Spieglein, Spieglein (ab 05. April)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 19. April 2012
Was haben die Märchen der Gebrüder Grimm im Kino nicht schon über sich ergehen lassen müssen. Das bundesdeutsche Kino hat auf der Höhe der so genannten Sex-Welle mit „Grimms Märchen von den lüsternen Pärchen“ zumindest titeltechnisch den absoluten Tiefpunkt markiert. Hollywoods Neuverfilmung von „Schneewittchen“ habe ich im Vornhinein nicht viel zugetraut und den Film, der bereits in der Vorwoche angelaufen ist, geschwänzt. Die freundlichen Kritiken reihum jedoch haben mich aufhorchen lassen. Und, ja: schnuckelige Unterhaltung.
Das aufgepeppte Märchen um den Kampf einer blaublütigen Stiefmutter gegen ihr Mündel und das Altern amüsiert mit flotten Sprüchen, einer bestens aufgelegten Julia Roberts in der Rolle der „bösen Alten“ und augenzwinkernden Anspielungen auf alte Zöpfe im Kampf um Gleichberechtigung der Geschlechter. Erfreulicherweise haben die Drehbuchautoren die Vorlage mit Vorsicht umgemodelt. Das Wichtigste: Sämtliche Figuren sind ernstzunehmende Charaktere. Deshalb haben auch Erwachsene einen Heidenspaß.
Die Filmhistorie muss nun nicht gleich umgeschrieben werden, ein Meilenstein des Kinos ist nicht zu bestaunen – aber ein Spaß, der nicht in die Niederungen des Zotigen abrutscht (und wenn, dann so klug, dass man einfach nur mitlachen muss!) und mit einer modernen, jedoch nie modisch-aufgemotzten Version der uralten Geschichte mitten ins Hier und Heute passt.
Peter Claus
Spieglein, Spieglein, von Tarsem Singh (USA 2012)
Bilder: Studiocanal
ShareDie Königin und ihr Leibarzt (ab 19. April)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 19. April 2012
Die Dänen haben mal wieder einen Hit gelandet – allerdings fern von Dogma- und anderen neueren Erzählregeln. Der Kostümfilm „Die Königin und ihr Leibarzt“ folgt altgedienten dramaturgischen Mustern. Und genau darin scheint ein Grund für den Erfolg zu liegen: Jedefrau und Jedermann kann der Story um Grundfragen menschlichen Miteinanders ohne große Anstrengung folgen.
Die Geschichte folgt, basierend auf einem Bestseller, historischen Fakten: Der deutsche Arzt und Aufklärer Johann F. Struensee gewinnt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts großen Einfluss auf den dänischen König Christian VII. und gewinnt so einige
Macht im politischen Alltag. Dies insbesondere auch, weil der Monarch weithin als geisteskrank gilt. Heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nach war er vermutlich manisch-depressiv. Struensee war einige Zeit der tatsächliche Regent. Was, ganz klar, die um ihre Pfründe fürchtenden Vertreter der bisherigen Macht erst zittern und dann zu Gegenmaßnahmen greifen lässt. Die tatsächliche oder eventuelle auch nur erfundene Liebe zwischen Struensee und Königin Caroline Mathilde eröffnet der Reaktion alle Mittel und Möglichkeiten, sich zur Wehr zu setzen. Als dann auch vieles darauf hindeutet, dass Struensee Caroline Mathilde geschwängert hat, ist das Schicksal des Paares besiegelt. Mit ihm wird zudem der Fortschritt aus dem Königreich verbannt.
Im Februar gab’s auf der Berlinale gleich zwei Silberne Bären. Kurze Zeit später mauserte sich der Film in Dänemark zu einem der finanziell erfolgreichsten aller Zeiten. Regisseur Nikolaj Arcel gelang eine wirksame Melange aus Krimi, Historiengemälde und Psychodrama mit einigen delikat inszenierten erotischen Szenen. Opulente Bilder und ein flotter Ton der Erzählung sorgen für Spannung und Schauwert. Beides wird vom exzellenten Darsteller-Ensemble unterstützt. Der vor einigen Jahren als „Bond“-Bösewicht bekannt gewordene Mads Mikkelsen brilliert in der Hauptrolle des Struensee mit rauem Sex Appeal und verschlagener Intelligenz. Neben ihm setzt Mikkel Følsgaard in der Rolle des Königs Glanzlichter, wofür es zu Recht einen der Berlinale Bären in Silber gab, und verleiht Alicia Vikander der Königin Schönheit und Weltgewandtheit.
Den zweiten Silber-Bär gab es in Berlin für das Drehbuch. Eine kluge Entscheidung. Denn anders als in jüngeren Filmen um historisch verbürgte Persönlichkeiten, beispielsweise „The Iron Lady“, beschränkt sich dieser Film nicht auf Anekdötchen und Privates, sondern bezieht die Zeitgeschichte kritisch mit in die Handlung ein. Dadurch bekommen die verhandelten Fragen um Moral und Mitmenschlichkeit Gewicht – und weisen über das Geschehen weit hinaus, nämlich mitten in unsere Gegenwart.
Peter Claus
Die Königin und ihr Leibarzt, von Nikolaj Arcel (Deutschland/ Dänemark 2012)
Bilder: MFA+
ShareMy Week With Marilyn (ab 19. April)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 19. April 2012
Bilder, Skulpturen, Popsongs, Romane, Filme, Theaterstücke und unzählige Gerüchte über ihren Aufstieg und Fall – auch fünf Jahrzehnte nach ihrem tragischen Tod ist Marilyn Monroe omnipräsent. Zu Lebzeiten von den Bossen der Filmindustrie als Inbegriff der doofen Blondine ausgebeutet, sind ihre schauspielerischen Fähigkeiten heute allgemein anerkannt. Filme wie „Bus Stop“, „Some Like It Hot“ und insbesondere „The Misfits“ zeugen davon, dass sie tatsächlich das Zeug zur herausragenden Charakterinterpretin hatte. So weit, so traurig. Doch noch ein Film? Die TV-Adaption von Joyce Carol Oates Bestseller „Blond“ hatte doch schon alles bestens gezeigt. Hatte sie eben nicht. Dieser Film erinnert auf heitere Art an die Legende mit einem Blick auf eine klitzekleine Anekdote – und erzählt damit ungemein viel über den Star, die Frau und über eine Welt, in der es Sensible, wie berühmt sie auch sein mögen, immer schwer hatten und wohl auch immer schwer haben werden.
Die Geschichte blendet zurück auf den Sommer 1956. Die 30-jährige MM (Michelle Williams) ist einer der zugkräftigsten Kassenmagneten Hollywoods. Mit ihrem kindlich-naiven Sex Appeal gilt sie als Traum aller Männer. Für den einige Jahre jüngeren Briten Colin Clark (Eddie Redmayne) ist sie das tatsächlich. Als dritter Regieassistent während der Dreharbeiten von „Der Prinz und die Tänzerin“, inszeniert von Laurence Olivier (Kenneth Branagh), der auch die männliche Hauptrolle spielt. Die weibliche
spielt Marilyn Monroe, die ihren neuen Mann, den Schriftsteller Arthur Miller (Dougray Scott), im Schlepptau hat. Schlecht im Textlernen, unpünktlich, von Ängsten getrieben und deshalb launisch, erobert die Diva die Herzen der Mitarbeiter nicht. Olivier würde ihr am liebsten den Hals umdrehen. Colin Clark aber versteht sie. Er und sie liegen irgendwie auf einer gedanklichen Ebene. Was die Dreharbeiten erheblich erleichtert. Der junge Mann wird ihr Vertrauter und Mädchen für alles. Und sogar so etwas wie ein Liebhaber. So etwas? Was das heißt, sehe sich jeder selbst im Kino an!
