Kino ohne Kanon

Kleine Polemik gegen Denkmalpflege im Film

Vor gut dreißig Jahren brachte Loriot im FAZ – Fragebogen die Autorentheorie in etwa so (kluge Köpfe mögen mich korrigieren) auf den Punkt: Ihr Lieblingsschriftsteller? Wagner. Ihr Lieblingskomponist? Wagner. Ihr Lieblingslyriker? Wagner. Ihr Lieblingsmaler? Wagner hat nicht gemalt. Eben. Zur Leitkultur in Großbritannien scheint immer noch die unhinterfragbare These zu gehören, dass die Bibel und Shakespeare (oder in kritischeren Kreisen Shakespeare alleine) mehr oder weniger die gesamte menschliche Existenz adäquat abbilden würden, und wer da nichts über Schweigen am Telefon findet, hat eben nicht lange genug in „Was Ihr wollt“ gesucht oder ist zu dumm für den Transfer. Man kann Brecht in der Badewanne lesen oder Ingmar Bergmann Filme wegen der Witze gucken. Das alles ist möglich. Zum Rest des Beitrags »

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Vom Cowboy zum Künstler (Clint Eastwood)

New Clint Eastwood set won’t entirely make your day (The Washington Post) mehr lesen…

Warner Bros has released an ultimate 35-film Clint Eastwood retrospective touted as the largest ever DVD box set featuring a single artist. Clint Eastwood: 35 Films, 35 Years at Warner Bros. contains 19-discs (16 of which are double-sided) containing 34 Warner Bros films that Eastwood either headlined and/or directed. The 35th “film” included is Eastwood Factor, a feature documentary film by critic/historian Richard Schickel. The box set also includes a 24-page extract of Schickel’s upcoming book Clint: A Retrospective.


Clint Eastwood ist der letzte große Klassiker des amerikanischen Films (von Georg Seeßlen)

Der Kerl hat eine Karriere hingelegt, die ihm niemand in der Traumfabrik nachmachen wird: Clint Eastwood begann als Cowboy-Darsteller aus der zweiten Reihe, in der Serie „Rawhide“, Typ schlaksiger Heißsporn, der von den erfahrenen Männern des großen Viehtriebs noch zurechtgebogen werden musste. (Damals pflegten Cowboyserien immer sehr erzieherisch zu sein.) Er hatte ein offenes, freundliches Gesicht, war sportlich und zuvorkommend und sah aus, wie man sich einen netten jungen Nachbarn vorstellt, der einem schon mal hilft, den Rasen zu mähen. Zum Rest des Beitrags »

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Der Ghostwriter

Irak, China, Indonesien – und die USA. Das sind die Länder, in denen Adam Lang sich unbehelligt aufhalten darf. Zynischer kann man kaum sein. Dabei, als Roman Polanski diesen Film schrieb, da war er noch ein freier Mann.

Man kann diesen Film nicht sehen, ohne an Roman Polanski zu denken, so wenig wie man ihn sehen kann, ohne an Tony Blair zu denken. Der Thriller, den Polanski schrieb und inszenierte nach dem Bestseller „The Ghost“ von Robert Harris, meint den ehemaligen britischen Premierminister, seine rückhaltlose Unterstützung der USA, des Irak-Krieges. Tony Blair, der hier Adam Lang heißt, lebt in den USA im Exil, verfolgt vom Internationalen Gerichtshof wegen vermuteter Kriegsverbrechen. Ein Ghostwriter, ein Autor also, der im Namen eines anderen schreibt, soll Langs Memoiren marktfähig machen, der Vorgänger kam ums Leben.

