Norbert Grob: Fritz Lang – Ich bin ein Augenmensch

Der erblindete Augenmensch

Der Filmhistoriker Norbert Grob zeichnet voller Bewunderung das spannende Leben und Werk des berühmten Regisseurs Fritz Lang nach

Kein Drehbuchautor hätte sich besser einfallen lassen können, was sich im Leben des Fritz Lang im Frühjahr 1943 abspielte. Die Nachricht von der Kapitulation der 6. deutschen Armee kommentierte der im Exil von Hollywood lebende deutsch-österreichische Regisseur in seinem Jahreskalender befriedigt mit der Notiz: „Stalingrad, Counterattack.“ Hitler-Deutschland erlebte in diesen Tagen an allen Fronten so heftige Niederlagen wie nie zuvor im Zweiten Weltkrieg. Lang freute es und sein persönliches Hochgefühl steigerte sich noch, als zur gleichen Zeit die Paramount anfragte, ob er für das Studio die Regie an einem Film nach einem Stoff von Graham Greene übernehmen wolle. Ausgerechnet Paramount, wo er vier Jahre zuvor ausgebootet worden war. Lang bot sich die Chance, einen Thriller auf den Spuren von Alfred Hitchcock zu drehen. Tatsächlich machte er daraus Ministry of Fear, ein Film noir, der heute noch zu den wichtigen, weil glaubwürdigen Anti-Nazi-Filmen der amerikanischen Traumfabrik zählt.

Ausgegraben hat diese knappe Tagebuch-Eintragung über Stalingrad Fritz Langs Biograph Norbert Grob. Dem standen für sein Buch: „Ich bin ein Augenmensch“ die in der Deutschen Kinemathek aufbewahrten Aufzeichnungen aus dem Nachlass des Regisseurs zur Verfügung. Grob ist dieser Kriegskommentar so wichtig, dass er daraus die zentrale Lebenslinie des von ihm porträtierten Künstlers entwickelt: „Lang war damit auf dem Höhepunkt einer Metamorphose vom elitären „L’art pour l’art-Feingeist über den aktiven Kriegsteilnehmer im 1. Weltkrieg und dem snobistischen ‚Schlafwandler’ der 1920er Jahre zum engagierten Antifaschisten.“ Und als Ausblick für Langs letzte Lebensjahrzehnte fügt Grob noch hinzu: „Ein weiter Weg, von dem aus es keine Wende mehr gab.“

Fritz_Lang_(1969-350)Ein Urteil, das dem ehrfürchtig als „Über-Regisseur“ titulierten Fritz Lang schmeichelt, das aber auch seine Tücken hat. Ein Leben als eine lange Reise ans Licht zu begreifen, lässt wenig Möglichkeiten offen, ausstehende künstlerische Fehlschläge oder biographische Abstürze sinnhaft einzuordnen. Um der einmal gewählten Teleologie gerecht zu werden, müssen im Fall der Fälle Entschuldigungen und Relativierungen gefunden werden. In dieses Dilemma gerät Grob in dem Moment, da er sich in seiner weitgehend chronologischen erzählten Biographie der Rückkehr Langs nach Deutschland nähert. Lang ging Ende der 50er Jahre eine Verbindung mit dem berüchtigten Berliner Produzenten Arthur „Atze“ Brauner ein, erlebte eine Phase der schlimmsten Gängelungen und persönlichen Demütigungen und produzierte drei Filme, die nur noch von Ferne erahnen lassen, welche Geltung und Stellenwert für das deutsche, ja für das Weltkino der Regisseur von „Dr. Mabuse“, „Metropolis“ und „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ hatte. Um für den „Tiger von Eschnapur“ und „Das indische Grabmal“ eine historische Rechtfertigung zu finden, wagt Grob eine „zugespitzte These“ – und verirrt sich: „In diesem Arrangement aus Prunk und Verfall geht es auch um einen Kommentar zur deutschen Nazi-Vergangenheit: zur falschen Lust an imposanten Oberflächen.“ Einen barock überladenen Maharadscha-Palast mit der klassizistischen Momumentalarchitektur des Faschismus zu vergleichen und hier wie da hinter der schönen Fassade Verfall und Niedertracht zu entdecken, ist wenig hilf- und aufschlussreich. Statt einfach das Genrekino und den eskapistischen Wunsch des bundesdeutschen Publikums nach exotischen Schauplätzen zu akzeptieren, wird ein argumentativer Überbau bemüht. Das gleiche wiederholt sich bei „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ (1960). Dieser Film war die Antwort Brauners auf den Kassenerfolg der Rialto / Constantin-Film bei „Der Frosch mit der Maske“ nach Edgar Wallace. Weitere Wallace-Krimis und weitere Mabuses sollten folgen, dann allerdings ohne Lang. Bei der zeitgenössischen Filmkritik ist der letzte Film Langs gnadenlos durchgefallen. Grob nimmt das zähneknirschend zur Kenntnis – und unternimmt im nächsten Moment doch den Versuch einer Ehrenrettung: „’Die 1000 Augen des Dr. Mabuse’ halten der bundesrepublikanischen Gesellschaft einen Spiegel vor Augen“. Als matte Belege für seine ziemlich abgedroschene Metapher führt der Biograph dann lauter filmische Accessoires an: die Nierentische, die seichte Schlagermusik, die Plüschteppiche. Das reicht? Reicht es, Westberlin als „Hexenkessel kriminellen Treibens“ zu zeichnen? Wenn schon Zeitporträt einer Stadt, dann doch lieber Billy Wilders ungefähr zeitgleich entstandene Ost-West-Komödie „Eins, zwei, drei“. Für Langs Mabuse-Film aber gilt, was schon immer galt: „Nichts passiert einfach so. Alles ist Folge von Intrige, Komplott, Verschwörung.“