Michelle Williams ist nicht die Monroe. Doch es gelingt ihr mit herzerweichender, erschütternder Intensität, die komplizierte Persönlichkeit der Ikone spürbar werden zu lassen- und sogar jene geradezu überirdisch erscheinende Aura, von der die Monroe einst umstrahlt wurde. Michelle Williams imitiert die Monroe gelegentlich, wenn es gilt, die Film-im-Film-Ebene zu bedienen, und sie erforscht sie, da die Monroe fern des Schweinwerferlichts beobachtet wird. Da sind denn einige zarte Szenen entstanden, die in der Filmhistorie ihresgleichen suchen.
Hat sich die Episode damals wirklich so zugetragen? Der wirkliche Colin Clark behauptet es. Falls nicht, schwindelt er überaus geschickt, indem er sich keineswegs als makellosen Helden darstellt. Eddie Redmayne spielt ihn mit gehörigem Charme und dürfte mit dieser Rolle den Grundstein für eine solide Karriere legen. Einziges Ärgernis: der eitle Kenneth Branagh als eitler Laurence Olivier. Ihm wurden von Drehbuch und Regie ein paar Szenen zu viel eingeräumt, so dass die anfängliche Freude an der ironischen Zeichnung des eitlen Superstars von anno dunnemals (dessen „Hamlet“ noch heute magische Anziehungskraft verströmt!) irgendwann in Genervtsein umschlägt. Egal: Michelle Williams lässt einen diesen einen Einwand vergessen. Die Erinnerung an Marilyn Monroe aber bekommt durch sie neue Leuchtkraft. Man verlässt das Kino und ist sich sicher: Wenn einmal nichts von der siebten Kunst übrig sein sollte, Marilyn Monroe wird bleiben.
Peter Claus
My Week With Marilyn, von Simon Curtis (England/ USA 2012)
Bilder: Ascot Elite
ShareDie Krimiautorin Christa Faust
von Alf Mayer in Gesellschaft, Kritik, Literatur am 13. April 2012
Nichts für Weicheier
Es gibt sie wirklich. Sie ist keine Erfindung, keine Fiktion, auch wenn vieles an ihr und von ihr klingt, als wäre es zu perfekt, um wahr zu sein. Die US-amerikanische Autorin Christa Faust schreibt härter als die allermeisten Männer, ihre Romane sind pures Hardboiled, schnell und frech, dunkel und brutal, beste Pulp Fiction – was keinen Tarantino-Filmtitel meint, den hat der sich nur geklaut, sondern eine literarische Gattung. Man muss die Kampfrichter-Glocke nicht zu schnell läuten, um zu konstatieren, dass Christa Faust die Rolle der toughen Krimi-Heldin neu definiert. Nicht umsonst heißt ihre Heldin Angel Dare, was ein deutsches Einwohnermeldeamt vermutlich mit Engel Wagemut oder Angela Traudich übersetzen würde.
Angel Dare ist eine ehemalige Pornodarstellerin – nein, da gibt es nichts zu gähnen, wer ihr durch „Hardcore Angel“ und „Die Rachegöttin“ folgt, wird nicht nur über die kalifornische Pornoindustrie Ungemütliches erfahren. Zum Rest des Beitrags »
ShareGeorges Simenon: Drei Zimmer in Manhattan
von Alf Mayer in Gesellschaft, Kritik, Leben, Literatur am 12. April 2012
Nach 25 Jahren wiedergelesen: Über ein blutendes Herz in George Simenons „Drei Zimmer in Manhattan“
Verbrechen des Herzens
„Er war glücklich. Er schwamm im Glück. In einem Glück, das morgen, in einigen Tagen beginnen würde, vorerst aber in einer Angst bestand, weil er eben jenes Glück noch nicht in Händen hielt und grauenvolle Angst davor hatte, es zu verlieren.“ – Francois Combe, gerade in New York angekommen, abends in einer Bar eingekehrt und dort eine Frau kennengelernt, hat sich in sie verliebt, geradezu maßlos verliebt. – „Im Grunde wusste sie immer noch nicht, dass er sie liebte. Sie konnte es gar nicht wissen, nachdem er selbst es erst vor ein paar Stunden entdeckt hatte.“ – Von ihm aus könnte alles sofort losgehen. – „Er hätte am liebsten gelacht. Es war ein wenig grotesk. Sie hinkte mit ihrer armen Liebe so sehr hinter seiner Liebe her, die sie noch gar nicht ermessen konnte und die er ihr schenken wollte.“ – Endlich dann ist es soweit. Sie sind allein in seiner schnell angemieteten Wohnung, drei Zimmer in Manhattan. Er gesteht ihr alles, geht auf sie zu, der lange erwarteten Umarmung entgegen. – „Und nun geriet er in Verwirrung, denn anstatt sich in seine Arme zu werfen, wie er es vorhergesehen hatte, blieb sie ganz weiß, ganz kalt mitten im Zimmer stehen.“ Zum Rest des Beitrags »
ShareNathalie küsst (ab 12. April)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 11. April 2012
Nathalie (Audrey Tautou) verliert Francois (Pio Marmai). Ein Unfall reißt ihn aus dem Leben. Die junge Frau ist verzweifelt. Erst lange, lange Zeit später, fühlt sie sich in der Lage, dem Werben eines Mannes (François Damiens) überhaupt nur Aufmerksamkeit zu schenken. Sie hat sogar den Mut zu einem ersten Schritt, einem Kuss. Die Folgen sind geradezu traumhaft schön. Doch ist dem Glück zu trauen?
Die Story ist klein, dünn, recht vorhersehbar – und zieht einen im Handumdrehen in den Bann. Das liegt vor allem an den beiden Hauptdarstellern. Audrey Tautou gibt der Nathalie mit vielen Höhen und Tiefen eine magische Aura, sorgt dabei mit ihrer darstellerischen
Klasse dafür, dass sie nicht wie eine Märchenfigur anmutet. Auch François Damiens hat eine enorme Präsenz. Sein Markus ist absolut Durchschnitt mit Bauchansatz und Halbglatze. Doch Witz und Scharm, die allein schon aus den Augen sprühen, machen ihn zu etwas Besonderem. Beide zuzusehen, ist eine einzige Freude.
Die Brüder David und Stéphane Foenkinos stehen hinter dem Kino-Kleinod. David hat den Roman, der als Vorlage diente, geschrieben, hat ihn zusammen mit Stéphane auf die große Leinwand übertragen. Nach einem Kurzfilm geben die Zwei damit ihr Debüt als Regisseure eines abendfüllenden Spielfilms. Sie mögen offenkundig das klassische Erzählkino. Pure Effekthascherei bleibt aus. Es geht um die Erkundung von Seelenlandschaften. Dabei wird nicht gegrübelt, sondern selbst Schweres geradezu leichtfüßig beleuchtet. Wobei eine sensible Farbdramaturgie dafür sorgt, dass die jeweiligen Stimmungszustände der Protagonisten auch optisch erfahrbar sind. Der raffinierte Einsatz für Musik, Songs inklusive, sorgt zudem für manche Überraschung. Da muten dann sogar abgegriffene Stereotypen, wie der Eiffelturm als d a s Symbol für Paris als Stadt der Liebe originell an.
Die Komödie mit melancholischem Grundton hat einen sehr eigenen Charme, dem sich wohl nur verdammt hartgesottene Naturen entziehen können. Allen, die kluge Unterhaltung mögen, kann man den Film nur empfehlen.
Peter Claus
Nathalie küsst, von David & Stéphane Foenkinos (Frankreich 2011)
Bilder: Concorde
ShareMonsieur Lazhar (ab 12. April)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 11. April 2012
Der Algerier Bachir Lazhar (Fellag) hofft in Kanada auf politisches Asyl. Einen Job als Lehrer ergattert er schon mal. Doch das ist ein besonderer Job. Seine Vorgängerin hat sich nämlich per Suizid aus dem Leben genommen. Die Klasse ist geschockt, ja, traumatisiert. Der Zugang zu den Kindern ist also besonders schwer herzustellen. Doch Bachir hat langsam Erfolg. Den Elf-/Zwölfjährigen geht es mit der Zeit besser. Aber er selbst? Niemand ahnt, welche inneren Kämpfe er auszustehen hat. Wird er sich selbst helfen können?
