Hell (Tim Fehlbaum)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 21. September 2011
Der Titel ist klug: „Hell“ steht sowohl für die Hölle als auch für kräftiges Licht. Das passt zum glühenden Inferno, in dem die Geschichte spielt. Sie führt in die nahe Zukunft, ins Jahr 2016: Die Sonne strahlt mörderisch. Es ist heiß, zu heiß. Die Durchschnittstemperatur ist um einiges zu hoch. Auf der Erde sieht es wüst aus. Trockenheit beherrscht überall das Bild. Die Landwirtschaft ist zusammengebrochen, Nahrungsmittel knapp. Damit ist auch die bürgerliche Gesellschaft dahin. Hunger und Durst treiben die noch Lebenden um. Gier ist an der Tagesordnung. Drei junge Leute und ein Kind ziehen Richtung Gebirge. Angeblich gibt es dort noch Wasser. Vielleicht stimmt es. Sicher ist: im vermeintlichen Paradies lauern viele Gefahren. Und die gehen vor allem von verzweifelten Menschen aus.
Den Inhalt des Films sollte man vorab nicht im Detail kennen. Die Spannung erwächst aus dem Unvorhersehbaren. Drehbuch und Regie bauen dabei erfreulicherweise nicht en masse, sondern wohl dosiert auf plötzliche Schocksequenzen. Der Horror erwächst meist aus scheinbar ganz Banalem. Phillip (Lars Eidinger), Marie (Hannah Herzsprung), Tom (Stipe Erceg) und die kleine Leonie (Lisa Vicari) versuchen dabei mühsam, sich ihre Menschlichkeit zu bewahren. Von Moment zu Moment wird die Frage gewichtiger, ob sie das durchhalten können. Und der Zuschauer darf sich fragen, wie er’s halten würde.
Wir leben in unsicheren Zeiten. Kein Wunder, dass Endzeitdramen Konjunktur haben. Im Vorjahr hat Lars Kraume mit „Die kommenden Tage“ eine düstere Vision entwickelt. Die Kritik reagierte eher verhalten, das Publikum ebenso. Tim Fehlbaums „Hell“ nun konnte diesen Sommer auf den Festivals in München und Locarno bei Rezensenten und Zuschauern punkten. Die Chance, auf einen Kassenerfolg ist also durchaus gegeben. Zu recht. Der Film hätte es verdient. Tim Fehlbaum, beraten von Roland Emmerich („The Day After Tomorrow“), der auch mitproduziert hat, lässt, anders als Lars Kraume, das gesellschaftskritische Moment im Hintergrund. Genre-Kino ist angesagt. Abgesehen von ein, zwei etwas vordergründigen Dialogen ist das gut gearbeitet. Zuschauer, die über die Spannung hinaus nachdenken möchten, bekommen reichlich Anstöße dazu. Doch erst einmal nimmt die geschickt eingefangene Atmosphäre der Angst gefangen. Die flirrenden, vom die Luft durchtränkenden Sandstaub geprägten Bilder von Kameramann Markus Förderer wirken durchgängig bedrohlich. Dies und die klare Inszenierung der geradlinig erzählten Story sorgen nach etwas holprigem Einstieg durchgängig für eine gänsehautträchtige Spannung.
Schauspielerisch fällt zunächst Hannah Herzsprung („Vier Minuten“) auf. Erst verschreckt, dann kämpferisch lädt die von ihr verkörperte Figur sofort zur Identifikation ein. Man bibbert mit ihr mit. Anhänger klug gebauter Horror-Filme der softeren Art (wobei es mitunter durchaus zur Sache geht!) kommen so ganz leicht in den Film. Neben Hannah Herzsprung hat Stipe Erceg die vieschichtigste Rolle. Lange ist unklar, ob der von ihm verkörperte Tom nun ein Guter oder ein Böser ist. Erceg spielt die Doppelbödigkeit genüsslich. Das sorgt für effektvollen Schauder. Der schauspielerische Clou: Angela Winkler. Die vor allem im Theater agierende Schauspielerin ist im Kino – „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975), „Die linkshändige Frau“ (1978) oder „Die Blechtrommel“ (1979) – aufs Sanftmütige abonniert. Es ist ziemlich clever, wie der Film in diesem Fall mit den entsprechenden Erwartungen des Publikums jongliert. Ein schöner Spaß.
Wie gerade erst bei den meisten Spielfilmen, die während des Festivals Venedig gezeigt wurden, erweisen sich auch hier die Frauen als stark und mutig. Die Männer sind mal wieder Schlaffis. Klar also: Hier wird durchaus gegenwärtiges Lebensgefühl der so genannten westlichen Welt gespiegelt.
Peter Claus
Hell, Tim Fehlbaum (Deutschland 2011)
Bilder: Paramount
ShareGianni und die Frauen (Gianni Di Gregorio)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 21. September 2011
Vor drei Jahren gab der damals 59-jährige Gianni Di Gregorio mit der skurrilen Komödie „Festmahl im August“ sein Regiedebüt. Die launige Geschichte um einen vom Regisseur selbst gespielten Muttersohn höheren Alters, der von einem Schwarm Rentnerinnen in Schach gehalten wird, hatte einen Sensationserfolg. Es hagelte Preis, das Publikum liebte den Film. Jetzt legt Gianni Di Gregorio nach. Vor der Kamera immer leicht gebückt, ziemlich unausgeschlafen wirkend und schüchtern, ist die Figur des Gianni wieder da. Wieder mit der Mama. Doch da hören die Ähnlichkeiten zum Erstling auch schon auf. Ein Neuaufguss des Erfolgsrezepts wird erfreulicherweise nicht geboten, auch keine direkte Fortsetzung.
Diesmal spielt der Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller einen Ehemann und Vater. Dieser Gianni lebt in einer kleinen Wohnung in Rom und wird von Frau und Tochter in Schach gehalten. Die Gattin hetzt geschäftig durch die Stadt, die Frau Mama lebt exzentrisch in ihrer Villa und hat laufend Wünsche, der Nachwuchs plagt mit Studien- und Beziehungsproblemen. Nur die Spaziergänge mit dem Hund schenken Gianni Momente der Besinnung. Glücklich wirkt er nicht. Alfonso, der langjährige Freund, hat einen Rat: der gestresste Pensionär soll sich eine Geliebte anlachen. Doch das ist leichter gesagt als getan.
Ein Kauz in Nöten. Das könnte krachend und kalauernd sein. Ist es aber nicht. Gianni Di Gregorio ist ein Meister der leisen Töne. Lautes Lachen provoziert er kaum, sondern viel genüssliches Schmunzeln. Das Tempo der Erzählung entspricht dem Alter des Protagonisten. Hektik bleibt aus. Die Kamera verweilt gern auf den Gesichtern, in denen sich – ob die Figuren nun noch sehr jung oder schon älteren Jahrgangs sind – vor allem eins spiegelt: Die Angst, das Leben zu verpassen.
