Klar, klar: Wir haben uns alle lieb, sind fortschrittlich und achten jede und jeden neben uns, egal ob sie oder er nun ins Bild des angeblich „Normalen“ passt oder nicht. Toleranz haben wir ja gefressen, politische Korrektheit bestimmt unser aller Dasein. – Von wegen! Solchen Quatsch glaubt wohl nur noch, wer mit ’nem Brett vorm Kopf durchs Leben pennt.
Dieser Film löckt den Stachel wider all die wabernde verlogene Sozialromantik, die uns so alltäglich umgibt. Erzählt wird von Lena (Mascha Poeshaewa). Sie sitzt im Rollstuhl. Sie selbst und ihre Mutter (Natalja Pawlenkowa) sind froh, dass sie damit eine Schule besuchen kann. Lena kommt in eine Klasse zu etwa einem Dutzend körperlich oder geistig beeinträchtigter Schülerinnen und Schüler. Die Jugendlichen um sie herum nehmen sie sofort an. Die Frau Direktorin (Natalja Domeretskaja) allerdings hegt eine unerklärliche Feindseligkeit. Als Lena und Anton (Philipp Awdejew) mehr empfinden als Kameradschaft, bahnt sich eine Katastrophe an. Und nicht nur die verbohrte Schulbeamtin, auch die Mitschülerinnen und Mitschüler reagieren mit schier unbegreiflicher Unmenschlichkeit. Denn es kann nun mal nicht sein, was nicht sein darf …

Die starke Wirkung, die von dem Film ausgeht, beruht vor allem darauf, dass er einen als Zuschauer ungemein wütend macht. Die dramatische Geschichte will drastisch zeigen, wie Behinderte in Russland ausgegrenzt, an den Rand geschoben, missachtet und misshandelt werden. Feigenblätter gibt es nicht, auch kein sentimentales Gesülze der eingangs zitierten Un-Art. Dieses Ungeschminkte, das macht den Film sehenswert.

Peter Claus

Bilder: Krokodil Distribution

Lenas Klasse, von  Ivan I. Tverdovskiy (Russland/ Deutschland 2014)

 

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