Der in diesem Jahr für den „Oscar“ nominierte Film von Regisseur Philippe Falardeau basiert auf einem Theaterstück. Das ist gelegentlich zu spüren, was der Qualität keinen Abbruch tut. Diese Qualität resultiert insbesondere aus dem intelligenten Nachdenken über
Probleme des Mit- und Gegeneinanders verschiedener Kulturen. Was mit großen Emotionen aufgeladen ist. Die Bildsprache ist dabei angenehm zurückhaltend, fast sachlich. So wird ein Abdriften in Gefilde des Kitsches vermieden. Wozu auch sämtliche Darsteller beitragen. Und: es wabert keine billige Musiksauce, die das Publikum unentwegt einlullen soll. Höchst angenehm! Schön auch die leise Ironie. Da gibt es zum Beispiel die Lehrerin Claire (Brigitte Poupart). Sie möchte, dass Monsieur Lazhar von seiner Vergangenheit berichtet, meint es nur freundlich, und merkt nicht, wie gutmenschelnd falsch ihre Zuwendung anmutet.
Schärfe erreicht der Film, wenn er sich mit dem Behördenalltag auseinandersetzt. Bachir muss erleben, dass ihm das Faktum einer politischen Verfolgung abgestritten wird. Wie er dabei um Fassung, um Worte und um Haltung ringt, macht einem beklemmend klar, was es bedeuten kann, wenn man anonymen Vertretern der Demokratie, die „doch nichts als die Arbeit machen“ ausgeliefert ist. Selten gelingt es Kunst, die Verlorenheit eines Fremden derart intensiv darzustellen. Großes Kino!
Peter Claus
Monsieur Lazhar, von Philippe Falardeau (Kanada 2011)
Bilder: Arsenal
ShareMartha Marcy May Marlene (ab 12. April)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Im Kino, Kolumnen & Blogs, Kritik am 11. April 2012
Martha (Elizabeth Olsen) ist einer Sekte entkommen. Im Landhaus ihrer älteren Schwester Lucy (Sarah Paulson) will sie zur Ruhe kommen. Doch das gelingt nicht. Ängste und Erinnerungen treiben sie in den Wahn. Rettung erscheint unmöglich!
Noch ein Horrorstück der üblichen Art? Nein. Drehbuch- und Regie-Debütant Sean Durkin gelang ein außergewöhnlicher Thriller höchst kunstvoller Art, der sich weit aus dem Durchschnitt heraushebt. Sean Durkin versteht es überaus raffiniert, Spannung aufzubauen, zu
halten und permanent zu steigern. Dabei arbeitet er überwiegend überaus subtil. Der Einbruch des Irrealen in ein scheinbar ganz gewöhnliches bürgerliches Umfeld wird geradezu greifbar. Die kluge Mischung aus bedrohlich-ruhigen Bildern und oft surreal anmutenden Klang-Collagen erweist sich dabei als sehr effektvoll. Dazu sorgt die elegante Verquickung von Gegenwart und Vergangenheit, Erinnertem und Eingebildetem, für Spannung pur. Hauptdarstellerin Elizabeth Olsen agiert mit traumwandlerischer Sicherheit. Zu Recht wird sie in den USA als die Schauspiel-Entdeckung des letzten Jahres gehandelt.
Zu all diesen Qualitäten kommt als Entscheidendes hinzu: Der Film setzt sich durchaus ernsthaft mit gängigem Sekten-Unwesen auseinander und nutzt diese Ebene zudem dazu, über den gegenwärtigen (Geistes-)Zustand der US-Gesellschaft nachzudenken. Das geschieht tatsächlich dezent, so dass sich Freunde puren Schock-Vergnügens nicht bedrängt fühlen müssen. Doch wer das Kino auch ein wenig nachdenklich verlassen möchte, wird gut bedient.
Peter Claus
Martha Marcy May Marlene, von Sean Durkin (USA 2011)
Bilder: Fox
ShareTITANIC 3D (James Cameron)
von Georg Seeßlen in Film, Filmwissen, Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Kritik am 8. April 2012
oder: Wie das Raumkino zur Opernbühne wird, und was Liebe und Schiffbruch zur Amerikanisierung der Welt beitragen
Was ich schon immer wissen wollte: Ob man eine Liebesgeschichte eigentlich in 3-D erzählen kann. Bislang nämlich hat sich die räumliche Öffnung des Kinos perfekt für Ländereien, Architekturen und Schlachten bewährt, für das Errichten phantastischer Parallelwelten und die Kreation bizarrer Mischwesen, die den Zuschauer anspringen, um ihn zu verschlingen. Gewiss gibt es auch eine zartere kinematografische Gestaltung der neuen digitalen Räumlichkeit, in der Poesie der Wassertropfen, der Feuerfunken, der Staubpartikel. Auch tänzerische Choreographien und sportliche Betätigungen bieten sich der Veräumlichung an. Wenn es indes um Menschen und ihre Beziehungen geht, dann würde man doch am liebsten die Polarisationsbrille abnehmen. Aber dann verschwimmen die Menschen auf der Leinwand oder auf dem Bildschirm. Sie finden im Raum, so scheint es, aneinander keinen Halt.
Der Verdacht liegt nahe: Die Liebe ist zweidimensional. Der Raum ist für Maschinen, Massen und Gemetzel. Die Liebenden finden sich nicht im Raum, sondern indem sie diesen negieren. Sie werden zum Tafelbild ihres Begehrens, sie dürfen der Welt nur eine Projektion ihres Glücks zeigen, denn im Räumlichen droht ja alles, noch dahinter zu sehen, oder „einzudringen“. Skulpturen zeigen Helden oder Katastrophen. Aber keine Liebe. Die Teilhabe ist eine andere: Liebende sind Menschen, die die Kunst beherrschen, sich der Welt zu zeigen und sie zugleich auszuschließen. Man darf weder auf die Weise „dabeisein“, wie es die Verräumlichung (als letzte Attacke auf die Privatsphäre vielleicht) verspricht, noch auf die Rückseite gelangen. Zum Rest des Beitrags »
ShareDer letzte Untergang: ZDF Mehrteiler „Titanic“
von Georg Seeßlen in Film, Filmwissen, Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Kritik, Leben am 6. April 2012
Schiffbruch mit Zuschauer, oder: Wie sich das Fernsehen den Untergang der Titanic aneignet
In seiner „Metapherologie“ unterscheidet Hans Blumenberg drei Arten von Metaphern: Die erste dient der Ausschmückung, die zweite entsteht aus Unklarheit, die dritte Form aber nennt er die „absolute Metapher“. Sie enthält mehr als ihr Ausgangsmaterial, und sie verweigert die Rückführung auf rationalen Diskurs und bloße Tatsachen. Das Modell einer absoluten Metapher ist in Blumenbergs Denken der Schiffbruch, ein grandioses Scheitern auf einer „Schifffahrt des Lebens“, von den Mythen der Frühantike bis in die Gegenwart, da man ihn sowohl als erschöpfte Metapher als auch als Metapher der Erschöpfung ansehen kann. Wie ein ermattetes Untier liegt die Costa Concordia am Strand, deren Kapitän als einer der ersten von Bord gegangen ist. Kaum besser ließe sich Blumenbergs Theorie vom Paradigmenwechsel der absoluten Metaphern in der Geschichte illustrieren. Selbst vom Schiffbruch als größter Metapher des Scheiterns blieb nur eine traurige Farce. Zum Rest des Beitrags »
ShareUnd wenn wir alle zusammenziehen? (Stéphane Robelin)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 5. April 2012
Das Kino entdeckt die Alten. Klar: Sie machen einen Großteil der potentiellen Kundschaft aus. Und nicht wenige von ihnen sind alles andere als knapp bei Kasse. Allerdings: Die guten Filme zum Thema Altwerden sind für ein junges Publikum genauso attraktiv. Schließlich stellt sich die Frage, wie die späten Jahre leicht und unbeschwert zu bewältigen sind, jeder und jedem. Und genau darum geht’s in diesem Fall. Stichwort: Wohngemeinschaft. Viele träumen davon. Nicht selten wird daraus ein Alptraum.
