Fliegenköpfe (7)

BÜCHERBRIEF AN SANDRA

liebe sandra,

der witz, über den du so gelacht hast, am anderen ende des telefons, münchen, hast du gesagt, ich bin grade in münchen, ein volles café für die drei stunden, die der zug sich verspätet, laut und lärmend im hintergrund, jedenfalls der witz – und ein wunder, daß der überhaupt zu dir durchgedrungen ist, in all dem krach – der witz steht in dem neuen roman von irmgard maria ostermann, junger bambus, bricht eigentlich heraus aus diesem jungendroman, diesen erinnerungen, in denen ganz andere karten gezogen werden: ferien im dorf, familienenge, liebe natürlich, in dem alter immer, außenseiter, ausbruchsversuche, karriereträume, mutproben: und daß eine davon so drastisch mißrät, ist ein kleiner schockeffekt, vor allem, weil, was irmgard schreibt, ganz unverfälscht daherkommt: als wäre es wirklich geschehn. und so gesehen paßt der witz über das jodeln doch wieder wunderbar hinein. wie auch die sache mit den neonazis: das wort klingt im übrigen derber und plakativer, als die sache im buch gehandhabt wird: da fällt nur einer drauf rein, und der auch nur vorübergehend, unangenehm ist er aus anderen gründen: aber er lernt, aus fehlern, aus liebe. merkwürdigerweise bleibt das ganze eher wie ein gespräch im gedächtnis, wie eine der unterhaltungen früher im strandcafé, als man saß und zeit hatte: und dann die geschichten, die sommer auf dem land bei den großeltern, katzengold, und habt ihr als kinder auch helfen müssen beim schlachten, die kesselsuppe, die kartoffelkäfer, die kirschen am ohr …
… und die muscheln vom strand von kerhillio: aber das war erst jetzt im herbst und hat eine andere herleitung: das sammeln von sätzen aus büchern und das auflesen von muscheln und steinen und glattgeschliffenen scherben: liegt beidem nicht derselbe impuls zugrunde: etwas bergen zu wollen, bewahren zu wollen aus einer gegend, in der man sich gern aufgehalten hat. und hinterher liegt das zeug zuhause rum, in den schubladen, in den zimmerecken, auf den regalen, was willst du noch alles aufheben, wozu: aber weil so hübsche partikel darunter sind und die ewigen aussortierereien so mühselig: warum also nicht noch paar jahre: irgendwann, hofft man, kürzt sich das von alleine weg.
hast du die beiden essays, eher gesänge, über lobo antunes inzwischen gefunden, sandra: schwert und beschwörung in anachron 1 (über buch der chroniken und zweites buch der chroniken), schatten und schlüssel in anachron 2 (über das dritte). sonst lies lieber erst ihn selbst, lies, was berauscht, was schwindlig macht und selig und das herz fliegen läßt, allein ein titel wie: ich geh wie ein haus in flammen, reicht aus, dich auf reisen zu schicken, und sobald du paar seiten weit bist, fangen die gewißheiten an sich aufzulösen und werden gedicht: was da steht, geht tief und ist leuchtend wahr, und du verstehst über den rand der buchstaben hinaus, auf eine art, an der der verstand nur bedingt beteiligt ist. und da wir gerade beim rausch sind: solltest du irgendwo einen hinweis (auftritt, dvd) auf die sept doigts de la main entdecken, lass es mich unbedingt wissen: keine elf minuten, und du bist süchtig.
aber sei erstmal einfach umarmt

ingrid
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© 2019 ingrid mylo

© Pop Verlag

Irmgard Maria Ostermann | JUNGER BAMBUS | Pop Verlag Ludwigsburg 2018

248 Seiten | 18,50 €

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© Luchterhand

António Lobo Antunes | ICH GEHE WIE EIN HAUS IN FLAMMEN | aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann | Luchterhand 2017

444 Seiten | 24,00 €

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