Hochphilosophisch geht es in diesem Film nicht zu. Das leichte Vergnügen an der charmant-verflixten Geschichte wird auch nicht durch überstrapazierte stilistische Eskapaden getrübt. Die Kamera ist sozusagen immer auf Augenhöhe mit der Hauptfigur und lässt die Zuschauer so ohne jede Anstrengung am Abenteuer Leben teilhaben. Die Schauspieler, einige davon Laien, durften, wie schon bei „Festmahl im August“, reichlich improvisieren. Das gibt der Geschichte von der anstrengenden Sinnsuche eine schöne Leichtigkeit. Die von den luftig-launigen Sommerbildern Roms wesentlich mitgeprägt wird – und den vielen, vielen aparten Römerinnen, denen der Film mit zärtlichen Momentaufnahmen huldigt. Das geschieht mit großer Eleganz, artet nie zu lüsterner Fleischbau aus. Im Gegenteil: Gianni Di Gregorio lässt keinen Zweifel daran, dass es die Frauen sind, denen das Attribut „das starke Geschlecht“ gebührt.
Am Ende des Films ist klar: das vielbeschworene dolce vita gibt es nicht. Aber: Mit etwas Phantasie und Lust am Träumen und mit dem Mut, zu sich selbst zu stehen, kann man sich das Leben durchaus versüßen.
Peter Claus
Gianni und die Frauen, Gianni Di Gregorio (Italien 2010)
Bilder: Neue Visionen
ShareHitlerkantate (Jutta Brückner)
von Stefan Bußhardt in Draufsicht, Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 15. September 2011
Unzählige Versuche die deutsche Naziepoche aus der Zwangsläufigkeit eines soziokulturellen Wandels zur Weimarer Zeit heraus zu deuten, verzeichnen jahrzehntelange Hochkonjunkturen. Angesichts dessen braucht es die horizontale Erweiterung im periodischen Zeitachsenspiegel implementierter freiheitlich-demokratischer Grundstrukturen Deutschlands nach 1945. Die Historikerin Jutta Brückner wagt solch einen Schritt. Sie bebildert die historisch belegbare Hitler-Goebbels-Invasion mit den stereotypen Elementen eines Liebesdramas, projiziert auf zwei Hauptprotagonisten im Dritten Reich: Musikstudentin Ursula (Lena Lauzemis) und Komponist Hanns Broch (Hilmar Thate). Zum Rest des Beitrags »
ShareShanghai (Mikaël Hafströms)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 14. September 2011
Pearl Harbor. Einer der Orte, die entscheidend den Verlauf des Zweiten Weltkriegs beeinflusst haben. Im Kino wurde das schon mehrfach reflektiert, selten in empfehlenswerten Produktionen. Mikaël Hafströms Thriller überrascht nun mit einiger Originalität. Der Angriff Japans auf die USA wird bei ihm mit pyrotechnischem Schnickschnack illustriert. Der Schwede erzählt eine spannende Story aus der Welt der Geheimdienste, angesiedelt in der Stadt, die dem Film den Titel gab. Hafström guckt also gleichsam ein wenig um die Ecke auf das historische Geschehen. Das ist nicht ohne Reiz.
Im Zentrum steht der US-amerikanische Spion Paul (John Cusack). Er kommt nach Shanghai, um den Tod eines Freundes aufzuklären. Bald wird ihm klar, dass er es vor allem mit Verbrechern aus der Politik zu tun hat. Paul hat viele Widersacher. Doch es finden sich auch scheinbare Verbündete. Bald weiß er nicht mehr, wem er trauen kann und wem nicht. Eine Schlüsselrolle kommt dabei der Chinesin Anna (Gong Li) zu.
Höhepunkt des Films ist eine schnitttechnisch perfekt choreographierte Attentatsszene in einem Nachtklub. Da hält man den Atem an. Überhaupt: optisch wird viel Feines geboten. Das Shanghai der 1940er Jahre wirkt atmosphärisch vollkommen überzeugend. Das ist auch die politisch durchaus ambitionierte Spiegelung der US-amerikanischen Politik jener Zeit. Hut ab! Wenn es da gen Ende heißt „Das Herz ist nie neutral!“ schaudert’s einen. Schade jedoch: Ausgerechnet John Cusack überzeugt nicht. Was er auch gar nicht konnte. Das Drehbuch hat der Rolle so viele Klischees angehängt, das wohl kein Schauspiel, egal, wie hochbegabt, daraus mehr als ein Hollywood-Abziehbild machen könnte. Die Akteure um ihn herum, zu denen auch Franka Potente gehört, hatten mehr Glück.
Ein Meisterwerk ist also nicht zu besichtigen. Aber es handelt sich auch nicht um solchen pathetischen Schrott, wie ihn vor ein paar Jahren „Pearl Harbour“ bot. Die Seriosität des politisch grundierten Historien-Rückblicks nimmt für den Film ein.
Peter Claus
Shanghai, Mikaël Hafström (USA 2010)
Bilder: Senator
ShareMein Stück vom Kuchen (Cédric Klapisch)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 14. September 2011
Mit der entzückend-kapriziösen Komödie „L‘Auberge Espagnole“ hat Cédric vor wenigen Jahren Publikum und Kritik im Sturm erobert. Auch dem Nachfolge-Film war ein großer Erfolg beschert. Und auch diesmal darf herzhaft gelacht und auch ab und an eine wohlige Träne der Rührung verdrückt werden. Intelligente Unterhaltung also wird geboten.
Die Story besticht mit fast kindlicher Unschuld: Fabrikarbeiterin France (Karin Viard), allein erziehende Mutter von gleich drei Töchtern, wird arbeitslos. Sie ist verzweifelt, versucht gar, sich das Leben zu nehmen. Zum Glück geht das schief. Zum Überlebenskampf gezwungen, geht sie nach Paris. Sie hofft, in der
Metropole einen Job zu finden. Das klappt tatsächlich. Sie darf das schnieke Apartment des Börsenspekulanten Steve (Gilles Lellouche) auf Hochglanz putzen. Eines Tages muss sie auch noch als Kindermädchen einspringen. Steves Sohn aus einer früheren Ehe taucht nämlich unerwartet auf. Alles kein Problem für France. Doch dann erfährt sie, dass Steve einer der wesentlichen Strippenzieher war als die Fabrik geschlossen wurde. Eine unbändige Wut steigt in ihr hoch. Und die, klar, sucht sich ein Ventil…
Wer an dieser Stelle glaubt, schon zu wissen, wie’s weitergeht, irrt gewaltig. Klapisch bedient keine Erwartungsmuster. Er spielt mit ihnen, etwa wenn er France zunächst als Symbolfigur des französischen Proletariats etabliert, grundgut bis in die Knochen, und Steve als seelenlosen Profiteur, dem es um nichts als Moneten geht. Wie diese Klischees von ihm schließlich jongliert, gebrochen und in Frage gestellt werden, ist schlicht meisterhaft. 08/15-Happy End ausgeschlossen!