Adam Lang lebt in einem komfortablen Haus am See, Leibwächter, Personal. Aber er lebt isoliert, in einer Festung. Lebt wie Roman Polanski in der Schweiz, lebt isoliert wie im Hausarrest. In diesem Hausarrest hat Polanski, dem noch immer die Auslieferung in die USA droht, die Postproduktion mitbestimmt – es wird ihm eine grimmige Freude gewesen sein. Zum Rest des Beitrags »

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Vom Glühen und Verglühen des Wunderkindes

Vorgestern Benjamin Lebert und Crazy, gestern Hans Weingärtner und Die fetten Jahre sind vorbei, heute Helene Hegemann und Axolotl Roadkill.

Die Liste der deutschen shooting stars ist lang und sie beschränkt sich beileibe nicht auf Literatur. Sie ist ein Phänomen einer rasenden Sinnproduktion, wobei das Drama um die erst hochgelobte, dann mehrfach als Plagiatorin enttarnte Dramaturgen-Tochter Hegemann besonders gutes Erregungspotential bereithält, weil sie von allen die Jüngste ist. Sie ist altersmäßig noch am nächsten an dem Phänomen, das im 19. und 20. Jahrhundert „Wunderkind“ hieß. Ähnlich furios und von ungläubigem Raunen des Kulturbetriebs begleitet wie ihr Debütroman vollzog sich vor anderthalb Jahren auf den Hofer Filmtagen die Premiere ihres Kurzfilms Torpedo und wenig später machte sie von sich reden als Geisterbeschwörerin Ulrikes Meinhofs und Susan Sontags in Nicolette Krebitz’ Beitrag zum Deutschland 09-Episodenfilm deutscher Regisseure unter der Oberregie von Tom Tykwer. Drei Debüts auf drei verschiedenen Feldern – und jedes Mal waren ihr Triumph und Anerkennung gewiss. Zum Rest des Beitrags »

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Afghanisches Trauerspiel

Im „Herzen der Finsternis“ Kampf gegen die Taliban

n-tv.de: Sonntag, 14. Februar 2010: Die Uhr tickt gegen die Staatengemeinschaft und die Großoffensive soll den Druck gegen die Taliban erhöhen. Aber es stellt sich auch die Frage: Wann ist eine Militäraktion sinnvoll?

Vor Beginn der Operation “Muschtarak” schwor der Kommandeur einer britischen Pioniereinheit seine Soldaten auf eine schwierige Mission ein. “Es ist verdammt gefährlich dort draußen”, sagte Oberstleutnant Matt Bazeley. “Wir gehen in das Herz der Finsternis.” …

Ein Kommentar von Theodor Fontane, geschrieben1859

Afghanisches Trauerspiel
oder Einer kam heim aus Afghanistan

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Migration im Zeitraffer

Die „Festung Europa“ im Fernsehen

Innerhalb weniger Jahrzehnte ist Spanien von einem traditionellen Auswanderungsland zu einem der wichtigsten Einwanderungsländer in Europa geworden. Mit dem Anwerbestopp 1973/74 reduzierte sich in den 1960er und 1970er Jahren die Auswanderung nach Lateinamerika und in die europäischen Staaten auf drastische Weise. Stattdessen setzte allmählich eine Zuwanderung nach Spanien ein, die seit Ende der 1990er Jahre sukzessive anwuchs und 1995 zur Errichtung der Grenzzäune der spanischen Exklaven Ceuta und Melilla in Nordafrika führte, die seither zu politischen Ikonen der “Festung Europa” gehören. Beide Städte haben im Rahmen des Schengener Abkommens zur Sicherung der europäischen Außengrenze einen Sonderstatus, da sie die einzigen Landgrenzen der EU zum afrikanischen Kontinent darstellen.

