Contraband (Baltasar Kormákur)

Ex-Teenie-Pop-Star und Ex-Model Mark Wahlberg beweist mal wieder, dass er als Schauspieler vor allem im Part des harten Kerls fesseln kann. Diesmal verkörpert er einen Mann, der dem Verbrechen Adieu gesagt hat. Doch die Umstände zwingen ihn zu einem vermeintlich letzten Großeinsatz als Schmuggler.

2007 bekam Mark Wahlberg für eine Nebenrolle in „Departed – Unter Feinden“ immerhin eine „Oscar“-Nominierung. Dafür muss man schon was können. Und, ja, er kann. In diesem Thriller sorgt er durch die Doppelbödigkeit seines Spiels für besondere Spannung. Lange ist nicht klar, ob der von ihm verkörperte Chris ein Ehrenmann oder ein Gauner ist. Das ist recht reizvoll. Denn als Zuschauer erwischt man sich immer wieder dabei, dass man vielleicht einem echt fiesen Typen auf dem Leim geht und ihm die Daumen drückt.

Inszeniert hat der vor zwölf Jahren mit der Erotik-Komödie „101 Reykjavik“ international bekannt gewordene Isländer Baltasar Kormákur. Er gibt mit diesem Krimi seinen Einstand in Hollywood. Die Handlung des Films basiert auf dem 2008 gestarteten isländischen Publikumserfolg „Reykjavík Rotterdam“. Darin hatte Kormákur, der in seiner Heimat auch als Darsteller geschätzt wird, die Hauptrolle gespielt. In seinem Remake setzt er mit Mark Wahlberg auf einen zugkräftigen Star. Der und das zügige Tempo des Films sorgen dafür, dass sich Action-Fans gut unterhalten können – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Peter Claus

Contraband, von Baltasar Kormákur (USA/ Großbritannien 2012)

Bilder: Universal

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Best Exotic Marigold Hotel (John Madden)

Gutbürgerliche Zerstreuung bietet diese Komödie. Als erstes locken die englischen Schauspielstars Maggie Smith, Judie Dench und Tom Wilkinson und der Name des Regisseurs, John Madden. Sein „Shakespeare in Love“ gehört ja zu den schönsten cineastischen Bonbons der letzten Jahre. Die Erwartungen sind also hoch. Sie werden erfüllt.

Erzählt wird von einigen älteren Herrschaften. Sie folgen einer Internetofferte, die ihnen in schillernden Farben die perfekte, luxuriöse und erschwingliche Altersresidenz in Indien verspricht. Vor Ort sieht es dann nicht mehr so rosig aus wie in der Werbung. Doch die Damen und Herren geben nicht klein bei. Sie raffen die Röcke, krempeln die Ärmel hoch – und entdecken nicht nur sich selbst völlig neu.

Gelegentlich wird das Märchen brüllend komisch, doch es überwiegt leiser Humor. Besonders delikat sind die Momente der Melancholie angesichts der Unausweichlichkeit von verschiedenen Schattenseiten, die das Alter zwangsläufig mit sich bringt, Tod inklusive. John Madden gibt der farbenfrohen Bestsellerverfilmung einige wohl gesetzte Momente in Moll, die das turbulente Geschehen erst recht zum Leuchten bringen. Seine feinsinnige Inszenierung, die Herzensgüte und Intelligenz viel Raum schenkt, besticht mit der Eleganz des klassischen Erzählkinos von Hollywood-Format im besten Sinn. Das von dem Star-Trio angeführte internationale Schauspielensemble nimmt die Zuschauer von Anfang an augenzwinkernd an die Hand und reißt sie unaufhaltsam mit. Dabei wird kein Zweifel daran gelassen, dass hier nicht pur Realität gespiegelt wird. Zwar wird die soziale Wirklichkeit in Indien keineswegs ausgeblendet. Doch das Wesentliche sind die meist weich gezeichneten Porträts der Protagonisten, die in späten Jahren ein ganz junges Leben für sich entdecken.

Gewicht bekommt die durchweg überzeugende Geschichte durch das ganz nebenbei aufscheinende Plädoyer für Offenheit gegenüber Fremden. Wie leicht das geschieht, zeigt Folgendes: Am Anfang schimpft die von Maggie Smith mit herrlich trockener Schnoddrigkeit gespielte Muriel, sie werde niemals etwas essen, dessen Name sie nicht aussprechen könne, und gibt damit ihrem Misstrauen gegenüber allem ihr Unbekannten Ausdruck. Später frönt sie nicht nur einer geradezu enthemmten kulinarischen Lust, sondern zeigt auch in manchem Lächeln und Augenzwinkern, wie weit sie sich Neuem doch noch öffnen kann. Da wird aufs Schönste klar, dass es nie zu spät ist, ein bisschen klüger und zu werden. Da, endlich, darf es sogar romantisch werden und Amor kommt zum Einsatz. Tröstliche Botschaft: Alt-Werden kann auch Spaß machen. Nun ja, ein Märchen halt.

Peter Claus

Best Exotic Marigold Hotel, von John Madden (Großbritannien 2011)

Bilder: Fox

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Das Turiner Pferd (Béla Tarr)

Der Ungar Béla Tarr gehört zweifellos zu den Philosophen des Gegenwartskinos. Eskapistische Unterhaltung ist seine Sache nicht. Er will das Vergnügen des Denkens vermitteln. Am Anfang des Films wird auf eine angeblich wahre Begebenheit verwiesen: Am 3. Januar 1889 soll Friedrich Nietzsche beobachtet haben, wie ein Kutscher ein störrisches Pferd misshandelte. Der Philosoph warf sich dem Pferd um den Hals. Danach lag Nietzsche zwei Tage schweigend auf dem Sofa, sprach dann noch einmal ein paar Worte und blieb für die nächsten zehn Jahre, bis zu seinem Tod, stumm.

