Kulturpolitik im Berliner Wahlkampf
von Ingo Arend in Gesellschaft, Leben am 7. September 2011
Zweckfreie Kunst
In der Diskussion mit ihrer politischen Konkurrenz empfiehlt sich die CDU-Politikerin Monika Grütters als Berliner Kultursenatorin. Auf Augenhöhe mit der Szene ist die Fachfrau.
Mutterstadt. Eine Metropole, wie man sie in der Antike verstand, war Berlin nie. Koloniegründungen gleichen Namens sind nicht bekannt. Referenzort war die Stadt an der Spree aber immer. Provinzhauptstadt des Kalten Krieges einst, Kulturmetropole jetzt langsam auch. Die Frage ist nur: Wie bleibt sie es?
Wer sich erinnert, wie Kultur jahrelang „zuletzt“ auf der Tagesordnung des Berliner Senats stand, wie es der parteilose Kultursenator Ulrich Roloff-Momin 1997 in den Erinnerungen an seine Amtszeit erbittert beschrieb, wird befriedigt registrieren, dass das herzlich ungeliebte Stiefkind plötzlich zur „zentralen Ressource städtischer Zukunftsentwicklung“ avanciert ist.
Der Ausdruck findet sich in einem Manifest „Kultur und Stadtentwicklung“, mit dem die Stiftung Zukunft Berlin vergangenen Montag auf einem Hearing im Berliner Radialsystem kurz vor der Abgeordnetenhauswahl die Hauptstadtszene aufrütteln wollte. Zum Rest des Beitrags »
ShareSie schnappen zurück (Berlinwahl)
von Ingo Arend in Gesellschaft, Leben am 6. September 2011
Auf den Plakaten der SPD kommt Klaus Wowereit wie ein Tempelhofer George Clooney daher. Nun regt sich Protest gegen seine Kampagne
„Berlin verstehen“. Hätte die Bundeszentrale für politische Bildung eine Goldene Zitrone für die exemplarischsten Beiträge zur Entpolitisierung zu vergeben, die SPD hätte sich das Sauerobst ehrlich verdient.
Natürlich werden Wahlkämpfe kaum jemals als Musterdiskurs geführt. Doch selten hat eine Partei bei diesem Demokratie-Ritual so auf fraglose Identifikation von Repräsentanten und Repräsentierten gesetzt wie Klaus Wowereit und die Seinen in diesem Spätsommer. SPD und Hauptstadt, das sollten die Plakate mit dem gefühligen Spruch suggerieren, sind ein Herz und eine Seele: kein Streit, nirgends!
Weit her kann es mit dem innigen Einverständnis, das da inszeniert wurde, nicht sein. Sonst wären die Demonstrationen kaum zu erklären, die vergangenes Wochenende diese emotionale Nabelschnur vorsätzlich kappten. Zum Rest des Beitrags »
ShareNazi-Chic
von Marcus Stiglegger in Gesellschaft am 6. September 2011
Atavismen der Nazi-Ära in der Modewelt
Auszug aus dem Buch: Marcus Stiglegger: Nazi-Chic & Nazi-Trash. Faschistische Ästhetik in der Populärkultur. Berlin: Bertz + Fischer 2011. Vorab-Publikation mit freundlicher Genehmigung des Autors. Das Buch erscheint Ende September 2011.