Nachdem der spanische Grenzschutz im Auftrag des Innenministeriums seit Sommer 2002 das radargestützte Grenzüberwachungssystem SIVE (Integriertes System zur Außenüberwachung) an den Küstenstreifen Andalusiens und der Kanarischen Inseln eingerichtet hat, haben sich die Migrationsrouten verschoben. Seither wird eine vermehrte Zahl “illegaler Einreiseversuche” in großen Gruppen auf das EU-Territorium in Ceuta und Melilla registriert Zum Rest des Beitrags »

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METROPOLIS wiedergefunden (Georg Seesslen)

Georg Seeßlen, Markus Metz): Vom Alpha & Omega der digitalen Restauration des filmischen Zukunftsbildes

Ein klobiges, nicht gerade herausgeputztes Bürohaus am Münchner Stadtrand. Draußen scheint die pittoreske Ödnis auf die Kamera eines Wim Wenders oder David Lynch zu warten. Drinnen haben Sonnenlicht und Außenwelt ohnehin nichts zu suchen. Hier, bei der Firma Alpha & Omega werden Filme restauriert. Genauer gesagt treffen sich hier Filmwissenschaft, Programmierkunst, der Umgang mit Chemikalien, die für Chemiebaukästen nicht geeignet sind, und eine Riesenportion Enthusiasmus zur Arbeit der digitalen Filmrestaurierung.

Für jeden Cineasten gibt es Orte und Situationen, bei denen einem ein mehr oder weniger heiliger Schauer den Rücken hinunterläuft. Uns hat es hier erwischt: Beim ersten Ansehen eines digital restaurierten Teiles von Fritz Langs gewaltigem Stummfilm „Metropolis“. Eines Teils, den wir noch nie gesehen haben.

Dieser „Metropolis“ aus dem Jahr 1926 ist ein merkwürdiger Film, so wie man ihn kennt, nämlich als Fragment, dem eine gute halbe Stunde fehlt. Er ist visuell überwältigend, ohne ihn wäre die weitere Geschichte des Kinos im allgemeinen und der Science Fiction im besonderen nicht vorstellbar. Zum Rest des Beitrags »

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Über die Kunst, einen Kriegsfilm zu machen

Die Brücke (Deutschland, 1959 © Interfoto, Friedrich)

Es ist 1945, die Rote Armee steht vor Berlin. Ein junger Mann in sowjetischer Uniform hat eine Flüstertüte in der Hand. In makellosem Deutsch ruft er einem menschenleeren Dorf zu, man solle sich ergeben. Nichts rührt sich, der Kampf ist noch nicht zu Ende. Der Film, in dem diese Szene zu sehen ist, heißt: „Ich war 19“, sein Regisseur Konrad Wolf. Er hat in diesem Spielfilm seine Rückkehr in sein Geburtsland Deutschland als milchbärtiger Soldat und Dolmetscher der Roten Armee verarbeitet. Das wird an keiner Stelle deutlich gesagt, aber man spürt das Autobiographische, denn der Film beharrt so sehr auf der Genauigkeit jeder Geste und jeden Wortes, wie sie nur unter dem Brennglas einer persönlichen Erinnerung deutlich werden, Konzentrate einer Zeit, die sich sonst verflüchtigt hat. Das ist es, was vom Erlebten übrig bleibt, ein genauer Blick auf die Menschen und eine Geschichte fern von den konventionellen plotpoints, in denen Filme heute erzählen. Wolf wusste: das Leben hat keine narrative Struktur.

Über 50 Jahre später sitzt ein junger Mann in einem karg möblierten Zimmer vor einer Kamera, zusammen mit seiner Freundin. Die Vorhänge sind geschlossen. Beide Gesichter sind in eine künstliche Unschärfe gesetzt und nicht zu erkennen. Und je deutlicher sich der Film seiner Geschichte nähern wird, desto weniger werden wir wissen, wer der junge Mann ist, denn er wird eine und dann noch eine andere und dann eine dritte digitale Maske vor dem Gesicht haben. Der junge Mann ist ein Soldat der israelischen Armee und ein Kriegsverbrecher und er erzählt seine Geschichte nur unter der Bedingung, dass sein Gesicht und damit seine Identität nicht erkannt werden. Zum Rest des Beitrags »