Warum Tarr seinen Film damit beginnt, erklärt er im Folgenden nicht. Vielen Interpretationen stehen die Türen offen. Zu sehen sind sechs gekennzeichnete Kapitel einer düsteren Erzählung: sechs Tage voller Leid und Schmach. Tarr und sein Kameramann Fred Kelemen zeigen mit stoischer Ruhe den kargen Arbeitsalltag eines Bauern/Kutschers (Janos Derzsi) und seiner Tochter (Erika Bok) auf dem Land. Es ist windig. Rundum gibt es nichts Anheimelndes. Wasser gibt’s aus dem Brunnen. Menschen kommen kaum vorbei. Schlafen, Essen, Holzhacken, Anspannen des Pferdes im Stall – Eintönigkeit ist angesagt. Doch es kommt schlimmer: das Licht bleibt aus, es kann kein Feuer mehr für die Kartoffeln gemacht werden, das Wasser versiegt. Eine Katastrophe erscheint als unausweichlich.

Wer mag, kann den Film als Weltuntergangsphantasie verstehen. Die exzellent gestalteten Bilder lassen viele Deutungen zu. In jedem Fall zeigen sie das Erstarren alles Lebendigen auf höchst eindrucksvolle Weise. Aber warum erstarrt es? Sind es Zeitumstände, örtliche Gegebenheiten, oder doch vor allem innere Befindlichkeiten der Menschen? Das Publikum muss nicht nur nach Antworten suchen, es muss schon erst einmal Fragen für sich finden. Das ist der große Reiz, der vom Film ausgeht: Man wird als Kinobesucher tatsächlich zum Mitgestalter. A und O des Films: Kelemens Tableaus. Dem Kameramann gelangen atemberaubend schöne Gemälde, wunderbare Kompositionen von Licht und Schatten, in denen die Akteure das archaische „Spiel“ überaus authentisch anmutend entfalten können.

Ganz klar: Wer Action sucht, sollte sich den Film nicht anschauen. Alle aber, die sich gern auf ein Changieren zwischen Bildender Kunst, Literatur, Theater, Film, Philosophie einlassen möchten, dürften einen Hochgenuss erfahren. Schön, dass der rührige Berliner Basis-Film Verleih den Mut hat, den wohl kaum zum Kassenschlager tauglichen Film in die Kinos zu bringen!

Peter Claus

Das Turiner Pferd, von Béla Tarr (Frankreich/ Schweiz/ Ungarn/ Deutschland 2011)

Bilder: Basis-Film

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Barbara (Christian Petzold) – Der Raum, der Freiheit heißt

„Barbara“, der erstklassige Film von Christian Petzold mit Nina Hoss erzählt eine wahrhaftige Geschichte.
Sie handelt von der DDR, von Freiheit und vor allem: vom Menschen

Barbara, die Ärztin, liest Stella, der Patientin, am Krankenbett eine Geschichte vor. Barbara wurde aus Berlin hierher strafversetzt, sie hat einen Ausreiseantrag gestellt. Stella ist aus dem Jugendwerkhof  geflohen, sie wird bald zurück müssen. Die Geschichte, die Barbara liest ist „Huckleberry Finn“, es ist die Stelle, wo sie ihre Flucht planen, den Fluss hinunter. Eine Flucht ins Irgendwo, wo es anders ist. Eine Flucht, deren Ziel verlassen heißt, nicht: ankommen. So hören die beiden Frauen gleichsam ihrer Geschichte zu und suchen Trost darin. Zum Rest des Beitrags »

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Barbara (Christian Petzold) – Ein besonderes Experimentierfeld

Ein besonderes Experimentierfeld

Christian Petzolds neuer Film “Barbara” erinnert an die DDR. Und er markiert die widerläufigen Aspekte des Menschlichen: die Sorge füreinander und die Freiheit.

Ein Film, der „Barbara“ heißt, kann nur vom Fremdsein handeln. Oder von der Frau, die von den Vätern enthauptet wird, weil sie sich gegen sie entschieden hat. Jedenfalls ist dies die Passionsgeschichte, tief im Kern der Sache.

Man vergisst es gelegentlich: Eine der Bedeutungen von Film beschreibt eine Schicht, die auf einem Material – oder einer anderen Schicht – liegt, Flüssiges, das fest wird, Festes, das sich verflüssigt. Bei Christian Petzold kann man sehen, wie Film bedeutet, hinter Schichten zu sehen, auf neue Schichten, und möglicherweise beginnt das alles mit einer Einstellung auf Nina Hoss’ Augen und die Fenster eines öffentlichen Verkehrsmittels. Und damit, dass sie, wo alle anderen, die aus dem Bus kommen, ein Ziel ansteuern, zögert.

Da ist sie schon im Blick eines anderen, eines rauchenden Mannes, der sie beobachtet, wie sie sich auf eine Bank setzt. Dann beginnt das Drama zwischen zwei widerläufigen Aspekten des Menschlichen: der Sorge füreinander und der Freiheit. Zum Rest des Beitrags »

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John Irving und wie er die Welt sieht (André Schäfer)

Die Doku startete bereits in der Vorwoche in den Kinos. Weil die Pressevorführung verpasst, konnte ich den Film erst jetzt sehen – in einer leider sehr schlecht besuchten Vorstellung. Dabei handelt es sich um einen absolut sehenswerten Essay – jedenfalls für alle, die John Irvings Bücher lieben.

Der höchst agile Mann von nun auch schon 70 Jahren (am 02. März war der Jubiläumsgeburtstag) packt einen mit seinem Charisma. Das nicht von ungefähr kommt. Regisseur André Schäfer enthüllt dessen Geheimnis schnell: eiserne Disziplin.

Stilistisch verwirrt der Film ein wenig: mal aufgemacht wie eine bunte Illustriertenstory ist er im nächsten Moment hochphilosophisch. Beim Nachdenken fällt einem dann auf, dass es ja in den Büchern Irvings genau so zugeht. Da sehen wir also den Schriftsteller mal als Hundenarr, dann als Schreiber, hier als netten Nachbarn, dort als bohrenden Begleiter von Persönlichkeiten, die er offenkundig für seine Arbeit ausnutzt, indem er sie hemmungslos befragt, belauscht, ja, belauert. Aufschlussreich: Wie John Irving ein Rechercheteam rund um den Globus auf Trab hält. Nix da von einsamem Genie!

Quintessenz Irvings: Man muss lieben, was man macht. Klingt banal. Ist es aber nicht. Wie viele Menschen beugen sich allein Notwendigkeiten und machen, was sie gar nicht machen wollen, allein, um die Miete reinzukriegen?!

