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Über diesen Dokumentarfilm lässt sich bestens streiten! Im Zentrum steht Donald Rumsfeld, Ex-Verteidigungsminister in Washington. In unguter Erinnerung ist er vor allem dadurch, dass er 2003 von angeblichen Beweisen für Massenvernichtungswaffen im Irak faselte und damit die Kriegsführung des Weißen Hauses gegen das arabische Land rechtfertigte.

Dokumentarist Errol Morris bekam vor einem Jahrzehnt des „Oscar“ für „The Fog of War“, einen Interviewfilm mit dem einstigen US-Verteidigungsminister Robert McNamara. Damals gelang es, hinter die Maske eines Polit-Profis und vor allem Polit-Pokeres zu blicken. Das gelingt ihm mit Rumsfeld nicht. Der uneinsichtige Hardliner, der seinen eigenen Lügen glaubt, wirkt unerschütterlich. In Venedig kam im letzten Herbst deshalb oft die Meinung auf, Morris sei gescheitert, habe nicht wirklich etwas zu sagen. Tatsächlich? Bringt nicht schon das Vorführen von Exemplarischem Erkenntnisgewinn?

Republikaner Rumsfeld erlebte den „Höhepunkt“ seiner Laufbahn mit den Kriegen im Nahen Osten und mit dem Bau des Anti-Terrorismus-Gefängnislagers Guantanamo. Archivmaterial zeigt seinen Weg dorthin an der Seite von Nixon und Ford. Entscheidend: Rumsfelds Aussagen im Interview. Stoisch, kalt, grinsend. Das sind die ersten Attribute, die einem angesichts des Mannes einfallen. Und sie bleiben, prägen den Gesamteindruck. Morris hat sich nämlich auf seinen Partner eingelassen. Er untermauert das dadurch, dass er die Kamera nicht immer gleich ausgeschaltet hat, auch lange Momente des Schweigens zeigt er. Sind es auch Momente des Nachdenkens, gar Zweifelns beim Gegenüber? Der Einruck stellt sich nicht ein. Das ist es wohl, was so irritiert: dass da einer, der zweifellos viele Fehlentscheidungen getroffen hat, nichts bedauert, keine Reue zeigt. Und dass es im Film keinen entsprechenden vordergründigen Kommentar gibt, keine laute Verurteilung. Freilich: Morris lässt die Unwahrheiten nicht einfach so stehen, verweist etwa auf die unzähligen toten Iraker, auf die unsinnig verschleuderten Millionen US-Dollar. Dazu kommen immer wieder Schriftstücke ins Bild, die ganz anderes berichten als Rumsfeld.

Ein unbequemer Film, weil er dem Zuschauer keine schnelle Befriedigung gönnt. Errol Morris zeigt eindringlich und dadurch wirkungsvoll, dass man politische Gegner nicht einfach mit dem Glauben an die eigene Weltsicht ausschalten kann. Daraus folgt: Wer eine bessere Welt will, muss dafür sorgen, dass Leute wie Rumsfeld an Macht verlieren. Eine schöne Utopie!

Peter Claus

The Unknown Known, von Errol Morris (USA 2013)

Bilder: NFP

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