Kriegerin (David Wnendt)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 19. Januar 2012
Was tun gegen rechte Gewalt? Die Frage steht seit Jahren hierzulande an. Nicht erst die Untaten der rechtsextremistischen Terrorgruppe namens „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU), in den Medien oft kurz „Zwickauer Zelle“ genannt, haben dieser Frage Gewicht gegeben.
Autor und Regisseur David F. Wnendt hat seinen Film lange vor dem öffentlichen Bekanntwerden der so genannten „Zwickauer Zelle“ konzipiert. Da verwundert es, dass dieser Film derzeit gern in manchen Medien so gehandelt wird, als sei er ein Kommentar zu den Ereignissen. Was auch Angst macht: Schaut, hier haben wir doch einen aufklärerischen Film, wir tun doch was, so die unterschwellige Botschaft manchen Berichts, der damit eine falsche Beruhigung suggeriert.
Der Film selbst taucht mit oft dokumentarisch anmutendem Gestus in die rechte Szene in einer deutschen Kleinstadt: Marisa (Alina Levshin), Supermarktkassiererin, hasst Ausländer, Andersfarbige, Juden, Politiker, Gesetzeshüter. Wenn sie kann, schlägt sie zu. Am wohlsten fühlt sie sich in einer Clique saufender und prügelnder Nazis. Zu Filmbeginn sehen wir sie, wie sie Reisende in einem Zug terrorisieren. Der Anführer, Marisas Sexpartner, wird verhaftet, verurteilt und hinter Gittern verwahrt. Aber nur kurz. Schon
bald darf er wieder raus. Zusammen mit Marisa und den anderen lässt er sich unter anderem mit Propagandamaterial aus der Zeit des deutschen Faschismus „schulen“. An einem See tauchen zwei Jugendliche auf, fremd aussehend, Jamil (Najebullah Ahmadi) und Rasul (Sayed Ahmad Wasil Mrowat). Sie können fliehen. Aber Marisa setzt sich ans Steuer ihres Autos und lässt ihren blindwütigen Hass an den zwei jungen Männern aus: Sie steuert den Wagen gezielt gegen die Beiden, die auf einem Moped fahren. Es kracht. Die Jungen landen im Straßengraben.
Die ausführlichen Recherchen von David Wnendt machen sich bis hierhin bezahlt. Der Film besticht als kühle und kühne Milieustudie. Unterhaltsam ist das nicht, will es auch nicht sein. Aber: Was will der Film? Es gibt nicht einen Moment, in dem die Nazi-Szenerie attraktiv wirkt. Dumpfer, alkoholgeschwängerter Mief und abstoßende Brutalität prägen die Bilder. Doch nach Marisas Gewalttat wird die Story zum Krimi und zum Psychodrama. In der Nazi-Clique bekommt die 20-jährige Marisa in der 15-jährigen Svenja (Jella Haase) erst eine Konkurrentin, dann eine Begleiterin. Und nun, ausgelöst auch durch eine Begegnung mit einem der zwei ausländischen Jungs vom Badesee, beginnt Marisa die Welt mit anderen Augen zu sehen, will gar aussteigen. Wirklich glaubwürdig ist das nicht.
David Wnendt ist der erste hierzulande, der eine Frau ins Zentrum eines Films zum Thema Nazis heute in Deutschland stellt. Das ist interessant, geht aber über bereits Bekanntes nicht hinaus. Beweggründe und Motive dieser Figur werden nicht sichtbar. Und die eingangs gestellte Frage, die gerät völlig ins Aus. Sie kommt gar nicht vor. Einzig ein paar küchentischpsychologische Wahrheiten über die unheilvollen schwierigen Kindheiten kommen ins Spiel. Das ist etwas zu wenig, um mit diesem Film ein weiterführendes Nachdenken über das momentane Erschrecken hinaus zu bewirken.
Peter Claus
Kriegerin, von David Wnendt (Deutschland 2011)
Bilder: Ascot Elite
ShareMein liebster Alptraum (Anne Fontain)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 19. Januar 2012
Isabelle Huppert darf Clown sein. Oft wurde ihr das noch nicht gewährt. Am erfolgreichsten bisher in François Ozons „8 Frauen“. Das ist nun aber auch schon ein paar Jahre her. In der Regel tritt die Star-Schauspielerin in Dramen und Tragödien auf, oft dem Bösen verlockend Gestalt verleihend.
Böse sein darf Isabelle Huppert in dieser Komödie auch. Sie spielt eine Frau aus besseren Kreisen, Agathe, eine erfolgreiche Galeristin. Madame ist überaus gebildet und bildet sich darauf jede Menge ein. Da ist es an sich schon urkomisch, dass ausgerechnet sie
sich in den trinkfesten Proleten Patrick verguckt. Eine Elternsprechstunde in der Schule bringt beide zusammen. Was Agathes Gefährten François ins Abseits und Patrick in den Mittelpunkt ihres Lebens rückt. Chaos also muss kommen.
Regisseurin Anne Fontain setzt auf den Reiz von Gegensätzen, die sich anziehen. Dabei gibt sie dem Hauptdarsteller-Trio viele Chancen, verbal und körperlich mit kraftvoller Komik zu brillieren. Die drei Stars nutzen das effektvoll aus, allen voran Isabelle Huppert. Man liegt schon flach vor Lachen, wenn man nur beobachtet, was sie alles mit ihren Augen anstellt. Darin spiegelt sich Sehnsucht und Zärtlichkeit, Zorn und Arroganz, Furcht und Intelligenz. In vielen überdrehten Momente des turbulenten Geschehens, erzählt die Huppert mit abschätzigen, strahlenden, angstvollen, genervten oder auch mal schlicht kuh-blöden Blicken mehr als viele Dialoge. Wobei der Sprachwitz des Films über weite Strecken ebenfalls beträchtlich ist. Jedenfalls im Original.
Fans der dramatischen Aktrice Isabelle Huppert werden wohl staunen, mit welcher Lust sie hier Klamauk serviert. Da ist einem der Fortgang der überschaubaren Story recht bald ziemlich egal. Man lacht, man schmunzelt, man amüsiert sich, nicht mehr und nicht weniger.
Peter Claus
Mein liebster Alptraum, von Anne Fontain (Frankreich/ Belgien 2011)
Bilder: Concorde
ShareAndreas Maier: Das Zimmer
von Jörg Magenau in Kritik, Literatur am 17. Januar 2012
Auf das Zimmer folgt das Haus, auf Drinnen folgt das Draußen. Dann kommt das Viertel, die Stadt, die Umgebung, und schließlich die ganze Welt bis hin zum lieben Gott. So ungefähr richtet sich das Kind im Universum ein, und ganz ähnlich ordnet Andreas Maier seinen Schreibprozess. Das Universum ist unendlich, und wer es begreifen oder auch nur beschreiben möchte, wird damit aller Voraussicht nach niemals fertig. Also fängt er besser in der Nähe an, bei sich selbst, den Eltern, der Familie, der Schulzeit.
Andreas Maier, geboren 1967 in Bad Nauheim, ist in seiner groß angelegten autobiographischen Auslotung der Welt nach dem Roman „Das Zimmer“ nun bei „Das Haus“ angekommen, das er wiederum in zwei Teile, „Drinnen“ und „Draußen“, zerlegt. Der Blick des Autors auf das eigene, kindliche Ich fällt dabei zunächst von draußen herein. Das ist unvermeidlich, obwohl er im einstigen Zimmer des Onkels sitzt und schreibt, sich also in unmittelbarer Nähe innerhalb des Familienkosmos’ angesiedelt hat, um von hier aus zurückzublicken. Doch das eigene Ich ist zunächst nicht viel mehr als eine Legende, die sich aus familiären Überlieferungen zusammensetzt. „Vielleicht“, so mutmaßt der Erzähler, „bin ich ganz anders aufgewachsen, als es die niedlichen Anekdoten erzählen.“ Zum Rest des Beitrags »
ShareDas System – Alles verstehen heißt alles verzeihen (Marc Bauder)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 12. Januar 2012
„Das Leben der Anderen“ hat das Thema Stasi & Co ja schon „Oscar“-reif zur Schmonzette verarbeitet. Können wir abhaken. Muss nicht mehr im Kino reflektiert werden. Jedenfalls nicht so, wie in der wabernd-pseudoreligiösen Schnulze. Wenn, wie jetzt, in „Das System – Alles verstehen, heißt, alles verzeihen“, dann allerdings sehr wohl! Denn der Film blickt tatsächlich nicht aufs Gestern, sondern aufs Heute, zeigt dabei freilich sehr genau, was die
Gegenwart aus ihren Wurzeln in der Vergangenheit Prägendes zieht.
Mike (Jacob Matschenz), der Anti-Held der Story, ist so um die 20. Ein Kleinkrimineller aus einer Plattenbausiedlung. Zusammen mit Kumpel Dustin (Florian Renner) klaut er hier und da und dort und schlägt sich so durch. Das ändert sich durch die Bekanntschaft mit dem wesentlich älteren Konrad (Bernhard Schütz). Der wird zum Freund und damit zum Ersatz für den Vater, den Mike nie hatte. Konrad mischt erfolgreich in der Baubranche mit und verhilft Mike zu wichtigen Erkenntnissen. Und die führen zu Mikes Erzeuger – und damit ins Geflecht noch heute existierender Stasi-Verbände. Mike will mehr und mehr herausbekommen und bringt sich damit in große Gefahr. Spannungssteigerung ist also garantiert.
Das Autoren-Duo Dörte Franke und Khyana El Bitar hat eine starke Story entwickelt, in der Privates geschickt das Politische spiegelt. Solides Schauspiel und eine gekonnte Bildgestaltung, die kühl alle Leere in den Seelen der Protagonisten spiegelt, packen. Mancher Dialog ist überflüssig, illustriert mehr als dass er erhellt. Aber dies ist ein Debütfilm, da hört man über kleine Stolperer gern hinweg. Beeindruckend ist die Geradlinigkeit und Wahrhaftigkeit, mit der hier deutsch-deutsche Geschichte und Gegenwart erhellt werden – sehr viel ehrlicher und genauer als je zuvor in einem deutschen Kinofilm, der nach 1990 gedreht wurde!
Peter Claus
Das System – Alles verstehen heißt alles verzeihen, von Marc Bauder (Deutschland 2011)
Bilder: Filmlichter
ShareVerblendung (David Fincher)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 11. Januar 2012
Hollywood setzt gern auf Nummer sicher. Da fallen Novitäten gern hinten runter. Fortsetzungen von Hits oder Neuverfilmung von Erfolgen versprechen in der Regel gut gefüllte Kassen. Und nur die zählen. Dass da oft die Kunst keine Chance hat, interessiert die Produzenten nicht. Die US-amerikanische Version von „Verblendung“ verblüfft vor diesem Hintergrund. Der Krimi ist selbst jenen zu empfehlen, die bereits die vor zwei Jahren herausgekommene europäische Erstverfilmung des Bestellers genossen haben. Regisseur David Fincher hat den weltweit verschlungenen Roman des Schweden Stieg Larsson stilvoll, raffiniert und selbst für Kenner der Geschichte überraschend adaptiert. Fincher-Fans wundert das nicht. Seit seinem furiosen Schocker „Sieben“ (1995) gilt er als Meister apokalyptischer Schreckensvisionen von außerordentlichem Unterhaltungswert. Bei der Story haben sich David Fincher und sein Drehbuchautor Steven Zaillian, der seit der Arbeit für Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ (1993) zu den bestbezahlten Schreibern Hollywoods gehört, ziemlich genau an die Vorlage gehalten: Journalist Mikael Blomkvist (Daniel Craig) wird zum Buh-Mann, weil er einer bei einem Enthüllungsreport Fehlinformationen auf den
Leim gegangen ist und nicht ausreichend recherchiert hat. Weil dadurch nicht nur um den guten Ruf gebracht, sondern auch finanziell ruiniert, greift er zu, als ihm ein reicher Geschäftsmann (Christopher Plummer) einen lukrativen Auftrag als Detektiv anbietet: Mikael soll den Fall von dessen vor Jahrzehnten verschwundener, vermutlich ermordeter Nichte aufklären. Der Ex-Journalist versuchts. Gemeinsam mit der Punkerin Lisbeth Salander (Rooney Mara) macht er sich auf in die Schattenwelt der Vergangenheit und landet geradewegs auf der Straße ins Jenseits. Wer nicht weiß, wie’s weiter geht, glaubt fast bis zum letzten Bild, dass Lisbeth und Mikael niemals lebend aus dem Schlamassel herauskommen können. Aber auch wer um den Fortgang des Geschehens weiß, wird schon von den ersten Filmszenen völlig gefangen genommen und gerät in den Sog der wahrlich mörderischen Spannung. Zum Rest des Beitrags »
Eine sehr blutige Ernte – Rückblick 2011
Ein anderer Jahresrückblick: Kriminalliteratur, weitgehend noch unübersetzt
Der beste und wichtigste Thriller des Jahres 2011 stammt für mich von einem Autor, der bei uns seit zehn Jahren unübersetzt geblieben ist: „A Deniable Dead“ des Briten Gerald Seymour. Ganz nah, ganz dreckig, detailreich und realistisch nimmt Seymour uns mit auf eine Aktion im schmutzigen Krieg gegen den Terror. Der Stoff, aus dem später Historiker unsere Gegenwart rekonstruieren werden. Seymour ist ein ehemaliger Journalist. Jedes Jahr legt er einen zeitgenössischen Stoff vor – auf höchstem Niveau.
Ebenfalls hart an der Realität und gut recherchiert, „The Wreckage“ des Australiers Michael Robotham, das im April 2012 bei Goldmann als „Der Informant“ erscheint. Im Irak werden Banken überfallen, im großen Stil. Folgerichtig, dass die Spur dann an den Finanzplatz London führt. So muss Thrillerliteratur sein: den Schlagzeilen immer ein Stück voraus.
Endlich wieder ein Polizeiroman, der die Jahre überstehen wird: authentisch, klug, ungewöhnlich gut geschrieben. Edward Conlon, Harvard-Absolvent, preisgekrönter Essayist und New Yorker Polizist, vermag in „Red on Red“ nicht nur mit einer komplexen und heftigen Polizeigeschichte zu unterhalten, sondern auch über Detektivarbeit zu sinnieren und das Geschichtenerzählen an sich. Das ist lyrisch, psychologisch stimmig, leidenschaftlich und überraschend. Ebenso lesenswert – und mit einigen Metaebenen mehr aufwartend als Simons „Homicide“ (das damit keineswegs abgewertet werden soll, um Himmels willen) – sind seine sich selbst nicht schonenden Polizei-Memoiren „Blue Blood“ von 2004. Zum Rest des Beitrags »
ShareState of Play – Stand der Dinge (Kevin Macdonald)
von Stefan Bußhardt in Draufsicht, Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 6. Januar 2012
Keine biedermeierliche Gebetsmühlenmentalität
In den allermeisten Fällen wird die Bevölkerung zur aktiven Beeinflussung politischer Prozesse aufgerufen – zumindest in Nationalstaaten, die sich „demokratisch“ heißen und die staatsphilosophischen Dogmen in einem Dossier hinter Panzerglas offeriert wird. Soweit die hoffnungsfrohe Botschaft. Weniger Hoffnung – und das ist keine plakative Stimmungsmache in biedermeierlicher Gebetsmühlenmentalität – geben da die Interaktionen, auf die uns „STATE OF PLAY“ aufmerksam macht
Sie verdeutlichen auf melancholische – beinahe ohnmächtig machende – Weise die Inkonsistenz der Effekte eines präsidentiell-demokratischen Transformationsprozesses, der in seiner Index- und Paradigmenbildung mehr als fragwürdig erscheint. Besorgniserregend ist nicht etwa die unlautere Liebesaffäre eines US-Präsidenten, worauf ganz im sensationsjournalistischen Stil ein „Sonderermittler“ angesetzt wird, Zum Rest des Beitrags »
ShareSherko Fatah: Ein weißes Land
von Jörg Magenau in Kritik, Literatur am 6. Januar 2012
Die Erinnerung, so heißt es an einer Stelle dieses erstaunlichen Romans, ist wie ein Haus. Sie hat mehrere Türen. Und wenn eine Tür verschlossen ist, muss man eben eine andere nehmen. Anwar, der Ich-Erzähler, ist Diener, Bote und gelernter Dieb im Bagdad der 1930er Jahre. Auf Türen ist er nicht angewiesen. Er kann an Mauerwänden hinaufklettern und über die Dächer in fremde Häuser eindringen. Aber auch seine anderen Tätigkeiten lassen ihn weit herumkommen, sehr weit: Aus Bagdad führt die Reise ins nationalsozialistische Berlin und dann, als Soldat in einer muslimischen Kompanie, weiter an die Ostfront. Anwar ist der tumbe Tor, der brave Diener seiner Herren, deren Ziele er sich zu eigen macht. Zum Rest des Beitrags »
ShareDavid Foster Wallace: Alles ist grün
von Jörg Magenau in Kritik, Literatur am 6. Januar 2012
Es gibt so Tricks für den gewitzten Erzähler. Zum Beispiel den, immer das zu sagen, was er gerade tut. Wenn sich die Geschichte etwas in die Länge zieht, schreibt er das hin, und schon verzeiht man ihm den Mangel, sieht darin gar eine besonders raffinierte Methode. Noch raffinierter ist es selbstverständlich, auch diesen Effekt schon mitzureflektieren und zu benennen. Fiktion, Metafiktion und so weiter. Man lernte das in amerikanischen Creative Writing Workshops der achtziger Jahre, deren erfolgreichster und superraffiniertester Absolvent wohl David Foster Wallace gewesen ist. Die besondere Herausforderung für ihn bestand darin, Fiktion jederzeit als Fiktion kenntlich zu machen, also den Schreibenden mitzuschreiben, die Konstruktion und die handwerkliche Gemachtheit offensiv auszustellen, dabei aber trotzdem die Geschichte als Geschichte nicht zu zerstören, sondern nur umso wirkungsvoller ablaufen zu lassen. Zum Rest des Beitrags »
ShareThe Game (David Fincher)
von Stefan Bußhardt in Draufsicht, Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 6. Januar 2012
Kafkaeske Wirkungstendenzen
Wogegen sich eine Person entscheidet, wenn sie sich für etwas Bestimmtes – etwa den eigens gewählten Lebensstil – entscheidet, bemerkt sie üblicherweise erst dann wenn es zu spät zu sein scheint. Welcher Beruf es im hektisch-impulsiven Neuzeit-Amerika nur sein kann, der den Menschen vieles von dem nimmt was wir uns „by-nature“ evolutionsgebunden und kognitiv erstritten haben – der des Investmentbankers! Er steht wie kaum ein zweiter für die rücksichtslose Abholzung privatester Lebensbepflanzung » nicht mal ein kuscheliges Feuer knistert, weil auch der Kamin im trauten Elfenbeinturm des Hauptprotagonisten nur leblose Kulisse ist. Zum Rest des Beitrags »
ShareSherlock Holmes 2: Spiel im Schatten (Guy Richie)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 4. Januar 2012
Nachgeliefert: Regisseur Guy Ritchie, Schauspielstar Robert Downey Jr. und Jude Law erwiesen sich vor zwei Jahren mit ihrer ersten Holmes-Hommage als Dreamteam. Glaubt man vielen KritikerInnen, präsentieren sie sich mit ihrem zweiten gemeinsamen Ausflug in die Krimiwelt als Alptraumtrio. Ich hab’ mich bestens amüsiert. Popcorn-Kino. Zwischendurch ist das einfach schmackhaft.
