Robert Nippoldt/Daniel Kothenschulte: Hollywood in den 30er Jahren

„Es ist ein zwiespältiger Lockruf, den die Traumfabrik aussendet: Für jeden Stern, der aufgeht, muss ein anderer untergehen.“ Ein Satz aus dem Buch „Hollywood in den 30er Jahren“, der unmittelbar auf William A. Wellmans A Star is born (1937) gemünzt ist. Hier die Aufstiegsgeschichte einer jungen Provinzlerin, deren kometenartiger Erfolg im Hollywood der großen Studios im krassen Gegensatz zum unaufhaltsamen Abstieg eines alternden Stummfilmstars steht. Doch dieser darwinistische Satz vom Werden und Vergehen großer Namen und Karrieren, von der rastlosen Veränderung in einer prosperierenden Branche lässt sich mit Blick auf die Gegenwart auf den aktuellen Zustand des Kinos übertragen. Das Kino als großer, repräsentativer Ort von Öffentlichkeit stirbt mittlerweile einen langsamen Tod und muss anderen, jüngeren Medien weichen. Den Niedergang des Kinos können selbst millionenschwere Dauer-Infusionsgaben offener wie verdeckter Subventionen nicht verdecken. Mit dem Palast der Träume, wie die großen Premierenkinos genannt wurden, verschwindet auch das, was das Herzstück der Kinos ausmachte. Filme, die ein breites  Repertoire großer Ausstattungsfilme, Gesellschaftskomödien, Musicals, kleiner, schäbiger B-Movies bis zu tiefgründigen Autorenfilmen abdeckten. Kinos waren die Kathedralen der Moderne, in deren Dunkelheit sich ein Massenpublikum angenehm geborgen und intelligent zerstreut fühlen konnte. Die Filme wie ihre Stars lieferten die geheimen Vorlagen für die kollektiven Sehnsüchte eben dieses Publikums. Es war ein Kino der wechselseitigen Bestätigung, der spontanen Zustimmung zwischen Leinwand und Saal, zwischen oben und unten.

Das Kino war ein Ort der Einzigartigkeit, ein Schauplatz der Massenverführung, der mit der Erfindung des Fernsehens seinen ersten  Nimbus-Verlust erlitt. An die Stelle eines wohlgesinnten Kollektivs von Zuschauern trat ein schwer fassbarer Bildschirm-Zuschauer und mit dem Aufkommen beliebig manipulierbarer Derivate wie Video-Aufzeichnung, DVD und Filmen im Internet-Abruf kommt zum Verlust des gemeinsamen Orts der Aufführung auch noch die zeitliche Kontingenz von Film. Film wird zum Nebenbeimedium, wie andere Künste auch.

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Das Kino als großer, repräsentativer Ort von Öffentlichkeit

stirbt mittlerweile einen langsamen Tod

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Der Film der post-industriellen Ära wird zwar als „7. Kunst“ nobilitiert, doch diese neue Respektabilität kann nicht darüber hinweg täuschen, dass er in einen Zustand zunehmender Musealisierung und Bedeutungsverlust  übergeht. In der kinomüden alten Welt sowieso, aber auch in Hollywoods Stammlanden, den USA, wo der Kinobesuch immer noch eine beliebte Spielart des speed dating beim jugendlichen Publikum sind.

Das Kino als großer, repräsentativer Ort von Öffentlichkeit stirbt mittlerweile einen langsamen Tod Paradox, aber wahr: Es werden mehr Filme denn je gedreht, mit Filmen  werden vereinzelt noch große Geschäfte gemacht, aber der immer schon schmale Bereich des künstlerisch ambitionierten Films ist noch schmaler geworden und er hat seinen Charakter geändert. Filme wie Lars von Triers Antichrist,  die japanischen und koreanischen Autorenfilme, aber auch einige der bemerkenswerten Hollywood-Blockbuster-Filme wie Matrix sind keine Produkte mehr, die aufs Wohlfühlen des Publikums und offene wie stillschweigende Bestätigung eines eigenen Lebensentwurfs oder gar den einer gesellschaftlichen Mehrheit abzielen. Stattdessen erzählen diese Filme von Fremdsein und ihre Sprache ist nicht mehr die der Affirmation, sondern die der Verstörung, der Konfrontation oder gar der bewussten Kränkung weiter Teile des Publikums.