Aber mit Witz und Charme kann es klappen, wie in dieser wohl temperierten Komödie.
In „The Best Exotic Marigold Hotel“ zog es eine Handvoll Privatiers ins ferne Indien. Die Ehepaare Jeanne (Jane Fonda) und Albert (Pierre Richard), Annie (Geraldine Chaplin) und Jean (Guy Bedos) und dazu Witwer Claude (Claude Rich), Freunde seit Jahrzehnten, bleiben in Frankreich. Wozu in die Ferne schweifen? Probleme gibt’s auch hier genug! Die werden heftig, als Claude von seiner Familie in ein Heim abgeschoben werden soll. Seine Freunde verhindern das. Annie und Jean nehmen ihn auf. Was Jeanne und Albert auf den Plan ruft. Tatkräftig gehen sie die WG-Gründung an. Der junge Deutsche Dirk (Daniel Brühl), der das Projekt zunächst allein mit akademischem Interesse für sein Soziologiestudium begleitet, wird mehr und mehr zum „Mädchen für alles“. So leicht, wie das Vorhaben zunächst in die Tat umgesetzt werden kann, so beschwerlich jedoch ist der Weg zu einem wirklich harmonischen Miteinander. Vergesslichkeiten, Zipperlein und ernsthafte Erkrankungen, auch Missgunst und Eifersüchteleien, über Jahrzehnte in aller Freundschaft versteckt, brechen sich Bahn. Dirk muss die Ärmel kräftig hochkrempeln. Das Quintett ist gezwungen, Leben neu zu lernen.
Als erstes locken die berühmten Schauspieler ins Kino. Absolut zurückhaltend agierend, gelingt es den Stars, ernst zu nehmende Charakterstudien zu entwickeln. Natürlich: Die Geschichte wird komödiantisch erzählt, geht nicht immer in die Tiefe. Doch blanke Oberflächlichkeit wird durch die Akteure verhindert. Regisseur Stephane Robelin hat die Sechs klug und sensibel geführt und mit ihnen das von ihm selbst geschriebene Drehbuch nahezu perfekt umgesetzt. Die an emotionalen Momenten reiche Geschichte wird angenehm unaufgeregt und betont langsam erzählt, was aber nie in Langeweile abgleitet. Ob Liebesleid und -lust oder Krankheit und
Tod – viele Aspekte des Daseins, die bekanntlich völlig altersunabhängig sind, werden warmherzig aber fern von Kitsch und mit Lust am Fabulieren ohne Kalauer beleuchtet. Das Schönste daran ist, dass kein Moment lächerlich wirkt, in keinem Augenblick eine der Figuren denunziert wird. Dabei gibt es jede Menge zu lachen. Dazu reizt vor allem der von Pierre Richard mit launiger Tapsigkeit gespielte Albert, der gern mal dieses vergisst und jenes nicht wahr haben will, vor allem nicht das Alter.
Im Kreis der internationalen Berühmtheiten behauptet sich Daniel Brühl nicht nur tapfer, er bietet sogar eine seiner bisher reifsten Darstellungen. Auch er spielt erfrischend zurückhaltend und durchweg mit Augenzwinkern. In einigen sehr verhaltenen, melancholisch angehauchten Szenen mit Jane Fonda gelingt es ihm, den jungen Mann zur Schlüsselfigur der Geschichte reifen zu lassen. Diese wird dadurch nicht nur für schon ältere Kinobesucher interessant und spannend. Die Auseinandersetzung mit der Frage, wie es sich einrichten lässt, dass auch die späten Jahre glückliche werden können, sollte schließlich immer möglichst früh beginnen. An einem lässt der Film diesbezüglich keine Zweifel: wichtigste Voraussetzung für gutes Gelingen ist der Mut zur Selbstironie. Da können sich wohl die meisten von uns von den Protagonisten einiges abgucken.
Peter Claus
Und wenn wir alle zusammenziehen?, von Stéphane Robelin (Frankreich/ Deutschland 2012)
Bilder: Pandora
ShareThe Lady (Luc Besson)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 5. April 2012
Schon „J. Edgar“ und „The Iron Lady“ irritierten, wenn sie nicht gar verärgerten, damit, dass sie Abziehbilder vom Leben berühmter Personen lieferten, ohne sich wirklich um deren (verheerendes) politisches Wirken zu kümmern. Nun also ein Film um Aung San Suu Kyi aus Burma (heute: Myanmar), Gallionsfigur aller Freiheitsliebenden, nicht nur in Asien. Und auch diesmal: Zeitgeschichte schrumpft zu blasser Illustration. Im Vordergrund: Herz-Schmerz, der gelegentlich gar in Kitsch versinkt.
Der Film blickt zunächst ein Vierteljahrhundert zurück: in England leben Aung San Suu Kyi (Michelle Yeoh), ihr Gatte, der Wissenschaftler Michael Aris (David Thewlis), mit den beiden Söhnen in Harmonie. Als die Mutter der jungen Frau auf Grund gesundheitlicher Probleme Hilfe braucht, zieht die Familie nach Burma, ein von politischen Unruhen heimgesuchtes Land. Von Oppositionellen gedrängt, übernimmt Aung San Suu Kyi den Vorsitz der National League for Democracy. Gebeten wird
ausgerechnet sie, weil ihr Vater, ein 1947 ermordeter Vorkämpfer der Demokratie, so etwas wie ein Volksheld ist, und sich darum die Verehrung von ihm auch auf die Tochter und damit die Partei übertragen könnte. Aung San Suu Kyi gewinnt die anstehende Wahl. Doch das Militär spielt nicht mit, verhängt einen Arrest über sie und verbietet sogar den Kontakt zu den ihren. Michael, der Brite, versucht, in Europa Hilfe zu organisieren. Ausgang ungewiss.
Der Filmtitel, „The Lady“, übernimmt den Ehrentitel, den die Bevölkerung in Burma Aung San Suu Kyi gegeben hat. Das Bio-Pic über die burmesische Friedensnobelpreisträgerin aber interessiert sich dafür und für den Grund der Verehrung nur am Rande. Regisseur Luc Besson, bekannt als Mann für Actionknaller der gehobenen Art, blickt dafür umso länger auf die Liebes- und Familien-Geschichte. Er tut’s sehr lang, und leider auch sehr gefühlsduselig.
Waren es schon bei „J. Edgar“ und „The Iron Lady“ die Schauspieler, die einen halbwegs versöhnten, ist es auch diesmal so. Michelle Yeoh aus Malaysia fesselt mit einem starken, viele Nuancen bietenden Porträt. Sie war auch in der Vorbereitung die treibende Kraft, holte den Regisseur an Bord, sorgte für Geld. Der Film ist ihr also offenbar ein Anliegen. Schade, dass sie dabei nicht darauf geachtet hat, dass mehr als eine Schmonzette entsteht. Der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi wird der Film in keinem Moment gerecht. Michelle Yeoh aber beeindruckt, und das insbesondere in den Szenen, da sie unaufdringlich zugleich die Kraft und die Ohnmacht von Aung San Suu Kyi zeigt. David Thewlis harmoniert bestens mit ihr. Auch er zeigt keinen pappigen Helden, sondern einen Menschen mit Ecken und Kanten, lebensprall und authentisch anmutend.
Freunde exzellenter Schauspielkunst werden gut bedient, politisch interessierte Filmfans nicht. Schade, dass der Gesamteindruck darum recht zwiespältig ausfällt.
Peter Claus
The Lady, von Luc Besson (Frankreich/ Großbritannien 2011)
Bilder: Universum (Walt Disney)
ShareDie Tribute von Panem – Tödliche Spiele (Gary Ross)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 29. März 2012
Die Teenies im Freundeskreis, durchweg lesehungrige kluge junge Leute, die „Harry Potter“ mit Sympathie und den „Biss…“-Vampiren mit Ironie begegnet sind, kreischen angesichts dieses Spektakels vor Begeisterung und rennen mehrfach ins Kino. Also bin ich mitgerannt – und staune: Das Fantasy-Abenteuer erweist sich als äußerst düsterer Blick in eine mögliche Zukunft und damit in unsere Gegenwart. Nichts da von weltfremdem Trallala, knallhart geht’s zu.
Gezeigt wird eine kaputte Welt. Zerbrochen sind nicht allein, wie schon heute, die alten Wertvorstellungen, nein, die materielle Welt ist am Bröckeln. Naturkatastrophen haben die Menschheit in die Schranken verwiesen. Im Land Panem herrscht nun aber nicht
schlichte Menschlichkeit, sondern das Geld. Das regiert im sogenannten Kapitol. In zwölf Distrikten leben die, die vom Kapitol aus ausgesaugt werden. Was zu Aufständen geführt hat, die brutal zerschlagen worden sind. Nicht genug damit, fordert der Präsident (Donald Sutherland) aus Rache alljährlich einen Tribut: pro Distrikt müssen ein Junge und ein Mädchen im schönsten Jugendalter entsandt werden, die dann in einem inszenierten Medien-„Spiel“ gegeneinander antreten, einem „Spiel“ auf Leben und Tod. Als Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) und Peeta Mellark (Josh Hutcherson) von Haymitch Abernathy (Woody Harrelson) auf ihre Einsätze vorbereitet werden, beginnt ein Kampf gegen die Allmacht des Bösen. Es sieht lange nicht so aus, als gäb’s dabei für die jungen Leute auch nur die kleinste Chance auf einen Sieg.
Für Spannung also ist gesorgt. Das aber wird im Verlauf des Geschehens fast nebensächlich. Regisseur Gary Ross und seine beiden Drehbuchmitautoren haben die Bestseller-Adaption entsprechend der Vorlage ganz auf gesellschaftskritische Fragestellungen ausgerichtet. Der Gedankenreichtum ist höchst publikumswirksam verpackt. Gebildete Zuschauer haben sofort viele Assoziationen, die über das Unvorstellbare in den deutschen Konzentrationslagern der Nazis bis zurück zum Gladiatoren-Horror im Alten Rom reichen, die aber auch heutige Schauplätze des Schreckens in unserer Welt einbeziehen.
Naive Zuschauer werden spätestens dann hellwach, wenn die blutigen Spiele ins Zentrum rücken – klare Weiterentwicklungen von gegenwärtigem TV-Müll wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Dschungelcamp“. Nicht nur erinnert der eklig-salbungsvolle Moderator Caesar (Stanley Tucci) an Typen, die Fernsehkonsumenten bis zum Erbrechen kennen. Wichtiger: Es wird ohne vordergründiges Draufherumreiten deutlich, dass hier Menschen verheizt werden, um Geld zu machen – via Massenvermarktung des Schreckens als Show. Klar wird auch: diverse sogenannte „soziale“ Netzwerke im Internet sind bereits Vorstufen derartigen Übels. Das ist harte Kost. Mit überraschender Wirkung, die ich, natürlich absolut nicht repräsentativ, bei einzelnen jungen Kino-Fans beobachten konnte: Sie haben ihre Netzwerk-Konten im Internet abgemeldet und gehen auf Emanzipationskurs in Sachen Kommunikation. Bleibt zu hoffen, dass dies Schule macht – und dass die zwei noch folgenden Teile der Trilogie die gleiche Klasse haben wie dieser erste.
Peter Claus
Die Tribute von Panem – Tödliche Spiele, von Gary Ross (USA 2012)
Bilder: Studiocanal
ShareDas bessere Leben (Małgorzata Szumowska)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 29. März 2012
„Elles“ heißt der Film im französischen Original. Das ist eine neckische Anspielung darauf, dass die Hauptfigur als Journalistin für das Edel-Magazin „Elle“ arbeitet. Ansonsten geht’s hier gar nicht neckisch zu. Die Journalistin, deren Leben auf den ersten Blick perfekt arrangiert zu sein scheint, trifft für eine Reportage auf zwei Studentinnen, die ihre gar nicht perfekte Existenz mit Prostitution absichern müssen. Konfrontationen und Konflikte also sind programmiert.
Regisseurin Małgorzata Szumowska hat ein Händchen dafür, die eher konventionell anmutende Story unkonventionell umzusetzen. Und sie hat mit Juliette Binoche eine charismatische Hauptdarstellerin, die das Publikum geradezu magisch anzieht. Sie spielt die
Journalistin Anne. Aus dem Versuch, eine Reportage über das „älteste Gewerbe der Welt“ zu schreiben, wird eine Selbsterfahrungsreise, die bis an die Grenze des Erträglichen geht. Charlotte (Anaïs Demoustier) und Alicja (Joanna Kulig), die beiden jungen Frauen, existieren nur scheinbar in der gleichen Kultur wie Anne. Tatsächlich haben die Beiden völlig andere Auffassungen von dem, was ein erfülltes Dasein sein sollte. Vor allem aus dem Aufeinanderprall dieser unterschiedlichen Auffassungen resultiert die Spannung des Films. Insbesondere die exzellente Kamera sorgt dabei für Doppeldeutigkeiten. Viele Bilder entlarven das, was weithin als bürgerliche Sicherheit gilt (schicke Möbel, tolle Klamotten, materieller Wohlstand allgemein) als Lug und Trug. Journalistin Anne wirkt in zahlreichen Momenten einfach nur verloren, während die sich mit -x Problemen herumschlagenden Studentinnen stets mitten im Leben zu stehen scheinen. Erfreulich: der Job der Amateurnutten wird nie reißerisch in Szene gesetzt. Regisseurin Małgorzata Szumowska und ihre Drehbuchmitautorin Tine Byrckel haben ein feines Gespür für pralle Charakterzeichnungen. Die Schauspielerinnen entsprechen dem perfekt. Dazu kommt die Fähigkeit der Regisseurin, in einer eleganten Inszenierung sichtbar zu machen, was mit bloßem Augen nicht wirklich zu sehen ist, etwa das Geflecht kultureller Muster, in dem sich die Protagonistinnen bewegen. Das ist sehr spannend. Und das ist aufschlussreich. Man fragt sich nämlich als Zuschauer, zwischen welchen von den Strippenziehern der Macht gezogenen Grenzen eigentlich das eigene Leben abläuft bzw. stagniert.
Peter Claus
Das bessere Leben, von Małgorzata Szumowska (Deutschland/ Frankreich/ Polen 2012)
Bilder: Zorro
ShareRussendisko (Oliver Ziegenbalg)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 29. März 2012
Es hagelt Verrisse. Und ich wundere mich. Sicher: diese launige Klamotte haut die Filmhistorie nicht um. Es ist nichts als ein Spaß. Aber warum da mit der Keule drauf?
Gestritten wurde schon um das Buch, das von der Mehrheit der Rezensenten geradezu gefeiert wurde, was ich nun wiederum nie verstanden habe. Der in Berlin lebende Moskauer Wladimir Kaminer hat vor zwölf Jahren mit „Russendisko“ seinen schillernden Ruf als hauptstädtischer Szenestar endgültig etabliert – und kräftig die Selbstvermarktungsmaschinerie angeworfen. Unbestritten: Kaminer ist ein begnadeter Plauderer, ein Mann, der es versteht, sich immer gut im Rampenlicht in Szene zu setzen, dessen Lesungen,
ob als Ein-Mann-Show oder im Ensemble, schon allein durch seine Präsenz hohen Unterhaltungswert haben. Da kommt es dann auch gar nicht immer so genau darauf an, ob das, was der wuchtige Kerl erzählt oder liest, sonderlich gehaltvoll ist. Die von eigenem Erleben geprägten Kurzgeschichten, die er 2000 unter dem Titel „Russendisko“ veröffentlichte, wurden denn auch vielfach von denen, die ihn beim Lesen im Ohr und vor Augen hatten, bejubelt. Wer den Mann nicht kannte, reagierte hingegen verhaltener. Angesichts des Films wiederholt sich das wahrscheinlich in gewisser Weise. Kenner der Vorlage könnten sich abwenden, andere einfach nur amüsieren.
Die Streitfrage zum Buch war: Ist das Literatur oder Journalismus? Zweifellos sind die Geschichten vom Weggehen aus Russland und vom Ankommen und Nichtankommen! in Deutschland sprachlich schillernde Zeugnisse eines Lebensgefühls, dass man damals mit dem Begriff „Spaßgesellschaft“ zu fassen versuchte. Davon ausgehend einen Spielfilm zu drehen, ist gewagt. Denn die konkreten Kino-Bilder verlangen auch konkrete, handfeste Storys und Charaktere, um ein großes Publikum zu fesseln. Kein Wunder, dass Produzent Christoph Hahnheiser Jahre brauchte, ehe er den Plan der Verfilmung tatsächlich realisieren konnte. Angeblich sind -x Drehbuchautoren, darunter Wladimir Kaminer höchstpersönlich, an dem Unterfangen gescheitert. Oliver Ziegenbalg gelang schließlich mit dem Mut zur Radikalität ein verfilmbares Drehbuch. Der mutige Einfall Ziegenbalgs: Er erfand drei Freunde, die zusammen von der Wolga an die Spree wollen und kommen. Damit gibt es ein Erzählgerüst, in dem sich Episoden und Anekdoten gut verankern lassen. Den Geist der Vorlage bewahrend, hat Ziegenbalg also, nach Differenzen mit einem Vorgänger während der Dreharbeiten vom Produzenten auch gleich als Regisseur verpflichtet, nicht Kaminers Buch adaptiert, sondern sich davon zu einem eigenen Kunstwerk anregen lassen. Angenehmer Nebeneffekt, der einem als erstes auffällt: Viel Plapperndes ist weggefallen. Aber es fällt mehr auf: ein guter Spannungsbogen, angenehmer Witz, der oft intelligenter ist als in der Vorlage, und vor allem exzellente Schauspieler.
Die Story: Wladimir (Matthias Schweighöfer) und seine Freunde Mischa (Friedrich Mücke) und Andrej (Christian Friedel) verlassen 1990 die in sich zusammenbrechende Sowjetunion der Gorbatschow-Ära. Ihr Ziel: Berlin. Die Stadt, noch in West und Ost
geteilt, aber hoffnungstrunken schon im ersten Taumel vermeintlicher Prosperität, erweist sich als wahre Traumstation für das Trio. Materielle Probleme gibt es keine. Das nötige Kleingeld fürs Vergnügen wird zur Not selbst mit Schmuddelgeschäften, wie dem Verhökern von Bier, besorgt. Allerdings ist nicht alles rosarot. Über dem Trio schwebt mit düsterer Wucht die Gewissheit, dass nur Wladimir und Andrej eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis haben. Mischa droht nach kurzer Zeit des kleinen Glücks die Abschiebung. Was natürlich verhindert werden muss. Da kommen dann wahre Liebe und käufliche Lust ins Spiel. Mischa wäre ja schließlich nicht der erste, der sich in eine neue Existenz hineinheiraten würde. Doch wie das nicht selten so ist: Selbst zündende Ideen verpuffen gelegentlich in kläglichem Kleinmut. Ob es für das Trio so was wie ein Happy Ende gibt, bleibt lange, lange ungewiss, und damit die Spannung groß.
Matthias Schweighöfer, Friedrich Mücke und Christian Friedel nehmen mit dem Charme liebenswerter Käuze sofort ungemein für sich ein und ziehen das Publikum damit in ihren Bann. Optimist Wladimir, Künstlerseele Mischa und Grübler Andrej, die liebenswerteste Figur, sind ideale Protagonisten. Dank der Darsteller werden selbst auf den ersten Blick oberflächlich anmutende Partyszenen zu durchaus differenzierten Bildern jener kurzen Zeitspanne, da nach dem Mauerfall und vor der Globalisierung und deren Folgen eine Blüte der bürgerlichen Gesellschaft in Westeuropa anzubrechen schien. Das Wissen des heutigen Zuschauers darum, dass die Unbeschwertheit rasch vergehen wird, gibt dem Geschehen das Leuchten des Besonderen, Kurzlebigen. Schade, dass sich der Autor und Regisseur Oliver Ziegenbalg nicht durchgängig auf die Wirkung des Einfangens von ungeschminkter Realität verlässt. Einiger Schnickschnack, wie etwa völlig überflüssige Zeichentrickmomente, bringen keinen Gewinn, stören nur.
Der Film hat mit der Vorlage außer dem Titel nur wenig gemein. Was ich höchst angenehm finde. Die Melange aus Witz, Kalauern, Melancholie und Rückschau auf ein Berlin, das es so nur ein paar Monate gab, ist rundum vergnüglich. Und wenn dann das Vergnügen verrauscht ist (was schnell geschieht), bleiben einem sogar ein paar Gedanken ernsthafterer Art zur Zeitgeschichte.
Peter Claus
Russendisko, von Oliver Ziegenbalg (Deutschland 2012)
Bilder: Paramount
ShareUlrich Horstmann: Abschreckungskunst. Zur Ehrenrettung der apokalyptischen Phantasie
von Ingo Arend in Kritik, Literatur am 27. März 2012
Symbolische Kampfplätze
Ulrich Horstmann erklärt, warum die apokalyptische Phantasie den atomaren Weltuntergang verhindert
Los Angeles versinkt im Pazifischen Ozean, Las Vegas in einem Ascheregen, eine Handvoll Menschen überlebt die größte Katastrophe der Erdgeschichte in eisernen Archen in Afrika. Als Roland Emmerichs Film „2012“ vor drei Jahren in die Kinos kam, brach eine Unruhe aus wie 1938, als Orson Welles’ Hörspiel „Krieg der Welten“ eine Invasion der Marsmenschen im Osten der USA suggerierte. Die Nasa musste eine Website einrichten, um den Mythen über einen bevorstehenden Weltuntergang entgegenzutreten. Zum Rest des Beitrags »
ShareWer weiß, wohin? (Nadine Labaki)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 21. März 2012
Christen und Moslems in einer Gemeinschaft? Krise! Das muss aber nicht sein. Jedenfalls nicht, wenn sich die Menschen die Weisheit der Frauen in dieser launigen Komödie zu eigen machen. Die Geschichte, die sich aus vielen kleinen und kleinsten Geschichtchen zusammensetzt spielt in einem Dorf in einem nicht genau bezeichneten Land im Nahen Osten. Zwischen den Religionsgruppen kommt es zu Spannungen, als sich die Lage draußen im Land verschärft. Die Minen, bisher allein ums Dorf herum,
drohen nun auch hier, wo Moschee und Kirche nur ein paar Schritte voneinander entfernt stehen, zu explodieren. Die Männer jedenfalls sind auf Gewalt programmiert. Anders die Frauen. Klug, wie sie sind, setzen sie auf Mutterwitz. Und siehe da: Es könnte doch auch alles anders verlaufen als meist gewohnt!
