The Big Eden (Peter Dörfler)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 7. Dezember 2011
Nach dem Uraufführungserfolg während der Internationalen Filmfestspiele Berlin im Februar kommt diese erfrischende Dokumentation jetzt endlich in die Kinos.
Überraschung, Überraschung: Es gibt noch handfeste Playboys, Kerle, die vor Geld und sexueller Vitalität nur so strotzen, und die beides hemmungslos ausstellen. Einer ist der Berliner Rolf Eden. Bereits über 80, wohl stärker von Schönheitschirurgen behandelt als viele dafür bekannte Damen der Gesellschaft, steht er im Mittelpunkt dieses ungewöhnlichen Blicks auf die letzten Jahrzehnte (west-)deutscher Geschichte.
Keine Angst: schlüpfrige Szenen aus der Schlüssellochperspektive gibt es keine. Regisseur Peter Dörfler der schon mit „Achterbahn“, dem filmischen Porträt eines Nachwende-Gewinners, sein Talent für das Aufspüren interessanter sozialer Zusammenhänge anhand einer persönlichen Geschichte bewiesen hat, nutzt das Porträt Rolf Edens um Zeitgeschichte zu reflektieren.
Formal wird dabei kein Neuland beschritten: Alltagsbeobachtungen und Archivaufnahmen sind gekoppelt mit Interviewausschnitten, vor allem mit Rolf Eden selbst, wurden unaufgeregt montiert. Das Ergebnis ist spannend, weil der Regisseur seinen Protagonisten ernst nimmt. Peter Dörfler hört sehr genau zu und lässt Rolf Eden alle Zeit der Welt, sich darzustellen. Wozu ab und an auch verhaltene Momente gehören, nämlich dann, wenn daran erinnert wird, dass der Playboy 1930 in Deutschland geboren wurde und mit seiner jüdischen Familie drei Jahre später nach Palästina auswanderte. Zum Rest des Beitrags »
ShareHabemus papam – Ein Papst büxt aus (Nanni Moretti)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 7. Dezember 2011
Nanni Moretti ist offenkundig kein praktizierender Katholik. Das hat er schon in einigen seiner Filme deutlich gemacht. Als bekannt wurde, dass er einen Film um den Papst drehen würde, rechneten viele mit einer wütenden Abrechnung mit der Kirche als Institution. Diese Abrechnung bleibt aus. Was den Film umso größer macht.
Die Handlung ist schön aberwitzig: Der neu gewählte Papst (Michel Piccoli) gibt Fernsehgeld und flieht vor der Verantwortung. Ein Psychiater (Nanni Moretti) soll den armen Mann wieder ins Lot und damit auf den Thron bringen. Das dauert. Dann haut der Kardinal richtig ab und versucht, zu sich selbst zu gelangen. Die Publicitymaschinerie des Vatikans muss also verdammt hart schuften, um den Gläubigen der Welt eine einigermaßen glaubwürdige Erklärung
zu geben, wieso der neue gewählte Papst nicht auf dem Balkon überm Petersplatz steht und winkt. Klar, dass die wüstesten Gerüchte um die Welt gehen. Ganz unklar hingegen ist, wie das enden soll.
Der italienische Star-Regisseur Nanni Moretti hat einen geradezu zärtlichen Film gedreht. Der Humor provoziert in der Regel allenfalls ein Lächeln. Der Verführung, sich wohlfeil auf das irdische Machtzentrum der katholischen Kirche zu stürzen, hat er sich erfreulicherweise nicht ergeben. Hier wird das Florett geschwungen, kein Hackebeil! Wenn auch kein frommer Katholik, so bezeugt Moretti doch seinen Respekt.
Hauptdarsteller Michel Piccoli, schon weit über 80, stattet die Hauptfigur mit angenehmer Würde aus. Man glaubt ihm die Angst vor der eigenen Courage und – das Wichtigste – zittert mit ihm, ob er aus dem Dilemma zwischen aufgebürdeter Verantwortung und eigenem Lebensanspruch herausfinden wird. Zum Rest des Beitrags »
ShareMad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod (Álex de la Iglesia)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 7. Dezember 2011
Verrückt, genial, durchgedreht, überzogen, lächerlich – nach der Uraufführung dieses spanischen Films unter seinem Originaltitel „Balada triste de Trompeta“ im Vorjahr beim Internationalen Filmfestival Venedig schwirrten die verschiedensten Begriffe durch die Reihen der Kritiker. Kalt gelassen hatte der furiose Rückblick auf die Geschichte Spaniens zur Zeit der Franco-Diktatur niemanden. Laue Reaktionen gab es keine. Die einen waren total begeistert, die anderen winkten ab. „Mad Circus“ ist einer dieser Filme, die wunderbar polarisieren.
Meine Begeisterung war und ist enorm. Das visuell überbordende Historien-Panorama entführt in einen wahrlich kühnen Kino-Alb-Traum. Erzählt wird von einem Mann, der von den gesellschaftlichen Umständen zermalmt wird. Ein großes Thema. Regisseur Álex de la Iglesia hat es in einen großen Film umgesetzt. Extravaganz der Erzählung und der Inszenierung sowie eine Flut heftigster Gefühle halten den Zuschauer in atemloser Spannung.
Die Handlung beginnt in den 1930er und endet in den 1970er Jahren. Alles beginnt mit einem Akt totalitärer Brutalität: Faschistische Militärs unterbrechen eine Zirkusvorstellung. Sie wollen die Künstler als Kanonenfutter verheizen. Ausgerechnet der Clown, der Dumme August, leistet heroischen Widerstand. Das kostet ihn das Leben. Er wird vor den Augen seines kleinen Sohnes ermordet. Als Erwachsener wird dieser auf Rache sinnen. Klugerweise wird der Figur dabei kein großes politisches Bewusstsein unterstellt: Javier (Carlos Areces), der als Clown beruflich das Erbe des Vaters angetreten hat, handelt erst einmal
aus Liebe. Die miese Behandlung der schönen Trapezkünstlerin Natalia (Carolina Bang) durch den ungehobelten Artisten Sergio (Antonio de la Torre) treibt Javier auf die Palme – und schließlich auf die Barrikade gegen das Franco-Regime. Zum Rest des Beitrags »
Stepmom (Chris Columbus)
von Stefan Bußhardt in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 4. Dezember 2011
Onkel Sams neuer Hüttenzauber
Die STEPMOM ist jemand den wir schon als Kind nicht leiden wollten. Später erst recht nicht. Sie ist jemand die einen alten kranken wehrlosen Mann im Rollstuhl – Helmut Kohl dazu verdonnert, dessen Söhne zu vernachlässigen und ihn dazu bringt mit mindestens einem davon zu brechen. Der christlichen Fürsorge dieser Frau verfallen, tut der Altkanzler wie ihm befohlen wird, und lässt den armen Peter wissen dass dieser ihm ab sofort gleichgültig sei.
