Orhan Pamuk: Der Koffer meines Vaters

Orhan Pamuk, 2009, © David Shankbone

Ameise im Elfenbeinturm

Was diesen Band vor allem lesenswert macht, ist das (Selbst-)Bild eines aufrichtigen Menschen, das bei der Lektüre entsteht.

Wie interessant kann das Leben eines Autors sein, der nichts mehr liebt, als „in einem Zimmer allein zu sein und meine Phantasie spielen zu lassen“? Orhan Pamuk, der 1952 geborene Literaturnobelpreisträger aus Istanbul ist ein leidenschaftlicher Verteidiger des Elfenbeinturms. In seiner Rede zur Verleihung der höchsten literarischen Auszeichnung stellte er sich 2006 in Stockholm ausdrücklich in die Tradition Montaignes und der Autoren, die „sich von ihrer Gemeinschaft lösen und sich allein in ihre Kammer setzen“. Zum Rest des Beitrags »

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M – Eine Stadt sucht einen Mörder (Graphic Novel von Jon J. Muth, nach dem Fritz Lang Film)

Der schwarze Mann

Zitrone, Banane… Es war der „schwarze Mann“, der uns seinen Schatten in die Kindheit warf. Noch vor den Atombomben und Autounfällen. Neben Höllen-Drohungen im Religionsunterricht und Monstern in den Comics. Von ihm erreichte uns nur ein warnendes Raunen; das Schrecklichste an ihm war, dass er, wahrscheinlich, das Aussehen eines gewöhnlichen netten Onkels hatte. Er würde uns mit einer Tüte Bonbons in ein Auto locken, würde uns Spielzeug in seiner Wohnung versprechen, würde vorgeben, uns etwas ganz Schönes zu zeigen. Dieser böse Mann konnte überall erscheinen, auf dem Spielplatz oder auf dem Schulweg. Nur zuhause, das machte man uns klar, wären wir sicher.

Zitrone, Banane, an der Ecke steht ein Mann/Zitrone, Banane, der lockt die Kinder an/Zitrone, Banane, er nimmt sie mit nach Haus/Zitrone, Banane, er zieht sie nackig aus… Weiter weiß ich das Lied nicht mehr, ich weiß nicht einmal, ob es überhaupt weiter ging. Es gehörte zum Wesen des bösen Mannes, dass alles, was ihn betraf, irgendwo in Dunkelheit und Schweigen führte. (Auch der Film „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“, auch die Graphic Novel „M“ beginnen mit einem Lied, das Kinder singen, halb provozierend, halb um die eigene Furcht zu bannen. Werden böse Männer durch Lieder angelockt?) Zum Rest des Beitrags »

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Samuel Dashiell Hammett: Der Malteser Falke

Der Engel des „Ja, so ist es“

Vor 80 Jahren erschien „Der Malteser Falke“

Donnerstag. 26. März 1953, Senat der Vereinigten Staaten, Ständiger Unterausschuss des Senats für Ermittlungen über unamerikanische Umtriebe (HUAC), Vorsitz: Senator Joseph McCarthy.

- Sie sind Schriftsteller?

- Das ist richtig.

- Und Sie sind der Autor mehrerer ziemlich bekannter Kriminalromane. Ist das richtig?

- Das ist richtig.

- Außerdem haben Sie, glaube ich, in früherer Zeit über bestimmte soziale Themen geschrieben. Trifft das zu?

- Also, ich habe Kurzgeschichten geschrieben, die vielleicht – wissen Sie, es ist unmöglich, etwas zu schreiben, ohne irgendwelche Stellung gegenüber sozialen Problemen zu beziehen.

- Sie sagen, es ist unmöglich, etwas zu schreiben, ohne irgendwie Stellung gegenüber sozialen Problemen zu beziehen. Nun denn, sind Sie der Autor einer Kurzgeschichte, die „Nightshade“ heißt?

- Das bin ich. Zum Rest des Beitrags »

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Ray Bradbury, Tim Hamilton: Fahrenheit 451

- “Ich hatte einen netten Abend.”

- “Was war denn?”

– “Das Wohnzimmer. Programme.”