Es ist die kluge und überraschende Balance von Sozialkritik und Komik, die den Film überaus besonders macht. Die beiden Hauptdarsteller sind selbstredend erste Klasse. Dadurch und durch die Eleganz der Inszenierung wird dieser Film zu einem der bisher wirkungsvollsten zum Thema weltweite Finanzkrise.
Peter Claus
Mein Stück vom Kuchen, Cédric Klapisch (Frankreich 2011)
Bilder: StudioCanal Deutschland
ShareÜber uns das All (Jan Schomburg)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 14. September 2011
Au, Backe – der Titel klingt nach Pantoffelkino-Seelensauce. Doch das täuscht. Geboten wird ganz anderes.
Die Story hat nichts mit üblichem Liebesgeplänkel zu tun: Martha (Sandra Hüller) packt die Koffer, um mit Paul (Felix Knopp) nach Marseille zu gehen. Er, der hochdotierte Mediziner, hat dort einen tollen Job bekommen, ist schon vorgefahren. Da taucht die Polizei auf und erklärt der jungen Lehrerin, dass ihr Mann tot sei. Suizid. Martha ist fassungslos. Sie kann das Unvorstellbare nicht glauben, ahnt keine Gründe für die Tat. Dann grübelt sie, fragt nach, sucht. Sie findet heraus, dass Paul ein Lügner war. Die angeblich so gelobte Doktorarbeit hat er nie geschrieben. Alles, wirklich alles, war Erfindung. Was nun? Martha fühlt sich verloren. Um wieder zu sich zu kommen, beginnt sie eine Affäre. Doch damit verhält sie sich so, wie Paul sich immer verhalten hat: Sie macht sich und dem Gegenüber etwas vor. Was der Mann ziemlich schnell durchschaut. Krise! Daraufhin droht Martha ein fast völliger Realitätsverlust. Die große Frage ist, ob sie aus dem Lügengespinst je wieder herausfindet.
Drehbuchautor und Regisseur Jan Schomburg beobachtet Menschen, die aus der Rolle fallen. Martha und die anderen funktionieren nicht wie Maschinen. Sie
verlassen alle Routine, suchen nach sich selbst. Sie müssen das tun, sonst werden sie verrückt. Die Welt um sie herum erscheint ihnen wie ein großes Rätsel, unbestimmt bedrohlich, fern. Kurz: Sie spüren die überall um sich greifende Entfremdung und haben diffuse Ängste. Warum das so ist, wird erfreulicherweise nicht erklärt. Klar ist nur: Bei allen modernen Möglichkeiten der Kommunikation haben Martha und die anderen den Sinn fürs Wahre verloren. Wirkliche Gespräche, Dialoge, sind ihnen unmöglich. Das ist schon allein deshalb so, weil sie nicht einmal mehr Zuhören können. Die Generation der ständig Verdrahteten hat keinen Draht zur Außenwelt mehr. Kein Anschluss unter dieser Nummer, das ist im Grunde alles, was sie noch von sich geben, versteckt hinter einem Schwall sinnlosen Geredes.
Vordergründige Bilder und Dialoge gibt es hier nicht. Der Film, uraufgeführt im Februar bei der Berlinale und dort vielfach gefeiert, setzt auf leises Beobachten und verhaltene Zwischentöne. Schomburg hat den Mut zum Innehalten. Dabei blickt er geduldig auf die Gesichter der Handelnden. Darin spiegelt sich wenig außer dem Ungeist einer Gesellschaft, die nicht mehr auf Gemeinschaft setzt, sondern den Überlebenskampf jeder und jedem selbst ganz allein überlässt. Der Film reflektiert das geradezu brutal scharfkantig. Erst komm ich, danach nichts und niemand mehr. Auch wenn der Schluss, vielleicht als Zeichen der Hoffnung auf Besserung, etwas versöhnlich anmutet, geht der Schreck angesichts des Dramas tief.
Hauptdarstellerin Sandra Hüller gibt Martha in den unterschiedlichsten emotionalen Stadien feinnervig Gestalt. Ihre Präsenz nimmt einen völlig gefangen. Egal, ob sie die Figur nun scheinbar „cool“ oder hysterisch zeigt. Jeder Moment wirkt wahrhaftig. Martha mutet schließlich wie eine Symbolgestalt unserer Zeit an. Denn so, wie in der Politik, hält sie es im Privaten: Verdrängung ist alles. – Man bekommt eine Gänsehaut.
Für Fans des knalligen Popcorn-Kinos ist das natürlich nichts. Wer’s jedoch intelligent mag, auch mal grüblerisch, wird bestens bedient. Den etwas unglücklich gewählten Titel sollte man einfach ignorieren.
Peter Claus
Über uns das All, Jan Schomburg (Deutschland 2011)
Bilder: RealFiction
Images of the Mind (Ausstellung)
von Ingo Arend in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 14. September 2011
Das Display der Seele – Denkprozesse im Hygiene-Museum
Wer denkt, wenn wir denken? Die Ausstellung “Images of the Mind” im Deutschen Hygiene-Museum Dresden präsentiert Antworten, auf diese ewige Frage.
“Ich denke, also bin ich.” Nichts geht philosophischen Sonntagsrednern heute so leicht über die Zunge wie der Satz, den René Descartes 1641 in seinen “Meditationes de prima philosophia” formulierte. Wie dieser Prozess genau vor sich geht, außer dass man dabei die Stirn in Falten zieht oder den Kopf in Denkerpose bringt, war vermutlich auch seinem Urheber nicht recht klar.
Und je mehr die Wissenschaft ihn zu entschlüsseln beginnt, desto vager wird das, was der französische Philosoph damit begründen wollte: die Idee eines souveränen Individuums. Wer oder was denkt da eigentlich?

Selbstbildnis mit erstauntem Blick: Rembrandt Harmensz van Rijn, 1630, Radierung. (Foto: Staatliche Graphische Sammlung, München)
Descartes war Mathematiker. Doch wenn er sich ein Bild davon gemacht hätte, wie das Denken aussehen könnte, das er philosophisch zu definieren suchte, wäre es vielleicht so ausgefallen wie Rembrandt van Rijns “Selbstbildnis mit erstauntem Blick” aus dem Jahr 1630.
