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1945 – ein Jahr des Glücks? Wer mit Verstand auf das Jahr der Befreiung vom Hitlerfaschismus zurück blickt, weiß, dass dem nicht so war. Es gab Schrecken zuhauf. Auf eine über die Jahrzehnte kaum beachtete Episode der unmittelbaren Nachkriegszeit in Europa blickt dieser Film mit Spannung und Einfühlsamkeit zurück.


Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, im Mai 1945, sitzt eine Gruppe von deutschen Kindersoldaten gefangen in einem Lager in Dänemark. Die Jungen schweben in Lebensgefahr. Denn sie müssen, tagein, tagaus, einen Strand von Tretminen säubern, Minen, die dort von der Wehrmacht gegen die Alliierten im Sand ausgelegt worden waren. Die Jungen hoffen dennoch auf Heimkehr und Überleben. Sie vertrauen dem dänischen Aufpasser Carl Rasmussen (Roland Møller), der ihnen versprochen hat, dass sie bald frei sein werden. Doch können sie ihm glauben? Werden sie nicht wieder nur, wie zuvor von Hitler, als Kanonenfutter missbraucht?
Besonders spannend sind jene Szenen, in denen Fragen wie eben diese recht verhalten, wie nebenbei, gestellt werden. Carl Rasmussen wird dabei zur Hauptfigur. Seine Wandlung vom kalten Befehlsgeber zur verständnisvollen Vaterfigur wird nachfühlbar, mit Gefühl, vordergründige Sentimentalität bleibt dabei aus. Roland Møller baut dabei wirkungsvoll auf leise Gestik und Mimik, auf wenige Worte. Als Zuschauer fragt man sich schnell: Ist Carl den Gefangenen wirklich zugetan oder ist er vielleicht ein besonders perfider Sadist, treibt ihn der Wunsch nach Rache?
Manchmal ist die Bildsprache etwas bieder, gelegentlich stört, dass etwas hölzern für ein vorurteilsfreies Miteinander fern von Feindbildern plädiert wird. Hier wäre weniger mehr gewesen. Story und Schauspiel aber fesseln meist derart, dass man das gern ignoriert. Filmfans kommt natürlich schnell der deutsche Spielfilm „Die Brücke“ aus dem Jahr 1959 in den Sinn, ein Anti-Kriegs-Drama von Regisseur Bernhard Wicki, das den Irrsinn des Faschismus kraftvoll am Schicksal einiger Kindersoldaten entlarvt. Martin Zandvliets Drama damit zu vergleichen, wäre ungerecht, und das nicht nur, weil er sehr viel weniger Budget zur Verfügung hatte als Wicki dereinst. Wichtiger ist anderes: Ende der 1950er Jahre hat nahezu jeder im Publikum die erzählte Geschichte mit eigenen Erfahrungen ergänzt, war dem Gezeigten aus biografischen Gründen nah. Heutzutage muss historisch Nachhilfe geleistet werden. Und das gelingt überwiegend knapp und pointiert. Auffallend gelungen ist der Einsatz der Musik: Wenn die Jungen ins Grauen geschickt werden, spitzt die klug eingesetzte Musik die Brutalität des Gezeigten effektvoll zu, weil sie nicht schrill aufschreit, sondern den Schrecken zurückhaltend kommentiert. Das wird verstärkt, wenn die Kamera idyllische Landschaften durchmisst. Da wird die Extremsituation der missbrauchten Jungen zu mehr als einem Bild aus der Vergangenheit. Man beginnt als Zuschauer über heutige Fragen nachzudenken, wie die, warum es neue Feindbilder gibt, warum immer wieder Kinder und Halbwüchsige gezwungen werden, zu Waffen zu greifen, wieso die Vernunft den Hass nicht aus der Welt schaffen kann.
Beim Nachdenken über das Gestern, fallen einem berühmt-berüchtigte Fotos ein: Adolf Hitler tätschelt Halbwüchsigen in Wehrmachtsuniformen die Wangen, schüttelt Kinderhände, klopft auf schmächtige Schultern. Postkarten des Grauens voller Propaganda-Posen. Die sieht man jetzt anders – mit dem Blick auf die Gegenwart.
Peter Claus

Unter dem Sand, von Martin Zandvliet   (Dänemark / Deutschland 2015)

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