Hätte Helmut Kohl Chris Columbus‘ gutmütiges Melodram gesehen, er hätte sich vermutlich anders entschieden. Ihm wäre aufgefallen, dass eine Stiefmutter keine verbissene bebrillte böse Frau sein muss, die hektisch an ihrer überdimensional langen Halskette herumfummelt oder in Sorge darüber ob ihre Pläne auch wirklich aufgehen, sie stets beide Flügel ihrer Strickjacke nervös überlappt. Columbus‘ warmherzig offener Film erzählt von einer ganz
anderen Stiefmama. Eine deren Name mit herzlicher Freude aus Kindermündern gerufen wird. Eine wie die erfolgreiche Fotografin Isabel Kelly (Julia Roberts) vor der niemand Angst zu haben braucht, obwohl sie sich in den Ehemann und Vater von zwei Kindern Luke Harrison (Ed Harris) verguckt hat. Mit ihrer coolen sexy Art, die mit äußerlicher Attraktivität und einem losen Mundwerk einhergeht, verzaubert sie den nüchternen kühlen Luke, dessen konservative Noch-Ehefrau Jackie (Susan Sarandon) genuin umso weniger begeistert ist. Diese Stepmom Isabel verfügt über eine ganze Palette an kreativen Ideen und Tricks mittels derer sie die Sympathien von Lukes Kindern Ben und Anna gewinnen will. Trotz allen oberflächlich zur Schau gestellten selbstbewusst kessen Charmes, begegnet Isabel der Familie mit bescheidener Zurückhaltung und übt sich in von Roberts glänzend verkörperter Demut. Sie übernimmt eine wichtige diplomatische Vermittlerrolle zwischen Luke und Jackie, ohne sich in irgendeiner Form fordernd oder besitzergreifend zwischen beide zu stellen. Vielmehr erreicht sie es, aus der bislang strengen und humorlosen Jackie eine fast schillernde Ikone werden zu lassen – deren best behütetstes Geheimnis ihr Krebsleiden ist. Chris Columbus gibt mit seinem moderaten Plot der amerikanischen Durchschnittsfamilie ihre Würde und gleichermaßen ihr gebrochenes Herz zurück. Der American Way of Life ist unter die mittelwertigen Dächer Onkel Sams eingekehrt und genießt dort eine längere gemütliche Tabakpfeife. Zwischendurch setzt er sie mal ab, erhebt sich und erinnert die übrigen Mitbewohner daran, dass der Haussegen schiefhängt und es ein Mehr an familiärer Disziplin bedarf. Die Moralkeule lässt er in der Kammer, stattdessen bringt er einen Sack voller nützlicher Präsente mit. Auch für ihn gilt die alte sozialdemokratische Losung: Der Onkel der was mitbringt, ist beliebter als die Tante die Klavier spielt!
Von diesem neuen Hüttenzauber angestachelt, wollen Mama und ihre Kleinen anfangs nicht viel wissen, doch mit der Zeit obsiegt Onkel Sams Beharrlichkeit und Frohmut. Seriöser als ein George W. Bush, der sich damit brüstet höchstpersönlich dafür verantwortlich zu sein, dass bloß dank seiner grandiosen Wirtschafts- und Familienpolitik Arbeiterfamilien täglich eine warme Mahlzeit zuteilwird, beleuchtet Columbus fairerweise den Alltag finanziell unabhängiger Eheleute mit lukrativer Beschäftigung. Dass es dann ausgerechnet eine Starfotografin sein muss und keine Näherin oder Bügelhilfe mal den vielversprechenden Thron des American Way of Life besteigen darf, zählt zu
den kleinen dramaturgischen Sünden die die Narration des Dramas beherbergt. Wenn eine so hübsche und erfolgreiche Starfotografin wie Isabel nicht nur Gefallen an einem attraktiven Mann, sondern gleich an dessen gesamter Familie findet, dann muss die ganz schwer was auf der Pfanne haben. Wogegen mit dem was in der Pfanne ist, Columbus dann doch keine überaus großen Sprünge wagt und lässt vorsichtshalber die leibliche Mutter weiter ihre lieben Kleinen bekochen. Onkel Sam ist allem gegenüber was an gesellschaftlich-ethnischen Erneuerungen in seiner Hütte geschieht, bisweilen recht skeptisch eingestellt.
Columbus soll vergeben sein. Verzichtet er doch geflissentlich darauf uns eine Kids-ab-zur-Frittenbuden-Story aufzutischen, verliert sich stattdessen in den wundersamen Wünschen und Hoffnungen des amerikanischen Mainstreams gemäß den Bill-of-Rights-Grundsätzen Unabhängigkeit, Freiheit und Toleranz. Die beiden weiblichen Hauptakteure Jackie und Isabel betrachten ihr soziales Umfeld weder als Kontroll- noch als Versuchsgruppe, sie üben sich darin – jede so gut sie kann – gesellschaftlicher Normerfüllung gerecht zu werden, die Außenstehende als hausbacken oder revolutionär empfinden. Die Sozialisationen beider Frauen sind Wandlungen ausgeliefert, innerhalb denen idiosynkratrische Prioritäten gesetzt werden müssen. Wiederkehrende Konflikte zwischen Isabel und Jackie um die Gunst von Luke, Anna und Ben signifizieren die mühevolle Erlangung von Idiosynkrasie-Krediten. Diese sind weder durch lapidare ‚Aber ich bin eure Mutter‘ oder ‚Hoppla, da bin ich‘-Effekte zu gewinnen.
Anna und Ben möchten nicht nur wissen wie STEPMOM aussieht, sondern auch wie sie sich wirklich anfühlt. Spricht sie unsere Sprache, versteht sie es unsere geheimsten Bedürfnisse zu erahnen? Fairerweise klopfen sie auch ihr Vertrauensverhältnis zur leiblichen Mutter auf seine Qualität hin ab und stoßen auf offene Flanken: Warum hat Mama uns ihren Krebs verschwiegen? Hatte sie uns jemals lieb? Hat Papa vielleicht gute Gründe warum er Mama verlässt? Roberts und Sarandon laufen bei ihren Werbemodalitäten um die Gunst ihrer Bezugsgruppe niemals Gefahr ihre Rollen zu glorifizieren oder rücksichtslos durchzustechen. Das dabei entstehende Spannungsverhältnis in dem Kinder dann zu ihren Erziehungsberechtigten stehen, führt Chris Columbus authentischen und lebensnahen Sequenzen zu.
Und wenn die Nervenstränge der ganzen Family mal wieder dünn wie Bandnudeln daniederliegen, schwingt sich Columbus dazu auf sie wild tanzend und heiter durchs ganze Haus den „Sister Act“-Hit „Ain`t no montain high enough“ trällern zu lassen. So konservativ Onkel Sam sein mag, die Trübsal muss draußen in der Kälte bleiben. Sie erinnert uns zu sehr an Helmut Kohls zweite Ehefrau – darauf verzichten wir getrost!
© Stefan Bußhardt
Stepmom (Melodrama USA von 1998; Regie: Chris Columbus)
Bilder: Sony Pictures
ShareVerleihung des Günter-Rohrbach-Filmpreises in Neunkirchen
von Michael André in Film, Gesellschaft, Kritik, Leben am 1. Dezember 2011
Meldung: Bei einer feierlichen Gala hat die Kreisstadt Neunkirchen den 1. „Günther Rohrbach Filmpreis“ verliehen. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis ging an die WDR-Produktion „Unter dir die Stadt“ (Regie: Christoph Hochhäusler) mit Nicolette Krebitz in der Hauptrolle.
