Donnerstag, 14. August 2008

Senga Bay und Nkhata Bay

Ich gönne mir für 840 Kwacha ein Frühstück in der „Cool Runnings“-Lodge und ahne noch nicht, dass dies die letzte Stärkung für heute sein wird. Kräfte brauche ich, denn ich will mich rund 300 Kilometer in den Norden durchschlagen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Doch zunächst ist Muskelkraft gefragt. Mein Koffer will gut einen Kilometer bis zur Hauptstraße gerollt werden und frisst erneut eine lange Spur in den feinen grauen Sand. Kinder verfolgen mich, lachen sich kaputt über meine Dampfwalzenarbeit und befehlen einmal mehr: „Give me money!“

Autor Michael Scholten reist landestypisch auf der Ladefläche eines Pick-ups nach Salima.

Autor Michael Scholten reist landestypisch auf der Ladefläche eines Pick-ups nach Salima.

Ich steige auf die mit Passagieren und Fahrgästen völlig überfrachtete Ladefläche eines Pick-ups, was weder der Frisur noch dem Hintern gut tut. Während das Gesäß durch den harten Untergrund aus Blech gelähmt wird, weht einem der Fahrtwind fast die Haare vom Kopf. Nach einer halben Stunde erreichen wir den Busbahnhof von Salima. Ich finde keinen Minibus, der bis in die nördliche Regionalhauptstadt Mzuzu fährt. Da biegt ein großer Reisebus um die Ecke, der als Fahrziel immerhin Chintheche angibt. Das liegt rund 100 Kilometer vor Mzuzu.

Der Bus Richtung Norden ist für 65 sitzende und 35 stehende Passagiere zugelassen. Theoretisch.

Der Bus Richtung Norden ist für 65 sitzende und 35 stehende Passagiere zugelassen. Theoretisch.

Mein westlich trainierter Verstand sagt mir: Je größer der Bus ist, desto mehr Platz hat jeder Fahrgast. Die afrikanische Realität zeigt mir: Nö. Der Reisebus ist für 65 sitzende und 35 stehende Passagiere zugelassen. Das steht auf einem Schild an der Fahrerkabine. Das Schild ist aber nicht mehr zu sehen, weil auch in diesem Bus jeder Quadratzentimeter mit Fahrgästen und Frachtgut vollgestopft wird. Der günstige Fahrpreis von 700 Kwacha, etwas mehr als drei Euro, ist das einzig Angenehme an der heutigen Tour. Alles andere nervt und kann beim besten Willen nicht als afrikanisches Reiseabenteuer schöngeredet werden.

Auf den ersten 80 Kilometern dient mir immerhin ein Fischmehlsack als halbwegs bequeme Sitzgelegenheit, während ich hinter der Fahrerkabine inmitten eines wackligen Turms aus Gepäckstücken hocke. Einen regulären Sitzplatz habe ich nicht ergattern können, weil der Bus schon mehr als voll besetzt aus Lilongwe in Salima eintraf. Neben mir hockt ein junger Pole auf dem Boden, der seit fünf Wochen mit kleinem Klappzelt Afrika bereist. Wir beiden sind die einzigen Weißen im Bus. Alle anderen Touristen tun sich diese Tortur nicht an.

Erst verlässt mich mein Fischmehlsack, weil dieser samt Besitzer den Bus verlässt, dann verabschiedet sich der polnische Mitreisende, weil er eine Woche in Nkhotakota zelten will. Das frühere Zentrum des Sklavenhandels, betrieben von Portugiesen und Arabern, stand auch mal auf meinem Reiseplan. Doch weil der Ort mehr Geschichte als Sehenswürdigkeiten bietet, habe ich ihn von der Liste gestrichen.

In Nkhotakota steigen zum Glück viele Passagiere aus. Bevor eine neue identisch große Menschenmenge einsteigt, kann ich einen der regulären Sitzplätze für mich gewinnen. Schöner wird die Fahrt dadurch auch nicht. Die heiße Luft im Bus riecht nach Fisch, Gemüse, Achselschweiß und Babykacke, die wummernde Reggae-Musik aus den Lautsprechern vermischt sich mit Kindergeschrei und dem Gackern der vielen mittransportierten lebenden Hühner. Ständig habe ich Koffer, Ellbogen und Hintern im Gesicht, alternativ auch die Brüste stillender Mütter.