Die Story ist dabei völlig uninteressant. Sherlock Holmes (Robert Downey Jr.) und Dr. Watson (Jude Law) jagen das Böse. Das sich für Sherlock schon in Watsons Gattin Mary Morstan (Kelly Reilly) personifiziert. Weshalb er sie ziemlich schnell aus der Bahn und dem Geschehen wirft. Anschließend haben die beiden Kerle freie Bahn – und die Zuschauer das Vergnügen. Das resultiert aus einem geschickten Mix. Action, Humor und Spannung sind wohlig miteinander vermischt. Das Ermittler-Duo wirkt wie clevere Vorfahren von James Bond. Allerdings: 007, der Agent Ihrer Majestät, im Fummel? Unvorstellbar! Holmes kann das. Und Robert Downey Jr. erst recht. Überraschung: Der Film offeriert doch tatsächlich so etwas wie eine Lovestory zwischen Holmes und Watson – komisch und anrührend.
Aber, Achtung: die deutsche Synchronversion ist mal wieder, ich muss so deutlich werden, „unter aller Sau“. Da wird auf grobe Gags gesetzt, dass es unentwegt kracht. Sehr bedauerlich, ein Ärgernis. Vielleicht hat das die erstaunlich hohe Zahl an Negativ-Rezensionen bewirkt? Wer kann, wer etwas davon hat, weil sicher im Englischen, gehe in die Originalfassung.
Peter Claus
Sherlock Holmes 2: Spiel im Schatten, von Guy Richie (USA 2011)
Bilder: Warner
ShareZiemlich beste Freunde (Olivier Nakache und Eric Toledano)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 4. Januar 2012
Olivier Nakache und Eric Toledano, ein bewährtes Regie-Duo, erzählt von der Freundschaft eines Sozialhilfeempfängers und eines reichen Behinderten. – Das klingt nach gruseliger Schmonzette. Geboten aber wird ganz anderes, nämlich eine erstaunlich wahrhaftig anmutende, herzerwärmende Komödie vom Feinsten. Die von wirklichem Geschehen angeregte Story ist originell, das Schauspiel von Güteklasse A und die Inszenierung effektvoll, ohne reißerisch anzumuten.
Die Protagonisten: Der junge Farbige Driss (Omar Sy) und der etwa drei Jahrzehnte ältere Weiße Philippe (François Cluzet). Ersterer ist arm, der Zweite stinkreich. Aber Philippe ist
querschnittsgelähmt und engagiert Driss als Pfleger. So kommen die Beiden zusammen, geraten erstmal gehörig aneinander, um dann schließlich eine wahrlich wunderbare Freundschaft aufzubauen. Klar: es gibt auch Trubel, Chaos und andere erfreuliche Episoden. Nur Klamauk, den gibt es zum Glück nicht.
Omar Sy und François Cluzet dürfen ihrem Affen Zucker geben. Das machen sie mit Schmackes. Doch die Zwei übertreiben dabei nicht, so dass die Geschichte und die Charaktere glaubwürdig bleiben. Schön, dass das Thema „Behinderung“ hier einmal wirklich locker beleuchtet wird, unverkrampft, realistisch, ohne dass dabei etwas beschönigt wird. Weil absolut souverän in Schauspiel und Inszenierung kann beispielsweise gezeigt werden, wie schwierig für Philippe allein schon ein Besuch der Toilette ist. Da bekommt der Film eine schöne Größe, die von Würde gestützt wird.
Peter Claus
Ziemlich beste Freunde, von Olivier Nakache und Eric Toledano (Frankreich 2011)
Bilder: Senator
ShareHuhn mit Pflaumen (Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 4. Januar 2012
Es darf gestritten werden. Die einen schimpfen: „Kitsch!“ Die anderen schwärmen. So war’s schon in Venedig, im letzten Herbst, nach der Uraufführung. So wird es nun wohl auch anlässlich des deutschen Kinostarts sein. Mein Standpunkt: großes Vergnügen, resultierend aus einer nahezu perfekten Balance von Unterhaltung und Geist.