Die Verwunderung, die da über das Gesicht des – damals noch jungen – alten Meisters huscht, wirkt wie ferngesteuert, so als ob höhere Wesen es ihm befahlen.
Ein nicht geringer Anteil der bildenden Kunst, das zeigt die spannende Ausstellung “Images of the mind” im Deutschen Hygiene-Museum, in Dreden, bezieht ihren Antrieb aus dem Versuch, das Geheimnis des Denkens dadurch zu bannen, dass sie seinen Verursacher porträtiert – den Geist.
Die Linie lässt sich von Rembrandts Selbstporträts bis zu Edvard Munchs “Angst” von 1896 ziehen, von Bohumil Kubistas “Epileptikerin” von 1911 bis zu Bill Violas “Silent Mountain” aus dem Jahr 2001.
Die Seele auf dem Display
In diesem Farbvideo winden sich ein Mann und eine Frau eine knappe Minute lang in anscheinend kaum erträglichen Schmerzen. Überall in diesen Werken spürt man das Echo der antiken Idee des Dualismus von vergänglichem Körper und unsterblicher Seele, dem Letztere nur als Zwischennutzer innewohnt. Das Display, auf dem sich die Seele zeigte, war das Gesicht. Auch Descartes hing dieser Idee an.
213 Objekte haben die Kuratoren Colleen Schmitz vom Dresdner Hygienemuseum und Ladislav Kesner von der Mährischen Galerie Brünn in vier systematischen Abteilungen zusammengetragen. Sie belegen, wie nahe sich Kunst und Wissenschaft bei den Versuchen immer waren, den unfassbaren Urheber des Denkens zu kartieren.
Die sechzehn Gemütszustände vom gleichmütigen über das traurige bis zum wütenden Gesicht, die der französische Theoretiker Charles Le Brun 1668 zu typisieren suchte, stehen den Schwarzweißfotografien, auf denen die Künstlerin Isabell Heimerdinger 2002 den Schauspieler Martin Glade unterschiedliche Emotionen und Charaktere nachstellen lässt, in nichts nach.

Strömungsfeld der Gedanken, Alfred Anwander, Carsten H. Wolters und Xavier Tricoche , 2006. Computersimulation. (Foto: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig)
Im Fadenkreuz
Von außen ging der Weg der Erkenntnis nach innen: Spätestens seit der Renaissance geriet das Gehirn ins Fadenkreuz der Geistessucher. Das kann man an ein paar kostbaren Anatomiestudien sehen, auf denen Leonardo da Vinci Schädel, Augen und Nerven zeichnerisch sezierte. Diese Naturalisierung gipfelte schließlich in den modernen Neurowissenschaften.
Spätestens seit den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wird das “Ich-Sein”, das auch die westlichen Demokratien mit begründet, wie “Gehirn-Sein” buchstabiert: Das autonome Subjekt ist vor allem ein zerebrales.
Distanz zur Neuroreligion
Nur die Kunst bewahrt ironische Äquidistanz zur alten Metaphysik wie zur neuen Neuroreligion. Radikaler und ironischer als auf der Röntgenaufnahme, die Meret Oppenheim 1963 von ihrem Kopf anfertigen ließ, kann man sich die Absage an die Idee nicht vorstellen, darin hause ein erhabener Geist.
Auf dem Schwarzweißbild sind als einziges persönlichkeitsbildendes Attribut die großen Metall-Ohrringe der Künstlerin zu sehen.
Wie berechtigt die Skepsis gegen allzu viel Rationalismus ist, lässt sich an den schönen, bunten Computerscans und Elektroenzephalogrammen von heute demonstrieren. Denn auch sie können nur anzeigen, dass sich im Gehirn etwas bewegt. Wer diesen Vorgang wie “lenkt”, bleibt auch bei diesen Vorzeigeobjekten der neuronalen Ästhetik unklar.
Dafür gebären sie ungeahnte ästhetische Effekte. Diese reichen von den Zeichnungen, mit denen der spanische Mediziner Santiago Ramón y Cajal 1903 als Erster die filigrane Feinstruktur des Nervensystems aus Synapsen und Neuronen kartierte, bis hin zu dem “Strömungsfeld der Gedanken”, das drei Wissenschaftler des Leipziger Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften 2006 aus magnetresonanztomografischen Aufnahmen gewannen.

Self-Portrait Helen Chadwick (1953-1996) 1991, Dia, Glas, Aluminiumrahmen und Licht, 50,9 x 44,6 x 11,8 cm © The Helen Chadwick Estate, Foto: Edward Woodman
Rot-weiß-blaue Wellen
Die wunderbar psychedelischen Wellenformen in Rot-Weiß-Blau sagen über den Inhalt des Denkprozesses oder das Individuum, das sie hervorbrachte, nichts aus. Sie zeigen nur an, wie die Ausbreitung der Gedanken von den Gewebearten abhängt. Eines aber wird klar: Denken ist schön! Von Kunst ist dieses “Neuroimaging” kaum mehr zu unterscheiden.

Darstellung der Seele als präzise zugeschnittene Reihe von Vermögen. Unbekannt, aus Gregor Reisch (1470-1525), Margarita philosophica nova, 1512, Holzschnitt, (Foto: Sächsische Landes-, Staats- und Universitätsbibliothek / Deutsche Fotothek, Dresden/ Regine Richter)
Dabei hat sich das Verständnis der geheimnisvollen grauen Masse unendlich ausdifferenziert – von einer starren Topologie, in deren Mitte der der Mediziner und Esoteriker Robert Fludd 1619 hin den Satz “Hic anima est – Hier ist die Seele” schrieb, zu einem hochsensiblen Netzwerk komplizierter Interaktionen.
So narzisstisch getroffen reagiert der Betrachter dann doch auf die Dresdner Zumutung, sein “Selbst”-Bewusstsein, nur noch als “bewusstlose” Rechenleistung eines 1,5 Kilo schweren, gräulichen Gewebeklumpens zu sehen. Bin ich denn nur ein evolutionsgesteuerter Bioautomat?
Ein freies Gehirn
Das “Self-Portrait”, das die britische Künstlerin Helen Chadwick 1991 schuf, wirkt da wie der Versuch, den Zerebralismus, der die Bewusstseinsphilosophie derzeit erschüttert, zu relativieren: Das freigelegte Gehirn, das auf dem Lichtdia zu sehen ist, wird von zwei menschlichen Händen gehalten.
Ohne seinen Träger, denkt sich das souveräne Individuum unserer Tage beim Blick auf Chadwicks Aufnahme erleichtert, ist auch das allmächtige Gehirn nichts. Cartesisch gesprochen: Nur mit meinem Körper bin ich.