Dazu ein Essay von Michael André:
Tote Stadt und untote Banker
In der alten saarländischen Hüttenstadt Neunkirchen wird erstmals der Günter-Rohrbach-Filmpreis verliehen –Doppelsieg für Hochhäuslers Film aus der Endzeit des Kapitalismus – Wenn Film zum Glamourfaktor für die Provinz wird und Festivals an die Stelle der alten Film-Clubs treten
Die Einladung zum ersten Günter-Rohrbach-Filmpreis in Neunkirchen kam spät und löste ambivalente Gefühle aus. Freude, weil durchgesickert war, dass im Saarland einer der eigenen Filme aussichtsreich auf einen Preis war; Verwunderung, weil die Welle der Neugründungen an Filmfestivals und Auslobungen von Filmpreisen nun auch schon Kleinstädte erreicht, die auf der cinematographischen Landkarte Deutschlands bislang blinde Flecken waren. Doch wer suchet, der auch findet. So hat ein wendiger Oberbürgermeister sich erinnert, dass der mittlerweile 83jährige Günter Rohrbach, vom Lokalblatt Saarbrücker Zeitung auf einer Sonderseite als „Lichtgestalt des deutschen Films“ gefeiert, ein Sohn Neunkirchens war. Spielt es da eine Rolle, dass Rohrbach mehr die Rolle des verlorenen denn des alle Zeit heimatverbundenen Sohns erfüllt? Keine. Jedenfalls nicht, wenn es um das Image einer nahezu vergessenen Stadt geht. Rohrbach, früher Fernsehspielleiter beim WDR und danach Chef der Bavaria-Filmstudios, zeigte sich nach anfänglichem Zögern aufgeschlossen für die Idee, einen auf seinen Namen getauften Filmpreis ins Leben zu rufen und ging zusammen mit Senta Berger und drei Lokal-Prominenten auch in die Jury. Man muss Stifter wie Patron zu Ehren halten, dass sie einen thematisch originellen Aufhänger gefunden haben, um ihren Newcomer-Event in der deutschen Filmlandschaft zu platzieren. Filme, die sich schwerpunktmäßig mit „Arbeitswelt und Gesellschaft“ beschäftigen, sollten eingereicht werden. Was in Zeiten der ausgehenden Arbeit in einer post-industriellen Gesellschaft ein spannendes Unterfangen sein kann. Denn die Ära der heroisch-tragischen Arbeiterfilme, wie sie ein letztes Mal die 68er Filmemacher feierten, ist endgültig vorbei. Statt der chronisch wiederkehrenden Zyklen von Konjunktur und Depression ist die Krise zum prekären Dauerzustand geworden. Sie löst Angst, Hysterie wie auch Apathie aus. Die alten Formen des Streik-Protests und offenen Widerstands erweisen sich als weitgehend stumpfe Waffen. Im Leben wie im Film.
Interessant nimmt sich Christoph Hochhäuslers Film „Unter dir die Stadt“ dieser Aufgabe an. Er erzählt von spekulativen Transaktionen in der Bankenwelt und abgründigen Liebschaften. In seiner Verrätselung ist der Film auf seinem Feld in Deutschland eine Rarität, doch bei der Kino-Auswertung ist er wenig geliebt bei Publikum wie Filmkritik geblieben. Die Rezeption bei der Weltpremiere in Cannes war eher lau, die deutschen Kritiker verhielten sich weitgehend verständnislos. Sie erblickten in Hochhäuslers drittem Spielfilm „nicht mehr als eine Finanz-Milieu-Studie“, im Stil „anteilnahmslos wie der Bericht einer Unternehmensberatung.“ Und sie verargten ihm, nicht genügend „mitreißend“ (Der Spiegel) zu sein. Zum Rest des Beitrags »
ShareIn Time – Deine Zeit läuft ab (Andrew Niccol)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 30. November 2011
Zeit ist Geld. – Der alte Kapitalisten-Slogan wird hier höchst originell illustriert: Die Handlung spielt in der Zukunft. Unsterblichkeit ist Alltag. Was gar nicht schön ist, droht doch die Überbevölkerung zum Chaos zu führen. Also wird Zeit teuer. Nur wer wirklich reich ist, kann sich die Ewigkeit kaufen. Vor diesem die Zeichen der Zeit geradezu satirisch deutenden Hintergrund gibt’s Action, Liebe und profundes Schauspiel: Amanda Seyfried (die schon neben Meryl Streep in „Mamma mia!“ gefiel und Justin Timberlake fesseln durchaus als Science-Fiction-Nachfahren von Bonny und Clyde. Freilich: Timberlake-Fan werde ich trotzdem nicht, das
Getue um den nun auch schon 30-Jährigen ist mir einfach zuviel. Ja, das ist ungerecht, der hat Talent, klar. Und es ist wohl kein Zufall, dass ausgerechnet dieser Selbstvermarktungs-Gigant, der sich fast perfekt als Grundkapital mit hohem Renditezuwachs verhökert, hier eine der Hauptrollen verkörpert. Drehbuchautor und Regisseur Andrew Niccol (einer der entscheidenden klugen Köpfe hinter „Die Truman Show“!) nutzt das und die Gesellschaftskritik natürlich als Garnitur zur Spannungsmache. Aber, so, wie er die Welt des Geldes ins Bild setzt, hat das Wirkung und mutet ziemlich ernst gemeint an. Hut ab!
Clou des Films: die Darstellung von Cillian Murphy („Inception“, „The Edge of Love“). Er spielt einen Polizisten, einen “Zeithüter”, der weiß, dass er auf der Seite der Falschen arbeitet, und der doch nicht die Seiten wechseln kann. Großartig! Da wird der Film denn doch tatsächlich zur Studie darüber, was die Macht des Geldes den Massen an Ohnmacht „schenkt“. Damit wird der Thriller wirklich zum ernst zu nehmenden Unterhaltungsangebot für Leute, für die das Denken zu den größten denkbaren Vergnügungen gehört. Hoffentlich hat die deutsche Synchronfassung (die mir nicht bekannt ist) den Geist des Films nicht platt gewalzt!
Peter Claus
In Time – Deine Zeit läuft ab, von Andrew Niccol (USA 2011)
Bilder: Fox
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Die Reise des Personalmanagers (Eran Riklis)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 30. November 2011
Ein Mann ohne Name, ohne wirklich greifbares Gesicht, ohne Persönlichkeit: er (Mark Ivanir) ist Personalmanager einer Großbäckerei in Israel. Seine Ehe ist im Eimer, die Tochter hält ihn für einen kompletten Versager. Ein Schlaffi, der lustlos durchs Leben schlurft. Da wird eine Frau, die ihm unterstellt war, getötet. Nun muss ihre Leiche in die Heimat transportiert werden, nach Rumänien. Der Personalmanager macht sich auf die Reise und landet schnurstracks in einem Abenteuer, das ihn als Mensch enorm herausfordert.
Im August beim Internationalen Filmfestival Locarno wurde die Tragi-Komödie zu Recht mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Regisseur Eran Riklis („Lemon Tree“) nutzt eine skurrile Geschichte, die in Osteuropa
mündet, um ein kritisches Bild seiner Heimat, Israel, zu zeichnen. Kalt, unwirtlich, von Angst und zugleich Hochmut gezeichnet erscheint das Land bei ihm. Verbissen wird das nicht reflektiert. Viele Momente schwarzen Humors brechen das Bild auf.
Alles, was der von Mark Ivanir ganz leicht gespielte Personalmanager in Ost-Europa erlebt, wie Korruption, Verbrechen, Trunksucht, Einsamkeit, Kinderarmut, spiegelt vor allem Sorgen und Nöte Israels. Doch es gibt Hoffnung: Sie wird zunächst vom halbwüchsigen, arg verwahrlosten Sohn (Noah Silver) der Toten symbolisiert. Eran Riklis zeigt dabei die Richtigkeit des alten Spruches von der Einigkeit, die stark macht. Der Knabe und der Mann in den, freundlich gesagt, besten Jahren, müssen zusammen halten, um der Welt die Stirn bieten zu können. Nichts da mit Heldentum. Grips ist gefragt. Wie Riklis das erzählt, ohne ins Grobe zu verfallen oder gar billige Witze einzusetzen, das lässt den Film zur Charakterkomödie reifen. Ein Road Movie, das oftmals sehr streng von gar nicht Komischem erzählt, seine große Wirkung (neben dem Schauspiel) aber aus einem stets spürbaren Humor voller Menschenwürde bezieht.
Peter Claus
Die Reise des Personalmanagers, von Eran Riklis (Israel/ Deutschland/ Frankreich/ Rumänien 2010)
Bilder: Alamode (Filmagentinnen)
ShareJane Eyre (Cary Fukunaga)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 30. November 2011
„Jane Eyre“ von Charlotte Brontë schon wieder als Film? Den Roman haben wir doch nun schon oft genug bebildert im Kino verschlungen. Und dann auch noch ein US-amerikanischer Regisseur, Cary Fukunaga? Ich habe dem Film mit Skepsis entgegen gesehen. Und dann war ich nach wenigen Minuten vollkommen fasziniert!
Die Story in Stichworten: Jane Eyre (Mia Wasikowska) ist arm und Waise. Verwandte haben sich ihrer angenommen, betrachten das Kind und dann die junge Frau jedoch als minderwertig. Sie meutert und wird in ein Internat gesteckt. Als Gouvernante auf Thornfield Hall scheint es ihr zunächst recht gut zu gehen. Die Haushälterin Mrs. Fairfax (Judi Dench) wird eine Freundin. Hausherr Edward Rochester (Michael Fassbender) gibt
sich abweisend und mürrisch. Doch bald fühlen sich Beide unentrinnbar voneinander angezogen. Was natürlich nicht sein darf, von wegen des Standesdünkels. Eine Katastrophe erscheint unausweichlich.
Die meisten Zuschauer dürften die Vorlage kennen, zumindest aus anderen Verfilmungen. Spannung kann also aus der Handlung kaum erwachsen. Regisseur Cary Fukunaga erzählt die Geschichte zwar kraftvoll und nach den Regeln des Spannungskinos, doch vertraut er vor allem auf das Wie. Das wird von wohliger Ruhe bestimmt. Selbst in den Blenden in die Kindheit kommt nie Hektik auf. Die bleibt auch später aus. Der Blick gilt sowieso nicht den Äußerlichkeiten, sondern dem Innen-, dem Seelenleben der Titelfigur. Fukunagas Hauptdarstellerin Mia Wasikowska ist dafür ideal. Blicke, Gesten, Schweigen – das sind ihre unaufdringlichen und stets unaufgeregt eingesetzten Mittel. An ihrer Seite: die verlässlich präzise Judi Dench und Michael Fassbender, der mit den Produktionen „Shame“ und „Eine dunkle Begierde“ der Star des diesjährigen Filmfestivals Venedig war (und denn auch auf dem Lido als bester Schauspieler ausgezeichnet wurde). Auch er brilliert. Es ist absolut atemberaubend, wie er das Ringen von Kälte und Leidenschaft im sorgsam abgeschirmten Innern des Edward Rochester spürbar erden lässt. Jamie Bell („Billy Elliot – I Will Dance“) und Sally Hawkins („Happy-Go-Lucky”) ergänzen das Trio vortrefflich.
Die Intensität des Schauspiels und die Eleganz der Inszenierung servieren einem dann am Ende, selbst wenn man die Story in- und auswendig kennt, eine schöne Überraschung: das fulminante Finale rührt einem kraftvoll ans Herz. Großes Schauspielkino, das sich nicht in darstellerischer Virtuosität erschöpft, sondern den mehr als einhundertfünfzig Jahre alten Roman fürs Heute erzählt.
Peter Claus
Jane Eyre, von Cary Fukunaga (England 2011)
Bilder: Tobis
ShareDie Mühle und das Kreuz (Lech Majewski)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 23. November 2011
Malerei im Kino. Sollte doch die leichteste Übung sein. Schließlich ist auch Film vor allem Visualisierung. Doch: Die meisten Filme über das Malen, oft über das Leben von Malern, sind ziemlich öde und pseudo-akademisch. Herausragendes wie „Caravaggio“ oder, noch länger ist es her, „Ein Leben in Leidenschaft“ ist selten.
Hier haben wir’s, das Herausragende. Der polnische Regisseur Lech Majewski überrascht mit einem experimentellen Filmessay, in dem er das 1564 vollendete Gemälde „Die Kreuztragung Christi“ von Pieter Bruegel, d. Ä. interpretiert. Majewski stellt Szenen des Bildes nach, wirft Schlaglichter auf die vermeintliche Entstehungsgeschichte und auf die Analyse des Kunstwissenschaftlers Michael Francis Gibson. Rutger Hauer als Bruegel und dazu Stars wie Michael York und Charlotte Rampling helfen dem Zuschauer in bewusst theatralisch gehaltenen Szenen bei der Orientierung. Dabei bleibt illustrierender Kitsch jedoch aus. Entscheidend für die große Wirkung sind die Arrangements von Licht und Schatten. Wort und Musik nicht ausufernd, sondern sehr gezielt einsetzend, ist es in erster Linie die Intensität der Kino-Bilder, die die Bruegel-Bildwelt erschließt. Das ist keine übliche Unterhaltungskost. Aber: Wer sich für bildende Kunst interessiert, kann, selbst bei nur oberflächlicher Kenntnis, ein großes geistiges Vergnügen empfinden. Der Gang ins Kino lohnt unbedingt!
Peter Claus
Die Mühle und das Kreuz, von Lech Majewski (Polen/ Schweden 2011)
Bilder: Neue Visionen
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Die Kreuztragung Christi, Pieter Bruegel der Ältere, 1564
Im Weltraum gibt es keine Gefühle (Anderas Öhmann)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 23. November 2011
Behinderte als Komödien-Stars sind en vogue. Da gab es schon einiges Gelungene zu sehen, aber auch Missliches. Also: erstmal ist Skepsis angesagt. Doch der Spielfilm des 26-jährigen Regisseurs Andreas Öhman verscheucht die Skepsis schnell. Ein höchst erstaunlich souveränes Kino-Debüt!
Im Zentrum der Handlung steht Simon, ein junger Mann mit Asperger-Syndrom, einer Form des Autismus. Der 18-Jährige tut sich deshalb zum Beispiel äußerst schwer damit, sich gegenüber anderen Menschen zu öffnen, gar regelmäßige soziale Kontakte aufzubauen. Nur zu seinem Bruder Sam hat er so etwas wie ein Vertrauensverhältnis. Bei dem zieht er denn auch plötzlich ein, als er es im Elternhaus einfach nicht mehr aushält. Sam möchte gern helfen – doch sein eigenes Leben gerät nun aus den Fugen. Die Verantwortung für Simon ist einfach zu viel für ihn, erst recht für seine Freundin. Die Liebe des Paares hält der Belastung nicht stand. Für Sam bricht eine Welt zusammen – und das beschert natürlich auch für Simon, der eine streng geordnete Welt braucht,
verdammt viele Probleme. Da fällt er auf der Straße unverhofft einer chaotischen jungen Frau, Jennifer, in die Arme. Oder sie ihm? Simon fragt sich, ob sie nicht ideal als neue Freundin für den Bruder ist. So, meint der Teenager, könne doch alles ganz leicht wieder ins Lot gerückt werden. Doch klar, nun wird’s erst recht turbulent.