Damit ist Norbert Grob einem wesentlichen Element vieler Langscher Filme auf der Spur. Doch er verfolgt sie nicht weiter. Er fragt nicht – etwa in einem Exkurs – wie weit ein solches Weltverschwörungsmodell im Film trägt. Klar, Film muss vereinfachen, verdichten, dramatisieren. Aber geht es nicht auch ein wenig komplexer? Aber wohl nicht bei einem Regisseur, der sein Handwerk zwar virtuos beherrschte, dessen Weltbild aber nicht entscheidend hinaus gekommen ist über die diffuse Abneigung einer Gesellschaft, die auf einem großen Schwindel beruht, die ihrem Personal ein ständiges Changieren von Schein und Sein auferlegt, die sie zwischen vermuteter Schuld und tatsächlicher Unschuld pendeln lässt.

Fritz Lang bei Dreharbeiten

Das Buch erlebt Höhepunkte, wenn Grob auf Langs Jahre im Hollywood-Exil zu sprechen kommt. Hier wartet er mit vielen bislang unbekannten Sachverhalten und Details auf. Er zeigt einen Fritz Lang, der seine arroganten Junker-Allüren ablegte. Um den Studio-Bossen zu gefallen, übte er sich in Mimikry. Jedenfalls eine Zeitlang. Er lernt Geduld haben zu müssen und findet wie zur Belohnung neue künstlerische Seiten bei sich. Der Abenteuer-Filmer wird zum Western-Regisseur und entdeckt die innere Verwandtschaft beides Genres und die Seelenverwandtschaft von deren einsamen Helden.

Der anerkannte Filmwissenschaftler Norbert Grob tritt in diesem breit angelegten und flüssig erzählten Buch, das den Anspruch hat, „die Biographie“ Fritz Langs zu liefern, bescheiden auf als Filmhistoriker. Er breitet ein reichhaltiges Material aus, das nur an einzelnen Stellen zu breit gerät. So erfährt der Leser sogar die Menüfolge, mit dem das Ehepaar Adorno im Oktober 1956 in Frankfurt Lang und dessen dritte Ehefrau Lily Latté verwöhnte. Diese späte Kenntnis vom Pfälzer Riesling, vom Perlhuhn und der Forelle blau wird Grob auch aus den Jahresbüchern Langs haben.

Interessant indes ist es zu erfahren, was hinter Langs fast manischer Routine täglicher Eintragungen steckt. Ein einschneidendes persönliches Erlebnis im Berlin des Jahres 1920 ließ Fritz Lang zum Chronisten seiner selbst werden. Unter nie restlos aufgeklärten Umständen war seine erste Ehefrau Elisabeth Rosenthal mit einer Schusswunde in der Badewanne aufgefunden worden. Zeugen: ihr Mann und dessen Geliebte und später zeitweilige Ehefrau, die berühmte Drehbuchautorin Thea von Harbou. Die polizeilichen Ermittlungen lauteten auf Unglücksfall, aber Lang zog eigene Konsequenzen aus der Sache. Er führte fortan Buch über sein „Tun und Lassen“, hielt jede Verabredung fest, notierte Essenseinladungen und Menüfolgen. So als bereite er sich vor, vor höheren Instanzen Rechenschaft ablegen zu müssen. Sprechen daraus unausgesprochene Schuldgefühle? Hat der zentrale Topos vieler Filme von Lang, der des unschuldig Schuldigen mit diesem Erlebnis zu tun?

Grob geht diesen Fragen nicht weiter nach, er legt Lang nicht posthum auf die Couch, er stellt auch keine tiefenpsychologischen Analysen über das Frauenbild in Langs an. Er ist ganz ein uneitler Biograph, der voller Bewunderungen für einen „Film-Titan“ dessen Leben und Werk nachzeichnet. Er fasst den cocktailtrinkenden, unverbesserlichen Womanizer mit Samthandschuhen an. Es kommt ihm nicht in den Sinn, Lang ein „sadomasochistisches Verhältnis“ zur Schauspielerin Gerda Maurus zu attestieren, wie es die Historikerin Anna-Maria Siegmund in ihrem Aufsatz über Thea von Harbou tut. Grob schildert stattdessen das sentimentale Wiedersehen der beiden nach dem Krieg.

Langs Monokel auf dem linken Auge, so erfahren wir gegen Ende des Buchs, war keine bloße Marotte. Seit dem Ersten Weltkrieg sollte es eine Sehschwäche ausgleichen. Tragisch, dass ausgerechnet Lang, der immer wieder betont hatte, ein Augenmensch zu sein, dem das Visuelle im Film immer viel wichtiger war als das Literarische, nun erleben musste, wie sein eigenes Augenlicht ihn verließ. Auch auf dem anderen Auge drohte Blindheit. Filme konnte er nur noch aus der ersten Kino-Reihe sehen. Auch ein Schicksal.

Michael André

 

Bilder: 

Fritz Lang 1969 CC BY-SA 3.0 Nationaal Archief Joost Evers / Anefo

Fritz Lang mit Kameramann Curt Courant (Mitte) bei den Dreharbeiten zum Film Frau im Mond Bundesarchiv, CC-BY-SA

 

 

51d3hZU5bQL._BO2,204,203,200_PIsitb-sticker-v3-big,TopRight,0,-55_SX324_SY324_PIkin4,BottomRight,1,22_AA346_SH20_OU03_
© Ullsten

 

 

Norbert Grob: Fritz Lang – Ich bin ein Augenmensch. Die Biographie

Propyläen-Verlag

448 Seiten, Berlin 2014

26 Euro

E-Book 19,99 Euro

Share

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere