Endlich: der Berlinale-Sieger 2012 im Kino. Gedreht haben den Film die Brüder Taviani, deren vor drei Jahrzehnten herausgekommener Spielfilm „Die Nacht von San Lorenzo“ nach wie vor zu den weltweit besten Beiträgen des Kinos gehört, die einen Versuch der Auseinandersetzung mit den Schrecken des Faschismus’ wagen.

Paolo und Vittorio Taviani haben sich Shakespeare vorgeknöpft. Sie stecken ihn in eines der besonders scharf gesicherten Gefängnisse Italiens: sein „Julius Cäsar“ wird in einer Theaterwerkstatt für Inhaftierte umgesetzt. In den Proben zeigen die Verbrecher Erstaunliches, sowohl künstlerisch als auch psychologisch.

Die Tavianis tun nicht so, als könne Kunst die Menschen läutern. Darum geht es nicht. Vielmehr wird klar gezeigt, wie genau und allgemeingültig (also auch zeitlos!) Shakespeare das Zwischenmenschliche beleuchtet hat. Die Machtspiele im Knast spiegeln entsprechen denen, die der Dichter vorführt, und damit die, denen wir in der Freiheit der demokratischen Welt ausgeliefert sind. Subversiv wird damit die Frage gestellt, was Freiheit überhaupt ist, nicht als Idee, sondern ganz real. Die Antwort fällt düster aus! Filmisch findet das seine Entsprechung darin, dass mehrfach bewusst unklar bleibt, ob wir einer Theaterprobe zusehen, oder ob die Protagonisten in ihrer Realität sind. Das ist so faszinierend wie ernüchternd. Scheinbar schwerelos zwischen Theaterspiel, Dokumentation und fiktionalem Kino changierend, eröffnet der Film einen höchst ungewöhnlichen Blick aufs Hier und Heute. Wer Action pur will, gedankenfreie Unterhaltung, sollte den Film allerdings meiden wie der Teufel das Weihwasser. Hier ist Mitdenken nicht nur erlaubt, es wird gefordert.

Peter Claus

Cäsar muss sterben, von Paolo und Vittorio Taviani (Italien 2012)

Bilder: Camino Filmverleih

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