Ingo Arend, taz 14.09.2011
“Images of the Mind”, Deutsches Hygiene Museum, Dresden
bis zum 30. Oktober 2011
Katalog: Hrsg. von Colleen Schmitz und Ladislav Kesner, Wallstein-Verlag, 304 S., mit ca. 200 farbigen Abbildungen, 24,90 Euro

Josef Váchal: Traum über meinen Traum. 1916, Öl auf Papier. (Foto: The Museum of Czech Literature (PNP), Prag)
Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst 2011
von Ingo Arend in Kolumnen & Blogs, Kritik, Kunst, Rundgang am 14. September 2011
Endstation Hype
Der Hamburger Bahnhof in Berlin zeigt Arbeiten der für den Preis der Nationalgalerie für Junge Kunst nominierten Künstler.

Andro Wekua : Ohne Titel, 2011, Wachs, Holz, Metall, Stoff und andere Materialien, © Andro Wekua, Courtesy Gladstone Gallery, New York
Das Schönste an vielen Städten ist bekanntlich der Bahnhof. Für Berlin gilt das nicht. Denn die vielen tausend Künstler, die dorthin strömen, wollen ja nicht weg aus der Stadt, sondern nach oben. In den Olymp der Kunst gelangen sie aber eher über den U-Bahnhof Kottbusser Tor, mitten in der Kreuzberger Subkultur, als über den Hamburger Bahnhof. Die Kunst der Zukunft sucht man in dem edlen Kopfbahnhof oft genug vergebens. Auch wenn er sich “Museum der Gegenwart” nennt.
Schon bemerkenswert, dass das Antizipatorische an den vier Positionen junger Kunst, die dort jetzt präsentiert werden, ausgerechnet das Historische ist. Zumindest gilt das für Cyprien Gaillard und Andro Wekua. In seinem Film “Artefacts” filmt der französische Berliner Gaillard einen Trupp amerikanischer Soldaten, der während des Irakkrieges durch die antike Stadt Babylon streift. Und in dem Streifen “Never sleep with a strawberry in your mouth” des georgischen Berliners Wekua gleitet ein androgynes Wesen durch eine fantastisch-reale Erinnerungslandschaft.

Klara Lidén : Self Portrait with Keys to the City, 2005, Digital print, Courtesy: The artist and Reena Spaulings Fine Art, New York
Gaillard, Jahrgang 1980, und Wekua, Jahrgang 1977, sind in diesem Jahr neben zwei Künstlerinnen für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst nominiert, über den es in den zehn Jahren seines Bestehens regelmäßig Streit gab. Die Anziehungskraft seines Londoner Vorbildes, des Turner-Preises, entwickelte er nie, die Auswahl der Künstler ist meist vorhersehbar. Im Gegensatz zu der verunglückten Gruppenausstellung “Based in Berlin” in diesem Sommer ist er aber immer noch die reflektierte Variante des Versuchs, Talente herauszuheben, die die Stadt zur Kunstmetropole Nummer eins gemacht haben: Die Teilnehmer dürfen von überall herkommen, müssen aber in Berlin leben und unter 40 Jahre alt sein.
Exzessiver Konsum
Verglichen mit “Based in Berlin”, der Bastelwerkstatt im Monbijoupark, kann sich diese Kunst qualitätsmäßig sehen lassen. Wirklich aufregende Entdeckungen sucht man aber vergebens. Dass Gaillard die mit seinem iPhone aufgenommenen Bilder ins analoge 35-mm-Format rückübersetzt, ist so neu nicht. Erosionsprozesse in der Kultur hatte er schon im Frühjahr in den Berliner Kunst-Werken an einer Pyramide aus Bierkästen demonstriert, die seine Besucher durch exzessiven Konsum derselben ruinierten. Der als Dauerloop sich langsam selbst zerstörende “Artefacts”-Film hingegen langweilt mit einem Déjà-vu-Effekt.
Dasselbe gilt für die schwedische Berlinerin Klara Liden, Jahrgang 1979. Eine melancholische Metapher auf die Künstlerexistenz mag in ihrem knapp zweiminütigen Video sehen, wer will. Eher hat man das Gefühl, die 1979 Geborene befestige ihren eigenen Mythos, wenn sie in einem Mülleimer verschwindet: Liden, die Geheimnisvolle. Wekua ist auf den Kunstkniff verfallen, die Melancholie angesichts des Niedergangs seiner Heimatstadt Sochumi in einer schillernden Animationstechnik zu neutralisieren. Seine Arbeit, die schon in Wien zu sehen war, hat er mit der Skulptur eines Liegenden, dessen Kopf in einem Haus steckt, aufgepeppt. Aber Surrealismus war schon. Und für den Raum, der das Kunstwerk umgibt, wurde man auch schon raffinierter sensibilisiert als mit den gedehnten Glasskulpturen der deutschen Berlinerin Kitty Krauss.
In Berlin hat es Gegenwartskunst leicht und schwer zugleich. Noch gibt es genug Platz für alle. Doch ihr Weg nach oben führt wahlweise über das Repräsentationsbedürfnis der Macht, durch den Wildwuchs des Marktes oder über Privatsammlungen. Eine Instanz, die dem Willkürlichen, Verkäuflichen und Geschmäcklerischen objektivierend entgegenwirkt, wäre da besonders wichtig. Das Zeug zu dieser Korrekturfunktion hätte der Preis. Nicht nur wegen des gestuften Auswahlverfahrens mit zwei Jurys, sondern auch weil er zur Ästhetik der Gegenwart aufschließt: In diesem Jahr wird er um einen Preis für junge Filmkunst erweitert. Er hat sich auf eine kleine Kampfansage eingelassen: Dass sich unter den vier Positionen keine Malerei befindet, darf als Replik auf die gerade zu Ende gegangene Kunstmesse abc art berlin contemporary gewertet werden, die unter dem Motto “about painting” die ideologisch verdächtige, aber lukrative Malerei neu zu promovieren suchte.
Dieser Mut hätte die Juroren nicht verlassen sollen. Zwar gehört es nicht zur Aufgabe des Preises, krasse Außenseiter zu entdecken wie den, mit dem das Künstlerhaus Bethanien derzeit den Kunstherbst bereichert: Eine Ausstellung zeigt den aufregenden DDR-Grenzgänger zwischen Poesie und Kunst, “Mathias” Baader Holst. Als er 1990 mit 28 Jahren überraschend bei einem Verkehrsunfall starb, war er im besten Preisalter. Doch mit Gaillard, Liden, Krauss und Wekua haben sich die Königsmacher der Kunst auf ein paar gut vernetzte Angesagte verlassen. Womit der Hamburger Bahnhof in diesem Jahr nur die Endstation Hype bleibt.
