Die Jury

Ein Stammtisch für Millionen

John Grisham verkauft “Die Jury” – und das Thema

It’s Showtime. Die Gegner drücken sich die Hand und wechseln einen fairen Spruch. Dann gehen sie in den Ring. Das Kampfgericht, das diesen Fight zu punkten hat, ist bereits anwesend. Es wird ein ordentlicher Kampf werden, bei dem das Publikum auf seine Kosten kommt – und der Veranstalter auch. Doch die Regeln sind so beschaffen, daß die Alternative die zwischen zwei Fehlurteilen ist. Aber das weiß der Veranstalter nicht, oder vielmehr: Er will es nicht wissen. Der Veranstalter ist John Grisham. John Grisham, der, mit viel Sensorik für den Zeitgeist-Markt, eine gutgehende Thriller-Manufaktur betreibt, hat eine solche Dominanz in seiner Branche, daß die Produkt-Plazierung gänzlich seiner Kontrolle unterworfen ist: Er bestimmte das Team für Die Jury, den Regisseur Joel Schumacher und die Schauspieler. Das Resultat ist ein Film, in dem man sich ordentlich unterhalten fühlen wird. Allerdings, die kühle Marktkalkulation des Produktes reibt sich fühlbar am Gegenstand, der ernst genommen werden will – und so erscheint Die Jury flacher als andere, nicht schlechtere, Filme: Weil das Sujet ein tieferes ist.

Die Erzeuger, Grisham mehr als Schumacher, der ordentlich seinen Job macht, betreiben hier eine Art von Stammtischpolitik – mit der Maßgabe, die Stammtisch-Rassenpolitik des amerikanischen Südens attackieren zu wollen. Natürlich verstehen wir den Schwarzen, der die beiden Vergewaltiger seiner zehnjährigen Tochter in einen Akt der Selbstjustiz tötet, natürlich wollen wir ihn nicht hingerichtet sehen. Indessen, daß er das Gericht als freier Mann verläßt: Das gefällt uns auch nicht.

So gerät der Film, ungewollt, zu einer Darstellung des Dilemmas amerikanischer Justiz, die ein eigenes Sub-Genre, das Court Drama, ermöglichte, weil sie in sich ein theatralisches Ereignis ist: Zwei Gegenspieler, deren Talent den Ausgang bestimmt, und ein Publikum, die Jury, das am Ende applaudiert: Dem Staatsanwalt oder dem Verteidiger. Und das hier nur wählen kann zwischen gut und böse: Und beides ist es nicht. Das macht diesen Film so unredlich. It’s Showtime.

Autor: Henryk Goldberg

Text geschrieben 1996

Text: veröffentlicht in Thüringer Allgemeine

 

 


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