Was ist Nazi-Chic? Besagt dieser irritierende Begriff etwa, dass Nazis ‚chic’ waren? Dass sie letztlich attraktiv waren in ihrer teils martialischen, teils biederen Ästhetik? Ja und nein. Tatsächlich kam dieser Begriff erst in der Nachkriegszeit auf, als das Nationalsozialistische Regime besiegt war und seine historischen Fragmente langsam aber sicher in die populäre Kultur der westlichen und östlichen Welt einsickerten. Nazi Chic bezeichnet konkret eine Mode, die sich der Kleidungsschnitte, des Materials und der Paraphernalia der Nazi-Ära bedient. Zum Rest des Beitrags »
ShareZirkus Capitali
von Georg Seeßlen in Gesellschaft am 5. September 2011
von Georg Seeßlen
Wenn wir den Kapitalismus erst einmal in Entertainment verwandelt haben, dann verwandeln sich die Zyklen auch in „Nummern“. So folgt, nicht nur beiAir Berlin auf den dummen August des (Kaputt-) Wachsens, Hunoldo zum Beispiel, der Weiße Clown des (Kaputt-) Sanierens, Mehdornino zum Beispiel. Weil eine Börsenkapitalisierung von unter 250 Milliarden Euro so weit unter der der Konkurrenz liegt und Hunoldo seinen Trick, das Geldverbrennen mit läppischen 3,7 Milliarden Euro Jahresumsatz und 8.900 Mitarbeitern, als one trick pony absolvierte, wirbelt der weiße Clown im Circus Kapitali nun mit Arbeitsplätzen, Angeboten und Service herum und spricht, wie wir es von den weißen Clowns kennen, böse Machtworte. Der dumme August im Circus Kapitali frisst, klaut und stopft sich die Taschen voll, das Publikum staunt, und dann kommt der weiße Clown, und er sagt: Es gibt nichts mehr. weiterlesen
P.E.N vs P.E.N
von Jörg Magenau in Gesellschaft am 29. August 2011
Der Auslands-PEN wirft dem Inlands-PEN “Geschichtsfälschung” vor. Der Verband habe sich 1933 gleichschalten lassen
Das PEN-Zentrum gibt es noch. Es gibt hierzulande sogar zwei davon. Das hat den Vorteil, dass beide miteinander im Streit liegen und auf diese Weise Nachrichten produzieren können, was ihnen ansonsten kaum gelingen würde. Damit weisen sie in regelmäßigen Abständen ihre ansonsten eher ideenarme Existenz nach. Wenn man vom PEN überhaupt jemals etwas hört dann dies: Man streitet sich dort, und zwar grundsätzlich um die eigene Geschichte. Der Ost- und der West-PEN haben sich nach schier endlosen Querelen um die bessere Moral in der Nachwendezeit irgendwann, als es niemanden mehr interessierte, dann doch noch zusammengeschlossen, wie es in einem wiedervereinigten Land ja auch logisch ist. Doch daneben existiert, als Nachfolger des 1934 gegründeten Exil-PEN, immer noch das sogenannte „PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland“, Zum Rest des Beitrags »
ShareWie sich der Casino-Kapitalismus durch die Krise zum Medienkapitalismus wandelt
von Georg Seeßlen in Gesellschaft am 27. August 2011
In der populären Mythologie sieht die vorletzte Gemeinheit des Kapitalismus ungefähr wie folgt aus: Die Zocker im großen Casino haben sich übernommen in ihrer Gier, und weil sie „frisches Geld“ zum Weiterzocken brauchten, haben sie die Betreiber des Casinos – die von ihnen abhängigen Regierungen – gezwungen, ihnen welches zu besorgen. Die Regierungen haben es von ihren Bürgern genommen, und die Zocker machen genauso weiter wie zuvor. Da sie allerdings nun wissen, wie „systemrelevant“ sie sind, treiben sie es gerne sogar noch etwas schlimmer. Die Bürger schauen mit fassungslosem Grimm auf das Casino. Sollen sie zornig sein, dass es so weitergeht wie bisher? Oder darüber, dass sie nicht mitspielen?
