Dan Dare, Raumschiffpilot – Acidprop aus Good Old England

Politik der Ekstase: Mit Dan Dare, Raumschiffpilot erscheint ein Meilenstein der Comicgeschichte

Wer Arno Schmidts Science-Fiction-Roman Die Schule der Atheisten gelesen hat, weiß, was die Glocke geschlagen hat. Sich das Buch vors Auge zu stemmen, verlangt Kraft und Disziplin, und ein Lesegestell, wie wir es noch als Schüler benutzt haben, um uns an den Schulbüchern nicht die Finger schmutzig zu machen, bricht unter der Last der Standard-, Studien- und Vorzugsausgabe unweigerlich zusammen.

Doch nicht nur das. Die Seiten sind so riesenhaft, dass sich im Sommer allerhand Viehzeug darauf niederlässt. Wer auf dem Lande lebt und im Freien liest, kann ein Lied davon singen. Pro Seite dürften es – je nach Lesetempo – zehn bis zwanzig Fliegen sein, Schmetterlinge und Käfer nicht mitgerechnet. Wer Tierfreund ist, wartet ergeben, bis auch die letzte Mücke ausgelesen hat, bevor er, entnervt und zerstochen, weiterblättert. Wen wundert’s, dass kaum einer das große Buch zu Ende gelesen hat?

Wer Die Schule der Atheisten (gleiches gilt für Abend mit Goldrand oder Zettel’s Traum) unbeschwert studieren will, muss dem Buch an den Kragen, es zerreißen. Nicht in der Mitte durch, sondern Seite für Seite: Raus damit!

Zugegeben, auch das Herausreißen der Seiten verlangt Kraft. Eine Investition, die sich freilich auszahlt, denn nun vertragen sich Werk und Lesegestell. Erst wenn das Spätwerk in seine Bestandteile zerlegt ist, kann man seinen Arno Schmidt unbeschwert genießen und sich nach Herzenslust in die Abenteuer von Tim Hackensack und Professor Scheibe stürzen. Vorausgesetzt man verlegt die Lektüre auf den Winter.

Ein solches Verfahren empfiehlt sich auch bei Dan Dare, Pilot of the Future. Die monströse Comicerzählung, die mit ihren 1.500 Riesenseiten dem Spätwerk Arno Schmidts nahe steht, erscheint seit 1998 auf deutsch und wird in 110 Jahren fertig ediert vorliegen. Jedenfalls, wenn der Verlag sein bisheriges Editionstempo beibehält.

Zwischen Band 1 und 2 liegen elf Jahre, eine Zeitspanne, wie sie der Präsentation eines solchen Opusculums wohl angemessen ist. Die Serie um den sympathischen Pfeifenraucher war bis zum Auftauchen der ersten „Little Annie Fanny“-Seite im „Playboy“ (Oktober 1962) „die produktionstechnisch am aufwendigsten gestaltete und in ihrer Farbwirkung die visuell beeindruckendste Comicserie der Welt“, so Roland Mietz in der Fachzeitschrift „Reddition“.

Die beeindruckende Farbwirkung verdankt sich, wie die Forschung heute weiß, einem Missverständnis. Weil der Verleger, die Londoner Hulton Press, keine Ahnung hatte, wie man Comics auf den Markt zu schmeißen hat, nämlich in mieser Druckqualität auf noch mieserem Papier, ließ er das neue Jugendmagazin, das ihm der Werbegraphiker Frank Hampson und der Priester Marcus Morris aufgeschwatzt hatten, im Kupfertiefdruckverfahren herstellen, der aufwendigsten Drucktechnik der Zeit.

Frank Hampson scharte einen Stab von Assistenten um sich und mit dem 14. April 1950 brachen kosmische Flutwellen und Raumschlachten über England herein. Jeden Freitag erschien Dan Dare, UN-Offizier der Interplanetarischen Raumflotte, pünktlich und sauber auf der Titelseite des „Eagle“, um sich – in kunstvoll gestrickten Geschichten von hoher Ereignisdichte – mit Naturkatastrophen und Außerirdischen herumzuschlagen.

