1993 hat Regisseur Gordian Maugg mit „Der Olympische Sommer“ einen der formal ungewöhnlichsten deutschen Spielfilme der letzten Jahrzehnte vorgelegt. Mit einer historischen Askania-35-mm-Kamera gedreht, erzählt er darin einfühlsam vom Lebensgefühl in Deutschland in der Nazizeit. Auch mit weiteren Filmen hat er gern über Privates auf das Politische auf des 20. Jahrhunderts geschaut, nicht immer so gelungen wie in seinem Erstling, aber stets originell.

In seinem neuen Spielfilm setzt sich Gordian Maugg mit einem der berühmtesten deutschen Filmregisseure überhaupt auseinander, mit Fritz Lang. Dessen „Nibelungen“, „Metropolis“ und „M“ gehören zu den wirklichen Meisterwerken der Filmkunst. Und die Entstehung bzw. die Vorgeschichte von „M“ steht im Zentrum von Mauggs Rückblick: Lang (Heino Ferch) will seinen ersten Tonfilm drehen. Für eine Recherche reist er 1930 nach Düsseldorf. Hier informiert er sich über die Arbeit von Kriminalrat Gennat (Thomas Thieme). Dessen Fall: die Morde von Peter Kürten (Samuel Finzi), gezeichnet als der „Vampir von Düsseldorf“. Lang ahnt zu Beginn nicht, wie nahe ihm das geht. Denn über Jahre Verdrängtes, eigene Schuld, Lasten der Vergangenheit, holen ihn ein…

Abgesehen davon, wie interessant der Blick in die Filmwelt vor etwa 85 Jahren ist, fasziniert der Film insbesondere als Psychogramm. Lang, der stets wie ein Aristokrat auftrat, das Monokel war sein Markenzeichen, wird als Künstler gezeigt, bei dem Privates und Profession überaus eng miteinander verzahnt waren. Schon oft wurde darüber spekuliert, nur Weniges ist bekannt, noch weniger gesichert. Maugg musste also Fakten und Fiktion verzahnen, und das ist ihm in seinem im 4 : 3 Format, dem Format jener Zeit, gedrehten Film, in dem er dokumentarische Bilder mit einer eigener Inszenierung kombiniert, exzellent gelungen. Wochenschauaufnahmen, Ausschnitte aus Langs und anderen Filmen verschmelzen zu einem faszinierenden Zeitbild.

Heino Ferch überzeugt in der Titelrolle vollkommen. Wobei er gerade deshalb so fasziniert, weil er dem berühmten Mann ein Höchstmaß an Geheimnis lässt. Billige Blicke durchs Schlüsselloch bleiben aus. Da nimmt man es denn auch hin, dass ein wenig zu spekulativ die bis heute nicht geklärten Umstände um den Tod von Fritz Langs erster Frau ausgestellt werden. Aber auch hier: Geheimnis. Wenn Lang in einem Gespräch mit dem von Samuel Finzi brillant verkörperten Serienkiller davon erzählt, dass er selbst ein Mörder sei, ist nicht klar, ob er allein vom Elend des Ersten Weltkriegs erzählt oder auch vom elenden Sterben seiner Frau.

Gordian Maugg offeriert kein Bio-Pic, keinen Film, der den Anspruch hat, die Wahrheit über die Hauptfigur zu verbreiten. Gelungen aber ist ihm ein Film, der überaus wahrhaftig anmutet, und der auf packende Weise die Fragilität jedweder künstlerischen Prozesse spiegelt.

Peter Claus

Bild: W-Film

Fritz Lang, von Gordian Maugg     (Deutschland 2016)

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