Fast nichts habe sich geändert nach der Krise, sieht man von den hilflosen Versuchen der Regierungen ab, das wildgewordene Spiel hier und dort ein klein wenig unter Kontrolle zu bringen. Schutzschirme hier, das Verbot von „Leerverkäufen“ dort. Das war doch der Handel mit Aktien, die man gar nicht hat, oder das Wetten darauf, dass etwas an Wert verliert, oder sonst was Unmoralisches. Und dann gibt es noch Hedgefonds. Sinnbilder jedenfalls dafür, dass sich der Casino-Kapitalismus äonenweit vom redlichen Kaufmannsgeist entfernt hat, aus dem er doch einmal entstanden sein soll. Vor der Krise kannten wir nicht einmal die Worte für so etwas. Zum Rest des Beitrags »
Georg Seeßlen: Der Geruch des Geldes
von Alexander Biedermann in Aufnahme, Gesellschaft, Leben am 27. August 2011
Interview, Kamera, Schnitt: Alexander Biedermann (Mai 2011, Hamburg, © getidan)
Das Geld, zur Zeit, hat schlechte Laune. Wo es gestern noch angeregt mit sich selbst plauderte, murrt es sich nun an. Die Datenströme, die durch den Kopf des Geldes fließen, machen es ganz wirr. Seinen alten Bruder Gold, den mag man gerade wieder. Gerne würde das Geld mal wieder mit Menschen sprechen. Es könnte ihnen sagen, es sei doch unvernünftig, was da gerade geschehe, man stoße da etwas ab, was mit Geld zu tun hat, nur weil die Computer entsprechende Daten sammeln. Sie fragen die Menschen schon lange genau so wenig mehr wie das Geld. Soll das Geld etwa mit den Computern sprechen? Arrogante, kleinliche Schnösel! Das Geld weiß, dass es nichts und niemanden mehr auf der Welt gibt, mit dem sich zu unterhalten lohnte. Es war, zugegeben, einst schön, mit den Menschen zu sprechen. Aber sie wurden immer kleiner, sie waren immer ferner. Menschen sind zu billig und zu krank für den Geschmack des Geldes. Zum Rest des Beitrags »
ShareSexistische, mächtige Männer wie Dominique Strauss-Kahn
von Ines Kappert in Gesellschaft am 24. August 2011
Die Staatsanwaltschaft in New York hat beantragt, das Verfahren gegen Dominique Strauss-Kahn einzustellen. Für Feministinnen ist das keine schlechte Nachricht.
Nach der gigantischen Medienschlacht nun dieses kleine laue Ende: Es wird nicht zur Anklage gegen Dominik Strauss-Kahn kommen. Noch nicht mal zur Anklage. Der Mann, der sich vor seiner Verdächtigung der versuchten Vergewaltigung anschickte, der neue französische Präsident zu werden, kann einer Gewalttat nicht überführt werden. Die New Yorker Staatsanwaltschaft, die alles daran setzte, DSK auch im buchstäblichen Sinn nicht davonkommen zu lassen, sie wird kein Verfahren eröffnen. Ist das nun eine weitere Folge in der Endlosserie “Sexismus siegt immer?” Nein. Im Gegenteil. Aus feministischer Sicht ist die Geschichte ziemlich gut gelaufen.
Gehen wir noch mal zurück auf Anfang: Eine Hotelangestellte, schwarz, unterprivilegiert, erstattet Anzeige gegen einen der mächtigsten Akteure in der internationalen Finanzwelt – und findet Gehör. Blitzschnell wird der Verdächtige in U-Haft genommen Zum Rest des Beitrags »
ShareDie nackte Wahrheit – Charlotte Roche rückt die Sexualität wieder penetrant ins Zentrum
von Andrea Roedig in Gesellschaft am 23. August 2011
Der Feminismus hat in den letzten 40 Jahren sein wichtigstes Thema verspielt
Na vielen Dank, liebe Frauenbewegung! So war das doch auch nicht gedacht. Dass nur noch die Frauen kommen und die Männer gucken müssen …”, befindet Charlotte Roches Protagonistin Elizabeth in den jüngst erschienenen “Schoßgebeten” und befreit sich, ganz dem Gemächt des Gatten ergeben, von allen durch Feminismus verursachten sexuellen Verklemmungen. Vordergründig spielt Roche ein bekanntes Stück. Denn egal, ob Ex-Verona-Feldbusch, Alphamädchen oder Kristina Schröder medienintensiv gegen Alice Schwarzer antreten – die deutsche Öffentlichkeit muss sich offenbar in regelmäßigen Abständen rituell vergewissern, dass der alte Emanzen-Feminismus tot ist.