Weniger denn je gibt es nationale Filmkulturen und Filmsprachen, die speziell in einem bestimmten Kulturkreis verstanden werden. Wesentlich für diese Entwicklung sind die Globalisierung auch von Kunst-Werken und die immer kürzeren Kommunikationsabstände zwischen den einzelnen Kontinenten. Zugespitzt lässt sich mit Blick auf Film sagen: Das Prinzip Hollywood hat auf der ganzen Linie gesiegt, es ist zu „einer Geisteshaltung“ geronnen, wie der Regisseur James Cameron unlängst sagte. Doch dieser kulturelle Triumph der Hegemonialmacht USA ist ein Pyrrhus-Sieg. Denn als  geographisches, machtpolitisches wie künstlerisches Zentrum ist Hollywood – nicht nur in der Einschätzung des Regisseurs von „Avatar“ – zu einem toten Ort geworden. Hollywood wird zu einem großen Freilichtmuseum, das sich einmal im Jahr selbst feiert, wenn die Oscars verliehen werden und die restliche Welt pflichtschuldig Anteil nimmt an dieser Preiszeremonie. Ein Tor, wer sich vom postmodernen Hollywood noch nachhaltige Impulse erhofft. Von einem Hollywood, das sich aus lauter Angst vor einem finanziellen Scheitern auf angeblich krisensichere Sequels und Remakes zurückzieht. Zu dieser Kategorie zählt leider auch Deutschlands jüngster  Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck. Der Graf kam mit dem Ruf eines Autorenfilmers nach Hollywood und nach langem Zögern und Zaudern brachte er mit The Tourist nichts anderes als ein müdes, millionenteures Remake eines europäischen Films zuwege.

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Ein Tor, wer sich vom post-modernen Hollywood

noch nachhaltige Impulse erhofft

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Wo die große filmische Ideologieproduktion ins Stocken geraten ist und Hollywoods Filmindustrie – siehe zuletzt mal wieder MGM – auf chronisch wackligen, branchenfremden oder ausländischen Beinen steht, da muss es nicht weiter wundern, dass an anderer Stelle wenigstens etwas Kompensation eintritt. Die Hollywood-affine, cineastische Erinnerungskultur treibt Blüten. Sie steht in wunderschöner Notblüte, mal nostalgisch, mal grell gefärbt.

Die viel ältere Kunstgattung Literatur macht sich auf diesem Feld verdient. Sie spricht aus, fasst zusammen, stellt Zusammenhänge her, bringt Verborgenes an den Tag, was sich in rund einem Jahrhundert Traumfabrik abgespielt hat. Der jüngste in dieser mittlerweile schon langen Reihe von Erinnerungsbänden entstammt einer deutschen Produktion. „Hollywood in der 30er Jahren“ ist ein Gemeinschaftswerk des Illustrators Robert Nippoldt („Jazz im New York der wilden Zwanziger“) und des Filmkritikers Daniel Kothenschulte („Frankfurter Rundschau“). Die Autoren haben einen neutralen Titel gewählt, der unschwer erahnen lässt, dass hier kein „Einmann-Abbruchunternehmen“ wie bei Kenneth Angers „Hollywood Babylon“ unterwegs ist, noch dazu in zwei Akten. Hier soll aber auch keine bildreiche Hagiographie wie bei der „Hollywood Collection“ geschrieben werden. Kein Mythos Hollywood wird zum x-ten Mal zertrümmert, aber auch kein Personenkult in Form einer Hommage an mehr oder minder berühmte Schauspieler getrieben. Der hier in Rede stehende Band aus dem Gerstenberg Verlag hält eine eigentümliche Mittellage, ohne deswegen  mittelmäßig zu sein. Er ist großformatig, aber begnügt sich meist mit dezenter, schwarz-weißer Tusche-Zeichnung. Er ist großzügig in seiner Raum- und Seiten-Aufteilung, aber er ist gleichzeitig kleinteilig, wenn er beispielsweise am unteren Rand von zwei Seiten 16 Chaplin-Posen wie in einem stilisierten Zelluloid-Streifen präsentiert. Das Buch ist kulinarisch in seiner Optik – und leistet sich gleichzeitig den Luxus, ohne eine einzige Fotografie auszukommen. Alles ist Illustration, Zeichnung und Kolorierung. Alles ist eine Frage der (gelungenen) Grafik, des (überraschenden) Layouts.