Ingo Arend, taz 12.09.2011

Kitty Kraus: Ohne Titel, 2009, Courtesy the artist and Galerie Neu, Berlin; Foto: Lepkowski Studios, Berlin
Die Ausstellung zum Preis der Nationalgalerie für junge Kunst 2011 findet im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin statt. Die vier nominierten Künstler präsentieren dort ihre neuen Arbeiten vom 9. September 2011 – 08. Januar 2012. Am Mittwoch, den 28. September 2011 wird der Gewinner gekürt.
ShareKambodscha im Film (Ein Foto-Bericht)
von Wolf Jahnke in Filmwissen, Kolumnen & Blogs am 11. September 2011
Wolf Jahnke war unterwegs in Kambodscha und besuchte Film-Drehorte
Text: Wolf Jahnke
Fotos: Wolf Jahnke & Michael Scholten, ©2011. Alle Rechte vorbehalten.
Der in Kambodscha lebende Reise- und Filmjournalist Michael Scholten (TV Spielfilm, TV Today, ADAC Reisemagazin) hat bisher 123 Länder bereist. Über seine bislang größte Reise, die ihn in 413 Tagen in 40 Länder geführt hat, ist das 560 Seiten starke Buch “Weltreise – Ein Tagebuch” entstanden. Es umfasst 68 Farbfotos, viele Berichte über Filmlocations in Kambodscha, Sri Lanka, Neuseeland, Panama etc. und ist für 15 Euro unter www.michaelscholten.com zu haben.
Wolf Jahnke zeigt in seinem Buch „Mit Hollywood durch L.A.“ die Geschichte der Stadt, berichtet darüber, welche Filme hier gedreht wurden, wie diese die Wirklichkeit widerspiegeln und führt zu den bekanntesten Drehorten der berühmten Filmstadt. L.A. ist der Superstar unter den Metropolen: Blade Runner, Pulp Fiction, Heat, L.A Crash, The Big Lebowski wurden unter anderem hier gedreht.
Wolf Jahnke, Los Angeles – mit Hollywood durch LA , 264 S. , viele Abb., 24,90 EUR, erschienen im Schüren Verlag
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Share9/11 und der amerikanische Polit-Thriller
von Marcus Stiglegger in Filmwissen, Gesellschaft, Kolumnen & Blogs am 11. September 2011
von Marcus Stiglegger
New York im Ausnahmezustand
Wir schreiben das Jahr 1999. Der Ausnahmezustand beherrscht New York und die restliche Ostküste. Die Stadt wird von einer Reihe islamistisch motivierter Attentate in Atem gehalten. Während der afroamerikanische Polizist Hubbard (Denzel Washington) fieberhaft ermittelt und den Drahtzieher sucht, hat der ultrarechte Militarist General Deveraux (Bruce Willis) die Macht an sich gerissen und Sportstadien nach Chilenischem Vorbild in Internierungslager für Menschen arabischer Herkunft umgestaltet. Farbige GIs in Kampfmontur stehen vor diesen Stacheldrahtbarrikaden Wache, während innen dichtgedrängt verzweifelte US-Bürger und Immigranten zusammengepfercht werden. Später beginnt das Militär, gefangene Terrorverdächtige zu demütigen und zu foltern.
“Warum gibt es keine öffentlichen Hinrichtungen? …” (0:54 audio aus The Siege)
Der politisch engagierte Filmemacher Edward Zwick entwickelt in seiner Terrorspekulation The Siege (1999) eine düstere Vision von den USA am Rande der Diktatur. Oberflächlich legitimiert mit den verschärften Sicherheitsvorkehrungen im Rahmen eines Kampfes gegen den Terror verwandelt sich das demokratische System innerhalb weniger Tage zum totalitären Militärstaat, während eine vermeintliche Handvoll Terroristen den unbekannten Gegner darstellt. Zum Rest des Beitrags »
Share68. Internationale Filmfestspiele von Venedig (12)
von Peter Claus in Filmfestspiele Venedig, Filmwissen, Kolumnen & Blogs am 11. September 2011
Gut gebrüllt, Löwe?
Es kam, wie vorausgesehen: Die Jury tat sich schwer. Und sie hat offenbar weder politische, ästhetische noch handwerkliche Maßstäbe angelegt.
Hier die Sieger-Liste: Goldener Löwe für den besten Film: „Faust“ von Regisseur Alexander Sokurow/ Silberner Löwe für die beste Regie: Cai Shangjun für „People Mountain People Sea“/ Spezieller Preis der Jury: „Terraferma“ von Emanuele Crialese/ Preis für den besten Schauspieler: Michael Fassbender für „Shame“/ Preis für die beste Schauspielerin: Deanie Ip für „A Simple Life“/ Bestes Drehbuch: Efthimis Filippou und Yorgos Lanthimos für „Alpis“. Zum Rest des Beitrags »
Share68. Internationale Filmfestspiele von Venedig (11)
von Peter Claus in Filmfestspiele Venedig, Filmwissen, Kolumnen & Blogs am 9. September 2011
Spekulatius
Ausgerechnet der letzte im Kampf um den Goldenen Löwen angetretene Beitrag im Hauptwettbewerb enttäuschte: „Texas Killing Fields“ (USA) von Regisseurin Ami Canaan Mann. Das ist ein schlecht erzählter Krimi um Serienmorde und andere Unappetitlichkeiten von mäßiger Spannung. Vorteil für alle, die voraussagen wollen, welche Filme hier am Ende welche Preise bekommen: dieser Film muss nicht bedacht werden. Wobei? Man weiß ja nie?!