„Persepolis“, der Zeichentrickfilm, der die Jugend der in Paris lebenden Iranerin Marjane Satrapi spiegelt (die den Film zusammen mit Vincent Paronnaud realisiert hat), war 2008 ein wahrlich grandioses Debüt. Darin waren sich alle einig. „Huhn und Pflaumen“ ist kein Abklatsch, keine Fortsetzung. Die Form: Das Regieduo offeriert einen Schauspielerfilm fast klassischen Zuschnitts mit
einigen Animationselementen. Und mit einem Übermaß an Phantasie. Womit wir beim Inhalt wären: Dem Geiger Nasser Ali Khan (Mathieu Amalric) wird von seiner wütenden Frau Faranguisse (Maria de Medeiros) das Instrument in Stücke gehackt. Das kostet ihn alle Kraft. Er will sterben. Denn die für ihn unersetzbare Geige war ihm weniger Musikinstrument denn Erinnerung an die Liebe seines Lebens, an Irâne (Golshifteh Farahani). Nicht mal sein Lieblingsgericht, Huhn mit Pflaumen, richtet ihn auf. Nasser Ali Khan fleht den Tod herbei. Tja, und der (Edouard Baer) kommt denn auch zu ihm. Fragt sich nur bis zum letzten Bild, wie das ausgehen soll.
Die Gegenwartsebene des Films liegt ihm Jahr 1958, Rückblenden führen in die Jahre, ja, Jahrzehnte davor, ein Großonkel von Marjane Satrapi gab das Vorbild für die Hauptfigur ab. Offeriert wird das als farbenfrohes, mal kraftvoll-komisches, mal melancholisches Märchenpuzzle, das mit optischen Reizen geradezu wuchert. Kunstgewerbe aber bleibt aus. So wird die Hauptfigur in allen Lebensaltern von Mathieu Amalric ohne Masken- und Schminktricks verkörpert. Damit wird dezent betont, dass die Erinnerungen, die in den Rückblenden wach werden, natürlich ganz aus dessen Sicht, von seinem Empfinden geprägt, gestaltet sind. Sieben Tage, sieben Erinnerungen (im Märchen passiert ja das Wichtige oft sieben Mal!), und über allem liegt ein zauberhafter Geigenklang. Der Franzose Renaud Capuçon – einer der Star-Geiger unserer Tage
– spielt (an Stelle von Mathieu Amalric), und Capuçon spielt einfach göttlich. Diese Musik und die visuelle Finesse begeistern. Dazu kommt, dass leiser Humor feine Akzente setzt, die – für mich! – aller Sentimentalität eine Abfuhr erteilen. Da ist der Streitpunkt, das sehen viele anders, sprechen von „Kitsch!“. Weit verbreiteter Vorwurf gegen das Autoren-Regie-Duo: die politische Schärfe von „Persepolis“ wird nicht erreicht. Ich kann das nicht nachvollziehen. Wenn in einer Schlüsselszene Nassder Ali und Irâne einander nach vielen Jahren ein letztes Mal begegnen, dann wird der Film ohne jeden vordergründigen Verweis für mich zu einer poltisch-scharfen Anklage eines von den Machthabern verordneten Lebensstils, der den Frauen eine Rolle nach den Männern zuweist, der die Freiheit des Einzelnen beschneidet, der aufrichtigen Glauben in religiösen Zwang verwandelt. Aber für viele muss es wohl immer der Holzhammer sein. Schade!
Lustgewinn am Rande: Chiara Mastroianni und Isabella Rosselini bezirzen mit köstlich (selbst-)ironischen Gastauftritten. Hauptdarsteller Mathieu Amalric ist einfach nur hinreißend. Sein Können gibt dem Film endgültig eine große Klasse.
Peter Claus
Huhn mit Pflaumen, von Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud (Frankreich/Belgien/Deutschland 2011)
Bilder: Prokino
ShareIch reise allein (Stian Kristiansen)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 28. Dezember 2011
Eine der schönsten Komödien um die Schwierigkeit, erwachsen zu werden, kam vor drei Jahren aus Norwegen: „Der Mann, der Yngve liebte“. Regisseur Stian Kristiansen, der damit 2008 sein Debüt gab, setzt nun die Geschichte der Hauptfigur fort. Und von einem Aufguss kann keine Rede sein! Zugegeben: Sonderlich toll klingt die Story in Stichworten nicht: Jarle (Rolf Kristian Larsen) bekommt einen Schock, als eines Tages eine siebenjährige Göre (Amina Eleonora Bergrem) vor der Tür steht. Die Kleine erklärt dem 25-jährigen Studenten, dass sie seine Tochter sei, und dass er jetzt eine
Zeitlang auf sie aufpassen müsse. – Ähnliches gab es schon mehrfach, etwa im Vorjahr, arg schick und snobistisch erzählt, in „Somewhere“ von Sophia Coppola. Anders als sie aber interessiert Regisseur Stian Kristiansen, der sich das Drehbuch wieder von dem Schriftsteller Tore Renberg schreiben ließ, die soziale Realität von Leuten der Marke „Du und ich“. Jarle, den wir beim ersten Mal Ende der 1980er Jahre trafen, diesmal Mitte der 1990er, liebt nur eins: das Werk von Marcel Proust. Da ist natürlich kein Platz in seinem Herzen für ein Kind, auch nicht für deren Mama. Behauptet jedenfalls Jarle – und ist der einzige weit und breit, der das glaubt. Klar, dass die Geschichte anders weitergeht als er es sich zu Beginn vorstellen kann. Übrigens, im Detail, auch anders, als wohl die meisten Zuschauer erwarten dürften.