Die Szenen wirken oft geradezu impressionistisch, wie hingetupft. Das ist von schöner Leichtigkeit, ohne, dass es seicht wird. Die Figur des Simon wird nicht nur schauspielerisch exzellent porträtiert. Seine Einschränkungen durch das Asperger-Syndrom, er kann beispielsweise nur etwas essen, das rund ist, werden durch grafische Elemente immer wieder geschickt markiert. Die sehr besondere Wahrnehmung dessen, was Durchschnittsmenschen als gewöhnlichen Alltag empfinden, wird dadurch überaus einleuchtend und pointiert vermittelt. Da gibt es viel Witz. Der auch aus der Handlung erwächst, etwa wenn Simon sich aus einer Mülltonne ein Raumschiff bastelt. Da wird’s denn auch mal herrlich-skurril philosophisch, wenn der Außenseiter, der sich selbst als solcher empfindet, das Leben der anderen spiegelt.
Der Film balanciert geschickt zwischen Nachdenklichkeit und durchaus knalligem Humor, der jedoch nie ins Kalauern abgleitet. Über allem liegt eine Frage, die jede und jeden betrifft, egal, ob nun behindert oder nicht: Wie kriege ich meine eigenen Gefühle in den Griff? – Vorschnelle Antworten werden nicht verteilt. Aber es gibt viele Momente in diesem Film, die einen als Zuschauer noch nach dem Kinobesuch lustvoll nach Antworten für sich selbst suchen lassen. Das macht Spaß und schenkt einem einige Einsichten über den Wert des menschlichen Miteinanders, die nicht neu sind, die wir alle aber viel zu oft vergessen.
Peter Claus
Im Weltraum gibt es keine Gefühle, von Anderas Öhmann (Schweden 2010)
Bilder: Arsenal
ShareDer Gott des Gemetzels (Roman Polanski)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 23. November 2011
Kate Winslet war in diesem Jahr, im September, beim Internationalen Filmfestival Venedig in gleich mehreren Filmen und einem TV-Mehrteiler zu sehen. Da wurde wieder mal klar: Sie ist immer gut. Bestätigt wurde auch, dass sie bezaubernd schön aussehen kann, wenn’s der Rolle dient. Dass sie aber auch überaus attraktiv wirkt, wenn sie kotzt, das ist mal was Neues.
Diese (weder für das Leben, noch für die Kunst wichtige) Erkenntnis beschert die Verfilmung des Bühnenhits „Der Gott des Gemetzels“ durch Regie-Altmeister Roman Polanski. Ansonsten bietet der Film nicht viel. Neben „Oscar“-Preisträgerin Kate Winslet agieren die „Oscar“-Preisträger Jodie Foster und Christoph Waltz und John C. Reilly, der immerhin schon mal für die Hollywood-Trophäe nominiert war. Die Vier geben ihrem Affen Zucker und damit dem Kammerspiel schauspielerische Rasanz. Aufwerten können sie das landauf, landab gespielte Stück von Yasmina Reza damit nicht. Das hat einen schalen Beigeschmack, denn es baut arg schlicht auf die Binsenweisheit „Schadenfreude, schönste Freude“. Vorgeführt werden nämlich zwei gutbetuchte Ehepaare, die jedoch geistig und emotional verdammt arm dran sind. Das Quartett trifft sich in der Wohnung des einen Gespanns, um die Rangelei der jeweiligen Söhne
auf einem Spielplatz zu diskutieren. Da gab’s ein bisschen Nasenbluten. Diese Nichtigkeit ist Anlass für eine Konfrontation der Erwachsenen, die sich von gefälligem Geplänkel bis zu wütenden Verbalattacken und fast körperlichen Handgreiflichkeiten auswächst. Merke: In jedem von uns steckt eine Bestie, wehe, wenn sie losgelassen. Da es ja immer wohlig ist, im Parkett eines Theaters oder Kinos zu sitzen und sich schlauer und besser fühlen zu dürfen als die Protagonisten, macht das lautstark Effekt. Überraschend ist es nicht.
Überraschungen lässt auch die Inszenierung von Roman Polanski vermissen. Ihm ist absolut nichts eingefallen, um die Kino-Adaption des Stücks filmisch interessant zu gestalten. Das Unternehmen wirkt, als habe er eine Theateraufführung nahezu eins zu eins eingefangen. Der zu Recht weltberühmte Regisseur, der manches Meisterwerk gestemmt hat, bleibt hier weit unter dem, was er kann.
Uraufgeführt wurde die Edel-Krachklamotte in diesem Herbst auf dem Internationalen Filmfestival von Venedig. Der Beifall war freundlich. Die Jury, die am Ende die renommierten Preise des ältesten europäischen Branchentreffs vergab, übersah den Film geflissentlich. Auch das: keine Überraschung.
Wer Schauspielern, die zweifellos Könner sind, gern bei der Arbeit zusieht, der wird sich vergnügen. Wer gern andere auslacht, ebenso. Wer mehr im Kino will, hat eher weniger zu lachen.
Peter Claus
Der Gott des Gemetzels, von Roman Polanski (Frankreich/ Spanien/ Polen/ Deutschland 2011)
Bilder: Constantin
ShareDer ganz normale Wahnsinn – Working Mum (Douglas McGrath)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 17. November 2011
Und noch eine Bestseller-Adaption. Regisseur Douglas McGrath hat Allison Pearsons Roman über Lust und Last beruflichen Engagements von engagierten Müttern flott in Szene gesetzt. Aus der dünnen Story holt er das Mögliche an Effekt heraus: Kate (Sarah Jessica Parker) hat Erfolg als Investment-Managerin. Den will sie auch als Mutter zweier Kinder haben. Beides ist gar nicht so ohne weiteres unter einen Hut zu kriegen. Die Frage, ob schließlich doch, ist der Motor des Geschehens.
Neben der Hauptdarstellerin haben Greg Kinnear als hilfsbereiter Architekten-Gatte und Pierce Brosnan im Part hübsch-komödiantische Szenen. Weil nicht als Dussel denunziert,
sondern ernst genommen, haben die von den beiden Stars verkörperten Mannsbilder Gewicht. Sarah Jessica Parker wirkt – da kann sie nichts dafür, Fluch des Erfolgs – wieder wie Carrie in „Sex and the City“. Spannenderweise ist aber gerade das interessant: Weil die Rolle diesmal vielschichtiger ist, und keineswegs unentwegt glamourös, darf die Schauspielerin mit Können auftrumpfen. Wenn sie das Erschöpft-Sein der Karrierefrau mit sichtbarer Müdigkeit zeigt und gleichzeitig fast trotzig auf eine Ich-schaff-das-schon-irgendwie-Stehaufmännchen-Pose macht, entsteht ein starker Charakter.
Klar: der Rahmen der Komödie wird nicht gesprengt. Immerhin gibt es einige Szenen, die deutlich zeigen, wie falsch es ist, wenn Menschen, egal in welcher Situation, immer nur danach streben, die Erwartungen der Anderen zu erfüllen. Steh zu Dir selbst, sei individuell – in den USA, wo unauffälliges – Wie-alle-Anderen-Sein als A und O an Tugend gilt, ist das geradezu schon aufmüpfig.
