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Geschichte, für Pferde geschrieben

Ulrich Raulff erkundet in einer großen kulturgeschichtlichen Untersuchung „Das letzte Jahrhundert der Pferde“ und bricht eine Lanze für einen vernachlässigten Akteur

Das Welttheater ist um einen großen, von der Geschichtsschreibung bislang sträflich vernachlässigten Akteur reicher. Die Rede ist vom Pferd. Das Ross – oder welch andere, unzählige Namen dieser Kreatur auch galten – war dem Menschen jahrhundertelang unentbehrlich als Zug- und Packtier, als Begleiter und Freund.

Erst jetzt, da sein Zeitalter unwiderruflich zu Ende ist und der Mensch längst andere, mehr dinghafte Bündnisse eingegangen ist, lässt sich seine unerhörte zivilisatorische Leistung würdigen. Ulrich Raulff zeichnet die Geschichte eines langen Abschieds nach, einer allmählichen, mitunter schmerzhaften Trennung. Er tut dies mit der sentimentalen Erinnerung eines Mannes, der als Kind noch in ländlicher Umgebung mit Pferden aufgewachsen ist. Er ist aber kein bornierter Hippologe, der wie die Autoren des 19. Jahrhunderts allein die Schönheit von Pferden, die Vielfalt der Rassen und ihre Entwicklung preist. Er besitzt einen Blick für die unendlichen Qualen und das massenhaft frühe Sterben, das Pferde in diesem ungleichen Bündnis erlitten haben. Aber er ist auch kein eifernder Tierschützer, der zwischen ohnmächtiger Wut und alles überschwemmendem Mitleid pendelt und dieses Kapitel von Geschichte als eine Kette von Ausbeutung und Missbrauch ansieht. Raulff, derzeit Direktor des Literaturarchivs Marbach und früher leitender Feuilletonredakteur in Frankfurt und München, spricht über „Das letzte Jahrhundert der Pferde“ von der souveränen Position eines Kulturwissenschaftlers und Historikers. Er vollbringt in seinem voluminösen Werk eine großartige interdisziplinäre Leistung, wenn er eine besondere Beziehung von diversen Positionen aus mit unterschiedlicher Tiefenschärfe behandelt.

Den Rahmen für dieses Projekt lieferte Raulff der Bielefelder Historiker Reinhart Koselleck, der bereits 2003 Weltgeschichte verblüffend einfach in drei Epochen unterteilte: Vor-Pferdezeitalter, Pferdezeitalter und Nach-Pferdezeitalter. Raulff will sich auf die „schmale Übergangszone“ beschränken, in der sich die Aufhebung des alten „kentaurischen Pakts“ (Raulff) vollzog. Diese Zeitspanne ist immer noch breit genug. Sie umfasst das „lange 19. Jahrhundert“, reicht von Napoleon als der „Weltseele zu Pferd“ (Hegel) bis in die fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, als Geschichte zum ersten Mal zum Stillstand gekommen zu sein schien, Arnold Gehlen das „Posthistoire“ proklamierte und gleichzeitig die Pferdezahlen in Deutschland einen historischen Tiefstand erreichten. Diese „Sattelzeit“ dauert bis weit ins Maschinen- und Automobil-Zeitalter, denn – eine Ironie der Geschichte – weder die Erfindung der Dampfmaschinen und später des Verbrennungsmotors bedeuteten unmittelbar das Ende der Pferde-Konjunktur: Auf die Felder konnten die monströsen mechanischen Dreschmaschinen nur von riesigen Pferdegespannen gezogen werden und – militärtechnisch gesprochen – die schweren Geschütze der Feldartillerie konnten oft nur dank horsepower über den morastigen, grundlosen Boden Frankreichs oder später Russlands gezogen werden.

Diese beiden Beispiele belegen die Dialektik und Ungleichzeitigkeit von Geschichte, sie sind aber auch Indizien für den universalistischen Anspruch Raulffs. Um eine „verfemte Seite der Geschichte“ ans Licht zu holen, war ihm kein Weg zu weit, kein Gebiet zu obskur. Für Raulff ist das Pferd „Tempomaschine par excellence“. In verschiedenen Gangarten bewegt sich auch das Buch durch Krieg und Frieden, durch frühmoderne Städte und Straßen, behandelt Pferde-Kenner und -Könner der verschiedensten Art, listet auf, wie vielfältig sich eine Zeit in künstlerischen Pferdebildern und kunstvollen Metaphern gespiegelt hat und erzählt aus eigenem Erleben Historien von Pferden und Menschen. Eine tour de force im besten Sinn.

