Papillon (Regie: Michael Noer)

Gottlob: Noch ist niemand auf die Idee gekommen, ein Remake von „Manche mögen’s heiß“ zu produzieren. Doch die Gefahr wächst. Denn erstens fällt Hollywood kaum mehr Neues ein, zweitens sinkt die Schamgrenze allüberall, drittens sind schon einige Perlen via Remake entweiht worden. Jetzt also „Papillon“.

Regie geführt hat der Däne Michael Noer. 2010 wurde er als Co-Regisseur des Spielfilms „R – Gnadenlos hinter Gittern“ bekannt, ein Drama über die Gewalt unter Gefängnisinsassen. Da hat Hollywood sich wohl gedacht, er wär‘ der richtige Mann für ein „Papillon“-Remake.

Inhaltlich wird Bekanntes geboten. Die Beschreibung der Handlung hätte so schon 1973, zum Original, gepasst. Nun liegt ja aber auch beiden Filmen der selbe Roman zugrunde. Der beruht angeblich auf Tatsachen. Ex-Safeknacker Henri Charrière (1906 bis 1973) hat das Buch verfasst. Er erzählt von Haft und Überleben des in den 1930er Jahren fälschlich wegen Mordes verurteilten Henri Charrière, also von sich selbst. Ein Schmetterlingstattoo hat ihm den Spitznamen „Papillon“ eingebracht. Das Urteil ist hart: Haft in Übersee, in der Strafkolonie St. Laurent in Französisch-Guayana. Im Nirgendwo Südamerikas, an der Atlantikküste, zwischen Brasilien und Suriname. Von dort geht’s gar auf die so genannte Teufelsinsel. Die Häftlinge werden von den Wärtern wie wilde Tiere gehalten, werden gequält und werden erniedrigt. Solidarität untereinander gibt es nicht. Hier gilt tatsächlich: Fressen oder gefressen werden. Um letzterem zu entgehen, verbündet sich der kräftige Papillon mit dem Mithäftling Louis Dega. Das ist ein zierlicher, ängstlicher, körperlich recht schwächlich anmutender Mann, der wegen Fälschung von Wertpapieren einsitzt. Aber Louis hat jede Menge Grips. Und er verfügt über viel Geld. Das braucht Papillon, damit ihm gelingt, was angeblich unmöglich ist: die Flucht in die Freiheit.

Da der gute Mann das Buch andernfalls nicht hätte schreiben können, ist von Anfang an klar, wie alles endet. Spannung kann also nicht allein aus der Story herrühren. Es gilt, sich stilistisch was einfallen zu lassen.

Vor 45 Jahren, 1973, hat Regisseur Franklin J. Schaffner mit Steve McQueen und Dustin Hoffman in den Hauptrollen ein packendes Hohelied auf den Wert wahrer Freundschaft gesungen, gespickt mit damals spektakulären Action-Szenen. Bei Regisseur Michael Noer, dessen Film sich neben dem Roman auch auf das Drehbuch zu Schaffners Epos beruft, ist davon fast nur die Action übrig geblieben. Die hat er so grell wie wirkungsvoll ins Bild gesetzt. Die Abgründe des Seins zeigen ihre ungeschminkten Fratzen. Es wird heftig geschlagen, gefoltert und gemordet. Doch Freundschaft? Gen Ende blitzt eine Ahnung davon auf. Da umarmen sich die zwei Protagonisten einmal. Ansonsten aber wird nichts als eine Zweckgemeinschaft gezeigt: der eine liefert das Geld und die Logistik, der andere Kraft und Cleverness, um sich zusammen aus dem Staub zu machen. Den Roman und dessen erste Verfilmung machen vor allem Qualität aus: Es wird psychologisch genau gezeigt, dass intellektuelle und emotionale Verbundenheit zwei Ausgestoßene davor bewahrt, zu „vertieren“. Es wird klar: wahre Freundschaft ist ein Garant für Menschlichkeit.

Und die Neuverfilmung? Michael Noers Inszenierung ist kraftvoll. Da gibt es Dschungelhorror und Knastbrutalität, rauscht das Meer unentwegt unerbittlich, hasten die Männer von Geisterbahnstation zu Geisterbahnstation. Das ist pittoresk, das ist effektsicher, das unterhält. Aber gepackt wird man nicht. Denn die existentielle Dimension wird nicht deutlich, es gibt keine wirkliche Fallhöhe für die Figuren, die von flirrendem Wahn gezeichnete Atmosphäre, die Franklin J. Schaffner 1973 kreiert hat, stellt sich nicht ein. Einer der Gründe dafür ist, dass der aus Deutschland stammende Kameramann Hagen Bogdanski („Der Medicus“) sehr glatte, eindeutige Bilder geliefert hat. Alles ist gefällig, nichts irritiert, selbst die Enge einer Einzelzelle strahlt keine harsche Bedrohung sondern nur musealen Kinderschrecken aus.

Und dann sind da die beiden Hauptdarsteller Charlie Hunnam („Unterwegs nach Cold Mountain“, „King Arthur: Legend of the Sword“) und Rami Malek („The Master“, „Nachts im Museum“). Zwischen den Zweien knistert’s nicht. Es ist, als spielten sie durchweg vom Blatt. Da kommt nie Irritation auf. Und deshalb interessieren einen Papillon und Louis auch nicht über den unmittelbaren Moment hinaus. Es ist wie bei der Achterbahnfahrt auf der Kirmes: kurz unterhält einen der rasche Nervenkitzel ganz prima. Aber eine Wirkung über den Augenblick hinaus bleibt aus.

Peter Claus

Bilder: © Constantin Film Verleih GmbH/Jose Haro

Papillon, von Michael Noer (USA 2017)

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.