Peter Claus
Der ganz normale Wahnsinn – Working Mum, von Douglas McGrath (USA 2011)
Bilder: Wild Bunch (Central)
ShareDer Fall Chodorkowski (Cyril Tuschi)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 17. November 2011
Was wissen wir über Russland heute? Die meisten von uns wohl nicht sehr viel. Cyril Tuschis Dokumentation über Aufstieg und Fall von Michail Chodorkowski kann da einige Bildungslücken schließen.
Seit 2005 sitzt Michael Chodorkowski im Gefängnis. Die Übernahme von bis dahin staatlichen Ölfeldern hatte ihn Mitte der 1990er Jahre zu einem der Super-Reichen des neuen
Russlands werden lassen. Zugleich wurde er – das sagt der Film – damit politisch all jenen gefährlich, die an die Macht strebten oder diese halten wollten. Durchaus demokratiebewusst, beispielsweise engagiert im Kampf gegen Korruption, machte sich Chodorkowski rasch sehr viel mehr Feinde als Freunde. Sein Konzern wurde zerschlagen. Vor knapp einem Jahr wurde er in einem von vielen Beobachtern und Kommentatoren als alles andere denn demokratisch untermauerten Prozess unter anderem wegen angeblicher Geldwäsche zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt.
Cyril Tuschi nutzt seine Versuche, an Michael Chodorkowski heranzukommen, als Hauptmotiv des Films. Knappe Aussagen von Chodorkowski und Statements von Zeitgenossen verdichten sich zu einem Abbild der Polit-Lage in Russland, zumindest zu Ausschnitten. Spannend daran sind die Rückschlüsse, die auf den Zustand der Welt an sich möglich sind. Wenn da der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer den Filmemacher mehr oder weniger als Traumtänzer abkanzelt, weil der nach Gerechtigkeit sucht, fröstelt es einen doch erheblich.
Peter Claus
Der Fall Chodorkowski, von Cyril Tuschi (Deutschland 2011)
Bilder: Farbfilm
ShareHalt auf freier Strecke (Andreas Dresen)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 17. November 2011
Regisseur Andreas Dresen ist vor allem für launige Spielfilme über so genannte „Kleine Leute“ berühmt. Bekannte Titel: „Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“, „Whisky mit Wodka“. Prägend dabei sind seine Lust, die Schauspieler improvisieren zu lassen, und ein oft melancholischer Grundton der Erzählungen. Für seinen neuen Spielfilm gab es im Mai beim Internationalen Filmfestival in Cannes gemeinsam mit einem koreanischen Beitrag den Hauptpreis der Sektion „Un Certain Regard“. Im Zentrum von Dresens Film steht das langsame Dahinsiechen eines Familienvaters. Ein hartes Thema. Soll man sich dem aussetzen?
Ich meine: ja! – Der Film tut weh, geht einem unter die Haut. Aber: Er behandelt das schwierige Thema des Sterbens nicht als reißerische Show. Anders als in sentimentalen Hollywood-Produktionen, wie „Lovestory“ oder „Zeit der Zärtlichkeit“, wird nie auf die Tränendrüsen gedrückt. Der Ton der Erzählung ist durchweg lakonisch, pointiert, unangestrengt, wird
gelegentlich sogar von Witz geprägt. Vieles wurde offenkundig beim Drehen improvisiert. Das sorgt für Wahrhaftigkeit. Und, wie schon mehrfach bei Dresen, spielen Laien. Da ist zum Beispiel der Arzt, der Frank (Milan Peschel) und seiner Frau (Steffi Kühnert) die Diagnose, inoperabler Hirntumor, mitteilen muss. Die Hilflosigkeit des Mediziners und des Patienten sowie seiner Frau hat nichts Gestelztes. Szenen wie diese dürften sich im wahren Leben zumindest sehr ähnlich abspielen. Man hält den Atem an.
Der Film ist überwiegend in einem leisen, zurückhaltenden Ton gehalten. Das macht es besonders hart. Zusammen mit dem Mittvierziger Frank, seiner Frau, den zwei halbwüchsigen Kindern, den Verwandten und Freunden erleben wir als Zuschauer so den Prozess des erzwungenen Abschiednehmens. Großartig dabei: Dresen, seine Drehbuchmitautorin Cookie Ziesche und die durchweg großartigen Schauspieler beugen sich in keinem Moment tröstlichen Lügen. Der Schrecken, den das Wissen um den unausweichlich nahenden Tod auslöst, wird nicht einmal verniedlicht. Doch es wird eine Möglichkeit des Umgangs damit gezeigt: Dadurch, dass sich Frank und die anderen dem Furchtbaren stellen, können Sie es aushalten, und sie können das Leben wirklich bis zum letzten Moment annehmen.
Ein Einfall hat mich zunächst irritiert: Frank personifiziert seinen Hirntumor mittels Videotagebuch im iPhone. Der Krebs tritt als Person sogar im Fernsehen auf. Für Frank macht das den tödlichen Feind nicht zum Freund, doch berechenbar. Dem Publikum schenken diese skurrilen Szenen die Möglichkeit, Luft zu holen, innezuhalten, nachzudenken und dem Geschehen ohne ein Abrutschen ins Weinerliche bis zum Schluss zu folgen.
Im Nachhinein wurde für mich klar: Dies ist gar kein Film über das Sterben. Es ist ein Film über das Leben. Dresen und seine Mitstreiter denken nach über die Suche nach dem richtigen Weg durch einen unberechenbaren Alltag. Bei allem Grauen, das damit verbunden ist, gibt das dem Einzelnen viele Anregungen zum Nachdenken über sich selbst.
Peter Claus
Halt auf freier Strecke, von Andreas Dresen (Deutschland 2011)
Bilder: Pandora
ShareEine dunkle Begierde (David Cronenberg)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 9. November 2011
David Cronenberg gilt als Meister des Horrors besonderer Art. Nun überrascht er mit der Adaption des Bühnenhits „The Talking Cure“, verfasst vom Briten Christopher Hampton, der im Kino durch sein Drehbuch für „Gefährliche Liebschaften“ Ende der 1980er Jahre Weltruhm erlangte, als Regisseur mit „Carrington“ zu Recht viel Beifall erntete. Unter dem spekulativen deutschen Verleihtitel „Eine dunkle Begierde“ ist die Leinwandfassung nun also hierzulande zu bestaunen. Beleuchtet werden Lebensstationen von Sigmund Freund und Carl Gustav Jung, den Vätern der Psychoanalyse.
Illustriert wird im Grunde Banales – nämlich der Satz, dass die Liebe Berge versetzen kann. Das vor dem Ersten Weltkrieg in Zürich und Wien spielende Drama macht’s mit ausgefeilter Schauspielkunst. Die Engländerin Keira Knightley, der Deutsch-Ire Michael Fassbender und der dänisch-US-amerikanische
Akteur Viggo Mortensen dürfen ihrem jeweiligen Affen kräftig Zucker geben. Fräulein Knightley übertreibt dabei am Anfang ein bisschen. Sie spielt die Frau, die hinter dem Erfolg der zwei Männer stand: Sabina Spielrein. Zu Beginn der Film-Story ist sie psychisch krank. Knightley zeigt das mit heftigem Grimassieren. Weniger wäre mehr gewesen.