Wer spekuliert, überlegt, ob die Jury unter Vorsitz von Regisseur Darren Aronofsky („The Wrestler“) eher politisch denkt oder in ästhetischen Kategorien, auf Publikumswirksamkeit setzt oder Arthouse-Qualitäten oder oder oder… Zum Rest des Beitrags »
Share68. Internationale Filmfestspiele von Venedig (10)
von Peter Claus in Filmfestspiele Venedig, Filmwissen, Kolumnen & Blogs am 9. September 2011
Abschied vom Mannsbild
Manchmal dauert’s bekanntlich: Erst am Donnerstagmittag, beim Gucken des 21. Wettbewerbsbeitrages, des dritten italienischen, ging mir der Kronleuchter auf: Vom ersten Film in der internationalen Konkurrenz, George Clooneys „The Ides of March“ (USA), bis zum bisher vorletzten, dem zweiundzwanzigsten, Johnnie Tos „Duo mingijn“ (Life without Principle/ Hong Kong) nehmen nahezu alle um den Goldenen Löwen ringenden Filme der 68. „Mostra Internazionale D’Arte Cinematografica“ Abschied vom tradierten Mannsbild. Verlierer, Unentschlossene, Ängstliche, Verlogene, Getriebene präsentieren hier die Vertreter jenes Geschlechts, das sich selbst einmal als „das starke“ angepriesen hat. Höchst spannend – und für einen Mann als Zuschauer mit ziemlich irritierenden Empfindungen verbunden. Zum Rest des Beitrags »
ShareThe Eye & the Undead – Untote und Kino-Bilder
von @getidan in Filmwissen, Kolumnen & Blogs am 9. September 2011
von Markus Metz & Georg Seeßlen
Ton-Aufnahme der multimedialen Präsentation vom 06. Juni 2011 an der Universität Bayreuth (70 Minuten audio)
Mit George A. Romeros „Living Dead“ hat eine neue Spezies von „public enemies“ die Leinwand, einigermaßen buchstäblich, erobert. Mit den klassischen Gespenstern, Vampiren und Zombies haben sie nur noch einen genealogischen Zusammenhang, statt des bürgerlichen Individuums stellen sie Gesellschaftsordnungen und Kulturen in Frage, statt zu mitternächtlicher Stunde im Schloss zu spuken überfluten sie Shopping Malls und Subway-Stationen: Diese Zombies sind „unter uns“.
Der Untote ist zugleich Bedrohung und Ergänzung, Abbild der „Verdammten dieser Erde“ und Ausblick auf post-humanes Leben. Er stellt das Konzept der Biographie und damit auch das Konzept des Subjekts auf die Probe. Der ordnende Blick des Subjekts, den wir im Kino zu (re-) konstruieren gewöhnt sind, droht an ihm zu zerbrechen, da er nur gleichsam leer zurücksieht. Der Romerosche Zombie ist wie der Selbstmordattentäter oder Amokläufer der Realität keine lineare Erwiderung des Blicks mehr. Die radikale Realisierung des „Todestriebs“ und das posthumane Wesen ohne Subjekt-Zentrum zwingen uns womöglich ein neues Sehen auf – und am Ende ein neues Selbst-Bild.
Bild: Survival of the Dead, © Splendid
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Ein Tanz im Regen oder Sonnig mit ein paar wenigen Wolken im Norden
von Guido Rohm in Im Labyrinth des GR, Kolumnen & Blogs am 9. September 2011
Wenn ich doch nur von den Drogen los käme, vom verfluchten Heroin, sagt Jochen und presst seinen Kopf in den Schoß seiner Mutter, die zu ihrer Flasche Bier schielt, während der Bauer im Fernsehen zum Himmel späht und nach Regen Ausschau hält, die Hand in seiner Jacke, um sich eine Zigarette aus der Jackentasche zu klauben, die Alfred, würde sie ihm geboten, ablehnen möchte, aber nicht ablehnen würde, obwohl ihn seine Frau doch schon oft darum gebeten hat, hör doch mit dem verfluchten Rauchen auf, hat sie zu Alfred gesagt, der keinen Krebs möchte, der nervös auf die Ergebnisse vom Arzt und auf seine Frau wartet und der nichts von Jochen ahnt, der nervös in den Fernseher und auf den Bauern vom Wetterbericht starrt, ich muss jetzt gehen, sagt er zu seiner Mutter, Zum Rest des Beitrags »
68. Internationale Filmfestspiele von Venedig (9)
von Peter Claus in Filmfestspiele Venedig, Filmwissen, Kolumnen & Blogs am 8. September 2011
Noch eine Entdeckung
Nein, der italienische Wettbewerbsbeitrag „Quando la Notte“ von Regisseurin Cristina Comencini war keine Entdeckung. Das Melodram um Sie und Ihn wurde denn auch in der Vorführung für die internationale Presse einfach ausgelacht. Kitsch kann ja schön sein. Doch wenn aufgeblasen mit pseudophilosophischen Dialogen, ist’s halt nur peinlich.
Auch „Faust“ von Alexander Sokurov (Russland) hat nicht überzeugt. Angeregt von Goethes Roman hat der Autor-Regisseur eine üppig ausgestattete Phantasie um die berühmte Geschichte herum (fast nur mit deutschsprachigen Schauspielern) gestemmt. Auch hier winkte die Mehrzahl der Journalisten müde ab. Kunstgewerbe. Zum Rest des Beitrags »
ShareTournée (Mathieu Amalric)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 7. September 2011
Das Musical „Burlesque“ hat uns vor nicht allzu langer Zeit die Kunst der gleichnamigen Shows nahe gebracht. Dank Cher und Stanley Tucci in zwei der Hauptrollen war das durchaus vergnüglich, wenn auch kein ganz großer Wurf. Und nun ein Nachschlag aus Frankreich? – Ja und Nein.
Mathieu Amalric, auch hier Schauspieler und Regisseur, belässt es nicht beim Blick auf die exotische Welt hinter den Kulissen. Er guckt in die Seele der Show und damit in die Seelen der Protagonisten. Er verkörpert den abgefuckten TV-Produzenten Joachim Zand. In den
USA will er neu anfangen. Frau und Kinder stören dabei nur, also hat er sie verlassen. Mit einer Burlesque-Show hat er einigen Erfolg. Und schon träumt er vom Triumph daheim. Mit den Stripperinnen und seinem Star Mimi Le Meaux (Miranda Colclasure) will er erst die Provinz erobern, dann Paris. Doch ein Gauner im Geschäft vermasselt die Tour. JZ muss also kämpfen. Bald geht es für ihn dabei wirklich um Leben und Tod.
Showglanz und Tristesse des Tingelns durchs Niemandsland – all das wird detailreich gezeigt. Alles ist Schein. Das Dasein hat nichts wirklich Glanzvolles. Und doch brennen alle Beteiligten dafür. Interessant: Die große Authentizität des Films resultiert sicher auch daraus, dass viele der mitwirkenden Ladies tatsächliche Burlesque-Künstlerinnen sind. Die wissen, was sie vorführen – in den Shows und in diesem Film. Kein Wunder also, dass manche Szenen recht dokumentarisch anmuten.
Mathieu Amalric glänzt in der Rolle des JZ. Jedes Klischee vermeidend, zeigt er einen Mann, der Idiot und Superhirn in einem ist, auch Aas und liebenswerter Loser. Manchmal möchte man ihm im gleichen Moment eine Ohrfeige verpassen und ihn tröstend in den Arm nehmen. „Tournée“ fasziniert als Show und als Drama mit herrlich komödiantischem Einschlag – im besten Sinn verrückt.