– “Was gab’s? Was für Programme?”    (Fahrenheit 451)

Es gab eine Zeit, da hat Science Fiction noch geholfen. Sie war ein Verständigungsmittel des liberalen Mittelstands und seiner Jugend; sie suchte nach einem Ausweg aus der Kindheitsfalle von Katastrophen- und Allmachtsphantasie, wohl auch von Dagegensein und Mitmachen; Science Fiction verspricht gern Aufklärung und behauptet zugleich genauso gern, dafür sei es ohnehin (beinahe) zu spät. Und oft, wie bei Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ kommen die Spekulationen über die Zukunft ziemlich direkt aus einer Erfahrung der Gegenwart. Bei Bradbury war es die Begegnung mit einem Polizisten in L.A.: Zum Rest des Beitrags »

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Olen Steinhauer: Der Tourist

Der Amerikaner, der aus der Kälte kam

George Clooney hat alles verändert. Seit dessen Produktionsfirma sich 2009 die Filmrechte an Olen Steinhauers Spionagethriller „Der Tourist“ sicherte, erklomm das Buch in den USA die Bestsellerliste der „New York Times, wurde in 20 Länder verkauft, machte den Autor über Nacht bekannt und ist in Deutschland bei Heyne als Hardcover erschienen. Es ist hierzulande Olen Steinhauers erster literarischer Auftritt, seine ersten fünf Romane sind (noch) unübersetzt. Dabei sind sie Deutschland, sind sie Europa und seiner Kultur und Geschichte weit näher als Amerika.

Olen Steinhauer, der zur Zeit als Picador Guest Professor an der Universität Leipzig über „Spy Literature“ lehrt, kann amüsant beschreiben, wie wenig er „vor George Clooney“ auf Verlagsempfängen beachtet wurde: „Olen Who? Olen Wer, fragten die Leute.“ Olen Who war bis vor kurzem der bescheiden erfolgreiche Autor literarischer Thriller, ein für Amerikaner eher seltsamer Kauz mit einer unverständlichen Vorliebe für den Ostblock und längerem Wohnsitz in Budapest, fast ein Außerirdischer.

Schon sein erstes Buch „The Bridge of Sighs“ wurde als „bester Erstlingsroman“ für den „Edgar“ und gleich noch für vier weitere Krimi-Preise nominiert. In einem fiktiven Ostblock-Land kurz nach dem Zweiten Krieg versucht darin ein blutjunger und unerfahrener Polizist, einen Mordfall zu klären. Die Ideale der Revolution sind nur noch Erinnerungen, das Land wurde zwar vom „Faschismus“ befreit,  aber es liegt eine schwarze schwere Decke über der Zukunft. Die titelgebende Seufzerbrücke als durchgängiges Motiv entspricht jener in Venedig, über die ein Verurteilter im Wissen zu gehen hatte, sein künftiges Leben hinter Gittern verbringen zu müssen. In einer beklemmend schönen Szene erinnern sich nachts in einer Hütte einige Männer an je „ihre“ Brücke in ihrem Leben. Sie tun es schweigend, und all das Unausgesprochene eint sie. Literarische Kraft und dunkle Poesie hatte Steinhauers Erstlingsbuch und viel Sensibilität und Aufmerksamkeit für die kleinen banalen Seiten der Politik. Zum Rest des Beitrags »

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Natalja Kljutscharowa: Endstation Rußland

C’est la vie – sagte der Tod
In Natalja Kljutscharowas Debütroman brodelt die Wut der Hoffnungslosen

Soll man sich wirklich von einem Roman Aufschluss über die Lebenswirklichkeit im heutigen Russland erhoffen? An Natalja Kljutscharowas Debüt Endstation Rußland schreckt eigentlich schon der Titel ab. Denn er kündigt einen Realismus an, der aller Fiktion nur schaden kann. Und setzt mit dem Wort „Endstation“ gleich noch ein weiteres Signal: Die Erwartung einer Saga von Abstieg, Desaster und Verfall.

In der Tat ist das Russland, von dem die 1981 in der Ural-Metropole Perm geborene Autorin in ihrem Buch erzählt, ein Land genau der extremen Klischees, die seit Jahr und Tag das hiesige Bild von Russland bestimmen. Nikita, der Held des Buches, ein junger Petersburger Student, der kreuz und quer durch das Land reist, trifft auf bitterste Armut in den abgehängten Provinzen, wo die Menschen in Löchern wohnen. In der Megametropole Moskau stellen die Reichen schamlos ihren Wohlstand aus. Zum Rest des Beitrags »

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I am Airen Man

Ein großer Schriftsteller?