Die auf historischen Tatsachen ruhende Handlung konzentriert sich auf die komplizierte Beziehung der aus Russland stammenden Sabina Spielrein und Carl Gustav Jung (Michael Fassbender). Der Schweizer Psychiater nimmt sie zunächst als Patientin an, dann, obwohl er verheiratet ist, als Geliebte. Sie profitiert emotional und später auch beruflich, studiert Medizin, tritt in die Fußstapfen Jungs. Der ist zunächst nur schockiert über sich selbst. Denn mit der Affäre hat er eine Grenze überschritten, die nicht überschritten werden darf, die zwischen Arzt und Patientin. Verzweifelt wendet sich Jung an den Wiener Kollegen Sigmund Freud (Viggo Mortensen). Der folgende Gedankenaustausch der Beiden legt entscheidende Grundlagen für die Psychoanalyse.
Vorwissen nicht erforderlich. Man muss kein Psycho-Experte sein, um der Geschichte folgen zu können. Die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonisten ist auch so verständlich. Schauspieler und Regie machen es einem leicht. Einige drastische Sex-Szenen geben Orientierungshilfe. Der Film spiegelt die europäische Geistesgeschichte des vorigen Jahrhunderts auf leicht verdauliche Art. Wirklich in die Tiefe und damit unter die Haut geht er aber nur einmal, ganz am Schluss: Eine Schrifttafel erinnert daran, dass die Jüdin Sabina Spielrein, die Freud und Jung entscheidende Anregungen gegeben hat, 1942 von den Nazis ermordet wurde.
Peter Claus
Eine dunkle Begierde, David Cronenberg (Großbritannien/ Kanada/ Deutschland/ Schweiz 2011)
Bilder: Universal Pictures
ShareAnonymus (Roland Emmerich)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 9. November 2011
Roland Emmerich liebt Katastrophen und Klamauk. Große Unterhaltungserfolge, wie „Independence Day“ und „The Day after Tomorrow“ stehen dafür. Diesmal bleibt’s beim Klamauk – und ist derart unterhaltsam, wie kein Emmerich-Film zuvor.
Eine uralte Verschwörungstheorie wird verwurschtelt – die, dass Shakespeare sonst was war, nur kein genialer Dichter. Experten sagen, alles Quatsch. Das Kino zeigt nun: Ob Quatsch oder nicht, lustig ist’s und macht einen Höllenspaß.
Also: Ab nach good old England, damals, zur Zeit von Queen Elizabeth I., verkörpert in jung von Joely Richardson, in späteren Jahren von Vanessa Redgrave. Die Königin hat jede Menge Zoff mit Intrigen und anderen Misslichkeiten, verantwortet in der Regel von miesen Mannsbildern. Ex-Schauspieler
William Shakespeare (Rafe Spall) mausert sich derweil zum Erfolgsautor. Den will die Königin an ihrer Seite wissen. Denn ihr ist klar: Kunst ist eine prima Propagandawaffe. Selbst das gekrönte Haupt ahnt nicht, dass der Dichter gar kein Dichter ist. Er ist ein Strohmann. Der Graf von Oxford (Rhys Ifans), der sich als Adliger nicht zu seiner Theaterleidenschaft bekennen darf, ist das Genie. Kommt’s raus? Wen wird er in all den Ränken unterstützen? Und was wird, ganz nebenbei, aus Shakespeare?
Nach einer im New York der Gegenwart spielenden Eingangsszene geht’s flott in die Historie, wobei es in der Rückblende gleich noch eine gibt und noch eine. Klingt kompliziert? Ja, ist es aber nicht. Emmerich inszenierte stringent und klar. Man findet sich leicht zurecht. Vor allem: Das Amüsement ist groß. Denn Emmerich hat mit Lust am Komödiantischen inszeniert, genau wie es sich für Shakespeare gehört. War der nun ein Dichter oder nicht? Der Film wird die Legende stärken, dass er nichts als ein Scharlatan gewesen ist. Nur eins wird mit Sicherheit bleiben: die Schönheit, die Größe, ja, das Genie seiner Stücke.
Rhys Ifans gibt hier die beste Vorstellung seiner bisherigen Laufbahn. Bei allem Spaß, geht der Ernst des Stoffes Dank seiner Charakterisierungskunst nicht verloren. Und dann die Redgrave! So schnell sollte sich jetzt keine Schauspielerin wieder an die Verkörperung der in die Jahre gekommenen Elisabeth I. wagen!
Viel Anlass also für Vergnügen. Wer üppige Historienschinken voller Lust und Liebe und Leid und Herz-Schmerz mag, wird bestens bedient.
Peter Claus
Anonymus, Roland Emmerich (Großbritannien/ Deutschland 2011)
Bilder: Sony Pictures
ShareAnother Earth (Mike Cahill)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 9. November 2011
„Science-Fiction“ heißt im Kino in der Regel, dass Computertricks und viele Effekte die Hauptrollen spielen. Das Menschliche kommt dabei meist zu kurz. Das ist ganz anders in dem in naher Zukunft spielenden Drama „Another Earth“. Wie jüngst in Lars von Triers „Melancholia“ taucht hier ein blauer Planet am Himmel auf und sorgt für Verwirrung. Anders als bei von Trier allerdings entwickelt sich daraus kein Untergangsdrama.
Kann es unsere Erde zwei Mal geben? Sind wir Menschen wirklich einmalig? Ist alles Leben nichts als ein Irrtum der Natur? – Simple Fragen. Doch die Suche nach Antworten ist kompliziert. Die Geschichte des Films dazu ist es zum Glück nicht: Da steht plötzlich ein blauer Planet am Himmel. Wissenschaftler
taufen ihn „Erde Zwei“. Die Welt steht Kopf. Ausgerechnet jetzt versuchen Astrophysikerin Rhoda und Komponist John ihren Lebensbahnen einen Sinn zu geben. Was unabhängig der durch „Erde Zwei“ verursachten Turbulenzen überaus schwierig ist. Rhoda nämlich hat John einst durch einen Unfall zum Witwer gemacht. Seine Verzweiflung will nicht weichen, ihre Schuldgefühle wuchern. Trotzdem versuchen die Beiden einen Neustart – mitten im Chaos angesichts von „Erde 2“.
Der Science-Fiction-Thriller fesselt mit unheilschwangerer Sanftmut. Auf leisen Sohlen schleicht der Tod umher. – Gerade der zurückhaltende Ton, den die Stimme des Bösen anschlägt, sorgt für Spannung und Nervenkitzel.
Wer mag, kann genüsslich ein Zukunftsabenteuer bestaunen. Dem für Regie, Kamera, Schnitt und Drehbuchmitarbeit verantwortlichen Debütanten Mike Cahill gelang mit gerade einmal 200 000 US-Dollar Produktionskosten fern aller Hollywood-Routine ein fesselndes Science-Fiction-Abenteuer – ohne aufwändige Computer-Effekte, dafür mit intelligenten Betrachtungen zu den immer wieder gestellten Fragen nach dem Sinn allen Daseins. Was nie vordergründig anmutet, weil sehr subtil gestaltet.
„Another Earth“ entpuppt sich als kluges Kammerspiel. Die Geschichte des um Liebe ringenden Paares Rhoda und John spiegelt dabei klarsichtig grundsätzliche Existenzfragen der Menschheit. Hier gelingt mit Science-Fiction, was Hitchcock einst mit Krimis zur Meisterschaft brachte: ein vielschichtiges Gesellschaftspanorama, unterhaltsam verpackt.