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Dunkle Pastorale, oder Nicht die schwarzen Schafe, sondern die bösen Hirten sind das Problem (Georg Seesslen)

Good Shephard, Bernhard Plockhorst

Georg Seeßlen: Neoliberalismus, das ist nicht nur eine fundamentalistische Steigerung der freien Marktwirtschaft, sondern auch eine Form des Regierens. Genauer gesagt: Im Neoliberalismus fragen sich die Regierten, die Verlierer wie die Gewinner, wozu man eigentlich noch eine Regierung braucht. Gehört das Land nicht sowieso schon Lidl, Deutsche Bank, RWE und Remax? Und gibt diese Regierung im Neoliberalismus nicht noch jedem Arbeitslosen einen Tritt, während eine Landtagsabgeordnete sich zweimaliges Erscheinen bei einem aus Steuermitteln finanzierten „Regionalrat der Ruhrkohle“ mit 30 000 Euro vergüten lässt? Je überflüssiger die Regierung wird, so scheint es, desto gewalttätiger und gieriger wird sie. Aber wie könnte, anders gefragt, gute Regierung im Neoliberalismus oder trotz Neoliberalismus denn aussehen?

Es steckt dieses Bild tief in uns, dass die Herrschaft, wie sonst sie vernünftig oder göttlich auch legitimiert sein mag, ob Monarchie, Oligarchie oder Demokratie, dem Wesen eines Hirten gleicht, der seine Herde führt, schützt, nährt und zusammen hält. Und im Gegenzug erhält er Fleisch, Milch, Kleidung. Wärme auch, und große Augen. Zum Rest des Beitrags »

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Heinz Quermann (*10.02.1921)

Kissen mit Ohren

Was waren das für Zeiten. Ein erwachsener Mann verabschiedet sich von seinem erwachsenem Publikum mit einem Satz, der klingt wie ein geheimer Code, wie das Sesam zu einem Ort, der nur geweihten Gliedern der Gemeinde zugänglich ist. Denn der Satz heißt “Tschüs und winke, winke Ihr Heinz der Quermann.” Der Satz gehört zum kulturellen Gedächtnis der DDR wie das Kraftfahrzeug Trabant und das Waschmittel Linda Neutral. Es ist ein Satz, den ungebrochen wohl nur vernehmen kann, wer seine Sozialisation vor Beatles und Stones absolvierte, wer also das hallige “Radio DDR bringt für Sie: Die Schlagerrevue” einmal für den Auftakt einer spannenden Sendung zu erachten in dem Stande war. Es ist ein Satz, der zu Kirsch-Whisky passt und Weinbrandbohnen ohne Kruste, zu einem Sofa, auf dem Platzdeckchen liegen und dessen Kissen zwischen den Ohren eine Delle geschlagen wird. Das besagt nichts über die Besitzer dieser Kissen, es ist nur so, wie mit Karl May: Man muss ihn einmal ernst genommen haben, um ihn später wieder lesen zu können.

Heinz Quermann gehört zur Ausstattung der DDR wie der Trabant. Das meint auch, er wäre unter den Bedingungen eines offenen Marktes nicht ganz so erfolgreich gewesen, und selbst die sogenannte Kultsendung “Zwischen Frühstück und Gänsebraten” hätte wohl einen anderen Moderator bekommen als diesen Biedermann. Quermann ist als Moderator so etwas wie die Vier Brummers als Musiker, er war bereits Ende der sechziger einer von Gestern. Aber weil er einfach weitermachte wurde er einfach Kult  und das Ende der DDR zum Glücksfall für ihn, so besetzt er die Abteilung “Es war nicht alles schlecht”.

Der Mann ist im Reinen mit sich und der Welt. Er hat ungefähr 5 000 Schlager angesagt.


Autor: Henryk Goldberg

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine, Februar 2001 (anlässlich seines 80. Geburtstages. Heinz Quermann starb am 14.10.2003)

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