Die aus dem Libanon stammende Autorin, Regisseurin und Schauspielerin Nadine Labaki, deren „Caramel“ in bester Erinnerung ist, setzt auf Lachen und Herzensgüte. Ihre einige ernste Töne anschlagende Komödie erzählt, ganz klar, ein Märchen, manifestiert einen Wunschtraum. Das Grauen, das etwa derzeit aus Syrien via Fernsehen um die Welt geht, spielt bei ihr keine wirkliche Rolle. Allerdings hütet sie sich auch vor simplen Verniedlichungen, indem sie durchweg mit ihrer leichtfüßigen Inszenierung das Märchenhafte der Geschichte betont.
Antiken Vorbildern folgend machen die Frauen dem Irrsinn ein Ende, indem sie sich den Männern entgegen stellen – jedoch nicht militärisch, sondern listig. Sie zerstören die Lautsprecher des Dorf-TV, damit die Mannsbilder keine gewaltdurchtränkten Nachrichten mehr erreichen, sie setzen auf Erotik durch Stripperinnen, mischen Berauschendes oder benebelndes ins Essen, damit die Kerle außer Gefecht gesetzt werden. So wie die Frauen in der Geschichte, Verschiedenstes nutzen, mixt Nadine Labaki Elemente verschiedener Genres wild und fast zügellos, vor allem Musical, Tragödie, Komödie. Als Europäer mag man erst einmal denken, dass den Spannungen so wohl kaum beizukommen sei. Immerhin: der Film setzt Hoffnung in die Welt, dass dem doch so ist. Ein erster, klitzekleiner Schritt. Aber immerhin: ein Schritt!
Peter Claus
Wer weiß, wohin?, von Nadine Labaki (Frankreich/ Libanon 2011)
Bilder: Tobis
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Take Shelter (Jeff Nichols)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 21. März 2012
2007 machte Autor und Regisseur Jeff Nichols nachdrücklich mit der Kain-und-Abel-Variante „Shotgun Stories“ auf sich aufmerksam. Das Bruder-Drama überzeugte insbesondere auch, weil der Film – fern von vordergründigen Verweisen – als Bild des desolaten Zustands der US-amerikanischen Gesellschaft zu lesen war. Genau das macht auch seinen neuen Film sehenswert.
Jeff Nichols zieht das Publikum mit einem intelligenten Psychodrama in seinen Bann. Die Geschichte spielt im US-amerikanischen Bundesstaat Ohio. Hier lebt Curtis LaForche (Michael Shannon) mit seiner Frau Samantha (Jessica Chastain) und der sechsjährigen gehörlosen Tochter Hannah (Tova Stewart) in einer Kleinstadt. Auf den ersten Blick sieht das Familienleben recht angenehm aus. Zwar kann von Wohlstand keine Rede sein, aber ebenso wenig von Armut. Aber: Curtis wird von düsteren Träumen heimgesucht, in denen ein Orkan alles Leben hinwegfegt. Von den Visionen bedrängt, beginnt er mit dem Bau eines Schutzbunkers. Niemand nimmt ihn ernst. Doch er kommt nicht zur Besinnung. Es sieht so aus, als würde das vermeintliche Fehlverhalten des
Mannes, sein Abrücken von der von allen für unverrückbar gehaltenen Realität, zwangsläufig zu einer Katastrophe führen.
Erst einmal ist das ein handfester Psychothriller, eine profunde Studie persönlichen Abdriftens in eine kranke Welt. Doch das ist ebenso eine Parabel auf das „Verrücktsein“ der gegenwärtigen USA, die Pervertierung des ur-amerikanischen Traums vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der Film zeigt, dass sich unter gewissen Umständen eben auch das Böse, das Kranke, das Grausame unbegrenzt entfaltet. Aber: Wer mag, kann sich ganz ohne Reflexionen in den Sog der Geschichte vom Abdriften eines vielleicht oder wirklich oder überhaupt nicht geisteskranken Mannes ziehen lassen.
Jeff Nichols, verantwortlich für Drehbuch und Regie, lässt sich Zeit beim Erzählen. Er kultiviert eine unheilvolle Ruhe. Die Hauptfigur ist durchweg in der Schwebe zwischen Wachen und Wahn. Das steigert damit die Spannung beträchtlich. In den Landschaftsbildern scheint hinter allem Schönen stets Bedrohung zu lauern. Curtis LaForche wirkt in diesen Szenerien, von denen nie klar ist, ob sie Realität oder Traum sind, wie ein bis zur Weißglut angespanntes wildes Tier im Käfig. Michael Shannon, der schon in „Shotgun Stories“ beeindruckte, spielt den Curtis mit machtvoller körperlicher Präsenz. Einerseits zeigt er das virile Arbeitstier, andererseits lässt er in müden Blicken und schlaffen Gesten den verunsicherten Grübler aufscheinen. Schließlich wurde einst bei Curtis’ Mutter eine Schizophrenie diagnostiziert. Hat ihn die Krankheit eingeholt? Als Zuschauer bangt man mit dem Protagonisten, dass die Antwort „Nein“ ist. Doch das hieße, dass tatsächlich ein alles vernichtender Orkan droht. Zusammen mit Curtis gerät man also in einen Teufelskreis der Gefahr, aus dem kein Entrinnen möglich scheint. Neben Michael Shannon fasziniert Jessica Chastain als um Verständnis bemühte Ehefrau. Die junge Schauspielerin, die im Vorjahr mit Hauptrollen in gleich sieben Spielfilmen beeindruckte, zeigt mit kühler Präzision im Vorführen kontrollierter Angst, dass sie zu den gegenwärtig größten Talenten Hollywoods gehört. In einer Schlüsselszene des Films ist für einen Moment unklar, ob die von ihr gespielte Frau wirklich gute Gefährtin oder durchtriebenes Monster ist. Mit einem einzigen Blick baut Jessica Chastain eine enorme Spannung auf. Da hält man als Zuschauer wirklich die Luft an. Kameramann Adam Stone unterstützt Regie und Schauspiel, indem er ein nahezu in Grau erstickendes Land beschwört, eine Heimstadt der Verzweiflung, ein Zuhaue, das keinen Halt bietet.
Am Ende gibt es einen wahrlich überraschenden Twist. Jeff Nichols kassierte dafür von einigen Kritikern ziemliche Schelte. Was ich nicht nachvollziehen kann. Gerade das Finale entlässt einen in die beunruhigende Situation, durch Curtis LaForche die Schattenseiten des eigenen Daseins wahrzunehmen.
Peter Claus
Take Shelter, von Jeff Nichols (USA 2011)
Bilder: Ascot Elite (24 Bilder)
ShareFotoausstellung zu Boris Mikhailov
von Ingo Arend in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 15. März 2012
Schlaffer Penis, fette Salami
Den Realismus mit seinen eigenen Mitteln schlagen: Die Ausstellung „Time is out of joint“ in der Berlinischen Galerie zeigt den Fotoexperimentator Boris Mikhailov.
Eine Frau, die im Schnee ihren Unterleib entblößt, ein alter Mann in Uniform, der eine Axt schwingt, einer streckt dem Betrachter seinen vernarbten Hintern entgegen. Seit seiner berühmten Bilderserie „Case History – Krankheitsgeschichten“ ist Boris Mikhailov unter einem festen Image abgespeichert.
Kaum war der 1938 in Charkow geborene Künstler Ende 1996 von seinem Berliner DAAD-Stipendium in seine Heimat zurückgekehrt, macht er sich daran, das Leben der „Bomzhes“, der Obdachlosen in der ukrainischen Industriestadt festzuhalten. „Schrecklich, aber unvergesslich“, notierte ein britischer Kritiker vor gut zehn Jahren über Mikhailovs drastische Aufnahmen. Sie avancierten zu Chiffren des postsozialistischen Niedergangs. Mikhailovs Siegeszug durch die Museen begann. 2000 wurde er dafür mit dem renommierten Hasselblad-Foto-Preis ausgezeichnet.