Regisseur Mike Cahill, der das Drehbuch zusammen mit seiner durch ungeheure Präsenz beeindruckenden Hauptdarstellerin Brit Marling geschrieben hat, drehte den Film in seinem Heimatort, tief in der US-Provinz. Freunde haben ihn unterstützt. Gagen gab’s so gut wie keine. Trotzdem sieht der Film nie billig aus. Der Ideenreichtum, die visuelle Originalität und die Präsenz der hierzulande bisher unbekannten Darsteller bieten große Qualität. Für die es beim renommierten Sundance Film Festival im Januar eine ganze Reihe von Preisen gab und bei anderen Festivals, wie im August in Locarno, viel Beifall des Publikums.
Peter Claus
Another Earth, Mike Cahill (USA 2011)
Bilder: Fox
ShareDie Abenteuer von Tim und Struppi – Das Geheimnis der Einhorn (Steven Spielberg)
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Filmwissen, Kolumnen & Blogs, Kritik am 4. November 2011
Pusteblume!
Das Kino des zerlegten Menschen: Steven Spielbergs Comic-Verfilmung „Tim und Struppi“
Wenn es etwas gibt, wofür das 3-D-Verfahren sich lohnt, dann für die künstlich erzeugten Nachfolger des guten alten Staubes, der im Licht der Projektoren auf der Leinwand zitterte: Funkenflug, Wassertropfen, Pusteblumen. Es sind die sehr kleinen Dinge, die den dreidimensionalen Raum erzeugen. Das tun sie auch in ein paar magischen Momenten des Films Tim und Struppi: Das Geheimnis der »Einhorn«.
Doch wenn wir damals im Staub der Projektorlampe zugesehen haben, wie ein Held erzeugt wird, sehen wir heute eher dem Zerfall, dem Zerlegen, vornehm: der Dekonstruktion, trashig: dem Zerhacken einer Person zu. Das ist gut so, denn in dieser staubfreien Zone versammeln sich die zerlegten und zerhackten Subjekte eines Zeitalters, das man als postidentisch bezeichnen kann.
Der postidentische Mensch hat es aufgegeben, jenen glücklichen Zustand zu erreichen, den Popeye, der Spinatmatrose, einmal mit den Worten beschrieb: »I yam what I yam an’ that’s all I yam« (zu Deutsch etwa »Ich bin,
was ich bin, und das is’ alles, was ich bin«). Ich ist nicht einmal mehr ein anderer, und Tinkerbell lebt hier nicht mehr. Daher benötigen wir Helden, die uns das neue zerlegte Leben vormachen. Etwa indem sie sich wie der Held von Tim und Struppi der biografischen Grammatik verweigern und in einer ewigen Jugend einrichten.
Die postidentische Ära des Kinos geht einher mit der Erneuerung des Mediums aus dem Rechner. Und zwar in drei Schritten: Computeranimation, die stets verfeinerten Rendering-Verfahren (die errechnete Veränderung von Oberflächen und Lichteinfall) und schließlich das Motion Capture, mit dem man Aufnahmen von realen Schauspielern in hinreichende Datenmengen verwandelt, um sie etwa als Comicstrip-Figuren jenseits aller körperlichen Begrenzungen agieren zu lassen.
Die Herstellung eines Bewegungsbildes für einen Film wie Tim und Struppi darf dabei durchaus als metaphorisch angesehen werden: Schauspieler bewegen sich auf einer Bühne, die »Volume« genannt wird, etwa hundert Kameras verfolgen ihre Bewegungen und speichern die Daten anhand von an ihrem Körper angebrachten Lichtpunkten. Gleichzeitig tragen diese Schauspieler Helme, in denen eine eingebaute Kamera die Bewegung der Augen und des Mundes festhält. Mimik und Gestik werden dann wieder zusammengesetzt. Danach erfolgt das »digitale Make-up«: Die realen Schauspieler werden in die gewünschten Erscheinungen verpackt. In Spielbergs Tim und Struppi sind es großnasige, stark konturierte Comicfiguren, die perfekt nach dem gezeichneten Vorbild modelliert sind.
Ist also, was da zu sehen ist, ein realer Mensch, der nur ein besonders raffiniertes Kostüm und Make-up trägt, enthoben aller Stofflichkeit? Oder ist es eine Computerfigur, die auf perfekte Weise menschliche Vor-Bilder »verarbeitet«? Es ist das Beste von beiden Seiten, werden Spielberg und sein Produzent Peter Jackson sagen. Es ist das Schlimmste von beiden Seiten, sagen die Kulturpessimisten: der von der Bilder-Maschine gefressene Mensch. Zum Rest des Beitrags »
ShareBrasch – Das Wünschen und das Fürchten (Christoph Rüter)
von Henryk Goldberg in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 3. November 2011
Mann im Spiegel
Ein Dokumentarfilm über den Künstler Thomas Brasch aus Anlass seines 10. Todestages
Da steht ein Mann auf einer Bühne, 1982, und erhält den Bayerischen Filmpreis. Neben ihm steht Franz-Josef Strauß. Dann bedankt sich der Geehrte, der die DDR 1976 verlassen hatte und im Westen ein gefeierter Dissident war, und sagt: „Ich danke der Filmhochschule der DDR für meine Ausbildung.“ Im Saal grummelt es vernehmlich. Und der Ministerpräsident sagt: „Ich danke Ihnen, dass Sie sich als lebendiges Demonstrationsobjekt für die Liberalität Bayerns zur Verfügung gestellt haben.“ So ein Mann musste anecken, immer und überall. Und vor allem: bei sich selbst.
Christoph Rüter, ein Freund, hat diesen Dokumentarfilm über Thomas Brasch gedreht, der anlässlich seines 10. Todestages bundesweit startet. Zum Rest des Beitrags »
ShareHotel Lux (Leander Haußmann)
von Henryk Goldberg in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 3. November 2011
Lachen, wo gestorben wurde
Eine seriöse Komödie mit Bully Herbig über etwas vollkommen Unkomisches
„Viel Spaß!“ überschrieb Leander Haußmann seine erste Saison als Intendant in Bochum – und das blieb seine Losung. Viel Spaß sagen auch Hans Zeisig und Siggi Meyer, wenn sie, Berlin 1933, Hitler und Stalin parodieren .
Jahre später werden sie diese Rollen wiederum so spielen, so echt, dass man sie tatsächlich dafür hält. Hotel Lux, Moskau, 1939.
Viel Spaß? In diesem Hotel, das wohl berüchtigste dieser Erde, lebten die Vertreter der Komintern, Kommunisten aus aller Welt, auf der Flucht vor den Nazis. In diesem Hotel, einer Brutstätte von Angst und Denunziation, trieb der sowjetische Geheimdienst in den Nächten die Kommunisten zusammen, um sie in die Keller der Ljubjanka zu verbringen. Lachen an einem historischen Ort, wo wirkliche Tode gestorben wurden, wo tatsächliche Tragödien stattfanden?
Ja. Leander Haußmann verletzt nie den Respekt vor den Opfern, er schafft immer wieder Situationen der Bedrohung, immer wieder dunkelt er seinen Film ein, in der Farbe, in der Atmosphäre.
Nicht wirklich viel Spaß, aber immer wieder ein Lächeln, immer wieder ein Gag. Zum Rest des Beitrags »
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