Die Betreiber müssen sich eine goldene Nase verdienen. Denn für hiesige Verhältnisse sind Fahrpreise von 700 Kwacha verflucht viel Geld. Die beiden mitfahrenden Kassierer halten schon am frühen Nachmittag riesige Geldbündel in den Händen. Davon könnten locker zwei Busse auf der Strecke eingesetzt werden, die jedem Passagier eine halbwegs menschenwürdige Fahrt bieten würden. Doch dann wäre der Gewinn des Betreibers nur halb so groß. Also wird die Menschenmasse lieber unwürdig in den Bus gestopft.

Jedes Ein- und Aussteigen zieht sich schier unendlich in die Länge. Meine Hoffnung, heute überhaupt noch bis Mzuzu zu kommen, schwindet. Zumal wir auch noch in mehrere Polizeikontrollen geraten. Weil die Beamten den Bus nach Waffen und Rauschgift durchsuchen wollen, müssen alle Passagiere aussteigen und draußen warten. Das gibt mir die Gelegenheit, wenigstens ein Wasser zu kaufen, damit mein Kreislauf nicht in den nächsten Stunden zusammenbricht. In einem Gepäckstück scheinen die Beamten fündig zu werden. Der Besitzer wird in den Bus gerufen. Es wird kurz diskutiert, dann sehe ich einen Geldschein in die Hosentasche eines Polizisten wandern. Der Fall ist geklärt, und die Anti-Korruptions-Plakate in ganz Malawi nichts als bunter Tinnef.

Am späten Nachmittag erreichen wir Dwangwa, ein Zentrum des Zuckerrohranbaus. Hier verlassen viele Passagiere den Bus. Jeder reißt sein Gepäck aus dem Turm hinter der Fahrerkabine und bringt selbigen zum Einsturz. Jetzt liegt erneut alles kreuz und quer im Gang herum. Niemand räumt auf, alle kraxeln über die Gepäckstücke und trampeln auf fremdem Eigentum herum. Gegen Mittag, vor vielen Stunden, habe ich noch zweimal für Ordnung gesorgt. Doch inzwischen ist mir die Sache zu blöd. Das Land hat schon genug westliche Entwicklungshelfer. Da muss ich mich nicht auch noch als Kofferbeauftragter hervortun. Malawi lebt und liebt das Chaos, Logik spielt hier keine Rolle, mir kommt alles wie ein einziger antiautoritärer Kindergarten vor. Ich habe längst vor dem Wahnsinn dieses Landes und der Schlichtheit einiger Einwohner kapituliert.

Öffentlicher Personenfernverkehr in Malawi.

Öffentlicher Personenfernverkehr in Malawi.

Die Sonne ist schon untergegangen, der Fahrer kämpft sich mit Fernlicht über die laternenlose Straße. Unser Ziel scheint noch immer unerreichbar fern. Einer der beiden Kartenverkäufer setzt sich zu mir. Er sucht das Gespräch und verkürzt mir so die Fahrzeit. Ob ich heute Abend noch einen Transfer nach Mzuzu bekomme, kann er mir nicht versprechen. Aber ich erfahre, dass der Bus über Chintheche hinaus noch bis Nkhata Bay fahren wird. Die Kleinstadt in einer malerischen Bucht ist 47 Kilometer von Mzuzu entfernt und ein Backpacker-Paradies. Dort gibt es eine große Auswahl von Unterkünften. Falls ich dort strande, kann ich zumindest übernachten. 

Gegen 21 Uhr erreichen wir endlich Nkhata Bay. Der Kartenverkäufer erkundigt sich bei einem Polizisten, welchen sicheren Schlafplatz er mir empfehlen kann. Die Antwort lautet Ilala Beach Lodge. Mein Aufpasser aus dem Bus rollt sogar meinen Koffer bis zum wenige Hundert Meter entfernten Eingang der Lodge. Ich gebe ihm dafür gern das üppige Trinkgeld von 500 Kwacha, das er vermutlich erwartet hat. Eine Nacht in der Lodge kostet 3000 Kwacha, 13 Euro. Mit dem Schlüssel bekomme ich eine Dose Insektenspray in die Hand gedrückt. Ein Moskitonetz gibt es in dem einfachen, aber sauberen Zimmer ebenfalls. 