André Schäfer versucht, sich dem Schriftsteller und dessen Werk behutsam, feingeistig anzunähren. Das gelingt, denn platte Sensationshascherei bleibt aus, auch dumme Interpretationen. Manchmal, etwa wenn er bekannte Schauplätze berühmter Irving-Romane zeigt, gleitet Schäfer ein wenig ins Sentimentale. Irving-Fans werden grad das genießen, Zuschauer mit mehr Abstand sollten großzügig darüber hinwegsehen.

Manche seiner Fans haben John Irvings bisher letzten auf deutsch erschienenen Roman („Letzte Nacht in Twisted River“) wegen ziemlich vieler Verrisse noch nicht gelesen. Nach Ansehen des Films werden sie wohl sofort in den nächsten Buchladen rennen.

Peter Claus

John Irving und wie er die Welt sieht, von André Schäfer (Deutschland/ Österreich/ Schweiz/ Kanada/ Indien/ USA/ Niederlande 2012)

Bilder: W-Film

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Haywire (Steven Soderbergh)

Im Action-Kino haben meist die Männer das Sagen, Machos mit Muskeln und sonst nicht viel im Angebot. Schlagkräftige, selbstbewusste Frauen sind Mangelware. Blockbuster wie „Drei Engel für Charly“ und „Lara Croft“ sind nichts als Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Da kriegt Steven Soderbergh nun schon mal Bonus-Punkte, weil er in seinem neuen Film einer Frau wirklich die Hauptrolle zubilligt.

Aber: Soderbergh und Action? 1989 wurde er mit dem avantgardistischen Spielfilm „Sex, Lügen und Video“ berühmt. Seitdem gilt er als einer der wichtigsten Vertreter des US-amerikanischen Independent-Kinos fern der Hollywood-Maschinerie. Im letzten Jahrzehnt jedoch tummelte er sich mit der dreiteiligen Reihe um den von George Clooney dargestellten Spießgesellen Daniel Ocean und dessen Edel-Banditentum schon im Fahrwasser munterer Unterhaltung fern allen Avantgardistischen. Fast sieht es so aus, als wolle er partout beweisen, dass er die Nase voll hat vom guten Ruf. Als er „Haywire“ im Februar während der Internationalen Filmfestspiele in Berlin vorstellte, witzelte er denn auch mit einem nur leichten Anflug von Resignation: „Es braucht doch niemand mehr einen ernsthaften Film von mir.“ Vielleicht ist das ja nur die Reaktion auf das eher zurückhaltende Zuschauerecho auf seinen im Vorjahr gestarteten durchaus ernst zu nehmenden Viren-Thriller „Contagion“? Der gesellschaftskritische Endzeit-Schocker hatte zwar überwiegend freundliche Rezensionen bekommen, das Publikum aber nicht wirklich in Scharen angelockt.

Diesmal also zielt Soderbergh voll auf die breite Masse. Er offeriert einen Film, der nichts als unterhalten will. Die Grundidee originell: eine Frau hat das Sagen und das Hauen und Stechen. Leider reichte die Idee nur zu einer recht fadenscheinig und bei -x anderen Männer-Mucki-Shows abgekupferten Story vom guten Menschen, der bisher die Bösen jagte und nun selbst zum Opfer eben der Bösen wird. In diesem Fall handelt es sich um Mallory Kane (Gina Carano). Sie arbeitet unter absoluter Geheimhaltung als Spezialagentin für Washington. Ihre Einsätze sind derart geheim, dass sämtliche Mitarbeiter im Dunstkreis des Weißen Hauses eine Verbindung zu ihr leugnen würden. Drum hat die Sirene mit der Lizenz zum Töten auch keine Verbündeten, als sie selbst auf einer Abschussliste landet. Mallory weiß nicht, wer ihr warum an den Kragen will. Sie ahnt nur sehr schnell, dass Flucht nichts nutzt. Mallory muss handeln, wenn sie nicht bald in wirklich aller Stille in einem anonymen Gräberfeld beigesetzt werden möchte. Falls etwas von ihr zum beisetzen übrig bliebe. Das ist die Frage, die für Spannung sorgt.

Autor Lem Dobbs schrieb 1991 das Drehbuch zu Soderberghs brillantem filmischem Rausch „Kafka“. Der Mann kann’s. Das hat er auch mit anderen Filmen bewiesen. Diesmal fiel ihm nicht recht was ein. Beeindruckt von der körperlichen Präsenz der als Schauspielerin bisher weitgehend unerfahrenen Kampfsportlerin Gina Carano setzt Dobbs auf die von der Lady ausgehende Wirkung. Die ist Dank einiger wirklich ungewöhnlicher Körpereinsätze zumindest anfangs tatsächlich groß. Doch da von keiner durchgehend klugen Geschichte zum Tragen gebracht, auch, weil Gina Carano als Schauspielerin gar nichts zu bieten hat, verebbt der Reiz recht schnell.

Zu sehen also ist, wie sich Gina Carano, mehrfache Meisterin in der in den USA sehr populären Sportart „Mixed Martial Arts“, als knallharte Kampfmaschine austobt. Dabei mutiert die von ihr verkörperte Mallory zum unheiligen Racheengel mit teuflischer Muskelbeherrschung. Sie setzt sogar Muskeln ein, von deren Existenz neunundneunzig Prozent der Frauen (und Männer!) weltweit vermutlich noch nie etwas gehört haben. Um sie herum tummeln sich Stars: Ewan McGregor, Michael Fassbender, Antonio Banderas und Michael Douglas. Die sind, was sonst die Frauen im Action-Genre sind: nett anzusehende Zugaben, sozusagen Kraftfutter für die mörderische Mallory. Das ist hübsch neckisch.

Steven Soberbergh hat pure Action versprochen, und die wird geboten. Das ist nicht ehrenrührig, das ist kein Reinfall, allerdings auch kein Höhepunkt der Filmhistorie. Pech für Soderbergh: der gute Ruf. Der lässt einen nun mal was anderes erwarten und programmiert die Enttäuschung.

Peter Claus

Haywire, von Steven Soderbergh (USA 2011)

Bilder: Concorde Film

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Barbara (Christian Petzold)

Christian Petzold hat im Februar den Silbernen Bären für die Beste Regie der Berlinale bekommen. Ein schöner Erfolg, doppelt schön, weil alle drei deutschen Beiträge im Wettbewerb Bären-stark waren.

Petzolds Film ist inszenatorisch dicht, darstellerisch kompakt, in der Fragestellung aufregend. Und die geht über die Zeit der DDR, in der die erzählte Geschichte angesiedelt ist, weit hinaus. Sie dreht sich nämlich um Probleme wie Anstand und Aufrichtigkeit. Das ist hoch aktuell angesichts einer Gesellschaft, in der ein Bundespräsident zurücktritt, weil viele Menschen ihm das Vertrauen entzogen haben, halten sie ihn doch für einen Mann, der nicht immer Anstand und Aufrichtigkeit wahrt. Aktuell ist das auch, weil sehr viele Leute im Arbeitskampf die beiden großen „A“ aus ihrem Alphabet streichen.

Selbstverständlich kann man den Film pur als DDR-Reflexion ansehen: Erzählt wird, die Geschichte spielt 1980, von einer Ärztin (Nina Hoss). Sie ist im Visier der Stasi, wird laufend bedrängt, psychisch und physisch. Als Strafe für den gestellten und nicht zurückgezogenen Ausreiseantrag wurde sie von Berlin, Hauptstadt der DDR, in die Provinz, an die Ostsee, versetzt. Das Krankenhaus ist klein, der Kollegenkreis auch. Barbara ahnt, wir als Zuschauer wissen es: um sie herum sind so einige Spitzel. Spannend daran: Petzold vermeidet alle Schwarz-Weiß-Malerei. Jede und jeder hat Licht- und Schattenseiten. Das macht’s aufregend. Hier wird nichts und niemand abgeurteilt. Geurteilt wird schon: Am Ende siegt (eine Spur zu rosarot übrigens, dies als klitzekleine Randbemerkung) die reine Menschlichkeit.

Die Gestalt der Barbara erinnert an die der Erzählerin in Christoph Heins 1982 in der DDR erstmals veröffentlichten Novelle „Der fremde Freund“, die 1983 in der BRD unter dem Titel „Drachenblut“ erschien. Im Buch von Hein nicht ausgesprochen (wie auch?!), dreht sich auch da alles (eine Ärztin erzählt brutal nüchtern von ihrem Alltag) um den Satz: „Hier kann man nicht glücklich werden“. Barbara spricht ihn aus. Kein Wunder: Der Film ist einer von Nachgeborenen, Hein hat damals aus der Zeit heraus geschrieben. Was weder für noch gegen den Film spricht, aber dessen Haltung charakterisiert. Stärker noch als bei Hein zeigt der Film, kann er zeigen, die verinnerlichte Scheu, sich anderen zu öffnen, gar hinzugeben. Wer in der DDR gelebt hat, fröstelt stellenweise.

Nina Hoss spielt die Titelfigur sehr ruhig, konzentriert, fast stocksteif. Diese Frau wagt es nun einmal nicht, sich zu rühren. Das ist körperlich sichtbar. Exzellent! Aber sie zeigt zugleich die unter der Oberfläche brodelnden Gefühle, zeigt auch, dass diese Frau weder ihr Denken noch ihre Menschlichkeit abgestellt hat. Schauspielerisch ist das, auch von den Partnern von Nina Hoss, wirklich hervorragend!

Für mich besonders spannend: Das Zeitlose des Gezeigten. Je länger die Handlung dauert, umso mehr interessiert mich nicht das DDR-Typische, fesselt mich hingegen das Nachdenken über Allgemeingültiges. Das ist für mich die entscheidende Qualität des Films: Ich werde gezwungen, über das Hier und Heute nachzudenken. Wer Klassiker liest oder gute Aufführungen ihrer Stücke im Theater sieht, tut das immer. Petzold befindet sich mit seinem Film also in bester Gesellschaft, nämlich der von Künstlern, die weit über den Rand des eigenen Befinden hinausschauen.

Nach „Die innere Sicherheit“ ist Christian Petzold zum zweiten Mal äußerlich in die deutsche Vergangenheit gegangen. Wie vor zwölf Jahren, so zielt er auch diesmal auf die Gegenwart – und trifft voll ins Schwarze. Mehr und mehr wird Christian Petzold im Kino zu  dem  Chronisten Deutschlands nach 1989!

Peter Claus

Barbara, von Christian Petzold (Deutschland 2012)

Bilder: Piffl

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Ödipussi (Vicco von Bülow)

 

Alltags-Verquas eines linkischen Biedermannes

Es gibt Fälle bei denen wird unweigerlich der Eindruck erweckt als könnten sie niemals einer adäquaten Lösung zugeführt werden – und doch existiert sie auf eine bestimmte Art und Weise. Die Lebensweise von Stoff- und Möbelhändler (in 3. Generation) Paul Winkelmann (Loriot) ist so ein Fall.

Von Bülows erstmaliges „mise en scène“ in Kinoformat bringt uns dessen heitere Comicfiguren als real existierende Tante Lotte-Onkel Egon-Fabula direkt aufs Wohnzimmersofa. Die narrativen Stilmittel erreichen in ihrem Dynamikstrudel ein derartiges Signifikanzniveau, dass selbst Sigmund Freud sein dem Filmtitel monstranz-trächtig gleichnamiges psychoanalytisches Konzept überdenken müsste.

Als ob nicht schon die „Neue Deutsche Film“-Generation zu Beginn der 1980er Jahre dem Gegenwartskino ihr feingeistig-sozialrevolutionäres Exempel auf statuierte, da poliertes Kommerzkino in Hollywood reizvoller erschien, bedurfte es 1987 des intellektuell-satirischen Weggrinsens jeglicher warnender Vorbilder eines Stilhumoristen wie Loriot.

Fragt sich der Rezipient was er hier sieht, muss er unverhohlen zu dem Schluss gelangen: ‚sich selbst‘! Verbrachte nicht auch schon ich die Freitag- und Samstagabende im spießigen „Lass uns was spielen“-Ambiente mit Menschen deren trautes Privatleben einem unzerbrechlichen Neutron gleicht, anstatt mit Freunden auszugehen? Unternahm nicht auch ich schon absurdeste Versuche selbstbewusster und so lebensbejahender zu werden? Und jedes Mal schwingt sie mit, diese eingeschaltete Begleitrationalität, die uns in Loriots ÖDIPUSSI so vortreffliche Korrelationen ans Bein liefert » die allzu quälende Frage „was wird ‚Sie‘ dazu sagen?“

Hier ausnahmsweise einmal nicht die in Courths-Mahlers Idealwelten schwelende Frau Gemahlin, sondern die hochkultivierte first-class- Mama (Katharina Brauren) persönlich. Sie verkörpert besagtes Neutron schlechthin – unter Anwendung ganz simpler Tricks wie dem ‚Aufbraten‘ von Kartoffelpüree für ihren neuen Untermieter Herrn Weber, seines Zeichens ein hochgesitteter Klaviervirtuose. Der selbstverliebte Herr Sohn wagt es immerhin in seinem ‚jungen‘ Alter sich eine eigene Wohnung zu mieten!

Loriots ‚heile‘ Mama-Firma-Vereins-Diegese‘ könnte zweifelsohne aus einem der lieblich-kitschigen Novells um Hedwig Courths-Mahlers ‚blautintiger‘ Feder stammen. Bloß findet hier das arme Unterschichten-Aschenbrödel nicht zum wohlbehüteten Traumprinz aus gesittetsten Adelsstrukturen – weil in ÖDIPUSSI überhaupt keine plebiszitären Elemente erwähnenswert vorkommen – es handelt sich lediglich um die gelangweilte genervte ‚Go away and let me be‘-Mimik von Diplom-Psychologin Margarethe Tietze (Evelyn Hamann). Sie ist den alltäglichen Zwangsgedanken- und Handlungen ihrer Patienten längst überdrüssig und setzt nun auf gediegene Kommunikation unter den „Bekloppten“ mittels dem Einsatz einer Sitzgruppe in neuen hellen Farben, um ‚gewissen zwischenmenschlichen Schwierigkeiten‘ trotzend Harmonie herzustellen. Von hoffnungs- weil aussichtslosen Weltverbesserungstheorien längst entfernt, wenden wir uns den wohlwollenden Effekten emotional-synthetischer Ersatzbefriedigungen zu. Begleitet von völlig a-sexuellem Charme (wie auch, bei Hamann und Loriot?) verfolgt die Kontrapunktik der handelnden Figuren ihre Kommunikationsziele auf einer deutlich nüchtern-verstandesgetränkten Transformierungsebene.

ÖDIPUSSI steht wie kaum eine andere deutsche Slapstickkomödie (evtl. PAPA ANTE PORTAS – auch Loriot) für den absolut klaren Menschenverstand in seiner bis ins banalste Detail durchrationalisierten Situationskomik. Sie bietet eine summa summarum ideologiefreie und wertneutrale Draufsicht auf den durchschnittlichen Alltags-Waldi, ohne dabei jemals ernsthaft anzüglich, bewusstseinsumpflügend oder parteiisch zu werden. Loriot und sein Ensemble betrachten ihre Adressaten als einen Kreis emanzipierter Bürger, die die prätentiös konstruierten pick-up’s eines ‚angebrannten Hefezopfs‘ oder ‚wir posieren schon mal fürs Familienbild‘ zu deuten verstehen.

Die lauen Annäherungsversuche Winkelmanns an Margarethe offerieren das infantile Vorgehen des typischen Durchschnittsdeutschen in Liebesangelegenheiten. Die unerklärlichen dennoch ureigenen Komplexe höchstwahrscheinlich aus kindheitstraumatischer Perzeption herrührend, werden einfach hinwegkompensiert mit pseudo-effektivem und ambig politischem Vereinshabitus am Stammtisch in der Eckwirtschaft. Einerseits versteht sich die Organisation, der Winkelmann angehört, als Pioniergruppe die daran arbeitet, die Begriffe „Umwelt“ und „Frau“ in den Karnevalsgedanken zu integrieren, andererseits regt sich ein männliches krawattenbehängtes Mitglied beim Toilettengang über eine junge Punkerin am Tresen verweilend auf.

Vicco von Bülow filmt an gegen den Pessimismus einer breiten Generation von Filmkünstlern um Wim Wenders und R.W. Fassbinder » deren vornehmstes Anliegen politischer Massendialog in seinen soziokulturellen Verfehlungen zu sein scheint. Warum nicht endlich akzeptieren dass wir nun mal täglich aneinander vorbeireden und uns im sicherheitsorientierten Wohlfühl-Deutschland als „würdig und recht“ erweisen. Kehr ein unter mein Dach, aber halt den Schnabel und iss was auf den Tisch kommt! Das geht so weit, dass jemand auch im fortgeschrittenen Alter nicht weiß in welcher Straße er wohnt.Der Alltags-Verquas dieses linkischen Biedermannes kennt keinerlei Pein und zieht bissige Schnuten. Wir verzeihen gerne – schließlich ist’s Loriot der uns zum Narren hält!

© Stefan Bußhardt  

„Ödipussi“ – Slapstick BRD von 1987, Regie: Vicco von Bülow (Loriot)

Bilder: Tobis

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Das gibt Ärger (McG)

Reese Witherspoon, die für ihren Auftritt in „Walk the Line“ (2005) den „Oscar“ ergatterte, hat jede Menge Kredit bei allen, die gute Unterhaltung mögen. Ob in „Eiskalte Engel“ oder in „Natürlich blond“ – sie hat mit Charme und Witz gepunktet.

Die verschleudert sie nun in der dünnen Story um zwei Männer und eine Frau. Die Beiden (Tom Hardy und Chris Pine) sind CIA-Agenten und beste Freunde. Sie wollen einander nichts böses, nur die Frau (Reese Witherspoon) wegschnappen. Da ist viel Ansatz zu Komik, doch die geht selten über Krach-Bumm-Zisch hinaus. Wofür es noch einen deutschen Bösewicht gibt, den Til Schweiger spielt. Das macht’s auch nicht besser.

Regisseur McG gelang es nicht, Action, Romantik und Humor gut auszubalancieren. Je länger sich die Geschichte hinzieht, umso angeschaffter wirkt der Witz, manche Gefühlsregung aufgesetzt und jeder Anlass für Action zu konstruiert. An die Klasse seiner Kino-Version der TV-Serie „3 Engel für Charlie“ reicht er nicht heran.