Vom Blog zum Roman: „I am Airen Man“ von Airen ist ein Amalgam aus Partyslang und Umgangssprache. Nett zu lesen. Aber ein großes Buch ist es nicht geworden

Du fragst mich, was soll ich tun? Und ich sage: lebe wild und gefährlich!“ Diesen Spruch Arthur Schnitzlers fand man viele Jahre in studentischen Wohngemeinschaften. Morgens prägten sich ihre Bewohner den Spruch genau ein, bevor sie ins Juridicum zogen. Abends standen sie auf einer Küchenparty mit Freunden davor und nahmen sich vor, eines Tages endlich mal „so ganz anders“ zu leben.  …mehr lesen (der Freitag)

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Eugène Francois Vidocq

Das Gesicht des Verbrechens

Memoiren von Vidocq

Er wurde zu einer Inspiration für Balzac, Victor Hugo, Alexandre Dumas und Edgar Allan Poe. Er war Gauner und Ausbrecher, Polizeispitzel und Geheimagent, er gilt als der erste Privatdetektiv und als ein Begründer der modernen Kriminalistik. Seine Lebenserinnerungen von 1828 sind nun wieder zugänglich, in einer erschwinglichen Taschenbuchausgabe: „Memoiren von Vidocq. Chef der Sicherheitspolizei“.

Auf solche Ausgrabungen ist eigentlich die „Andere Bibliothek“ abonniert. Aber es ist ein kleiner Frankfurter/Neu-Isenburger Verlag, der dieses literarisch-kriminalistische Juwel herausgebracht hat, in der „Edition Flaschenpost im Wunderkammer Verlag“. Dort werden übrigens auch, kenntnisreich kommentiert und sorgfältig editiert, die Abenteuerromane Emilio Salgaris wieder aufgelegt, die alles übertreffen, was Karl May für Literaten wie Arno Schmidt und Hans Wollschläger so interessant gemacht hat.

Die aktuelle Vidocq-Ausgabe erschien auf Deutsch erstmals 1920 unter dem Titel „Landstreicherleben“, übersetzt vom linken Literaten Ludwig Rubiner. 1968 (!) erlebte das Buch eine Neuauflage, beim Verlag Rogner&Bernhard als „Vidocq, der Mann mit den hundert Namen“. Der damalige Klappentext wäre auch heute noch markttauglich: „Seltsame Karriere eines Gauners in den Nachwirren der Französischen Revolution: 1809 wird er Agent der Polizei, schon 1811 Chef der Securite, gründet eine Papierfabrik, geht bankrott, wird schließlich einer der Hauptfiguren in Balzacs ‚Die Menschliche Komödie’.“ Zum Rest des Beitrags »

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Buch Tipp: George A. Romero und seine Filme

Georg Seeßlen: GEORGE A. ROMERO UND SEINE FILME

Zum 70. Geburtstag des Regisseurs am 4. Februar 2010 analysiert Georg Seeßlen seine Filme und präsentiert faszinierende Einblicke in die Welt des eigenwilligen Film-Genies, das fernab von Hollywoods Zwängen einen Geniestreich nach dem anderen präsentiert.

Als 1968 Night of the Living Dead in die Kinos kam, ein an expressionistischen Stummfilmen geschulter Horror-Schocker, ahnte niemand, dass dieser Film das Genre für immer verändern würde. Vierzig Jahre später sind George A. Romeros gesellschaftskritische Zombie-Filme längst fester Bestandteil sowohl der Pop-Kultur wie auch des kulturellen Mainstream.