Posieren, bis die Hose platzt: Ein Spaßquartett in Nkhata Bay bietet dem Fotografen die ganz große Show.

Posieren, bis die Hose platzt: Ein Spaßquartett in Nkhata Bay bietet dem Fotografen die ganz große Show.

Weil ich außer Frühstück und Wasser heute nichts zu mir genommen habe, suche ich in dem kleinen Dorf nach einem Laden. Um diese Zeit sind alle geschlossen. Nur die Kneipen, Discos und Bars, vor denen wenige westliche Touristen und sehr viele einheimische Betrunkene stehen, könnten mir etwas bieten. Ich verzichte, weil ich nicht mit den grölenden Suffköpfen aneinandergeraten will.

Freitag, 15. August 2008

Nkhata Bay und Mzuzu

Im Dunkeln sah Nkhata Bay gestern Abend ganz vielversprechend aus. Doch heute sehe ich, dass die Kleinstadt am Malawisee außer einer malerischen Bucht nichts Besonderes zu bieten hat. Zwischen die üblichen Flachbauten der örtlichen Geschäfte mit bunten Fassaden haben sich ein paar auf Backpacker spezialisierte Agenturen und Lokale geschlichen. Ansonsten herrscht in Nkhata Bay die gleiche Trostlosigkeit wie in anderen Dörfern und Kleinstädten Malawis. Prächtige britische Kolonialbauten oder andere geschichtsträchtige Häuser gibt es im Norden nicht. Wer die sehen will, muss nach Zomba oder Blantyre im Süden fahren.

Das Motorschiff Ilala, das den Personen- und Frachtverkehr auf dem Malawisee im Alleingang wuppen muss, fährt den kleinen Hafen von Nkhata Bay zweimal pro Woche an. Leider nur sonntags und montags, wie ich an der Rezeption meiner Ilala Beach Lodge erfahre. Dann bin ich aber schon wieder weg.

Eine der idyllischeren Seiten der Touristen- und Partyhochburg Nkhata Bay.

Eine der idyllischeren Seiten der Touristen- und Partyhochburg Nkhata Bay.

Mir bleibt nur die Flucht vor dem Nichts. Ich besteige den Minibus Richtung Mzuzu. Mein Gepäck bleibt in Nkhata Bay, weil ich gestern Abend voreilig gleich zwei Übernachtungen in der Lodge gebucht habe. Ich muss die 47 Kilometer am Nachmittag wieder zurückfahren.

Der einstündige Transfer kostet 400 Kwacha und bietet wieder den geballten Wahnsinn des öffentlichen Busverkehrs. Als würden die zehn Fische, die meine Sitznachbarin mit sich führt, nicht schon genug riechen, halten wir nach zehn Minuten an, um am Straßenrand zwei weitere Fischhändler aufzunehmen. Jeder hat einen riesigen flachen Korb mit Tausenden von kleinen silbernen Fischen dabei, die in einem großen Kraftakt auf die Vorderbank gehievt werden. Die restlichen Passagiere müssen sich irgendwie um die duftenden Meerestiere drapieren. Die Händler zahlen den Fahrpreis zur einen Hälfte in Kwacha und zur anderen Hälfte mit Fischen, die sie dem Kassierer in eine Plastiktüte kippen.

Unterwegs verlieren wir zweimal die Schiebetür des Minibusses. Der Fahrer tritt auf die Bremse, die Tür wird wieder eingehakt. Danach springt aber der Motor nicht mehr an. Zum Glück ist der Norden Malawis sehr hügelig und somit auch die Straße. Entweder rollen wir im Leerlauf geradeaus oder einfach rückwärts. Der Fahrer dreht den Zündschlüssel rum und nach kurzem Stottern springt der Motor tatsächlich wieder an.