Reese Witherspoon macht ja eine ausgesprochen gute Figur. Tom Hardy, gerade erst in „Dame, König, As, Spion“ glänzend, Chris Pine sorgt mit Muskeln und Macken für Abwechselung. Auch Til Schweiger hat seine Momente. Um einen verregneten Nachmittag aufzupeppen reicht das, leider nicht zu mehr.

Peter Claus

Das gibt Ärger, von McG (USA 2012)

Bilder: Fox

 

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Shame (Steve McQueen)

Noch ein Schauspielerfilm, noch ein Film mit Ecken und Kanten.

Der Schauspieler: Michael Fassbender, Ire deutscher Abstammung. In gleich fünf Filmen machte er im Vorjahr auf sich aufmerksam und kam endlich zu Star-Ruhm. Fassbender spielt unter der Regie des vor allem als Video- und Fotokünstlers bekannten Steve McQueen einen New Yorker Yuppie, für den Sex der einzige Lebensinhalt ist, sei er real, sei er per Computer ins Haus geholt. Dieser Brandon ist ein total ausgebrannter Typ. Weder kann er sich wirklich seiner psychisch gestörten Schwester (Carey Mulligan) annähern, noch ist er in der Lage, wenn es mal drauf ankommt, wirklich mit einer Frau zu flirten, zu reden, Emotionen zuzulassen.

Fassbender läuft oft nackt durch die Szenerie, doch die Seele des von ihm verkörperten Brandon wird nicht sichtbar. Das liegt am Drehbuch. Über Äußerlichkeiten kommt es nämlich so gut wie nie hinweg. Allein eine Szene lässt ahnen, was für ein Potential in der Geschichte steckt: Brandon verabredet sich in einem Restaurant mit einer Kollegin (Nicole Beharie). Beide haben offenkundig Interesse aneinander. Bei ihr geht das aber über schnellen Sex hinaus. Sie sucht einen Partner, versucht also ganz klassisch den anvisierten Typ durch Gespräche zu erkunden. Doch da gibt es nichts zu erkunden. Weder kann er zuhören, noch hat er etwas zu sagen. Die Kamera beobachtet das nicht zustande kommende Gespräch oft von außen, durch Glasscheiben. Wir, als Zuschauer, müssen die Worte nicht verstehen. Die Körpersprache sagt alles. Das ist hochspannend.

Steve McQueen will vielleicht über die Probleme nachdenken, die eine mehr und mehr alle Sexualität zur Ware degradierende Gesellschaft befallen. Leider bleibt er dabei im Ansatz stecken, so beeindruckend die kalte Ästhetik des Films auch ist. Michael Fassbender hat eine großartige Präsenz. Nur leider darf er viel zu wenig spielen, um einen facettenreichen Charakter zu entwickeln. Der Film macht neugierig auf weitere mit Michael Fassbender. Wenigstens das.

Peter Claus

Shame, von Steve McQueen (England 2011)

Bilder: Fox (Prokino)

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Die eiserne Lady (Phyllida Lloyd)

Dieser Film bereitet einem Unbehagen. Es ähnelt dem, das einen bereits angesichts von „J. Edgar“ befiel. Der Grund: die Entpolitisierung der Hauptfigur. Diesmal also Margaret Thatcher, von 1979 bis 1990 Premierministerin Großbritanniens. Privatisierung von Staatsbetrieben, Zersetzung des Gesundheitswesens, Krieg um die Falklandinseln und Zerschlagung der Macht der Gewerkschaften sind wesentliche politische Stichworte zur Person. Doch die interessieren im Film von „Mamma Mia!“-Regisseurin Phyllida Lloyd nur am Rande. Es wird gemenschelt. Die öffentliche Persönlichkeit, die von den einen als Totengräberin des englischen Proletariats noch immer mit Hass verfolgt wird, von den anderen als Retterin der Nation verehrt, kommt nur als Beiwerk vor.

Fokussiert wird auf die Frau an sich. Die Erzählung setzt im Alter ein: Margaret Thatcher (Meryl Streep) lebt zurückgezogen. Schlaganfälle und eine beginnende Demenz haben sie geschwächt. Sie zieht sich in ihr Inneres zurück, führt lange imaginierte Gespräche mit ihrem toten Gatten Denis (Jim Broadbent). Und sie erinnert sich – an das Elternhaus, die Familie, Auseinandersetzungen mit den dominanten Männern in der Politik, den Kampf um Macht und Anerkennung. Ausführlich etwa wird illustriert, wie Margaret Thatcher Schwächen in Stärken ummünzte, beispielsweise ihre „unmögliche“ Stimme zur Waffe schmiedete.

Politik schrumpft zu Beiwerk. Statt Information, etwa wenn es um den Falklandkrieg geht, gibt es überzogene Musik, um die Stimmung anzuheizen. Die ist besonders peinlich, wenn es um Persönliches geht. Wuchern Emotionen, knallen die Akkorde. Aber bleiben wir beim Politischen: Anders als in „The Queen“ werden Harmonie und Konkurrenz von Öffentlichem und Privaten nicht problematisiert. Die Margaret Thatcher des Films agiert in einem fast luftleeren Raum.

Meryl Streep, die für ihre Darstellung gerade den „Oscar“ bekommen hat, spielt selbstredend famos. Körperhaltung, Maske, Stimme, Gestik – die Schauspielerin hat die Thatcher „voll drauf“. In den Szenen mit Jim Broadbent läuft sie zu Hochform auf. Da sind spannende Reflexionen über Szenen einer Ehe zu erleben. In Selbstgesprächen Margaret Thatchers wird angedeutet, sie betrachte die Jahre in der Politik im Nachhinein als verlorene Jahre. Das mag sein. Nur sind es Jahre, die England und auch Europa entscheidend geprägt haben. Den Anteil von Margaret Thatcher an dieser Prägung nicht zu zeigen, nicht einmal zu kommentieren, das ist sträflich, und der Film schrumpft deshalb zur Schmonzette.