Mit genau derselben rituellen Geste zeigt die alte Alice dann ihre behaarten Zähne. Jetzt nennt sie die “Schoßgebete” auf ihrer Homepage eine “verruchte Heimatschnulze” – sei’s drum. Eigentlich interessant an der Sache ist nicht der immer wiederkehrende Schlagabtausch, sondern ein Missverständnis in Sachen Sexualität und Feminismus. Denn irgendetwas ist schief an der Kommunikation zwischen alter und neuer Frauengeneration, es ist, als tanzten die Kontrahentinnen um einen blinden Fleck, um einen ungelösten Konflikt, für den beide Seiten keine Sprache haben. Zum Rest des Beitrags »
ShareLeisten wir uns was! z. B. das Berliner Stadtschloß
von Jörg Magenau in Gesellschaft am 23. August 2011
Was soll der Geiz – leisten wir uns mal was Schönes. So wie man sich beim Sonntagsausflug einen Eisbecher mit Sahne leistet oder einen neuen Wintermantel, den man eigentlich nicht braucht. Sich was leisten, dabei ein klitzekleinwenig über die Stränge schlagen, das schlechte Gewissen ignorieren und das wohlige Gefühl genießen, an Wirtschaftswunder, Wohlstand und Fortschritt zu partizipieren – das hat doch schließlich die Bundesrepublik seit den 50er Jahren ausgemacht. Leisten wir uns mal was! Ganz in diesem Geist der Geizüberschreitung leistet sich auch die deutsche Kulturnation etwas Schönes: Ein Stadtschloss. Was sind schon 590 Millionen. Schließlich kostet der Neubau des Bundesnachrichtendienstes viel mehr, nämlich mindestens 700 oder 800 Millionen, wie Kulturstaatsminister Bernd Neumann nun vorgerechnet hat. Na also. Das spricht doch für das Schloss. Wir können uns demnach also alles leisten, was weniger kostet als die Betonburg des BND. Das verspricht eine goldene Zukunft.
So ganz ist die Logik Bernd Neumanns aber leider nicht nachzuvollziehen. Was möchte er uns sagen? Zum Rest des Beitrags »
ShareGuter Aufstand oder schlechter Aufstand?
von Georg Seeßlen in Gesellschaft am 22. August 2011
Zum Großen und Ganzen des Diskurses über die Zumutbarkeiten des jeweils neuesten Kapitalismus für den Menschen gehört auch die Verwunderung darüber, dass das „Empört Euch“ bei den Bürgern in der ökonomischen und sozialen Mitte viel mehr Gehör zu finden scheint als bei den viel direkteren Verlierern von Neoliberalismus und Sozialabbau. Fast schwang in dieser Beobachtung, dass Revolten eher moralisch als sozial bedingt scheinen, so etwas wie ein Bedauern mit: Als fehle dem Aufstand der „Wutbürger“ jene letzte „Authentizität“, die nur durch echtes Elend oder wenigstens konkret biographisches Interesse erzeugt wird. Das „Prekariat“ als letzte Zerfallserscheinung einer Gesellschaft, die sich zu Tode flexibilisiert, meldete sich gelegentlich zu Wort, und offenbarte vor allem seine Heteronomie. Die „neue Unterschicht“ dagegen blieb stumm. Saßen wohl vor ihren Fernsehern, holten sich Dick- und Doofmacher aus den Discountläden, haderten mit dem Schicksal, ohne eigene Schuld, ohne politische Kraft darin zu entdecken, und die Kids überlegten nur, ob sie in die kriminelle oder in die Nazi-Gang gingen, im Gameboy verschwinden, sich ins Koma saufen oder als Ghettokid neue Ghettokids machen sollten, oder? Der unsichtbare Bürgerkrieg erschöpft sich in der Organisation gewöhnlicher Kriminalität, in kulturellem Abscheu und in No-Go-Areas, die von neoliberalen Verwaltungen gern akzeptiert werden, weil man dabei an Polizei, Schulen, Kindergärten etc. sparen kann. Die Aufgabe der neuen Unterschicht ist es, im allgemeinen unsichtbar zu bleiben und im besonderen Angst und Abscheu bei den „guten Bürgern“ zu erzeugen: So könnt ihr auch enden, wenn ihr euch nicht anstrengt!