Am Busbahnhof von Mzuzu wird zweisprachig und wiederholt vor Taschendieben gewarnt.

Am Busbahnhof von Mzuzu wird zweisprachig und wiederholt vor Taschendieben gewarnt.

Wir erreichen den Busbahnhof von Mzuzu, auf dem große Schilder vor Taschendieben warnen. Ich brauche Internet! Dringend! Seit fünf Tagen habe ich keine Mails lesen oder schreiben können, keine Nachrichten aus Deutschland und der Welt aufgerufen, keine Fotos und Texte verschickt. Das erste Internetcafé, das ich in Mzuzu sehe, macht von außen einen modernen Eindruck. Drinnen heißt es aber nur: „Internet is down.“ Wie ich diesen Satz hasse, den ich auf meiner Reise viel zu oft in Afrika und Asien hören musste!

Das Gerichtshaus in der Regionalhauptstadt Mzuzu bietet eine ähnlich unspektakuläre Architektur wie der Rest des Ortes.

Das Gerichtshaus in der Regionalhauptstadt Mzuzu bietet eine ähnlich unspektakuläre Architektur wie der Rest des Ortes.

Das zweite Internetcafé sieht sogar von innen hochmodern aus. Ich setze mich an den Computer und kann mein Glück kaum fassen. Die Startseite von Spiegel Online ist nach zehn Sekunden komplett aufgebaut. Dann rufe ich Googlemail auf. Doch der Bildschirm zeigt nur eine Fehlermeldung. Eine Angestellte macht die Runde und informiert: „Internet is down.“

Jetzt hilft nur noch teurer Luxus. Ich gehe rund einen Kilometer zum besten Hotel der Stadt. Im Business Center des Sunbird Mzuzu Hotels kostet jede Minute im Internet 30 Kwacha, also sechsmal so viel wie in den Internetcafés. Doch der Computer arbeitet zuverlässig. In 36 Minuten (=1080 Kwacha) kann ich alles Wesentliche erledigen und verschicken.

So viel Zuverlässigkeit macht süchtig: Ich buche kurz entschlossen für die Nacht von morgen auf Sonntag ein 95 US Dollar teures Einzelzimmer in diesem Hotel. Die Aussicht auf WLAN im Zimmer, eine Badewanne mit heißem Wasser und ein üppiges Frühstücksbuffet sind mir diesen Preis wert. Zumal ich in den letzten fünf Nächten sehr viel Geld durch einfache Backpacker-Unterkünfte sparen konnte.

Das Museum von Mzuzu versteckt sich in einem unscheinbaren Klinkerbau und Bürohaus.

Das Museum von Mzuzu versteckt sich in einem unscheinbaren Klinkerbau und Bürohaus.

Mzuzu hat nicht viel zu bieten. Die Ortschaft wurde erst 1960 zur Hauptstadt der nördlichen Region ernannt und bekam in dieser Zeit die wirtschaftlich wichtige Anschlussstraße zum Malawisee. Die Architektur ist langweilig, der Markt genauso groß und chaotisch wie der in Lilongwe. Allerdings gibt es hier ein kleines Museum, das ich mehr als eine halbe Stunde lang suche. Das Schild „Mzuzu Museum“ hängt winzig klein über einer von vielen Türen eines großen roten Bürohauses.

Historische Fotografien gehören zum sehenswerteren Teil der kargen Ausstellungen im Mzuzu Museum.

Historische Fotografien gehören zum sehenswerteren Teil der kargen Ausstellungen im Mzuzu Museum.

Häuptlingsbilder aus einer Zeit, in der Malawi noch nicht vollends am Tropf von Entwicklungshelfern und Touristen hing.

Häuptlingsbilder aus einer Zeit, in der Malawi noch nicht vollends am Tropf von Entwicklungshelfern und Touristen hing.

Der Eintritt kostet nur 100 Kwacha. Mehr ist die kleine Ausstellung auch nicht wert. Der erste Raum zeigt alte Jagdwaffen, Ritual- und Gebrauchsgegenstände aus der Region, ferner Fotos und Dokumente aus der Zeit der schottischen Missionare. Danach scheint der Stadt das Geld ausgegangen zu sein. In den nachfolgenden zwei Räumen stehen nur noch unvollendete leere Vitrinen. Etwas hingeschludert wirkt die temporäre Ausstellung über Hochzeitsrituale, gefördert mit Geldern der norwegischen Botschaft.