„Sind nun solche Werke, die sich ohne Umschweife an den Stoffhunger des Publikums wenden, an sich schon höchst interessant, so steigert sich das noch, wo durch Illustrationen der gleiche Geist graphisch und farbig zum Ausdruck kommt“, lässt Walter Benjamin sich 1929 über „Dienstmädchenromane des vorigen Jahrhunderts“ vernehmen. Was hätte der Philosoph erst zu Dan Dare, Raumschiffpilot gesagt! Wo immer man die Prachtbände aufklappt, man möchte die Hände überm Kopf zusammenschlagen, und wer partout meint, den Eindruck noch steigern zu müssen, der lege eine Schallplatte des großen Carlos Otero auf: „Wie eine Fata Morgana / Seh’ ich die Bilder vor mir …“ Die schmelzende Stimme des herrlichen Portugiesen passt wunderbar zu den großen, exorbitanten Blättern.

Damit es trotz aller Pracht – so manches „Eagle“-Cover scheint die Visionen eines Mati Klarwein vorwegnehmen zu wollen – glaubhaft in den extraterrestrischen Pilotenkanzeln und auf den Weltraumbahnhöfen zugeht, ließ man sich von Arthur C. Clarke (2001: Odyssee im Weltraum) beraten. Man sah sich, ein Unikum im Sci-fi-Milieu, dem achten Gebot verpflichtet. „Eagle“-Gründer Marcus Morris, der mit „Girl“, „Robin“ und „Swift“ noch drei weitere Comicmagazine aus der Taufe hob, war nicht umsonst Vikar der anglikanischen Kirche.

Ohne die Gunst der Geistlichkeit wäre es um den europäischen Comic schlecht bestellt. Tim und Struppi traten ihre Reisen auf den Seiten einer katholischen Tageszeitung an, als Sendboten einer Kinderbeilage, und Verleger Charles Dupuis pflegte seine „Spirou“-Hefte vor Veröffentlichung seinem Beichtvater vorzulegen. Worauf dieser, ein treuherziger Jesuitenpater, den Segen über Jerry Spring und Buck Danny, Lucky Luke und die Schlümpfe sprach.

Und bei uns? In der Bubenzeitschrift „Unser Guckloch“ erschien in den fünfziger Jahren – kurz vor Ende der Ära Lutz, der Maienzeit des Magazins – gerade mal eine einzige Bildgeschichte, die man als Comic ansprechen kann. Die Story um das Treiben einer Staffel Wespenstukas wies zwar eine krude Nähe zum francobelgischen Fliegercomic auf, ließ aber Charme und Drive vermissen. An Drive und Charme gebrach es auch Dölfken und Manni, einem Chorknabenstrip, der jahrelang die Rückseite des Magazins „Leuchtfeuer“ schmückte.

Auch in Übersee kam es zur Liaison von Comic und Kirche. 1982 legte das Mutterhaus der Ruhmreichen Rächer und des Gewaltigen Hulk, der amerikanische Marvel Verlag, Das Leben und Wirken des Heiligen Vaters als Superheldencomic vor. „Die einzige vom Vatikan autorisierte Illustrationsbiographie“ zeigte Karol Wojtylas Aufstieg vom einfachen Klomann zum Bischof von Rom und gefiel durch marveltypische Interjektionen. In der deutschen Fassung stolperte der Held durch ein Polen, in dem die Glocken „Bong! Bong! Bong!“, die Fieseler Störche „Budda Budda Budda“ und die Herrenmenschen mit den Fäusten „Nok! Nok!“ machten.

Das Szenario stammte von Wojtylas Jugendfreund Mieczyslaw Malinski, dem zwei Jahrzehnte später die polnische Gauck-Behörde auf den Fersen war. Was er ausgefressen hatte, weiß ich leider nicht … Apropos Marvel: Beim Wiederlesen einiger Kästner-Bücher fiel mir auf, dass es sich bei Mister Fantastisch, dem Anführer der Fantastischen Vier, um ein Rip-off von Arthur mit dem langen Arm handelt. Das nur am Rande, und ohne Stan Lee zu nahe treten zu wollen.

