Beat-Club II: “Komm herab, zottige Nacht”

Teil 2 einer Expedition ins Reich der Haarmenschen

Bilden Sie sich ein, dass jeder Mensch zwischen 15 und 30 Jahren Hasch nimmt?!   (Brief an den „Beat-Club“)

Der Zauber der Jazz-Veteranen blieb so lange erhalten, bis wir sie auf dem Bildschirm sahen. Count Basie z.B., das alberne Getue, nicht mehr mitzumachen. (Walter Kempowski: Alkor. Tagebuch 1989)

Sie hießen „Teamwörk“ oder „Kätschup“, „Klatschmohn“ oder „Rhinozeros“, Baff“ oder „Zoom“, „Diskus“, „Phon-Zeit“, „Joker“ oder „Jour Fix“. Sie hießen „Talentschuppen“, „In“, „Szene“, „Schüler-Express“ oder „Bildstörung“, „Hits à gogo“ oder „Hoki-Doki“, und eine hieß sogar „Farbe bekennen“: die klassischen Jugendsendungen des westdeutschen Staatsfernsehens, wie sie in den sechziger und siebziger Jahren vorwiegend in den Nachmittagsprogrammen von ARD und ZDF zur Ausstrahlung kamen. Sie alle sind heute  vergessen – bis auf den „Beat-Club“, die wohl einzige  Schau „mit jungen Leuten für junge Leute“ (Hans Bachmüller) mit eingebautem Breitmacher.

„Wir wollen dufte, jung und ungezwungen sein“, klärte Leckebusch die Jugendzeitschrift „ok“ im Januar 1966 – vier Sendungen waren da bereits mit Ach und Krach über die Bühne gegangen – über die Statuten des Clubs auf. Die kleine Schwester der „Bravo“ bohrte nach („Wie wünschen Sie sich Ihre Bands und Ihr Publikum?“) und bekam Bescheid: „Lange Haare, Fransen an den Hosen, Felljacken.“

Der Spielleiter hatte präzise Vorstellungen, doch schon bald fielen ihm die vor den Kameras herumwackelnden Fellmenschen auf den Wecker. Wer wollte ihm das verdenken? Ihm kam, nach fruchtlosen Appellen an die Zuschauer („Wenn ihr einen Tänzer wißt, der neue Tänze erfindet, bitte schreibt …“), der rettende Gedanke mit den Go-Go-Girls (siehe „Rutschpartie ins Goldene Zeitalter“ Teil 1). Wenig später verbannte er die Halbwüchsigen, die im Rücken des Ansagers Pit Wieben vor den Studiotoren – immerhin ohne häßliches Einseifen – Schneeballschlachten veranstalteten oder rund ums Podium Synchrontänze wie den Memphis aufführten, auf harte, unspektakuläre Sitzbänke.

„Macht `nen Abtanz!“ hieß es bald auch für die Go-Gos. Dafür wurden am Bühnenrand versuchsweise die ersten Matten geschüttelt – von bedröhnt aussehenden jungen Menschen, die neben einem vollen Haarkleid die gehörige Portion Taktgefühl mitbrachten. (In einem Gastbeitrag für die „Bravo“, unter der Schlagzeile „Es ist nicht alles Beat, was Krach macht“, hatte Schlagersänger Rex Gildo die Theorie entwickelt, „daß sich selbst unter der wildesten Beatlesmähne viel Takt und Grips verbergen können“.)

Doch all diese Reformen schienen Leckebusch auf Dauer nicht zu genügen, und eines schönen Tages fing er an, heimlich an den Knöpfen seines Regiepults zu drehen …

„Beat-Club“-Fans vor der Glotze (Bleistiftzeichnung von Wenzel Storch, 1985)

„Was geht uns der Immenkorb an“, schreibt Wilhelm Raabe 1894 in seiner Hochzeitsschnurre  Kloster Lugau, „wir haben es mit den Immen zu tun!“ Was für die Fassade eines Nonnenklosters gelten mag – beim „Beat-Club“ verhält sich die Sache umgedreht.  Leckebusch wusste: Es kommt auf die Verpackung an.