GEORGE A. ROMERO UND SEINE FILME
Georg Seeßlen

Hardcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-937897-37-0
320 Seiten, 23,00 EUR
erscheint im Februar 2010 in der Edition Phantasia

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Vladimir Nabokovs „Das Modell für Laura: Sterben macht Spaß“

138 Karteikarten, die entweder ein Roman oder aber verbrannt werden sollten, wurden nun als Nabokovs letzter Roman “Das Modell für Laura” veröffentlicht

Jemandem bei der Arbeit zuzuschauen, ist erlaubt, aber ein bisschen unangenehm. Jemandem beim Kochen, Essen oder Aufräumen zuzuschauen, ist ein Verstoß gegen ein mildes Tabu. Jemandem beim Sich-Zurechtmachen, bei der Körperpflege, beim Einüben von sozialen Auftritten, beim Erlernen von Codes, bei Nachmach-Versuchen und beim Schauspiel-Training vor dem Spiegel zuzuschauen, ist eine mittlere Tabu-Katastrophe. Jemandem beim Geboren-werden, beim Sex und beim Sterben zuzuschauen, ist eines der letzten Tabus, die wir noch als wirksam ansehen (und daher manisch um es herum erzählen, abbilden und phantasieren). Jemandem beim Schreiben zuzuschauen aber, das ist, als würde man alle Tabus des Sehen-was-nicht-gesehen-werden-soll auf einmal übertreten. Zum Rest des Beitrags »

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Botho Strauss: Vom Aufenthalt

Botho Strauss ist, ganz und gar zeitgenössisch, ein anti-moderner Schriftsteller. Und so schön sein anti-modernes Schreiben auch ist, meistens, so enervierend kann gelegentlich sein anti-modernes Denken sein. Ich meine: dort wo das anti-moderne Denken umkippt in ein Denken der Anti-Moderne. So geht das immer wieder zurück, hält sich bei Rudolf Borchardt auf, sucht nach Ursprung und Ahnen und verwechselt noch das Moderne mit seinen Moden: „Zu lange schon waren wir modern und wurden lediglich mehrmals von neueren Modernen überholt“. Leider ist dies ganz einfach nicht wahr, vielmehr wurde noch jedes Moderne von seinen Antipoden der Beharrung und der Bequemlichkeit überholt. Nicht dass Botho Strauss etwa auf Seiten von Beharrung und Bequemlichkeit stünde, vielmehr muss er ja seine Schätze, und davon hat er reichlich, einigermaßen angestrengt verteidigen. Und wir müssen Botho Strauss verteidigen, einerseits gegen ihn selbst, und andererseits gegen jene Antipoden, die von ihm gerade mal die ungemütliche Nähe zur neuen Rechten aufgeschnappt haben. Aber der Reihe nach. Zum Rest des Beitrags »

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Brian W. Aldiss: Terror

terror250Der letzte Sci-Fi Roman

Dies ist eine ordentliche
Nation sogar ihr Wahnsinn
Ist uniformiert
(Brian W. Aldiss: Leben-Sein-Haben: Ein Epos in Haiku)


Brian Wilson Aldiss, das ist einer von den Schriftstellern, die alle Höhen und Tiefen eines Science Fiction-Autors erlebt haben: Sperrige Meisterwerke, die keine Sau lesen will, Genrefutter, um die Rate fürs Eigenheim zu zahlen und dazwischen der eine oder andere Klassiker nach den Regeln des Genres und vielleicht auch an ihren Grenzen. Nebenbei Ausflüge in die Autobiographie, in die Mainstream-Literatur, in die Lyrik. Mit „Barefoot in the Head“ handelte er sich den Ruf eines James Joyce auf Acid in der SF ein. Welcher Fan von Raumschlachten und Superrobotern goutiert schon einen Roman, der mit Gedichten durchsetzt und antilinear ist und vor allem aus Sätzen wie diesem besteht, der ins Deutsche übertragen ungefähr so lautet: „Er richtete sich beschmutzt auf und um ihre menschlichen Schultern zogen sich Schals des Nebels sepiafarben zurück, obschon unterirdisch die neuen bleischwärenden Tiere in Obskurität rotterten und furchtelten“.

Es sind drei Elemente welche die meisten der immerhin mehr als dreihundert Werke von Brian W. Aldiss bestimmen: Eine Philosophie der kulturellen Entropie, die Suche nach dem Überleben in Gesellschaftssystemen, die angelegentlich mit dem eigenen Rückbau beschäftigt sind. Ein autobiographischer Strang, genährt vor allem durch die Traumata der englischen Erziehung, in der man für einen „Phantasten“ wie ihn nur die doppelte Ration Prügel kennt (kaum ein Roman – und auch „Terror“ ist da keine Ausnahme – kommt ohne eine Schilderung von Prügelstrafen und ihre Auswirkung auf die kindliche Psyche aus), und Aldiss’ Zeit beim Militär in Burma und Indonesien, die eine tiefe Abneigung gegen Befehl und Gleichschritt hinterließ. Und schließlich ein ungewöhnlich hoher Grad der Genre- und Sprachreflexion. Zum Rest des Beitrags »

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Joseph Wambaugh: Die Chorknaben

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Kann man Polizisten mögen?