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Wenn man diesem Buch etwas zum Vorwurf machen kann, dann vielleicht folgendes: Sein Untersuchungszeitraum ist Raulff oft noch zu eng. Wie ein junges, ungebärdiges Pferd bricht er aus der selbstgesteckten Koppel aus, möchte er das Vor-Pferdezeitalter am liebsten auch noch miterzählen. Ein Ausflug in die Antike kommt Raulff gerade recht, um die angebliche „Nacht des Mittelalters“ vor ihren vielen Verächtern zu retten. Aber dies Beispiel über Stillstand und Entwicklung ist andererseits so schlagend, dass es an dieser Stelle noch einmal nacherzählt werden soll. Der Überfluss an Sklaven hat demnach einen „regelrechten Investitionsstau“ bewirkt. Wassermühlen blieben unbekannt und Pferde waren durch anatomisch unsinnig angebrachte Riemen in ihrer Leistungskraft stark eingeschränkt. Die Entfesselung stillstehender Energien blieb der frühen Neuzeit vorbehalten.

Rund um das Pferd bildete sich ein eigener Kosmos heraus: Die ersten Veterinäre waren ausschließlich Pferde-Mediziner und diese Kliniker teilen mit anderen Pferdeexperten „die Kennerschaft des Blicks“. Der englische Aristokrat, der einen untrüglichen Blick für die Schönheit wie Leistungsfähigkeit eines Pferds entwickelt. Und wo sein Blick für Kapricen der neugezüchteten Vollblüter nicht ausreicht, da zieht er sich Hilfstruppen heran: Trainer, Jockeys, Pfleger, Gestütsmeister. Menschen unterschiedlichster Herkunft, die zu Spezialisten ihres Fachs wurden.

So erleben wir in Raulffs Buch auch die Geburtsstunde des Rennsports als des Sports der Frühmoderne schlechthin. Dieser Sport war kein bloßer Spleen reicher Müßiggänger und vergnügungssüchtiger Wetter. Die Leistungen auf der Rennbahn wurden auch aufmerksam registriert und gefördert von Militärs und Ministerialbeamten. Immerhin ging es um Zucht und ständige Verbesserung von Geschwindigkeit, Ausdauer und Beweglichkeit von Pferden, die je nach Rasse getrennt das Rückgrat von Armee und Landwirtschaft, von Verkehr und Transport waren. Wobei der Bedarf und der Verschleiß – auch das verschweigt das Buch nicht – enorm waren. 2,7 Millionen Remonten – so der Ausdruck für Pferde im Militärjargon – kamen auf Seiten der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz. Davon sind 1,8 Millionen umgekommen. Eine furchtbare Mortalitätsrate, die selbst die des Ersten Weltkriegs noch übertrifft. In Friedenszeiten waren das Schicksal vieler Pferde nicht viel besser: Nach wenigen Jahren waren sie verbraucht, konnten Fuhrwerke oder Omnibusse nicht länger ziehen, wurden ausgemustert. Oder gleich ins Schlachthaus geschickt.

Der Fortschritt ist keine Einbahnstraße, die unweigerlich ans Ziel führt. Er ist – wie in diesem Fall – gesäumt mit Kadavern, aber nur wenigen Denkmälern, die für Pferde errichtet worden sind. Diese Straße mit ihren vielen Abzweigungen und Nebenwegen mit wachem Blick und viel Einfühlungsvermögen durchschritten zu haben, ist Verdienst dieses Buchs. Mensch und Pferd haben Geschichte gemacht, aufgeschrieben wurde sie immer nur von Menschen, heißt es bei Ulrich Raulff. Sein Buch ist ein Akt der späten Wiedergutmachung für den sprachunbegabten Teil dieser Tier-Mensch-Symbiose.

Oder anders ausgedrückt: Dampflokomotiven gelten in der Metaphernsprache als „Stahlrösser“. Ihnen gilt noch heute heimwehhafte, bisweilen kuriose Anhänglichkeit. Der gleiche Mythos sollte auch ihre vierbeinigen Vorläufer umgeben. Zu den Überlebenden der Rasse Pferd unterhalten die Menschen der Post-Moderne „Liebesbeziehungen, Herzensgemeinschaften und Sportkameradschaften“ (Raulff). Aus der nüchtern-funktionalen Beziehung ist eine heillos emotionale geworden. Da geht es den Pferden nicht anders als den Hunden. Aber das ist wieder eine andere Geschichte vermenschlichter Tiere mit oft bizarren Erscheinungen.

Michael André

Bilder: Sequence of a race horse galloping. Photos taken by Eadweard Muybridge (died 1904), first published in 1887 at Philadelphia.

 

 

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Cover © C.H.Beck

 

Ulrich Raulff:

Das letzte Jahrhundert der Pferde –

Geschichte einer Trennung

C.H.Beck

München 2015. 461 S.: mit 1 Frontispiz,

85 Abbildungen im Text und 36 Abbildungen auf Farbtafeln.

In Leinen

29,95 €   inkl. MwSt.

ISBN 978-3-406-68244-5

Auch als E-Book lieferbar