Peter Claus
Tournée, Mathieu Amalric (Frankreich 2011)
Bilder: Farbfilm
ShareFreunde mit gewissen Vorzügen (Will Gluck)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 7. September 2011
Harry und Sally haben es schon einmal bewiesen: Eine Frau und ein Mann können nicht einfach „nur“ Freunde sein, wenn beide heterosexuell und obendrauf noch einsam sind. Nun wird’s noch mal bewiesen, allerdings mit weniger Originalität, Klasse, Charme und Erotik. Ein Aufguss. Wie fast immer: Die Kopie kann mit dem Original nicht mithalten.
Dabei sind die Hauptdarsteller, Mila Kunis und Justin Timberlake, gar nicht mal schlecht. Das Drehbuch aber ist nicht wirklich erste Sahne. Die Story holpert, zu vieles wird viel zu eindeutig ins Bild gesetzt, der Fortgang des Geschehens ist arg voraussehbar. Für einen Abend unverbindlicher Unterhaltung so nebenbei reicht das durchaus. Für ein unvergessliches Vergnügen, wie einst die Mär von Harry und Sally, jedoch nicht.
Peter Claus
Freunde mit gewissen Vorzügen, Will Gluck (USA 2011)
Bilder: Sony
ShareLe Havre (Aki Kaurismäki)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 7. September 2011
Die meist skurrilen Spielfilme des Finnen Aki Kaurismäki sind nicht nach jedermanns Geschmack, Auch wenn die Mehrzahl der Kritikerinnen und Kritiker unentwegt jubelt, auch ich habe den einen oder anderen seiner Filme eher als manieriert empfunden. Mitunter badete er mir einfach zu lang und zu ausführlich in düsteren Milieustudien. Manchmal aber war ich auch einfach nur entzückt. Und ich bin es auch in diesem Fall.
Schon aus Cannes, wo „Le Havre“ im Mai uraufgeführt worden war, kam viel Begeisterung. Nicht anders aus Locarno, wo der Film Anfang August vor etwa achttausend, wenn nicht gar neun, auf der Piazza Grande abends unterm Sternenhimmel für gute Stimmung sorgte.
Womit das vielleicht entscheidende Stichwort bereits gegeben ist: Stimmung. Kaurismäki sorgt nicht allein für gute, er zaubert auch eine solche auf die Leinwand. Da werden dann selbst bitterernste Themen – wie Krebserkrankung, Armut, Korruption – auf einmal ganz leicht. Das ist märchenhaft schön. Und ein Märchen wird auch erzählt: Schuhputzer Marcel Marx, einst ein viel versprechender aber nie im Ruhm angekommener Schriftsteller, dann Clochard, nun also mobiler Kleinstunternehmer, lebt mit seiner Frau Arletty im erbärmlich tristen Fischer-Viertel von Le Havre. In der Kneipe hat er Kredit. Selbst der Tante-Emma-Laden-Betreiber lässt sich zu Stundung der Schulden überreden, und die Bäckersfrau, die hat sowieso ein Herz für Leute wie Marcel. Weil er ein Herz hat, ein großes. Das schlägt aufgeregt, als eine Gruppe von illegalen Einwanderern auffliegt und einer dieser bedauernswerten Opfer von Politik und Menschenhandel, ein halbwüchsiger Junge, direkt in Marcels Armen landet. Klar, dass der Schuhputzer helfen muss. Wie er das dann versucht, sich dabei gegen dusslige Denunzianten und kleingeistige Polizisten durchsetzt, und das, obwohl Arletty auf Leben und Tod erkrankt, das ist eine schillernde Ballade von der Größe schlichter Menschlichkeit.
Sehr geradlinig entwickelt, besticht die Erzählung durch Einfachheit. Die Dialoge sind knapp, dabei pointiert. Sämtliche Schauspieler, selbst in kleinsten Rollen, agieren voller Hingabe und gestalten farbenreiche Miniaturen und, wo möglich, handfeste Charakter-Studien. Und dann die visuelle Gestaltung! Jedes Bild wirkt wie gemalt. Durch eine große Tiefenschärfe haben alle Szenen eine reizvolle Vielschichtigkeit. Man wähnt sich schon bald nach Filmbeginn in einem Traum. Und das, obwohl Kaurismäki auf manipulierenden Musikeinsatz verzichtet. Hier dröhnen keine Akkorde, schluchzen nie die Saiteninstrumente, wird Gefühl nicht durch Klangteppiche vorgetäuscht. Herrlich! Das alles ist so organisch und wirkt derart selbstverständlich, dass man all die Wunder, die da schließlich geschehen, einfach nur begeistert feiert. Ein Film, der einem tatsächlich Momente des Glücklichseins schenkt. Da will man denn stur daran glauben, dass Kaurismäki Recht hat, wenn er Nächstenliebe predigt, ohne dabei auf irgendwelche religiösen Bekenntnisse aus zu sein.
Kati Outinen als lebenskluge Arletty und André Wilms in der Rolle des lebensgierigen Marcel führen das erstklassige Schauspieler-Ensemble mit Kaurismäkischem Minimalismus an. Vielleicht hat der eine oder andere Moment ein wenig von einer Theateraufführung. Doch das passt. Spielen wir denn nicht alle hier und da auch einmal Theater, um dem alltäglichen Grau zu entkommen? Manchmal darf man sich doch auch ein wenig durchs Leben schummeln. Solange man damit niemand anderem weh tut, ist das völlig in Ordnung. Kaurismäkis neuer Film ist die schönste Anleitung dazu, die ich kenne.
Peter Claus
Le Havre, Aki Kaurismäki (Finnland / Frankreich / Deutschland 2011)
Bilder: Pandora Filmverleih
Share68. Internationale Filmfestspiele von Venedig (8)
von Peter Claus in Filmfestspiele Venedig, Filmwissen, Kolumnen & Blogs am 7. September 2011
Überraschungen
Streik im öffentlichen Verkehrswesen Italiens. Nicht mal mehr die Gondolieri sangen. Die Festivalgäste allerdings konnten fröhlich drauf pfeifen. Denn Marco Müller, der Festival-Direktor, hatte vorab einen Sondervertrag für eine Festival-Bootslinie ausgehandelt. Auf der wurde nicht gestreikt. So konnten all diejenigen, die in den etwas preiswerteren Hotels und Pensionen in der Stadt logieren, die Filmschau problemlos besuchen.
Böse Überraschung: Der so genannte „Film sorpresa“, ein erst heute morgen bekannt gegebener Wettbewerbsbeitrag, konnte nur mit Schwierigkeiten gezeigt werden. Die erste Vorführung am Morgen musste ausfallen, Zum Rest des Beitrags »
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