Mzuzu wurde erst 1960 zur Regionalhauptstadt erklärt. Es mangelt an historischen Gebäuden.

Mzuzu wurde erst 1960 zur Regionalhauptstadt erklärt. Es mangelt an historischen Gebäuden.

Apropos Förderung: Mzuzu ist überfrachtet mit Schildern und Büros von Hilfs- und Spendenorganisationen. Jedes dritte Auto in der Stadt ist ein weißer Toyota Land Cruiser mit Logos von internationalen Hilfsorganisationen. Manchmal habe ich den Eindruck, Malawi wird kaputtgeholfen, weil viel zu viele Weiße meinen, Afrika – und nebenbei ihr Ego – retten zu müssen.

Schulterblick nicht vergessen! Fahrschulwagen in Mzuzu.

Schulterblick nicht vergessen! Fahrschulwagen in Mzuzu.

Ich ziehe am Bankautomaten 20.000 Kwacha und fahre mit dem Minibus zurück nach Nkhata Bay. Die alte Karre vibriert auf den 47 Kilometern dermaßen, dass mir auf dem Beifahrersitz, den ich diesmal ergattern konnte, schwindelig wird. Wenn es bergauf geht, macht der Bus fast schlapp, wenn es bergab geht, holt der Fahrer die verlorene Zeit durch ein Affentempo wieder auf. Wie schnell er genau fährt, weiß weder er noch ich. Der Tacho ist kaputt, der Zeiger hebt sich nicht von der Null.

Ein Junge in Nkhata Bay präsentiert sein selbstgebasteltes Spielzeugauto.

Ein Junge in Nkhata Bay präsentiert sein selbstgebasteltes Spielzeugauto.

Endlich erreichen wir Nkhata Bay, dessen männliche Bewohner gegen 15 Uhr bereits in Wochenendstimmung sind. Soll heißen: Sie sind sturzbetrunken, woran sich bis Montag vermutlich nichts ändern wird. Mein kurzer Spaziergang durch das Dorf wird denn auch begleitet von ständig gelallten „Hi, my friend!“ oder „Hello, boss, take a picture of me!“ Ich muss an die Worte denken, die Ursula aus Esslingen vorgestern in der „Cool Runnings“-Lodge gesagt hat: Sie kauft auf dem Markt grundsätzlich nur bei Frauen ein, weil so halbwegs sicher ist, dass mit ihrem Geld Essen für die Kinder gekauft wird. Geht das Geld an die Männer, wird es versoffen. Hier in Nkhata Bay trifft das bombensicher zu.

Samstag, 16. August 2008

Mzuzu und Karonga

Nichts wie weg aus Nhkata Bay! Die von Reisebüchern zum malerischen Ort verklärte Bucht hat sich leider als eine Art Ballermann entpuppt. Ohne meine Ohrenstöpsel hätte ich in der letzten Nacht nicht einschlafen können. Die Musik der billigen Bars und Kneipen dröhnte bis in mein Zimmer.

Die lokale Tageszeitung sucht – offenbar vergeblich – nach Werbeinteressenten.

Die lokale Tageszeitung sucht – offenbar vergeblich – nach Werbeinteressenten.

Samt Gepäck fahre ich eine Stunde lang mit dem Minibus nach Mzuzu, wo ich mich auf mein Verwöhnwochenende im Luxushotel Sunbird Mzuzu freue. Endlich wieder WLAN, damit ich meine Texte und Fotos nach Deutschland schicken kann! Endlich wieder internationale Nachrichtensender, damit ich mich auf den aktuellen Stand bringen lassen kann! Endlich wieder eine heiße Badewanne! Endlich ein reichhaltiges Frühstücksbuffet! Das alles ist mir die 95 US Dollar wert.

Beim Zwischenstopp auf dem Weg nach Karonga bringen Einheimische die fangfrischen Fische aus dem Malawisee ans Minibusfenster.

