Die Doku startete bereits in der Vorwoche in den Kinos. Weil die Pressevorführung verpasst, konnte ich den Film erst jetzt sehen – in einer leider sehr schlecht besuchten Vorstellung. Dabei handelt es sich um einen absolut sehenswerten Essay – jedenfalls für alle, die John Irvings Bücher lieben.

Der höchst agile Mann von nun auch schon 70 Jahren (am 02. März war der Jubiläumsgeburtstag) packt einen mit seinem Charisma. Das nicht von ungefähr kommt. Regisseur André Schäfer enthüllt dessen Geheimnis schnell: eiserne Disziplin.

Stilistisch verwirrt der Film ein wenig: mal aufgemacht wie eine bunte Illustriertenstory ist er im nächsten Moment hochphilosophisch. Beim Nachdenken fällt einem dann auf, dass es ja in den Büchern Irvings genau so zugeht. Da sehen wir also den Schriftsteller mal als Hundenarr, dann als Schreiber, hier als netten Nachbarn, dort als bohrenden Begleiter von Persönlichkeiten, die er offenkundig für seine Arbeit ausnutzt, indem er sie hemmungslos befragt, belauscht, ja, belauert. Aufschlussreich: Wie John Irving ein Rechercheteam rund um den Globus auf Trab hält. Nix da von einsamem Genie!

Quintessenz Irvings: Man muss lieben, was man macht. Klingt banal. Ist es aber nicht. Wie viele Menschen beugen sich allein Notwendigkeiten und machen, was sie gar nicht machen wollen, allein, um die Miete reinzukriegen?!

André Schäfer versucht, sich dem Schriftsteller und dessen Werk behutsam, feingeistig anzunähren. Das gelingt, denn platte Sensationshascherei bleibt aus, auch dumme Interpretationen. Manchmal, etwa wenn er bekannte Schauplätze berühmter Irving-Romane zeigt, gleitet Schäfer ein wenig ins Sentimentale. Irving-Fans werden grad das genießen, Zuschauer mit mehr Abstand sollten großzügig darüber hinwegsehen.

Manche seiner Fans haben John Irvings bisher letzten auf deutsch erschienenen Roman („Letzte Nacht in Twisted River“) wegen ziemlich vieler Verrisse noch nicht gelesen. Nach Ansehen des Films werden sie wohl sofort in den nächsten Buchladen rennen.

Peter Claus

John Irving und wie er die Welt sieht, von André Schäfer (Deutschland/ Österreich/ Schweiz/ Kanada/ Indien/ USA/ Niederlande 2012)

Bilder: W-Film

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