Peter Claus

Die eiserne Lady, von Phyllida Lloyd (England/ Frankreich 2011)

Bilder: Concorde Film

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Glück (Doris Dörrie)

Hure mit Herz und Loser mit Seele – sie finden sich und kämpfen um die gemeinsame Zukunft. Eine alte Geschichte. Die Protagonisten sind diesmal: Irina (Alba Rohrwacher) und Kalle (Vinzenz Kiefer). Sie ist vor dem Krieg im einstigen Jugoslawien nach Berlin geflohen und schlägt sich mühsam durch, schafft an. Er: ein Niemand aus dem Nirgendwo. Die Zwei stammen aus einer der Geschichten, die Starjurist Ferdinand von Schirach in seinem Erzähldebüt „Verbrechen“ veröffentlicht hat. Seine lakonische Sprache macht die Story zum Genuss. Die hauchdünne Membran, die Recht von Unrecht trennt, ist da greifbar. Bei Doris Dörrie ist nichts greifbar. Es legt sich eine bleierne Mattigkeit über Alles. Zuviel Süßes erstickt nun einmal alle Lebendigkeit. Und Doris Dörrie wirft geradezu mit Zuckerbomben um sich. Womit sie den Stil der Vorlage und damit auch die Figuren an schnöden Kitsch verrät. Da hilft es auch nicht, dass sie die wunderbare Alba Rohrwacher aus Italien als Hauptdarstellerin verpflichtet hat. Die schöne Schlichtheit von deren Darstellung kommt gegen den triefenden Seelenschmalz, der rundum alles verklebt, nicht an.

Doris Dörrie hat öffentlich ihren Unmut zum Ausdruck gebracht, dass ihr neuer Film nicht in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen wurde, auch nicht in die Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis gelangte. Dafür kann man der Auswahl-Jury der Filmfestspiele und denen, die die Kandidaten für den Deutschen Filmpreis bestimmen, nur danken!

Peter Claus

Glück, von Doris Dörrie (Deutschland 2012)

Bilder: Constantin Film

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Young Adult (Jason Reitman)

Nein, ich bin kein Fan von Charlize Theron. Zweifellos: sie sieht gut aus, und sie kann was. Aber mir drängte sich bisher fast immer der Eindruck einer gewissen Gekünsteltheit auf. Diesmal spielt sie ein richtiges Aas – und das macht sie so großartig, so, dass man hingerissen sein muss. Charlize Theron spielt Mavis Gary, Autorin von Jugendbüchern. Die Enddreißigerin beschließt eines Tages, das Kaff, aus dem sie stammt, heimzusuchen. „Heimzusuchen“ ist der genau richtige Ausdruck. Sie führt Böses im Schilde. Buddy Slade (Patrick Wilson), die Jugendliebe, will sie erobern. Dafür muss Mavis nur mal kurzerhand dessen Auserkorene (Elizabeth Reaser) und das gemeinsame Baby der Beiden ausstechen. Der Weg dorthin führt über einen anderen Schulkameraden (Patton Oswalt). In ihm findet Mavis den passenden Saufkumpan. Es wird getrunken, gesponnen und zum Angriff gerüstet. Der Ausgang dieser Geschichte ist absolut ungewiss.

Regisseur Jason Reitman hat schon mit „Thank You for Smoking“ und mit „Juno“ sein Gespür fürs Außergewöhnliche bewiesen. Immer überrascht er mit besonderen Einfällen. Diesmal ist es der, dass Mavis eine ihrer Jugendbuchfiguren gleichsam entgegengesetzt wird, ein Sonnenscheinchen. Die Schriftstellerin hingegen ist ein Wrack. Das Tolle an der Story: Das fiese Verhalten der Frau wird nicht verurteilt und nicht beschönigt – und eine rosarote Läuterung am Ende findet auch nicht statt. Ja, man möchte Mavis eigentlich schnurstracks den Hals umdrehen. Doch da kommt nun Charlize Theron ins Spiel. Sie stattet die „Hexe“ nämlich auch mit Verletzlichkeit aus, Dünnhäutigkeit, lässt ahnen, warum sie wurde, wie sie ist. Von einem exzellenten Ensemble umgeben, fährt die Hauptdarstellerin zu Hochform auf. So kommt es dazu, dass man die Begegnung mit dem Monster in Menschengestalt als bereichernd empfindet. Denn man grübelt plötzlich über das Dunkle in sich selbst nach. Die Balance aus leiser Ironie und Melancholie, die die Inszenierung auszeichnet, tut ein Übriges. Fazit: Ein schöner schwarzer Film über die dunklen Seiten des Lebens. Sehr erhellend!

Peter Claus

Young Adult, von Jason Reitman (USA 2011)

Bilder: Paramount

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Vivan las Antipodas! (Victor Kossakovsky)

Beliebte Kinderfrage: Wo lande ich, wenn ich an der Stelle, an der ich grad bin, in die Erde bohre, einmal ganz durch, ganz geradlinig, bis ich wieder rauskomme? Victor Kossakovsky nimmt die Frage ernst und gibt Antworten in seiner Dokumentation. Als erstes lernen wir, dass wir meist im Wasser landen. Weil der größte Teil des blauen Planeten von Wasser bedeckt ist, gibt es gar nicht viele geografische Antipoden auf Festland. Aber einige existieren schon. Acht davon hat der Regisseur für seinen Film aufgesucht – und zeigt sie in traumwandlerisch schönen Tableaus.

Manche Gegensätze sind überaus reizvoll: Entre Rìos hier, Shanghai da, Landleben in Lateinamerika contra Stadtgewusel in einer der Metropolen Asiens. Die Gegensätze sind augenfällig. Der Film leistet über deren vordergründige Bebilderung jedoch kaum etwas hinaus. Das ist bei den anderen Beispielen nicht anders. Und so ermüdet die Doku erstaunlich schnell. Einmal ärgert sie sogar: die Sequenzen über die Ödnis in den Weiten von Botswana kommen gefährlich in die Nähe von Gutmenschen-Kitsch: da guckt einer mit großen staunenden Augen, wie pittoresk Armut doch wirken kann – und will deren Schrecken möglichst nicht wahr haben.

Hinreißend hingegen: manche Bildfolge von wirklich beeindruckenden Naturschauspielen. Die Nebelbänke über dem Baikalsee beispielsweise, die verfolgt werden, wird wohl niemand jemals vergessen können. Weil mit Gespür für Wirkung eingefangen, bleibt hier auch jeder Anflug von Postkarten-Idylle aus. Und das ist auch mehrdeutig. Kossakovsky gelingt es hier, wie auch an anderer Stelle, das Gefährliche im Schönen aufblitzen zu lassen. Da bekommt sein Film dann gelegentlich die faszinierende Kraft eines düsteren Poems.