Nun also „explodiert“ auch in Europa einmal das Ghetto. Doch statt eines Aufstandes sehen wir ein sonderbares Durcheinander von Hooliganismus, Terror, Kriminalität, eine hedonistische Masse wendet sich blitzrasch vom ersten Anlass der Empörung, dem Übergriff der Polizei, ab und einer Destruktions- und Plünderorgie zu, eine ziemlich unfassbare Gleichgültigkeit gegenüber dem Mitmenschen und seinen Lebensgrundlagen inbegriffen. Zum Rest des Beitrags »
ShareWo es in Berlin wirklich brennt
von Ines Kappert in Gesellschaft am 20. August 2011
Die grassierende soziale Verdrängung muss das Thema sein
Berlin, Berlin, nie war die Begeisterung über die Kapitale der alternativen Lebenskultur größer als in diesen Tagen. Der Billigfliegertourismus boomt, ebenso der Immobilienmarkt, denn in der Mauermetropole steigen zwar die Preise, aber Bier und Wohnungen sind immer noch vergleichsweise günstig. Und alles ist so friedlich hier. Wie in kaum einer anderen Großstadt kann man sich in Berlin rund um die Uhr weitgehend gefahrlos bewegen.
Aber nicht alle sind vom Run der weltweiten Mittelschicht auf Berlin begeistert. Bei vielen Altberlinern macht sich Unbehagen breit: Wie lange können wir uns das Leben in “unserer” Gegend noch leisten? Die Berliner Löhne sind ja auch niedrig. Entsprechend wird über Touristen inzwischen genauso routinemäßig geschimpft wie über das grausliche Wetter. Gleichzeitig brennen des Nachts immer wieder Autos. Gibt es eine Verbindung zwischen dem Touri-Überdruss der Alteingesessenen, den steigenden Mieten und den nächtlichen Brandstiftungen? Wird es in der Partyhochburg jetzt doch noch gefährlich? Zum Rest des Beitrags »
ShareCaptain America (Joe Johnston)
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Filmwissen, Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Kritik am 19. August 2011
Der Captain für die Kids
Postironischen Popcorn-Patriotismus von Joe Johnston. Mit 3-D-Effekten und ohne Skepsis gegenüber Amerika und seinen Helden.
Dies ist der Kino-Sommer der Superhelden aus den großen amerikanischen Comic-Häusern DC und Marvel. Und wie der Verlierer an den Kinokassen – der etwas bräsige “Green Lantern” von DC – so scheint nun auch der Sieger festzustehen: der No-Nonsense-Held “Captain America”. In den 40er Jahren durfte er Nazis vermöbeln und für Kriegsanleihen werben und in den 60er Jahren seine Wiederauferstehung bei Marvel erleben, unter anderem als nicht unumstrittener Anführer des Superhelden-Teams “Avengers”. Captain America war ein “Hero with problems” – und das Problem von Captain America war – Amerika.
Nichts davon ist in dieser Filmversion zu spüren, die zu den Anfängen des Helden im Zweiten Weltkrieg zurückkehrt. Der schmächtige Steve Rogers – Chris Evans mit digital reduzierten Body-Maßen – würde so gerne seinem Vaterland dienen, doch wegen Asthma und Herzleiden wird er immer wieder zurückgewiesen.
Ein aus Deutschland entflohener Wissenschaftler (Stanley Tucci) verwandelt ihn durch ein Serum in den Supersoldaten “Captain America” – Chris Evans nun mit echtem, durchtrainierten Körper. Bei einem Anschlag feindlicher Agenten verliert der väterliche Freund das Leben, der Held muss seinen Weg alleine finden. Der führt ihn zuerst einmal auf die Bühnen patriotischer Shows, doch die rauen Soldaten des “echten” Krieges zeigen ihm buchstäblich den Arsch. Zum Rest des Beitrags »
ShareDer exlpodierende Kreuzritter (Making of)
von Georg Seeßlen in Gesellschaft am 18. August 2011
Anmerkungen zum Terror und seinen Bildern
1
Jeder Terror-Akt hat drei Geschichten: Eine Geschichte der Psychologie/Pathologie. Eine Geschichte der Ideologie/Religion. Und eine Geschichte der Narrative/Ikonographien. Diese drei Geschichten müssen zusammenkommen, um den Terror-Akt, den Amoklauf, das Selbstmordattentat und andere Taten kalter, sich selbst rechtfertigender Gewalt auszulösen. Dieses Zusammentreffen kann forciert sein oder sich nach Wahrscheinlichkeiten innerhalb einer Kultur bilden; in jedem Fall wird dieses Zusammentreffen erzeugt.
