wie z.B. “Vossische Zeitung”, “Haude & Spenersche Zeitung”, “Kreuzzeitung” ist der “Hamburgische unpartheyische Correspondent” eine Kostbarkeit der Sammlung. (screenshot und Text (Ausschnitt) website staatsbibliothek-berlin.de/)

Der am weitesten gehende Archivierungs-Ansatz geht so: Man sammelt alles, was an Druckerzeugnissen zugänglich ist und was von den Verlagen als Pflichtexemplaren eingesandt wird. So macht es die Nationalbibliothek mit Sitz in Leipzig und Frankfurt, so entspricht es ihrem gesetzlichen Auftrag. In Leipzig sind seit 2010 die neuen E-Paper-Versionen deutscher Zeitungen fast vollständig als PDF versammelt. Aber bei der Frage nach dem Alt-Bestand muss die Bibliothek blank ziehen. „Bislang haben wir keine Zeitungen vor 1945 digitalisiert, sondern im Bereich gedruckter Medien hauptsächlich nur Bücher und Zeitschriften“, schreibt Kurt Schneider, Leiter der Digitalen Dienste, auf Anfrage. Dabei lässt die Digitalisierung der Zeitung auch das Ordnungssystem des E-Paper immer unübersichtlicher werden. Längst hat sich Praxis eingebürgert, innerhalb einer Ausgabe das redaktionelle Angebot zu aktualisieren oder einzelne Artikel nachzuschieben. Dabei sind für Außenstehende die einzelnen Versionen nicht mehr so klar unterscheidbar wie in den alten, analogen Zeiten.

Die Scheu vor der Erfassung der jüngeren Vergangenheit hat auch mit der dunklen deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu tun. Während in Frankreich in weitgehend ungebrochenen nationalem Selbstbewusstsein ein prä-faschistisches Blatt wie die „Action Française”zum nationalen Medienerbe zählt und in der Gallica-Liste der wichtigen politischen Tageszeitungen von 1909 bis 1944 prominent gelistet ist, tun sich die deutschen Kollegen schwer damit, ein Blatt wie den NS-parteioffiziellen „Völkischen Beobachter“ oder gar Julius Streichers Hetzblatt „Der Stürmer“ in die Reihe der zu digitalisierenden Publikationen aufzunehmen. Juristische Bedenken, die Angst sich der Beihilfe zur Volksverhetzung schuldig zu machen, aber auch moralische Skrupel, Neonazis Anschauungsmaterial frei Haus zu liefern, kollidieren mit dem professionellen archivarischen Wunsch auf Vollständigkeit und Verfügbarkeit. 70 Jahre nach Kriegsende ist die NS-Zeit speziell im Zeitungsbereich immer noch ein vermintes Terrain.

Überdies machen urheberrechtliche Fragen die deutsche Zeitungsgeschichte zu einem unwegsamen Gelände. 70 Jahre nach Erscheinen werden Bücher und andere Medien zwar gemeinfrei, aber die Rechte an einem beispielsweise 1945 erschienen Artikel erlöschen auch erst 70 Jahre nach dem Tod ihrer Autoren. Ein juristisch korrektes Verfahren individueller Rechteklärung steht dem Wunsch nach schnellen Fortschritten bei der Erschließung von Quellen kategorial entgegen.

Für die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg sehen sich die Bibliotheken in ganz andere Konflikte verstrickt. Verschiedene Zeitungen wie die FAZ haben auf eigene Faust ihr Archiv digital erschlossen, lassen sich die Artikel vom Nutzer bezahlen und reagieren äußerst verstimmt, wenn andere, noch dazu öffentliche Institutionen in dieses gewinnbringende Geschäftsfeld eindringen.

Zeitungen, deren Verlage zwar noch existieren, die aber bislang kein Interesse an ihrem Archiv gezeigt haben, lässt sich schon eher beikommen. Dank der Neufassung der Vorschrift von 2015 über „Vergriffene und verwaiste Werke“ lassen sich prinzipiell auch Zeitungsausgaben bis 1966 digital erschließen, vorausgesetzt es gibt eine Einigung mit den Zeitungsverlegern. Zumindest dieses schwarze Loch wird sich langsam schließen, so auch die Hoffnung von Reinhard Altenhöner.

Natürlich war es in dieser Situation konfliktfreier, ein Verzeichnis der Drucke des 16. Jahrhunderts aufzustellen und diesem VD16-Verzeichnis ein VD 17 und ein VD 18 folgen zu lassen. Auch dafür gab es im Rahmen des Förderprogramms „Erschließung und Digitalisierung“ Geld der DFG für Bibliotheken.

In den Augen von Fachhistorikern und mit Blick auf das nationale Kulturerbe war dieser Schritt wohl wichtig. Doch das große Publikumsinteresse setzt erst mit Zeitgeschichte und jüngster Vergangenheit ein. In den Lesesälen und erst recht bei Online-Portalen. Und hier kann der Bibliotheken-Masterplan, wenn er denn ins Rollen kommt, große, im Detail kaum abschätzbare Nach-Wirkungen haben.

So hat die Zeitungsdigitalisierung in Nordamerika schon zu ungeahnten Begleiterscheinungen geführt. Seit Jahren gibt es den Blog des Craig Silverman, der sich das Ziel setzte, Irrtümer und Fehlleistungen von Medien öffentlich zu machen. Aus dem Slogan „Regret the error“ hat sich eine neue politische Entschuldigungskultur entwickelt. So bereute eine Zeitung aus Florida 2007 mit einem halben Jahrhundert Verspätung in ihren Spalten, während der Rassenunruhen der 1960er Jahre nicht Partei für die Bürgerrechtsbewegung ergriffen zu haben. Und ein Blatt aus North Carolina entschuldigte sich bei seinen Lesern dafür, im Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert die Sache der sklavenhaltenden Südstaaten unterstützt zu haben. Die Enkel und Urenkel stehen ein für die Fehler ihrer Vorväter. Für Fehler, die im Licht der Gegenwart als Ausdruck verbohrter Ideologie und dumpfem Ressentiment erscheinen. Da bleibt nur ein schmaler Grat zwischen historisch-korrekter Aufarbeitung von eigener Geschichte und dem populistischen Generalverdacht, wonach Zeitungen immer schon „Lügenpresse“ waren.

Michael André

Fotos:

– Faksimile | Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung | Berlin | Mosse | 1898-03-04 (Quelle: zefys.staatsbibliothek-berlin.de)

– Reinhard Altenhöner | Staatsbibliothek zu Berlin – PK, Hagen Immel

– Zeitungsarchiv des Martius-Staden-Instituts | Author DARO71 (This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license.)

– “Hamburgische unpartheyische Correspondent” | Ausschnitt website staatsbibliothek-berlin.de

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