Die letzte Kriegerin

Gemacht aus nichts als Kraft

Es war einmal eine Frau, die kam aus der Stadt und hatte ihre Sprache verloren und ihren Mann. Da nahm sie ihr Piano und ihre Tochter und fuhr über das Meer. Drüben, in der Wildnis, kämpfte sie mit den Männern um das Piano und mit dem Piano um die Männer. Ihr Mann schlug ihr den Finger ab und ein anderer gab ihr die Sinnlichkeit und die Liebe und fertigte ihr einen Finger von feinem Metall und wenn er das Piano hörte, wurde er still. „Ich konnte“ hatte die Stumme ihrer Tochter gesagt in der Sprache der Gebärden, „Gedanken in seinen Kopf ausbreiten“.

Es war einmal eine Kriegerin, die kam aus der Wildnis und hatte ihren Stamm verloren, für ihren Mann in der Stadt. Der Mann hat eine Gitarre, auf der spielt er manchmal. Manchmal, wenn er einen anderen Mann zusammenschlägt, steht er an der Jukebox, manchmal, wenn er seine Frau zusammenschlägt, steht er am Küchentisch. „Was bildest du dir eigentlich ein, du Votze!“ schreit er manchmal und drischt ihr die Faust ins Gesicht. Da weiß die Frau, daß es ihr nie gelingen wird, irgendeinen Gedanken auszubreiten in seinem Kopf. Wenn Ada, die stumme Frau mit dem Piano, in das Haus von Jake geraten wäre, sie hätte sich, nachdem der Mann ihr das Instrument und die Nase zerschlagen und sie vergewaltigt hätte, wohl aufgehängt im Garten vor dem Haus, wie es Jakes Tochter tut, nachdem sie vergewaltigt wurde von Jakes Bruder, nachdem ihr der Vater noch das Heft zerreißt, in dem sie ihre poetischen Fluchtversuche niederschrieb vor der letzten Flucht. Hier gewinnt nicht die Musik, hier gewinnt die Faust.

Der beglückende Film der Neuseeländerin Jane Campion und der ausgezeichnete Film des Neuseeländers Ree Tamahori haben nicht das mindeste miteinander zu tun, der eine ist schöner und der andere ist wahrer.

Stewart, der Mann der Piano-Frau Ada schlägt ihr einen Finger ab mit dem Beil. Später wird er traurig sagen „Ich wollte dich lieben“ und wir glauben ihm: Das ist die Kunst. Jake, der Mann der Power-Frau Beth hat ihr das Gesicht zerschlagen, ehe er sie vergewaltigte. Am nächsten Morgen kommt er in die Küche, der massige Oberkörper quillt aus dem Unterhemd und er sagt mürrisch „Du siehst zum Kotzen aus, du Dreckstück“ und wir glauben ihm: Das ist das Leben.

Es ist die Geschichte von Beth, eine Maori, die ihren stolzen Stamm verließ für den Mann, dessen Vorfahren Sklaven waren, Weiße kommen hier nur vor als Richter und Bullen. Beth liebt diesen Kerl, der nach Schweiß riecht und Mann und der die Balance verliert wenn er unter Männern ist. „Aber du kennst doch die Spielregel, Mädchen“, sagt ihre Freundin, in das zerschundene Gesicht, „halt die Schnauze und mach die Beine breit.“ Doch Beth kann die Schnauze nicht halten, wenn sie nicht zur Gerichtsverhandlung ihres Sohnes kann, weil Jake sie zusammenschlug, wenn sie den Jungen nicht besuchen können in der Anstalt, weil sein Vater sich vollsaugt. Und sie hält die Regel nicht mehr ein, als Grace, 13, sich an den Baum vorm Haus hängt. „Once were warriors“, es waren einmal Krieger, heißt der Film im Original, und Beth geht zurück zu ihnen, zu ihren Wurzeln. Jane Campion erzählte von der Kraft der Poesie, so war ihr Film aus Poesie. Lee Tamahori erzählt von der Kraft der Kraft, so ist sein Film aus Kraft. Die Menschen bewegen sich zwischen zerschrotteten Autos, abgewohnten Möbeln, billigen Autos und leeren Flaschen. Eine unglaubliche physische Präsenz, die Menschen scheinen zu riechen und die Räume scheinen zu eng für diese Körper. Eine phantastische Hauptw darstellerin, Rena Owen, eine halbe Maori, die Jahre in der Drogenszene, auf der Straße lebte, das macht wohl auch die Authentizität des Filmes. Nichts ist verspielt, die Bilder sind nicht annährend so schön, so schwebend wie die von Campion, klares Licht, klare Konturen, wenig Zwischentöne, schwach und stark, gut und böse. Es ist die so selten erlebte Unmittelbarkeit der Darstellung, die die Kraft des Filmes macht, das weitgehende Verschwinden der Kunst hinter den Figuren, die nahtlose Kongruenz einer Absicht mit ihrer Geschichte, ohne Untertext, ohne Bedeutungen, die nicht offen lägen, der Regisseur, der immer den gleichsam kürzesten, direktesten Weg zu den Bildern sucht, die die Figuren auf den Punkt bringen. Der Film ersetzt Geheimnis durch Kraft, es ist, als peitsche Tamahori seine Schauspieler durch die Szene. (Das Verfahren offenbart seine Gefährdungen erst am Ende, die dann doch zelebrierte Ethno-Power löst sich von der Geschichte ab und bleibt Appell neben der Geschichte).

Mit Sicherheit einer der wichtigsten, interessantesten Filme des Jahres inmitten all der flimmernden, schönen Belanglosigkeiten; ein Film, der erinnert, daß Kunst auch einmal etwas zu bedeuten vermochte ohne sich zu schämen dafür.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben 1995

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

 

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