Beim Zwischenstopp auf dem Weg nach Karonga bringen Einheimische die fangfrischen Fische aus dem Malawisee ans Minibusfenster.

Gleich nach dem Einchecken kommt die Ernüchterung: Auf einem Zettel entschuldigt sich das Management dafür, dass wegen Wartungsarbeiten an diesem Wochenende keine Fernsehsender zur Verfügung stehen. Das ist ärgerlich, aber zu verschmerzen. Viel schlimmer ist, dass mein Laptop keine Verbindung zum Internet herstellen kann. Zuerst denke ich, die für je 600 Kwacha pro Stunde gekauften Passwörter stimmen nicht, doch nach etlichen Fehlversuchen, in die ich auch das Personal aus dem Business Center einbeziehe, steht fest: Internet is down.” In meinem Ärger fordere ich eine Senkung des Hotelpreises. Das Personal reagiert mit einer Trotzhaltung des Kalibers: Was scheren uns deine Probleme?
Meine Antwort: Ich checke nach einer Stunde wieder aus dem Hotel aus, lasse mir die 1200 Kwacha für die sinnlos gekauften Passwörter erstatten und zerreiße demonstrativ den Kreditkartenbeleg über 95 US Dollar. Weil mich außer der Hoffnung auf Internet, CNN und BBC eh nichts nach Mzuzu gezogen hat, beschließe ich, die Stadt noch am selben Tag zu verlassen. Ich will nach Karonga, der nördlichsten Stadt Malawis.
Ich habe gerade das Gelände des Sunbird Hotels verlassen, als neben mir ein blauer Pick-up hält. Der Fahrer trägt Sportkleidung und Sonnenbrille. Ob ich ins Zentrum will, möchte er wissen. Ja, zum Busbahnhof. Er bietet an, mich und mein Gepäck mitzunehmen. Weil die Distanz gut anderthalb Kilometer beträgt, stimme ich zu. Es stellt sich heraus, dass der Mann im Hotel arbeitet, aus dem ich gerade geflohen bin. Die Sache ist ihm peinlich. So winkt er am Busbahnhof auch ab, als ich ihm 500 Kwacha für die Taxifahrt geben möchte.
Der Minibus nach Karonga ist erst zur Hälfte besetzt, als ich um Punkt zwölf Uhr mittags einsteige. So vergehen eine Stunde und 40 Minuten, bis er sich endlich in Bewegung setzt. Meine Beine sind schon eingeschlafen, weil sie von einem riesigen in Plastik eingeschweißtem Bündel Wäsche eingeklemmt werden. Zumindest muss ich weder Hunger noch Durst leiden. Heerscharen von fliegenden Händlern stehen im Minutentakt vor den geöffneten Fenstern der wartenden Busse und verkaufen Getränke, Eis, Zeitungen, Nüsse, Bananen, Fußbälle, Geschirr, Schminkspiegel, Turnschuhe und Hemden. Je länger ein Bus wartet, desto größer sind die Müllberge zu seiner Rechten und Linken. Abfall wird in Malawi auf die einfachste Weise entsorgt: Er wird aus dem Fenster geworfen.
Die 1000 Kwacha teure Tour dauert etwas über drei Stunden und führt zunächst auf Serpentinen durch ein schroffes Gebirge, bevor wir später durch eine faszinierende Landschaft voller Affenbrotbäume fahren.
17 Uhr. Wir erreichen Karonga und ich bin ein wenig geschockt: Die Stadt ist weit weniger gut entwickelt, als ich gedacht habe. Mit Ausnahme von Bussen und weißen Geländewagen etlicher Hilfsorganisationen sind keine Autos auf der Straße. Dafür aber so viele Fahrräder, wie man es sonst nur aus Asien kennt. Meine Hoffnung auf funktionierendes Internet schwindet schlagartig.
Ich brauche eine Unterkunft und laufe die Region um den Busbahnhof großräumig ab. Vergeblich. Ich frage die Wachmänner vor einer Bank nach Hotels und Lodges. Sie nennen verschiedene Namen und zeigen grob in verschiedene Richtungen. Ich will auf gut Glück die Hauptstraße entlanggehen. In diesem Moment kommt mir der einzige Weiße entgegen, den ich bislang in Karonga gesehen habe. Ich frage ihn auf Englisch, ob er mir eine Unterkunft empfehlen kann. Er fragt, ob wir uns auch auf Deutsch unterhalten können.