Boris Mikhailov ohne Titel (aus der Serie Case History), 1997-1999 Sammlung Berlinische Galerie, Berlin Copyright the artist
Es ist das Verdienst der jüngst eröffneten Ausstellung der Berlinischen Galerie, dass sie dieses reduzierte Bild aufbricht. Denn anders als bei der Nan-Goldin Ausstellung vor einem Jahr verlässt sich Kurator Thomas Köhler, der Direktor des Hauses, diesmal nicht auf die „Erfolgsbilder“ seines Gastes, sondern präsentiert das gesamte Oeuvre bis in die jüngste Gegenwart.
Und das lehrt, dass man diesen Künstler nicht auf irgendeinen Realismus festlegen sollte. Auch wenn er selbst immer wieder das „Alltägliche und Gewöhnliche“, gar „Wahrhaftigkeit“ für seine Kunst reklamiert. Wenn er sich spöttisch als „Straßenköter“ bezeichnet. Oder die Abwesenheit ästhetischer Ambitionen dadurch demonstriert, dass er seine Bilder „aus der Hüfte schießt“. So entstand seine Serie „Am Boden“, mit der er 1991 in Kiew und Charkow das Leben der Ausgegrenzten festhielt. Zum Rest des Beitrags »
ShareDon Camillo & Peppone (Blu-ray Edition)
von Peter Claus in Film, Kritik am 15. März 2012
Es gibt Klassiker der Kinounterhaltung, die kann man immer wieder gucken – „Some Like it Hot“ etwa oder die „Miss Marple“-Reihe mit Margaret Rutherford. Gleiches Kaliber: die fünf „Don Camillo und Peppone“-Komödien, die jetzt in einer Box als Blue Ray zu haben sind.
Italien in den 1950er und 1960er Jahren: Don Camillo, der katholische Priester Don Camillo, und Peppone, der kommunistische Bürgermeister, buhlen in einem kleinen Dorf um die Gunst der Bewohner und damit um die Macht. Dabei mutieren die Zwei nicht selten zu Kampfhähnen, was immer wieder urkomische Folgen provoziert. Die Pointen laufen meist darauf hinaus, dass keiner der Beiden, sondern der gesunde Menschenverstand gewinnt. – Nach diesem Strickmuster laufen alle Geschichten um das Duo infernale ab, die der Schriftsteller Giovannino Guareschi geschrieben hat. Sie dienten als Vorlage für fünf der größten Erfolge des italienischen Kinos.
In der Erinnerung viele Filmfans stehen die Filme um das ungleiche Paar Don Camillo und Peppone für harmlose Unterhaltung. Ganz so harmlos allerdings sind die fünf mit dem Schauspiel-Duo Fernandel und Gino Cervi realisierten Verfilmungen der Romane und Erzählungen von Guareschi nicht. Die Filme haben, anders als die Romane, eine schon vordergründig eindeutig antikommunistische Stoßrichtung. Bleibt in den Büchern weitgehend das Gleichgewicht der Kontrahenten gewahrt, sind Sympathie und Mitgefühl in den Filmen eindeutig auf Don Camillo gerichtet. Nicht zufällig wurde Gino Cervi als Bürgermeister eine stark an Stalin erinnernde Maske verpasst, wich dessen Mutterwitz aus den Vorlagen im Kino einem eher tumben Humor, scheint’s, als drehe sich die Welt nur dann in menschlichem
Maß, wenn Don Camillo und der Herrgott allein das Sagen haben. Ganz klar: Die Geldgeber der Filmindustrie nutzten das Potenzial des Kinos als Propagandainstrument geschickt und publikumswirksam aus. Die Kommunisten, die in Italien im Widerstand gegen die Faschisten viel bewirkt haben, die nach Kriegsende in Machtpositionen drängten, sollten abgewertet und so geschwächt werden. Drum fehlt denn in den Filmen weitestgehend, was die kraftvollen Charaktere der Romanfiguren wesentlich prägt: ihre Vergangenheit. Guareschis Don Camillo wurde einem wirklichen katholischen Priester nachempfunden, der als Partisan in Gefangenschaft geraten war und Jahre in den Konzentrationslagern Dachau und Mauthausen durchleiden musste. Peppone, wie Bürgermeister Giuseppe Bottazzi genannt wird, ist in den Geschichten, die als Vorlage für den Film dienten, ein Kamerad und Freund des Priesters, beide sind aus gleichem Holz geschnitzt, beide wollen nur das Beste für ihre Dorfgemeinschaft. So müssen sie bei Guareschi denn auch regelmäßig erkennen, dass sie einander mit ihren Idealen viel näher sind, als sie sich eingestehen möchten. Guareschis Erzählungen waren nach Bekunden des Autors auch gedacht als Aufruf an die diversen politischen Lager, den Wiederaufbau nach dem Ende des Faschismus’ zusammen zu stemmen. Ein wesentlicher Kunstgriff von ihm wurde zum Glück für die Verfilmungen erhalten: das Kruzifix in der Dorfkirche. Wird Don Camillo ob eines vermeintlichen Sieges über Peppone zu übermütig und kniet selbstgefällig vor dem Kruzifix, dann spricht Jesus zu ihm, mahnt und kritisiert. Keine Frage: Guareschi war kein Freund der Kommunisten. Doch wo er seine Argumente feinsinnig als Satire servierte, schwangen die Filme die ideologische Keule mit hartem Schlag. Bei allem Spaß, den die Filme auch heutzutage bereiten, stößt das doch bitter auf, verkleinert es das Vergnügen doch beträchtlich. Denn anders als in den Büchern werden die politischen Gegner in den Filmen nur zu Deppen – und das nimmt vielen Gags die Spitze.
Sechs Verfilmungen der Erzählungen und Romane gibt es, fünf davon bringt StudioCanal jetzt als Blue-Ray-Edition heraus. Es sind die fünf Filme des Schauspiel-Duos Fernandel/ Cervi, die zwischen 1952 und 1965 gedreht wurden. Während der Arbeit an der sechsten Adaption starb Fernandel, es wurde Ersatz gefunden, auch für Cervi, der sich weigerte, ohne seinen Freund Fernandel zu drehen. Doch der Erfolg blieb aus. Es ist kein Verlust, dass dieser Film aus dem Jahr 1971, hier fehlt.
Neben den zwei Hauptdarstellern hat übrigens insbesondere Komponist Alessandro Cicognini die Komödien geprägt. Seine Musik vermeidet reines nach Effekten heischendes Illustrieren. Er befolgte die Forderung Hitchcocks an gute Filmmusik: man soll sie während des Filmguckens gar nicht bewusst hören, am Ende aber doch im Ohr haben. Als die Filme herauskamen, pfiffen die Spatzen in Italien das Hauptthema der „Don Camillo und Peppone“-Serie von den Dächern. Fernandel und Gino Cervi wurden zu Stars, die an den Kassen selbst Sophia Loren und Gina Lollobrigida übertrumpften. Kein Wunder, dass es nach dem einen gescheiterten Versuch, sie zu ersetzen, keine weiteren Unternehmungen dieser Art gab. Fernandel und Gino Cervi sind zu Don Camillo und Peppone geworden – unvergesslich. Sie sorgen dafür, dass die Filme trotz des Grolls ob der Verflachung der Geschichten gegenüber den literarischen Vorlagen, sehr unterhaltsam sind.
Peter Claus
Don Camillo & Peppone Edition (Blu-ray)
Darsteller: Gino Cervi, Fernandel
Untertitel: Deutsch
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: STUDIOCANAL
Spieldauer: 524 Minuten
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Blu-ray 5er
Schuber
Komödie, Italien / Frankreich 1952-1965, ca. 524 Minuten
FSK 12
In der Box:
Don Camillo und Peppone / Blu-ray
Don Camillos Rückkehr / Blu-ray
Genosse Don Camillo / Blu-ray
Die große Schlacht des Don Camillo / Blu-ray
Hochwürden Don Camillo / Blu-ray






