Anders als bei Dölfken und Manni geht es bei Dan Dare weder frömmlerisch noch missionarisch zu. Im Gegenteil: In Band 2 wird auf 150 Seiten bloß einmal gebetet, ein Vorgang, der ein einziges Bild beansprucht und im Stehen abgemacht wird. Auch sind an den Raumschiffen keine Christopherusplaketten, vorösterliche Palmkätzchen und ähnliches zu entdecken.

Das mag seinen Grund darin finden, dass Daniel Dare nur eine Mission kennt: britische Lebensart – schwarzen Tee und schwarzen Humor – in den Weltraum zu tragen. „Rule, Britannia!“ heißt sein Credo, und auf dass die Hymne aus den Kehlen möglichst vieler Außerirdischer erklinge, macht sich der UN-Offizier (Hobbys: Reiten, Malen, Modellbau) immer wieder auf ins All. An seiner Seite der drollige Offiziersbursche Digby und ein kleines Team befreundeter Spezialisten, darunter ein Frl. Peabody, das der Crew als Ernährungsberaterin dient. („Hüpfen!“ scheucht das Fräulein seine Schutzbefohlenen in Band 2 auf die merkwürdigen merkurianischen Hüpfräder. „Das ist gut für die Leber.“)

Auf seinen Fahrten, zu denen Sir Hubert, ein grimmiger Wadenbeißer, den Gong schlägt, begegnet er tanzenden Weltraumbienen und quirligen Kristallmenschen („stark wie Gorillas … und schnell wie ein geölter Blitz!“), und auch ein kosmischer Heinz Rudolf Kunze kreuzt sporadisch seine Bahn. (Der Liedermacher ist Dares lieber Onkel Ivor, ein Altertumsforscher mit Hang zur Besserwisserei.) Auch kriegt er sich öfters mit den Treens in die Flicken, einer Horde grüner Hünen, die er 1996 auf der Venus kennenlernt.

Es fällt nicht schwer, unter der grünen Haut die rote Gesinnung zu entdecken. Die Grünen sind streng materialistische Gleichmacher, die sich an Menschenversuchen ergötzen. Über den tumben Planwirtschaftlern, die im Fortgang der Handlung zahlreiche Planeten verwüsten, schwebt auf einem fliegenden Teller der Mekon, ein grüner Wasserkopf, mit dem Dare sich immer wieder in ermüdende Diskussionen verstrickt.

Die Auseinandersetzungen mit dem Grünen wirken dabei so nutzlos wie die ungezählter KONKRET-Autoren mit den Vertretern der gleichnamigen irdischen Partei. Comicleser fühlen sich an die Dauerfehden Spirou/Zyklotrop, Blake & Mortimer/Olrik oder Buck Danny/Lady X erinnert. (Apropos: Wer sich Dan Dare, Raumschiffpilot umgehend besorgt und die Köpfe der Treens mit den Konterfeis der Künasts und Özdemirs – oder wie immer die Aliens der Grünen heutzutage heißen – überklebt, hat auf den letzten Drücker noch ein originelles, leicht abstoßendes Weihnachtsgeschenk.)

Die englische Dan Dare-Werkausgabe, von 1987 bis 1995 bei Hawk Books in London erschienen, zählt zwölf Hardcoverbände, die die Serie fast lückenlos dokumentieren, von ihren Anfängen bis zu ihrem zumindest künstlerischen Ende im Januar 1967. Bleibt zu hoffen, dass der deutsche Verlag durchhält – Salleck benutzt keine Filme, sondern lässt alte „Eagle“-Seiten einscannen, denn die Highlights der Serie kommen erst noch.

1955 landen Dare und seine Freunde auf Cryptos, einem mehrere Lichtjahre von der Erde entfernten Planeten, dessen Bewohner, naive blaugelbe Pazifisten, unter den Machenschaften einer bösen Priesterkaste leiden. Mit den Episoden „The Man from Nowhere“, „Rogue Planet“ und „Reign of the Robots“, dem ersten, zweieinhalb Jahre währenden Höhepunkt der Serie, erschaffen Hampson und sein Team ein graphisches Psychotropikum. Die Seiten wirken wie reinster Acidprop – mit leichtem Hang zum Horror, weshalb man sie auch nur im Beisein eines erfahrenen Zeremonienmeisters aufschlagen sollte. Schon allein, damit man nicht – es gibt ja noch andre Comics – auf Dan Dare hängenbleibt…

Mit „Safari in Space“, dem ersten Teil des „Terra Nova“-Trilogie, erreicht die Serie Ende der fünfziger Jahre ihren zweiten und letzten Höhepunkt – die Zeit der molligen Raumkreuzer mit ihren gefälligen Rundungen ist vorbei: Als man Hampson, nach dem Verkauf des „Eagle“, drastisch und und über Nacht das Budget kürzt – der neue Besitzer, die Odhams Press, hat spitzgekriegt, dass man Comics auch für ein Trinkgeld produzieren kann – schließt dieser, mitten im laufenden Abenteuer, sein Studio. Nicht ohne bei der Gelegenheit festzustellen, dass er keinerlei Rechte an Dare und Digby, Peabody und Anastasia besitzt (Anastasia hieß Dares Raumgleiter, benannt nach Digbys Tante).

Andere hatten sich inzwischen dumm und dämlich verdient. Nicht nur der „Eagle“ verkaufte sich wöchentlich eine dreiviertelmillion mal, auch der bunte Sondermüll, der sich im Laufe der Jahre um den UN-Obristen angehäuft hatte, ging weg wie warme Semmeln. Es gab Dan-Dare-Uhren und -Schlafanzüge, aus deren Brusttaschen nachts die Banknoten der Bank of United Planets purzelten, interplanetarische Briefmarken und haufenweise Hardware: Periskope und Projektoren, Dan-Dare-Walkie-Talkies und eine Dan-Dare-Radiostation aus eitel Plastik, mit zwei Antennen und einer Reichweite bis zu einer halben Meile. Sogar Radio Luxembourg funkte täglich ein Viertelstündchen auf intergalaktischer Welle. Von 1951 bis 1956 liefen die Abenteuer des beliebten Weltraumpolizisten im Kinderprogramm.

Nach Hampsons Kapitulation (er verabschiedete sich von den „Eagle“-Lesern mit einer kitschigen Version des Neuen Testaments) übernahm Frank Bellamy die Serie, ein kultisch verehrter Starzeichner, der, indem er den „Terra Nova“-Zyklus zu neuen Höhen pushte, den Niedergang einleitete.

Wäre ich 1961 nicht als Katholik zur Welt gekommen, ich würde den Niedergang der Serie auf schlechtes Feng Shui schieben: Die aggressiv wirkenden Raumschiffe Bellamys, die wie Injektionsnadeln durch den kalten, luftleeren Raum schossen, sorgten zwar für eine nie gesehene Dynamik, nahmen der Serie aber viel von ihrem Flair und letztlich – Juliane Werding hat ein schönes Lied davon gesungen – die Unschuld.

Nach einem Jahr schmiss auch Bellamy den Pinsel hin (wohl, weil er keine Lust hatte, das Meisterwerk eines anderen zu verwesen). Mit Bellamy ging auch die Dynamik, trotzdem sind die Seiten der Nach-Bellamy-Ära – ohne Zweifel die schwächsten der Serie – hochansehnlich und einer deutschen Edition wert. Vorliegen werden sie, sofern alle elf Jahre ein Band erscheint, in den Jahren 2108 bzw. 2119.

Autor: Wenzel Storch

Text: veröffentlicht in konkret 12/2011 und 1/2012

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