Weil viele Musiker von Natur aus doof aussehen – da hilft im Ernstfall auch die raffinierteste Verkleidung nichts – kam der Regisseur auf den Gedanken, die Sache am Bildmischer, eine Art Betonmischer für Filmbilder, zu verbessern. Los ging´s im Mai 1967 mit den ersten, sichtlich verschämten Negativen. Ein paar Monate später folgten kreiselnde Spiralen, hier eine Mehrfachkopierung, dort ein Spiegeleffekt, und bald zeigte sich – flackernd wie Kerzen im Wind – die ersten Cut-ups. Nach und nach bekam der „Beat-Club“ sein liebes, vertrautes Gesicht.

In der Zwischenzeit waren draußen in der Welt auch die Klänge anders geworden. Als „Strawberry Fields“ erschallt, erläutert Nerke noch entspannt: „Der ulkige Klang und das Leiern ist ein technischer Gag der Beatles.“ Doch der Tag ist nicht mehr fern, da im „Beat-Club“ Gezwitscher, Geklapper und „stundenlange `Spiralmusik`“ („Hörzu“) zu hören sein wird. Als im Frühjahr 1969 mit Birgit + Wilhelm Hein zwei echte „Undergroundfilmer“ die Früchte ihrer Arbeit vorstellen, reibt Uschi sich – halb verständnislos, halb ungläubig – die Augen und kommentiert die Flackerbildchen mit „Junge, Junge!“ Noch ahnt sie nicht, was auf sie zukommen sollte.

Kein halbes Jahr mehr, und der Spielleiter würde mit der großen Bilderkanone in die Menge ballern. Leckebusch, der nach eigenem Bekunden „high“ davon wurde, zielte auf das    deutsche Wohnzimmer, in dem er einmal im Monat Verheerungen anrichtete, die Milch- und Kaffeekännchen zum Platzen brachten und ganze Familienverbände auseinanderrissen – und die frappant an die Folgen des orkanartigen Sturms erinnern, der am 10. September 1931 das Kloster der Barmherzigen Schwestern zu Stann Creek verwüstete.

Ein Vorfall, der – „in negerhafter Breite“, um dem Werk eine charakteristische  Formulierung zu entlehnen – in dem Kriminalreißer „Schwester Beata“ zur Darstellung  gelangt, einem Sakralthriller, in dem schwerbewaffnete Ordensschwestern Kommunisten und Raubkatzen niederschießen („Da ließ sie die Maschinenpistole knattern. Fünf Schüsse fielen, fünf Männer schrieen auf …“) und zum Happy-end zwölf Klaviere und zwei Zimmerorgeln an Don Moreno übergeben werden können. Wobei sich hinter Don Moreno – zu deutsch: Herr Neger – General Franco verbirgt, und was sich hinter den Klavieren versteckt, nun … das läßt sich denken.

„Warum müsst ihr denn immer die Stars so verschwommen und übereinander senden? Wir wollen unsere Stars richtig sehen“, meckerten immer mehr junge Menschen, die die Sendung  sonst „fab“ fanden. Hier flimmerte im Rücken der Edgar Broughton Band ein Riesenoszillograph, dort mussten sich Status Quo – „ein paar Jungen, die bei englischen Mädchen Erfolg haben“, wie Nerke im September 1970 amüsiert anmerkte – von einem Augenkarussell umkreisen lassen.

Wer sich zum ersten Male pudert oder rasiert, fängt eben an, sich manches zu fragen. Und so fragten sich die jungen Menschen in den großen und kleinen Pausen, auf den Schulhöfen dieser Welt (denn der „Beat-Club“ wurde inzwischen in fast 50 Länder ausgestrahlt): Was ist der Sinn dieser Bilder?

Sie hätten bloß „Die verkehrte Welt“ von Ludwig Tieck aufzuklappen brauchen, dann wäre ihnen Antwort geworden. „Das Höchste, was sie erreichen, ist: daß sie uns den Kopf verwirren. Je nun, eine gute Verwirrung ist mehr wert, als eine schlechte Ordnung“ – so urteilte, abgeklärt und lapidar, der vergessene Alte, der als „zerstückelte Leiche im Koffer der Literaturgeschichte“ (Robert Minder) durch die Nachwelt geistert, bereits um 1800.

Uschi Nerke durfte Leckebusch „meinen großen Bär“ nennen – ein Faktum, das sie stolz auf der letzten Seite ihrer Autobiographie vorträgt. Der Meisterregisseur habe stets „ein liebevolles Brummen“ hören lassen, wenn er „total verliebt mit den Reglern auf dem Mischpult hantierte“, um all die „Affen“ und „Läuseköpfe“, von denen die Zuschauer in ihren Briefen sprachen und zwischen denen sich – ein Unding zu jener Zeit – „schwule angemahlte (!) Brüder“ versteckten, in Einzelbilder zu zerhacken.

