Scherbenpark (Bettina Blümner)

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Wieder mal eine Roman-Adaption. Alina Bronskys vor fünf Jahren erschienenes Debüt bietet sich allerdings auch für eine Verfilmung an. Denn sie erzählt kraftvoll, geradezu filmisch in der Erzählführung, eine originelle Variante der alten Geschichte von der Schwierigkeit, erwachsen zu werden.

Regisseurin Bettina Blümner knüpft damit an ihr Langfilmdebüt „Prinzessinnenbad“ an. Das war allerdings eine Dokumentation rund um und über jugendliches Lebensgefühl. In dem Film stehen drei Teenager im Zentrum. Hier nun fokussiert die Geschichte auf nur eine junge Frau, die 17-jährige Sascha (Jasna Fritzi Bauer), Tochter einer Familie von Einwanderern aus Russland. Sie lebt mit zwei jüngeren Halbgeschwistern in einer tristen Siedlung am Rand einer größeren Stadt. Die Mutter wurde vor Jahren ermordet. Kein Wunder, dass Sascha nicht gerade ein fröhliches scherben_320Menschenkind ist. Ganz im Gegenteil, sie ist das, was allgemein gern als „schwer erziehbar“ gebrandmarkt wird. Tante Mascha (Jana Lissovskaja), Vormund der Kinder, versteht Sascha jedenfalls nicht mehr und kann das Kind nicht bändigen. Sie ist schockiert von deren rebellischem Auftreten, ekelt sich regelrecht davor, wie Sascha mit oftmals angeblich und manchmal auch wirklich schmuddeligen Jungs dem Traum von Geborgenheit, ja, Liebe, hinterher jagt. Das Schlimmste: Sascha will, und es sieht sehr danach aus, dass sie das ernst meint, den inhaftierten Mörder der Mutter umbringen. Die Situation eskaliert, als das Mädchen ausflippt, weil in einer Zeitung ein menschelnder Artikel über eben diesen Mörder erscheint. Die aufgebrachte Furie schafft es in das Büro des Chefredakteurs (Ulrich Noethen), dem sie ihre ganze Wut geradezu über den Kopf gießt. Der Mann behält die Nerven. Und er hat Mitleid mit Sascha. Er bietet ihr an, sie solle sich bei ihm melden, wenn es einmal ein Problem gibt. Da Sascha Probleme zuhauf hat, ruft sie sehr bald an. Und nicht nur das. Sie zieht sogar ins Haus des Journalisten. Was zahlreiche Folgen hat, und das nicht nur, weil Felix (Max Hegewald), der Sohn des Hauses, im selben Alter wie sie ist. Kompliziert wird die Geschichte zum Beispiel dadurch, dass es im Leben des Irrwischs bereits einen anderen jungen Mann, Peter (Vladimir Burlakov), gibt

Die Story klingt nach Kolportage. Das ist berechtigt. Denn der Roman nutzt die bewährten 08/15-Muster gängiger Erzählkonstrukte, um zum Beispiel über das Empfinden von Menschen nachzudenken, die, aus welchen Gründen auch immer, aus einer anderen Kultur in die deutsche „verpflanzt“ worden sind. Diesen Aspekt lässt der Film allerdings weitestgehend außen vor. Was eine sehr kluge Entscheidung ist. Denn andernfalls hätte der Film sehr viel länger sein müssen, was die Kerngeschichte jedoch kaum tragen könnte. Vom Buch für den Film übernommen: der genaue Blick hinter die Kulissen der Gesellschaft und die, hinter denen sich jede Figur versteckt. Das gelingt insbesondere Hauptdarstellerin Jasna Fritzi Bauer, während der Dreharbeiten Anfang 20, bravourös. Zu Recht bekam sie für ihre Darstellung in diesem Jahr in Saarbrücken beim Festival um den begehrten Max Ophüls Preis die Auszeichnung als Beste Nachwuchsdarstellerin. Auch die übrigen Akteure sind exzellent. Kluge Schauspielführung liegt Regisseurin Bettina Blümner, dies ist ihr erster abendfüllender Spielfilm, also ganz offensichtlich. Weniger gelingen ihr (und Kameramann Mathias Schöningh) die Milieuzeichnungen. Die Bilder sind oft derart überdeutlich auf arm und reich getrimmt, hier Hochhaus-Ghetto, da Villen-Idyll, dass man sich als Zuschauer rasch unterfordert fühlt. Leider wird das von einigen recht hölzernen Dialogen (Drehbuch: Katharina Kress) verstärkt. Dennoch lohnt der Kinobesuch. Zum einen begeistert der Film mit der durchweg spürbaren Zuneigung, die allen Figuren zuteil wird. Niemand wird denunziert. Zum anderen gelingt es fern von Klischees, die Unsicherheit von jungen Menschen auf der Suche nach den richtigen Wegen in die Erwachsenenwelt zu reflektieren. Da hat der Film eine seiner ganz großen Stärken. Und er hat mitreißende schauspielerische Leistungen, allen voran von Jasna Fritzi Bauer. Sie gehört zu den jungen Schauspielern, denen es gelingt, noch der gröbsten Szene durch ihre Präsenz Wahrhaftigkeit einzuhauchen. Ob ganz leise, verängstigt, ob laut und ruppig, sogar hysterisch – man glaubt ihr jeden Moment, jede Gefühlsregung. Jasna Fritzi Bauer, die ja bereits 2011 in „Ein Tick anders“ Überragendes geleistet hat, dürfte bei kluger Rollenwahl eine große Karriere hinlegen. Diese hier war klug.

Peter Claus

Scherbenpark, von Bettina Blümner (Deutschland 2013)

Bilder: Neue Visionen

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