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Eine edle Filmkomödie mit dem Geschmack nach Himbeereis samt Sahnehäubchen.

Das personifizierte Sahnehäubchen heißt in diesem Fall Woody Allen. Der ewige Stadtneurotiker hat allerdings nicht geschrieben und inszeniert und sich selbst in die Hauptrolle gesetzt. Das hat John Turturro getan und legt damit seine fünfte Regiearbeit vor. Und was für eine!

Woody Allen spielt – ja, klar – einen Stadtneurotiker. Dieser kommt auf die aberwitzige Idee, seinen besten Freund (Turturro), sagen wir es deutlich, auf den Strich zu schicken. Natürlich auf einen Luxus-Strich. Nichts da mit Schmuddel, elegant geht’s zu. Woody, alias Murray, Buchhändler in Manhattan, wird gleichsam zum Zuhälter von Fiovirante (Turturro), Florist von Beruf. Murray könnte, dem Alter nach, Fiovirantes Vater sein. Der könnte selbst schon erwachsene Kinder haben. Nichts da also mit den Reizen jugendlichen Frischfleischs. Darauf sind die Damen, die den Liebesdiener anmieten jedoch gar nicht scharf. Sie suchen den Kitzel des „Normalen“. Die Ladies wollen einen ganzen Kerl, einen mit Grips und Muskeln, aber von Beidem bitte nicht zu viel, und mit einer schönen Portion Sensibilität. Über die verfügt der fast gigolo_320schon angegraute Gentleman reichlich. So mausert er sich in seinem Nebenberuf denn auch nicht zum Herzensbrecher, sondern zum Herzensheiler. Avigal (Vanessa Paradis), der Witwe eines Rabbis, verhilft er zu neuem Lebensmut und neuer Lebensfreude. All das und mehr führt zu einem knackigen Happy End, das so nicht mal die gewieftesten Filmfans erwarten dürften.

Die Dialoge begeistern mit wohl dosierten Wortspielen und Gags. Dazu erfreut die Bildgestaltung mit Delikatesse: noch in den „härtesten“ Sex-Szenen ist es die Phantasie des Zuschauers, die den Sex sichtbar macht, nicht die Kamera! Und sämtliche Schauspieler sind schlichtweg hinreißend. Nicht nur das Hauptdarsteller-Duo bezirzt das Publikum mit Witz und Charme. Auch Vanessa Paradis als Avigal, Liev Schreiber als jüdischer Nachbarschafts-Cop, der heimlich in Avigal verliebt ist, Sharon Stone und Sofia Vergara als Kundinnen in der Horizontale agieren mit feinster Komik, in der stets das Tragische aufblitzt, so dass die Geschichte nicht im Albernen versandet, sondern zu einer anrührenden Auseinandersetzung mit Fragen um Moral und Liebe und – man glaubte schon gar nicht mehr, dass jemand diesen Begriff noch schätzt – Tugend! Nicht zu vergessen: endlich mal wieder ein kluger Musikeinsatz. Jazz und Swing geben der Erzählung einschmeichelnd Schwung. Eine Wohltat.

Ganz nebenbei – man muss das nicht registrieren, doch wer’s tut, jubelt – entlarvt der Film die wabernde Bigotterie, die sich im Neoliberalismus pestartig ausgebreitet hat, mit feinen Pointen als Humbug. Da wird etwa der Begriff „Normalo“ herrlich ad absurdum geführt. Klar wird, dass Tugend nichts Altbackenes haben muss. Und überdeutlich wird, dass dieses kleine verdammte Stück Glück, dem jeder hinterher jachtet, nicht durch Profitmaximierung zu haben ist. Ein zutiefst menschliches Kino-Vergnügen!

Peter Claus

Plötzlich Gigolo, von John Turturro (USA 2014)

Bilder: Concorde Filmverleih GmbH

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