Während die Eltern davon träumen, dass das von „Kommunisten oder Gesinnungslumpen“ besetzte Aufnahmestudio „bis auf die Grundmauern niederbrennt“, häufen sich die Protestschreiben der Kinder. „Die Bildführung“ sei „zum-verrückt-werden“, quengelt es aus den handgeschriebenen Blättern, die sich in den Redaktionsräumen bis unter die Decke stapeln. (Ab 1971 sollen pro Sendung, so Leckebusch, bis zu 30.000 Karten und Briefe eingetroffen sein.)

Doch die Anrufung des großen Bären bleibt ohne Echo. Je mehr gemeckert wird, desto mehr  drückt der Regisseur auf die Tube. Zur Strafe wird ihn die Filmgeschichte für immer vergessen – so gründlich wie Zbyněk Brynych, den neben Rolf Thiele („Grimms Märchen von lüsternen Pärchen“) wichtigsten Pionier des psychedelischen Films der Brandt-Zeit (Wer kennt heute noch sein Hauptwerk „Die Weibchen“ oder „Kommissar“-Folgen wie „Parkplatz-Hyänen“ oder „Der Papierblumenmörder“?)

Das fiel auch Ingeborg Bachmann auf. „Komm herab, zottige Nacht“ – mit rustikalen Worten hatte die Dichterin dem „Wolkenpelztier mit den alten Augen“ – eine poetische Chiffre, hinter der sich ganz offenbar Leckebusch verbarg – Nebelhaft-Begehrliches zugerufen. Wenn aber  die große Dame bei der „zottigen Nacht“ an nichts als den „Beat-Club“ mit all seinen Haarmenschen dachte – wieso hatte sie beim Hintupfen ihres Buchstabenaquarells, in dem allerlei verdächtige „Zapfen“ vorkamen, nicht auf dem Schirm, dass es sich um eine Nachmittagssendung handelt? Denn alles, was im „Beat-Club“ passierte, geschah am helllichten Tag.

Leicht entflammbar: Ingeborg Bachmann war ein großer „Beat-Club“-Fan

Der „Beat-Club“ war, wenn wir der Fernsehzeitschrift „Gong“ vertrauen wollen, frei „ab 12“. Das war Pech für die kleinen Leute. Denn kleine Leute, die wie ich zwischen ´65 und ´72  noch in den Kindergarten oder zur Volksschule gingen, mußten draußen bleiben, wenn das „Meer von Licht und Farben“ (Juliane Werding) in die Wohnstuben brandete. Ach, wäre die Sendung doch nur mit einem Bärchen markiert gewesen!

Wie es mir gelungen ist, dennoch einer Sendung teilhaftig zu werden, weiß ich heute nicht mehr. 1972 jedenfalls sah ich Käpt´n Fleischherz und seine Zauberband, es muß in der Wohnung meiner Patentante gewesen sein. Von Hause aus an Lieder gewöhnt, in denen Worte wie Heißa, Fidirallala und Juchheirassa vorkamen, war ich dort schon vor etlichen Jahren auf verwirrende Klänge gestoßen. Meine Cousins befanden sich im Besitz kostbarer Tonbandgeräte, die sie, sobald man ihr Kinderzimmer betrat, stolz bedienten.

Am 24. Juni 1972 also sah ich, zwischen Deep Purple und Frumpy, Captain Beefheart mit seiner Magic Band. Sechs Herrschaften in – wie ich begeistert feststellte – völlig verbumfeiten Anziehsachen und mit vermackelter Haartracht, die, hyperaktiv wie Louis de Funès, ein fünf Minuten langes Lied ohne Pause durchzappelten. Der einzige, der nicht richtig mitmachte, war der Käpt´n selber: ein mürrischer Mann, der auf mich wie ein Tanzbär auf Gelonida wirkte. (Erst später erfuhr ich, daß der Hausarzt der Band hinterm Vorhang stand, eine Sicherheitsmaßnahme, die auch bei den letzten Louis de Funès-Filmen, ab „Brust oder  Keule“, in Anwendung kam.)