Das „Making of“ des Terroristen Anders Breivik löst zwar in unseren Medien einen Redeschwall aus, doch alle darin spukenden Diskurse tendieren dazu, in die üblichen Verdächtigungen zu zerfallen: Eine kranke Seele ist schuld. Die Hetzer sind schuld. Die Medien sind schuld. Die blutige Pointe ist, dass das alles zugleich falsch und richtig ist. Und am Ende recht eigentlich nicht erkannt werden will. Denn eine Beschreibung des Zusammenhangs von kranker Seele, Hetz-Narrativen und Medienbildern führt, wohin wir nicht wollen, ins finstere Herz der eigenen Kultur.
2
Der Terror ist eine symbolische Tat, die durch ihre körperliche Verwirklichung den größtmöglichen Schrecken auslöst. Mag seine Botschaft auch an einen Gegner gerichtet sein (möglicherweise ist aber auch dies zweitrangig), seine Opfer sind stets Unschuldige, nicht selten gar Menschen, die eher zur Kultur des Täters als der des „Gegners“ gehören. Der Anschlag auf die Twin Towers löste manchenorts so viel Triumphgefühle aus, weil offenbar die Frage, wie viel Moslems sich unter den Opfern befanden, nicht von Bedeutung war. Zum Rest des Beitrags »
ShareNachschrift zu den “Blödmaschinen” (5)
von Georg Seeßlen in Gesellschaft am 17. August 2011
In ihrem Buch „Blödmaschinen – Die Fabrikation der Stupidität“ haben Markus Metz und Georg Seeßlen versucht, eine neue Herrschaftsform in Postdemokratie und Finanzkapitalismus zu beschreiben, die offensichtlich vor nichts und niemandem halt macht. Ab nun werden sie in unregelmäßiger Folge neue Indizien und Methoden der kapitalen Verblödung unserer Gesellschaft hinzufügen.
Leserinnen und Leser des Blogs DAS SCHÖNSTE AN DEUTSCHLAND IST DIE AUTOBAHN sind herzlich eingeladen, sich an dieser Materialsammlung zu beteiligen.
NACHSCHRIFT ZU DEN “BLÖDMASCHINEN” (5):
Ecotainment und Kränkung
Das „Ecotainment“, die Vermischung von Ökonomie und Unterhaltung, die in der Wandlung des Casino-Kapitalismus zum Medienkapitalismus als letzte „Erklärung“ blieb, nachdem in der Krise die rationalen Erklärungsmodelle einigermaßen nachhaltig versagten, geht von einer klassischen „Auslagerung“ gesellschaftlicher Probleme in die Pop-Kultur aus. Wovon man nicht mehr vernünftig reden kann, das muss man in den Kasperiaden des Entertainment behandeln. Und so wie in Japan aus der Angst vor der Atomkraft eine Riesenechse namens Godzilla geworden war, so wird in Deutschland aus der Angst vor der nächsten Finanzkrise die heitere Börsensendung vor der Tagesschau, in der Moderator oder Moderatorin die Geschehnisse auf küchenpsychologische Allgemeinplätze herunter brechen und das Auf und Ab der Börsenkurse mit dem begeisterten Vergnügen eine fernsehüblichen „Wetterfroschs“ kommentieren. Man mag hoffen, den Kapitalismus im Griff zu haben, weil Nachrichtensendungen, wenn keine Katastrophe zu berichten ist, seit geraumer Zeit vorwiegend mit Wirtschaftsnachrichten „aufmachen“. weiterlesen
Kreativwirtschaft
von Ingo Arend in Gesellschaft, Leben am 17. August 2011
Da kommt ein richtiger Druck
Kreativwirtschaft: In Berlin erklärte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit wie die Stadt „Reicher werden, aber sexy bleiben“ soll
Gemessen an China ist Berlin ein reiches Land. Zwar stehen hier nur knapp vier Millionen Menschen gegen eine Milliarde. Und noch ist die deutsche Hauptstadt nicht der wichtigste Gläubiger des Reichs der Mitte, sondern steht selbst mit 60 Milliarden in der Kreide. Doch Berlin besitzt den wichtigsten Rohstoff des postfordistischen Zeitalters überhaupt: Kreativität.