Ein Klassiker des Polizeiromans ist wieder zugänglich. Das Cop-Decamerone „Die Chorknaben“ aus dem Jahr 1975 liegen jetzt endlich wieder in einer preiswerten deutschen Taschenbuchausgabe vor. Wobei, wer des Englischen mächtig ist, im Original jede Menge Sprachspaß an Dialogen und schrägen Namen zusätzlich hat. Der 1937 geborene Joseph Wambaugh ist einer der Väter des modernen, realistischen Polizeiromans.

Heutige Autoren zollen ihm uneingeschränkt Tribut. Zum Beispiel Michael Connelly in seinem noch unübersetztem Roman „The Scarecrow“. Dort sucht Polizeireporter Jack McEvoy (ja, der aus „Der Poet“) nach seinem Rauswurf bei der Zeitung einen Zufluchtsort auf: „Es war die Art von Kneipe, über die man in einem Joseph Wambaugh-Buch liest, in der Cops sich treffen, um unter ihresgleichen und mit Groupies zu sein, die sie nicht aburteilen.“ In der neuen Taschenbuchausgabe der „Chorknaben“ liefert der Verlag Bastei Lübbe ein Vorwort von James Ellroy mit, dem selbsternannten „Höllenhund der Kriminalliteratur“. Der hat gerade mit dem 640-seitigen „Blood’s A Rover“ seine Monumentaltrilogie Wie-Amerika-in-den-60ern-den-Bach-runterging vollendet.

Über Ellroy wie über Wambaugh lässt sich trefflich schlimmst geteilter Meinung sein, beide aber schauen der politisch unkorrekten Realität tiefer in den Schlund als viele andere zahme Gestalten, die unsere Bestsellerlisten füllen. „Die Chorknaben“, das lässt sich mit Freude feststellen, haben seit ihrem Erscheinen vor 34 Jahren nichts an Saft und Kraft und Widerborsten eingebüsst. Zum Rest des Beitrags »

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Der Deutsche Krimi-Preis 2009

Zunder, Zaster und Zitronen: Warum sechs Kriminalromane das deutsche Geistesleben erschüttern
Bücher einfach tanken?

Der Deutsche Krimi-Preis 2009 hat den amerikanischen Autor Richard Stark ereilt, als er gerade zwei Wochen tot war. Früher ging es nicht. Ehrlich. Ich weiß es ziemlich genau, denn ich bin Mitglied dieser Jury, und sein im Zsolnay-Verlag erschienener Hardboiled-Roman „Fragen Sie den Papagei“ war seit 1980 das erste in Deutschland von ihm aufgelegte Buch.

Wenn Sie meinen Papagei fragen: Es ist nicht unbedingt Richard Starks bester seiner insgesamt 28 Romane über den Berufsverbrecher Parker. Eine Jury muss manchmal mit kleiner Beute Flagge zeigen. Für Richard Stark ist es eine große schwarze Piratenflagge, sind es so viele Salven wie die Krimi-Jury Mitglieder hat (33). Zum Rest des Beitrags »

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Ingrid Mylos: Männer in Wintermänteln

Leseglück

wintermaentelMänner in Wintermänteln: James Dean, Marlon Brando, Mickey Rourke und Robert Mitchum natürlich, Trevor Howard, Gary Cooper, Richard Burton, Orson Welles, Marcello Mastroianni und sogar Kevin Costner gehören dazu.