Oliver kommt aus Heidelberg und ist Lehrer für Biologie und Erdkunde. Er nutzt die Sommerferien, um als Rucksacktourist mehrere afrikanische Länder zu bereisen. Er ist gerade eben aus Tansania eingetroffen und ebenfalls auf der Suche nach einer Unterkunft. Im Gegensatz zu mir hat er eine handgeschriebene Liste mit möglichen Schlafplätzen.
Wir entscheiden uns für die Mufwa Lodge, die direkt am Malawisee liegt und ein bis zwei Kilometer vom Zentrum entfernt sein dürfte. Zwei junge Radfahrer bieten an, uns hinzufahren. Das ist keine Freundlichkeit, das ist ihr Job: In der Fahrradhochburg Karonga erfolgen auch die Taxidienste per Drahtesel. Der Passagier sitzt auf dem Gepäckträger, was in unserem Fall 100 Kwacha pro Person kostet. Weil ich meinen großen Koffer dabei habe, gönne ich mir ein zweites Fahrradtaxi für mein Gepäck.
Die Mufwa Lodge wird im Reisebuch als
schmucklos” beschrieben, was voll und ganz zutrifft. Angesichts des Einzelzimmerpreises von 1500 Kwacha, weniger als sieben Euro, stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis aber. Für 300 Kwacha mehr buchen wir das Frühstück gleich mit. Und weil der Hunger sich meldet, auch das Abendessen für 600 Kwacha.
Der Koch müht sich redlich, bis er nach anderthalb Stunden endlich den gegrillten Barsch serviert. Trotz vieler Gräten schmeckt er selbst mir als Fischfeind, vor allem aber die Riesenportion Reis erfreut meinen Gaumen. Im Restaurant tauschen Oliver und ich Geld und Erfahrungen aus. Weil er an keinem Geldautomaten in Karonga Kwacha ziehen konnte, verwandele ich seine 50 Euro in 11500 Kwacha. Im Gegenzug erhalte sich seine Reisebuchkopien über Tansania und obendrein geldwerte Infos: Wenn ich nicht länger als 14 Tage in Tansania bleibe und bei der Einreise
Transit” als Reisegrund angebe, kostet das Visum nur 30 statt 50 US Dollar. Auf die Insel Sansibar darf ich mit dem Transit-Visum allerdings nicht reisen, was laut Oliver zu verschmerzen ist: Tolle Landschaft, tolle Kolonialarchitektur, aber ansonsten ein überteuertes Partyparadies für volltrunkene Touristen.
Der Vollmond steht in orangefarbener Pracht über dem Malawisee und spiegelt sich auf der Wasseroberfläche in tausend funkelnden Sternen. Bei so viel Licht in der Nacht spielen auch die Mücken verrückt. Noch nie habe ich in einer Unterkunft so viel schwirrendes Ungeziefer gehabt wie in der Mufwa Lodge. 20 Minuten renne ich als Mückenkiller durch das Zimmer, dann flicke ich zwei große Löcher im Moskitonetz und bade geradezu in Antibrumm-Insektenspray. Es hilft. In der Nacht bekomme ich keinen einzigen Stich ab.

Fortsetzung folgt

Michael Scholten

Der in Kambodscha lebende Reise- und Filmjournalist Michael Scholten (TV Spielfilm, TV Today, ADAC Reisemagazin, Spiegel Online) hat bisher 123 Länder bereist. Über seine längste Reise, die ihn innerhalb von 413 Tagen in 40 Länder führte, ist das 560 Seiten starke Buch “Weltreise – Ein Tagebuch” erschienen. Es umfasst 68 Farbfotos, viele Berichte über Filmlocations in Kambodscha, Sri Lanka, Neuseeland, Panama etc. und ist für 15 Euro unter www.michaelscholten.com zu haben.  

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