Tag für Tag treibt die Liebe zur Kultur junge, experimentierfreudige Menschen in die Stadt, die jene „Kreative Klasse“ formieren, die für den amerikanischen Ökonomen Richard Florida den Wohlstand der Zukunft schafft. Genau daran mangelt es aber China. Dort boomt zwar die Wirtschaft. Doch „dem ganzen Land fehlt es in jeder Hinsicht an Kreativität“, schreibt der chinesische Künstler Ai Weiwei in seinem verbotenen Blog. Zum Rest des Beitrags »
ShareKleinigkeiten
von Georg Seeßlen in Gesellschaft am 13. August 2011
Sterbegeld-Vorsorge, Nicolas Barbon, Volkskapitalismus, Umzugszeiten und andere Kleinigkeiten
von Georg Seeßlen
Aus irgendeinem Grunde haben wir nach der Krise nicht etwa beschlossen, uns etwas weniger Kapitalismus zu leisten, sondern vielmehr alle zu Kapitalisten zu werden, mindestens für die Minuten, in denen Tag für Tag die Börsensendung des deutschen Fernsehens vor den Nachrichten kommt. Da schauen wir, geleitet von extrem gut gelaunten Expertinnen und Experten, ins Innere des Systems, da jagen sich Zahlen, da Kurven die Kurse, zack, rauf und runter mit dem DAX, und da blubbern die Maschinisten der großen Maschine Finanzmarkt ins bereitgehaltene Mikrophon. Der neue Volkskapitalismus ist natürlich ein Entertainment-Kapitalismus, und so wie einst Kachelmann, bevor es ihn verwehte, das Wetter mit seiner eigentümlichen Euphorie „verkündete“, so „verkünden“ nun die Börsen-Moderatoren ihre Kursschwankungen und ihre schrägen Psychologie-Verweise als hätten sie ein bisschen zuviel weißes Pulver durch ein Aktienpaket gezogen. Aber wahrscheinlich brauchen die gar keinen anderen Stoff: Es ist das Geld, was sie so high macht.
hier lesen Sie weitere Kleinigkeiten von Georg Seeßlen
auf Allgemeinplätze zu reagieren.”
ShareIch war neunzehn (Konrad Wolf)
von Jutta Brückner in Film, Filmspiegel, Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Kritik, Leben 2011
Konrad Wolf war für mich lange ein Gerücht, ein hochgeschätzter Name in der Ferne. Ich kannte seine Filme nicht, denn Gelegenheiten, DEFA-Filme zu sehen, gab es nicht viele. Aber aus politischen Gründen rühmte ich den Filmemacher, nur um gegen die westdeutsche Politik der Alleinvertretung in den Zeiten des Kalten Krieges zu protestieren. Ich glaube nicht, dass ihm diese Vereinnahmung für politische Zwecke gefallen hätte.
Dann sah ich „Ich war 19“. Es muss Anfang der 70er Jahre gewesen sein. Und ich war glücklich, dass ich nichts von meinem falschen Enthusiasmus zurücknehmen musste. Der Film traf mich an dem Punkt, der für mich damals der wichtigste war: in der Frage, wie Subjektivität und Realismus zu vereinbaren sind. Interessante westdeutsche Filme hatten freie subjektive Erzählformen, die die Grenzen der Phantasie erkundeten und eine Privatmythologie etablierten. Aber mein Thema waren die Frauen und die Gesellschaft, in der sie lebten. Und je mehr die Wirklichkeit sich in der künstlerischen Phantasie verflüchtigte, desto fragiler wurde die Wechselbeziehung zwischen Geschichte und Schicksal, auf die es mir aber ankam. Der Realismus, den ich kannte, stellte sich unter den Zwang zu einer Objektivität, in der alle Figuren der Erzählung in gleichmäßiger Distanz blieben. In meiner Suche nach einer Form für einen subjektiven Realismus traf ich auf „Ich war 19“.