Wer diese Leistung heute bewundern will, kann dies in miserabler Qualität bei Youtube tun  oder sich in eine der drei DVD-Boxen vertiefen, die alle „Beat-Clüppe“ – wie der korrekte Plural in Schülerkreisen hieß – für den Hausgebrauch versammelt.

Doch Obacht! Wer nichts als einen großen Spaß erwartet, möge sich vorsehen. Denn spätestens, wenn man acht, neun „Clüppe“ auf einmal geguckt hat, stellen sich die ersten Hallus ein: Sitzt dort nicht der rothaarige Mörder aus „Frenzy“ am Schlagzeug? Gottlob, es ist nur Ginger Baker, der Mann mit den zwei Fußpauken. Und da, die Frau mit dem angeklebten Schnurrbart, die sich gerade über die Orgel beugt: Ist das nicht Ulrike Meinhof? Ach nein, es ist nur Mike Ratledge, der verbiesterte „Tastenmann“ von Soft Machine …

Hier zwitschert ein Charles-Manson-Double sein Lied, dort hüpft ein vorsintflutlicher Will Oldham – was übersetzt Willi Altschinken heißt – im Schlafrock durchs Bild: „Hallunkination“ (Henry Vahl) reiht sich an Hallunkination. Und wer alle 83 Sendungen im Stück anschaut, kann nebenbei mitzählen, wie viele Haarmenschen dem Bremer Club wirklich ihre Aufwartung machten, denn die Schätzungen gehen weit auseinander. Dabei fällt auf: Manch einer strahlte nicht ganz so hell, wie es uns die Schriftgelehrten überliefern.

So soll dem Dichter Norman Mailer einmal „ein junger weißer Sänger mit einem Engelsgesicht“ erschienen sein. „Sein Haar, wie die Federkrone eines Löwenzahns gekämmt, stand sechs bis neun Zoll vom Kopf ab“, heißt es in Mailers Angelus, das 1969 in der Reihe „Rororo-aktuell“ unter dem Titel Nixon in Miami erschien. Als die Fabelgestalt über die Schwelle tritt und den Mund auftut, füllt „ein elektrisches Kreischen“ die Luft. Der Engel,  der, im Vorbeischreiten sei´s gesagt, aus Detroit kommt, hebt zu einem „interplanetarischen, dann galaktischen Sangesflug“ an, der – „wie eine Rakete, die aus sich selbst hervorbricht“ – kerzengrade „zu den Grenzen des Verstandes“ emporsteigt. „Es war“, so Mailer, „das Brüllen der Bestie in allem Nihilismus“.

Was am 25. März 1972 wie ein kaputter Flummi durchs „Beat-Club“-Studio hüpft und dabei die Grenzen des Verstandes streift, stammt zwar wie John Maynard vom Eriesee. Rob Tyner hatte sich aus Motor City – genauer: aus der „Straße der Brüderlichkeit“, wo er zusammen mit 50 Weißen Panthern in einer urkommunistischen Wohngemeinschaft residierte und die Zeit zwischen zwei Erdpfeifen an sich vorbeirauschen ließ – in Richtung Bremen aufgemacht.

(Wie, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich per Tramp oder, um einem alten Wort des Hippiedichters Fichte die Ehre zu geben, „auf Stop“.)

Und der Seraph mit der Federkrone, der, kaum surrten die Kameras, wie von Giftpfeilen durchbohrt loskrakeelte, hatte seine MC5 mitgebracht, die einen wahrhaft herrlichen Radau zu machen verstanden, wodurch sie sich – in den Apokryphen der Rockgeschichte ist´s haarfein vermerkt – Lorbeeren erwarben, die nie verwelken können. Das hörte sich zwar alles prima an  – allein, mit der Optik haperte es, und das gewaltig …

Das Musikmagazin „Sounds“ hatte schon 1970, anlässlich einer MC5-Stipvisite auf dem Open-Air-Festival in Konstanz, gehöhnt, die für ihr gewalttätiges Charisma bekannte Gruppe weise bei Licht betrachtet „starke Ähnlichkeit mit Hazy Osterwald“ auf. Weshalb ein städtischer Beamter, wie Augenzeugen berichten, mitten im Gig gegen 0 Uhr 15 den Strom abstellte.

Autor: Wenzel Storch

Text: veröffentlicht in konkret 9/2009

FORTSETZUNG:

Im „Beat-Club“ treten verhexte Tiere auf. Und: Warum die Herstellung von Rockmusik Knochenarbeit ist

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