Peter Claus

¡Vivan las Antipodas!, von Victor Kossakovsky (Deutschland, Argentinien, Niederlande, Chile 2011)

Bilder: farbfilm (Barnsteiner)

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Michael Ondaatje: Katzentisch

Jeden Tag ein Verbot übertreten – das ist doch mal ein mutiger Ansatz. Drei Jungen im Alter von elf, zwölf Jahren sind es, die sich gemäß dieser Maxime verhalten. Ihre Grenzüberschreitungen sind umso bemerkenswerter, als sie sich auf einem Schiff befinden, also in einer geschlossenen Gesellschaft, der sie nicht entkommen können. Dieses Schiff ist unterwegs von Sri Lanka, das im Jahr 1954 noch Ceylon hieß, nach England. An Bord sind Auswanderer oder Transitreisende, die sich zwischen den Welten bewegen. Unter ihnen war damals auch der elfjährigen Michael Ondaatje, der seiner Mutter folgte, die schon seit ein paar Jahren in England lebte und an die er sich kaum noch erinnerte. Zum Rest des Beitrags »

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Martin Amis: Die schwangere Witwe

Der Geschlechtsverkehr, schreibt Martin Amis zu Beginn, „hat zwei spezifische Besonderheiten. Er ist unbeschreiblich. Und er bevölkert die Welt. Es sollte uns daher nicht überraschen, dass alle kaum etwas anderes im Kopf haben.“ Das mag als Daseinsdeutung tendenziell leicht übertrieben sein, ist aber bestimmt nicht ganz falsch. Vor allem aber ist dieser Satz der Schlüssel zu Amis’ Roman „Die schwangere Witwe“, in dem es vor allem, nahezu ausschließlich, um Sex geht, der Akt selbst aber, um den sich alles dreht, als Unbeschreibliches auch unbeschrieben bleibt. Der Erzähler besitzt mehr Diskretion als seine Figuren. Denn die reden unentwegt über Sex oder den Mangel an Sex und ihre Erfahrungsexpeditionen. Sie verheddern sich in ihren Phantasien und Wünschen, sind mit der Ausdifferenzierung der Gefühle beschäftigt und haben also auch mit Verletzungen zu tun. Amis fasst diese, nun ja, Einseitigkeit, so zusammen: „Wir dürfen hier in Klammern anmerken, dass praktisch jeder sterbende Mann sich wünscht, sehr viel mehr Sex mit sehr viel mehr Frauen gehabt zu haben.“ Für die Frauen – das dürfen wir in Klammern hinzufügen – gilt selbstverständlich umgekehrt genau dasselbe. Zum Rest des Beitrags »

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Christian Kracht: Imperium

Im Zeichen der Kokosnuss

Christian Kracht spürt mit seinem Roman „Imperium“ deutschen Kolonialsehnsüchten nach. Es ist die Geschichte des August Engelhardt, ein weiterer Vertreter im Krachtschen Kosmos, in dem Zvilisierte auf “exquisite” Barbaren stoßen

August Engelhardt war nicht einfach nur Nudist und Vegetarier. Er glaubte an die Kokosnuss, die er für die Krone der Schöpfung und den Stein der Weisen hielt. Also zog er aus, sein Leben der göttlichen Frucht zu weihen. Die Kokosnuss war ihm heilig, da sie so weit oben wuchs, dem Licht so nah, und alles Leben sich doch aus dem Licht speist. Deshalb hielt er auch das Gehirn für das edelste Organ, das seine Energie direkt über die Haare aus der Sonne saugte – genau wie die behaarte Frucht der Kokospalme.

August Engelhardt war, so könnte man sagen, ein Messias des Solarzeitalters, lange bevor es Solarmodule gab. Das deutsche Kaiserreich war ihm zu eng und zu fleischfressend.

Also bestieg er am Beginn des 20. Jahrhunderts ein Schiff und reiste nach Deutsch-Guinea im Pazifik. In der Kolonie Neupommern erwarb er eine Kokosplantage, um fürderhin unter Menschenfressern als Kokovorist zu leben und nichts anderes als Kokosnüsse zu sich nehmen zu müssen. Fotos zeigen einen langhaarigen, bärtigen, sehr mageren Mann mit einem Tuch um die Hüften: eine messianische Gestalt. Zum Rest des Beitrags »

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Hugo Cabret (Martin Scorsese)

Grad erst hat „The Artist“ alle Filmverrückten in Verzückung geraten lassen. Und nun „Hugo Cabret“. Auch Martin Scorsese beschwört die Kraft des Kinos von einst. Allerdings auf sehr, sehr anderem Weg, und das nicht nur, weil der Regie-Star auf 3D-Technik setzt.

Martin Scorsese, bekennender Kino-Narr, setzt Georges Méliès, einem der Pioniere des Kintopp, der zwischen 1896 und 1912 mehr als fünfhundert Filme gedreht haben soll, ein Denkmal. Méliès, der 1902 mit der Jules Verne-Verfilmung „Die Reise zum Mond“ das Science-Fiction Genre begründete, war ein Mann, der schon zu seinen Lebzeiten lange vergessen wurde, ein klägliches Leben fristete, und erst in den letzten Jahren, nachdem sein Werk wiederentdeckt worden war, ein wenig zur Ruhe kam. Zum Rest des Beitrags »

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Sommer auf dem Land (Radek Wegrzyn)

Klingt durchgedreht: Ein Witwer entdeckt in einer Kuh die Seele seiner verstorbenen Frau. – Ist auch durchgedreht – auf schönste Art.

Trauer nicht in Schwarz, sondern in grellbunt. – So ließe sich diese herrliche Farce überschreiben. Die Geschichte des Pianisten Bogdan, der auf dem Land nur mühsam über den Tod seiner Frau hinwegkommt, bis er dann mit einer Kuh eine höchst merkwürdige „Lovestory“ erlebt, überrascht nicht nur durch das, was erzählt wird, sondern auch dadurch, wie. Der Ton der Erzählung trumpft nämlich klugerweise nicht mit „Verrücktem“ auf, sondern mit fast konventioneller Schlichtheit. Und genau deshalb, nimmt man den Film im Handumdrehen an. Zum Rest des Beitrags »

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