So wie sich in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Ton zum Bild gesellte, so vereinen sich in diesem Band auf angenehme Weise Schrift und Illustration. Sie treten komplementär zusammen, ohne sich übertrumpfen zu wollen. Kothenschulte, der den Textteil (mit Hilfe vieler im „Abspann“ einzeln aufgeführter Freunde und Bekannten) geschrieben hat, pflegt keinen akademischen Stil. Er langweilt auch nicht mit dem Versuch einer chronologischen Abhandlung. Stattdessen eine Aufteilung in viele, kleine Kapitel, in denen an Menschen, Tiere und Sensationen erinnert wird. Dieser Dreiklang mag flapsig klingen, aber er ist nicht ohne Bedeutung gesagt. Die Texte erschöpfen sich nicht in sattsam bekannten Star-Biographien, mit der gleichen Berechtigung wird auch an Hollywoods Riesenaffen „King Kong“ oder die Einführung des „Technicolor“-Verfahrens erinnert. Stars sind für Kothenschulte nicht nur Mae West oder Katherine Hepburn, Humphrey Bogart oder Cary Grant. Ebenfalls der Erwähnung wert sind ihm ein Außenseiter-Regisseur wie Tod Browning oder ein Komponist wie der tschechischstämmige Erich Wolfgang Korngold. Kothenschulte schreibt anekdotisch und ideologiekritisch zugleich. Er schreibt mit der gebotenen Skepsis über Hollywood, ohne Hollywood zu einem Sündenbabel und einer Hysterien-Anstalt wie Anger dekonstruieren zu wollen.

Kothenschulte lässt keinen Zweifel, dass Hollywood mit dem Übergang von Stummfilm zum Tonfilm, von der Manufaktur zum Industriebetrieb, den Stand der Unschuld und der großen Freiheiten verloren hat. Das traurige Schicksal eines Buster Keaton, der zum Trinker wurde und lange Zeit in Vergessenheit geriet, steht als Menetekel über dem Anbruch der neuen Zeit. Der Blick dieses Buchs ist aber auch offen genug, um die handwerkliche Professionalität und den künstlerischen Geistesreichtum Hollywoods während jener Zeit zu bewundern. Trotz der Restriktionen, die der „Hays Code“ spätestens ab 1934 allen am Film Beteiligten auferlegte. Oder war es am Ende vielleicht gerade der Zensur-Katalog des frommen Presbyterianers aus Indiana, der die Filmemacher jener Zeit lust- und frustvoll anstachelte, anspielungsreich das zu erzählen, was nicht gezeigt werden durfte? Aber diese Ironie der Zensur-Geschichte auszumalen, geht in der Fragestellung über das Buch hinaus. Hier wird nicht das Kino der Sublimation dialektisch erklärt, hier werden frivole Stars wie Jean Harlow oder Norma Shearer gefeiert, die „sich lustvoll über moralische Schranken hinwegsetzten“. Hier spricht der Cinephile, der mit ganzem Herzen mitfiebert bei der Arbeit von Filmrestauratoren, die „noch heute nach alten Filmkopien suchen, in denen die zensierten Stellen noch vorhanden sind“.

Womit wir wieder am Ausgangspunkt unserer Überlegungen wären: Filmkunst ist zu einer archivarischen Kunst geworden, die ihre schönsten Triumphe feiert, wenn es ihr gelingt, alte Meisterwerke in den Zustand der Originalität zu versetzen. Siehe zuletzt Fritz Langs Metropolis. Ein Kult der musealen Authentizität, der nicht mehr ernsthaft danach fragt, ob die nachträglichen Eingriffe und Kürzungen – beispielsweise aus Gründen der Kommensurabilität eines Films – nicht auch ihre Berechtigung hatten.

Dieser filmhistorische Erinnerungsband an Hollywoods Glanzzeit ist voluminös, aber nicht protzend. Er ist in einem journalistisch verständlichen Duktus geschrieben und hat eine übersichtliche Einteilung. Er ist nicht museal ausufernd, was als ausdrückliches Lob zu verstehen ist. Er ist ein schön handhabbares Stück Kino-Geschichte.

Text: Michael André

Bilder: (c) Gerstenberg Verlag

Robert Nippoldt/Daniel Kothenschulte: „Hollywood in den 30er Jahren“

Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2010,

160 Seiten, 39,95 Euro

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