Handfeste Milieuzeichnungen und sensible Charakterstudien fesseln von Beginn an. Jarle, der Jung-Intellektuelle, der laut Eigeneinschätzung lieber mit einem Buch ins Bett geht als mit einer Frau, der aber trotzdem grad ganz furchtbar darunter leidet, dass er ungewollt Single ist, wird dabei nie zur Witzfigur. Buch, Regie und Schauspiel nehmen Jarle erfreulich ernst, was dem Humor eine schöne Schärfe verleiht. Seine oft verzweifelten Versuche, sich aus aller Verantwortung, vor allem auch gegenüber sich selbst, zu ziehen, liefern dabei die besten Pointen.
Klar: komödiengerecht kommt auch die Frau Mama (Marte Obstad) noch gehörig ins Spiel. Fader Familienkitsch à la Hollywood jedoch gibt es nicht. Hier wird kein verlogenes Hohelied auf den angeblich unschätzbaren Wert der Familie gesungen. Aber es wird auch kein Klamauk der billigen Art geboten! Bis zum Schlussbild bleibt der Humor trotz aller Schärfe im Ton eher sanft. Und es werden auch Fragezeichen gesetzt, die ohne Antworten stehen bleiben. Hier ist nach dem Lachen Zeit zum Nachdenken. Dabei stellt sich ein interessanter Nebeneffekt ein: Die 1990er Jahre erscheinen einem als Paradies, fern der heute allgegenwärtigen Hektik, weitab von Finanzkrisen und Terrorangst. Da wird der Film sogar zeitkritisch. Wunderbar! – Das Kino Skandinaviens ist nun mal immer wieder gut für schöne Überraschungen.
Peter Claus
Ich reise allein, von Stian Kristiansen (Norwegen 2011)
Bilder: Neue Visionen
ShareUnd dann der Regen (Icíar Bollaín)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 28. Dezember 2011
Südamerika – Paradies oder Hölle? Der Film geht nach Bolivien. Da fällt die Antwort auf die Eingangsfrage zwiespältig aus. Südamerika ist so reich an Wasser wie kein zweiter Kontinent. Trotzdem herrscht in Bolivien Knappheit am Leben spendenden Nass. Der Grund: die Profitsucht von international arbeitenden Konzernen. Regisseurin Icíar Bollaín erzählt davon nun nicht in einem vordergründig die Missstände anklagenden Drama, sondern – sehr hintergründig – und genau deshalb überaus wirkungsvoll – in einer spannenden Geschichte um die komplizierten Dreharbeiten zu einem Film: Regisseur
Sebastián (Gael García Bernal), Produzent Costa (Luis Tosar) und Team reisen nach Bolivien. Sie wollen einen Spielfilm über Columbus drehen, über dessen Gier nach Macht und Ruhm, nach Gold und Sklaven. Die Realität der Gegenwart „funkt“ unentwegt dazwischen. Hauptdarsteller Daniel (Juan Carlos Aduviri) zum Beispiel kämpft aktiv im so genannten bolivianischen Wasserkrieg wider die menschenverachtenden Methoden der Industrie. Da kann die Kunst nur nebensächlich sein – oder?
Iciar Bollain gelang ein packendes Polit-Drama, das auch unterhält. Sich mehr und mehr auf die Zwangslage des Schauspielers – zwischen gesellschaftlichem Engagement und Geldverdienen – konzentrierend, steigt die Spannung rasant an. Die Entdeckung: der Hauptdarsteller, Juan Carlos Aduviri. Ein Mann mit Star-Potential. Vor allem er macht die Auseinandersetzung mit einer alles andere als glamourösen Wirklichkeit über das Glamour-Medium Film absolut sehenswert!
Peter Claus
Und dann der Regen, von Icíar Bollaín (Frankreich/ Mexiko/ Spanien 2010)
Bilder: Pfiffl
ShareHabemus papam – Ein Papst büxt aus (Nanni Moretti)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 21. Dezember 2011
P. S. zu Habemus papam – Ein Papst büxt aus – siehe getidan vom 08. 12. 2011
In der Regel schauen Kritikerinnen und Kritiker die Filme im Original und das, nicht selten bei nicht-deutschen Produktionen, gern vor den Pressevorführungen hierzulande im Produktionsland. So muss zwangsläufig sehr oft eine Beurteilung der Synchronisation ausbleiben. (Zumal auch die Pressevorführungen meist das Original zeigen.) Gelegentlich hagelt‘s dann auch Nutzer-Protest, weil der empfohlene Film in deutscher Fassung nicht mehr den Charme und die Größe des Originals hat. Im Falle von „Habemus papam“ habe ich nun einmal die Probe aufs Exempel gemacht und darf sagen: die Synchronisation ist überaus gelungen. Klaus Sonnenschein, der Michel Piccolis Part spricht, und Janusz Chichocki, er spricht Jerzy Stuhr, der in der wichtigen Rolle des Pressesprechers des Vatikans agiert, und alle anderen, haben ganze Arbeit geleistet! Das deutsche Textbuch (Beate Klöckner, die auch die Synchronregie geführt hat) konnte den doch recht speziellen Witz von Nanni Moretti exzellent übertragen. Wie schon geschrieben: Hut ab!
