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Im Vorjahr gehörte die Dokumentation zu den von Publikum und Kritik besonders geschätzten Beiträgen des Internationalen Filmfestivals von Locarno. Zu Recht! Regisseur Yves Yersin gelang mit „Tableau noir“ ein höchst ungewöhnlich intimer Blick in Schulalltag, ein Blick, der sich auf die bürgerliche Gesellschaft an sich weitet.

Die Schule „Derriere-Pertuis“ ist im Jura, hoch droben in der Bergwelt, mehr als 1100 Meter über dem Meeresspiegel. Gilbert Hirsch, der Lehrer, unterrichtet die Kinder der verschiedenen Altersklassen, egal ob sechs oder zwölf, in einem Raum. „Zwergenschule“ hieß sowas früher, als es das noch gab, in Deutschland. Helikopter-Eltern und Lehrbuchpädagogen schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Sowas kann nicht gut sein für die Kinder. Der Film zeigt das Gegenteil.

Die Atmosphäre, die der Filmemacher in Dreharbeiten, die etwa ein Jahr dauerten, einfängt, ist bestechend: Gemeinsamkeit, Austausch, gegenseitiger Respekt prägen den Schulalltag. Hilfe ist etwas Alltägliches. Natürlich gibt es Konflikte zwischen den tableau_320Kindern. Doch da sie es gewohnt sind, miteinander zu leben und zu lernen, wissen sie auch, wie sich Konflikte lösen lassen. Und: Der Schulalltag wirkt sich auch positiv auf die Familien aus. Yersin geht auch mit den Kindern nachhause, zeigt ihr soziales Umfeld. Das, so wird klar, wird entscheidend auch durch die Schulerfahrung der Nachwachsenden geprägt.

Yersin hat selbst Erfahrungen als Lehrer. Kein Wunder also, dass er tief in das Thema Unterrichten und Lernen eindringt. Anlass für diesen Film: Die interkommunale Schule soll – vermeintlicher Sieg der Helikopter-Eltern und der Lehrbuchpädagogen, geschlossen werden. Am Ende des Films zweifelt man als Zuschauer, ob das wirklich eine gute Entscheidung ist.

Formal besticht, wie unmittelbar die vermittelten Eindrücke sind. Schüler und Lehrer haben Kamera und Mikrofon offenbar rasch vergessen. Nichts wirkt gestellt oder gespielt. Man staunt. Staunenswert vor allem ist, wie ungezwungen hier Wissen vermittelt wird. Wie hier Schule nicht neben dem Leben läuft, sondern mitten drin ist. Wie Kinder hier spielerisch reifen. Man wünscht sich, selbst in dieser Schule gewesen zu sein. Und man denkt nach dem fulminanten Finale des Films darüber nach, ob die Segnungen moderner Pädagogik tatsächlich immer Segnungen sind.

Peter Claus

Tableau Noir – Eine Zwergschule in den Bergen, von Yves Yersin (Schweiz 2013)

Bilder: déjà vu Filmverleih

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