Dieser Film ist subjektiv erzählt, das spürt man sofort, auch wenn man nicht weiß, dass die Geschichte Wolfs eigene Rückkehr nach Deutschland als milchbärtiger Soldat der Roten Armee erzählt. Zum Rest des Beitrags »
ShareArbeitermaler, Nationalpreisträger (Zum Tod des Malers Willi Neubert)
von Ingo Arend in Gesellschaft, Leben am 12. August 2011
Im Alter von 90 Jahren ist der DDR-Maler Willi Neubert gestorben
Gestern, heute. Auf den ersten Blick wirkt Willi Neuberts Bild aus dem Jahr 1975 wie die getreue Bebilderung der Nationalhymne DDR: „Auferstanden aus Ruinen, Und der Zukunft zugewandt“. Links sieht man das zerbombte Dresden, rechts wächst das Paradies der Arbeiter und Ingenieure. Trotzdem kann in diesem, in offiziellem Auftrag gemalten Bild, von Sozialistischem Realismus im engeren Sinne nicht die Rede sein. So sehr fallen die Perspektiven hier ineinander, lösen sich die Figuren auf. 23 Jahre hing es in der Galerie des Palastes der Republik. Dass der Staat, der den 1976 eröffneten Bau unterhielt, sich zu diesem Zeitpunkt schon nur noch mit Hilfe einer Mauer am Leben erhalten konnte, kann man auf dem zweieinhalb mal drei Meter fünfzig großen Bild noch nicht einmal erahnen. Zum Rest des Beitrags »
SharePlanet der Affen: Prevolution (Rupert Wyatt)
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Gesellschaft, Kolumnen & Blogs, Kritik, Leben am 12. August 2011
P/R/EVOLUTION
Robert Wyatts neuer Film bringt die Intelligenz ins Popcorn-Kino zurück. Ohne Übertreibung.
Man hat schon mächtig etwas hinein gepackt in diesen Film, der die Vorgeschichte des großen „Planet of the Apes“-Universum erzählt, ein Herzstück der „intelligenten“ Science Fiction der Vor-„Star Wars“-Zeit. Nach dem eher satirischen Roman von Pierre Boulle erzählten fünf Filme (beginnend mit Franklin J. Schaffners Film aus dem Jahr 1968), und zwei Fernsehserien, eine Reihe von Comics und Tie in-Büchern die Geschichte eines Planeten, auf dem offensichtlich die Evolution etwas anders verlaufen ist als in unseren Schulen gelehrt: Die Affen sind die Herrscher, die Menschen ihre Haustiere und Sklaven. Affen sprechen, Menschen lallen allenfalls. Der Raumfahrer, der auf diesem sonderbaren Planeten gelandet ist, stellt am Ende des ersten Films, in einem wirklich einigermaßen gelungenen Twist fest, dass dieser Planet der Affen nichts anderes ist als die gute alte Erde selber, oder, als wäre das nicht das gleiche: Amerika. Zwischen Darwin, politischer Metaphorik und Kulturpessimismus erzählen die Filme gleichsam in einem Kreisen um diese evolutionäre oder eben auch politische Verzweigung, wie sich eine mögliche zweite um die erste Geschichte, die der Menschen bindet, im Diskurs nicht nur von Herren und Sklaven, sondern von Wert und Unwert. Provokant genug in einem Land, dessen Präsidenten ihre Politik immer mal wieder aus dem christlichen Glauben rechtfertigen: Wenn der Untergang der einen den Aufstieg der anderen Primatenkultur bedeutet, hat die ganze Sache mit Schöpfung, Gott, Apokalypse und Erlösung so gut wie nichts zu tun. Die Affen bewiesen im Kino: Evolution ist ein offenes Feld. Und Geschichte wird gemacht. Zum Rest des Beitrags »
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