Wenige Worte genügen Ingrid Mylo, um uns eine so noch nie betrachtete Galerie von Filmhelden vor Augen zu rufen. „Sie tragen den schweren Stoff wie eine ihnen auferlegte Pflicht, er verleiht ihnen Statur und Format und hält den Schnee zurück und den Schmutz der Straßen jenseits von Eden. Weder Hass noch Schläge dringen durch das raue Kleidungsstück wirklich zu ihnen durch, sie stecken sie ein und zucken die Achseln und gehen. Sie sind, das reicht, und manchmal grinsen sie. Zum Rest des Beitrags »

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Vom Leben gezeichnet (Comic)

Comics von Donald Duck bis Sailor Moon   

Das Schönste an Comics ist, dass man davon nicht reden kann ohne von der Kindheit zu reden. Mit Comics fängt es immer an: die Neugier, die Lust an Bildern und Texten, das Erkennen von Zusammenhängen und immer auch: Der Spaß am Überschreiten von Grenzen, die einem die Alltagswirklichkeit im allgemeinen, Eltern und Erzieher im Besonderen ziehen. …mehr

von Georg Seeßleen

aus: Deutschlandfunk – Kultur heute, 09.06.2009

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Alan Moore, Eddie Campbell: From Hell

Höllenfeuer der Moderne
Als Jack the Ripper sein Unwesen trieb: Zur Neuausgabe der Graphic Novel “From Hell” von Alan Moore und Eddie Campbell. Ein Meisterwerk drastischer und vieldeutiger Blood Poetry

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Am Strand bei Bournemouth im Jahr 1923 unterhalten sich zwei alte Männer. Einer war Polizist, der andere ein “Hellseher”. Kennengelernt haben sie sich damals, als ein Serienmörder in Whitechappel Prostituierte tötete und offensichtlich mit ärztlichem Handwerkszeug und Geschick ausweidete. “Jack the Ripper” nannte man den Whitechappel-Mörder; so hieß es in Bekennerbriefen, die die Polizei narrten, die aber kaum von dem Täter selbst stammten. Jack the Ripper beflügelte die Fantasie merkwürdiger Menschen in einer merkwürdigen Zeit: die 80er-Jahre des 19. Jahrhunderts, der brutale Vormarsch des Neuen, von Industrialisierung und Wissenschaft, Klassenkampf und brutaler Zähigkeit des Alten, des Empire, des englischen Königshauses und des Aberglaubens. Zum Rest des Beitrags »

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Bruno Morchio: Kalter Wind in Genua

Zum Reiz des Lesens gehört es, fremde Orte zu entdecken, von einer kundigen Hand durch unbekannte Gassen und Winkel geführt zu werden, in eine andere Welt einzutauchen.

Den Begriff »Stadtschreiber« haben Frankfurt und andere Städte sozusagen hilfsweise eingeführt. Längst nicht immer erfüllen die für ein Jahr Berufenen dann auch, was ihr Titel erwarten ließe. Wie viele Frankfurt-Romane zum Beispiel wurden uns bisher von seinen Stadtschreibern geschenkt? Manche Städte haben das Glück, in ihren Mauern Freiwillige für diese Aufgabe haben. Der Italiener Bruno Morchio ist einer von ihnen. Zum Rest des Beitrags »

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Volker Schlöndorff: Licht, Schatten und Bewegung; Mein Leben und meine Filme

Die Schönheit des Scheiterns
In seiner Autobiografie erzählt Regisseur Volker Schlöndorff von sich und dem unglücklichen Bewusstsein des deutschen Films

Volker Schlöndorff ist ein sympathischer Mensch und ein ehrbarer Filmemacher; ohne ihn kann man sich die Geschichte des neuen deutschen Films gar nicht vorstellen. Er hat diesem Kino, das nun schon lange nicht mehr das jüngste ist, immer wieder eine moralische Position abverlangt. Gestützt auf humanistisches Bildungsgut, gewiss, und auf solides Handwerk zumeist. Zum Rest des Beitrags »

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Nacht des Orakels

Oh, diese Notizbücher

Mit “Nacht des Orakels” gelangt Paul Auster zur Erfüllung und an die Grenzen seiner Methode

Das Buch gehört nicht nur dem Autor,
gehört auch dem Leser,

erst zusammen machen sie daraus,
was es ist.
Paul Auster

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Anti-Amerikanismus ist natürlich ein ideologisches Konstrukt. Eine politische Fiktion als strategische Unterstellung, die deswegen so perfide daher kommt, weil sie vage Assoziationen an den rassistisch begründeten Antisemitismus oder wenigstens an den “weltanschaulich” begründeten Antikommunismus weckt. Zum Rest des Beitrags »

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