Peter Claus
ShareIn guten Händen (Tanya Wexler)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 21. Dezember 2011
Die Erfindung des Vibrators als Komödienstoff? Der geübte Kinogänger erwartet Deftiges, wenn nicht gar Zotiges und geht mit Skepsis in den Film. Die, das ist rasch klar, muss nicht sein. Es gilt eine handfeste Komödie zu belachen, die sich erfreulicherweise konsequent innerhalb des Grenzen des guten Geschmacks bewegt.
Noch heute soll es ja tumbe Toren geben, die der Meinung sind, dass weibliche Nervenleiden am besten durch Sex zu heilen sind. Noch im 19. Jahrhundert glaubten sogar Mediziner solchen Quatsch. Zwei davon zeigt der launige Film als Männer der Tat. Heißt: sexuelle Stimulierung der Patientinnen ist das A und O. Ganz züchtig, versteht sich. Im spätviktorianischen London, so um 1880, hat sich Dr. Robert Dalrymple (Jonathan Pryce) darauf spezialisiert. Weil ihm die Damen nur so zufliegen, holt er sich Unterstützung in Gestalt des jungen, zudem sehr attraktiven Arztes Mortimer Granville (Hugh Dancy). Was den
Klientinnen gut tut, führt bei den beiden Herren zu Muskelverkrampfung in den Händen und den Unterarmen. Hilfe kriegen die zwei Quacksalber von Edmund St. John-Smythe (Rupert Everett). Er bastelt ihnen ein Gerät, das im Laufe der Zeit unter dem Begriff „Vibrator“ eine Weltkarriere machen wird. Zum Rest des Beitrags »
The Ides of March (George Clooney)
von Peter Claus in Film, Filmspiegel, Kolumnen & Blogs, Kritik am 21. Dezember 2011
Shakespeare lässt grüßen. Der bei ihm entlehnte Titel deutet auf die Ermordung von Julius Cäsar und damit das Thema des Films: die öffentliche Abschlachtung eines Politikers. Somit ist von Anfang an klar, dass alles Lächeln, mit dem die Geschichte anhebt, falsch ist.
Ausgangspunkt des Geschehens: anstehende Wahlen zum Präsidenten der USA. Die Kandidaten sind auf Stimmenfang. Da gilt es nicht allein, die Konkurrenz aus der jeweils gegnerischen Partei auszuschalten, vor allem müssen erst einmal die Mitbewerber aus den eigenen Reihen abserviert werden. Hollywood hat sich damit schon mehrfach auseinandergesetzt, sehr beeindruckend in „Der Kandidat“. 1964 war das. Wer diesen Film in Erinnerung hat, den
gruselt’s angesichts der neuen Inszenierung von George Clooney besonders. Denn es stellt sich der fatale Eindruck ein, dass sich nichts geändert hat, dass die Politik nach wie vor nicht von Vernunft und dem Bestreben, den Wählern zu dienen, geprägt wird, sondern von schlichter Gier nach Macht und Ruhm und Geld.
Die Handlung beginnt mitten im Wahlkampf im US-Bundesstaat Ohio. Mike Morris (George Clooney) ist einer von denen, die für die Demokraten antreten. Ein hochkarätiges Team managet die Wahlkampftour. Paul Zara (Philip Seymour Hoffman), ein alter Haudegen und Freund von Mike, ist der Chef der Truppe. Stephen Myers (Ryan Gosling), ein Jungspund mit viel Idealismus, nach Paul die Nummer zwei. In seinem Bemühen, um jeden Preis erfolgreich zu sein, schießt er übers Ziel hinaus. Entscheidende persönliche und berufliche Fehler werfen ihn aus der Bahn. Plötzlich heißt es für ihn, Mensch zu bleiben und aus dem Rennen zu fliegen oder sich korrupt und unmenschlich zu verhalten, um weiter an entscheidender Stelle im schmutzigen Spiel mitzumischen. Spannung erwächst also erst einmal aus der Frage, welchen Weg Stephen einschlägt. Noch spannender allerdings sind die vielen Schlaglichter, die der Film auf das alltägliche Polit-Geschäft wirft. Dabei wird klar, dass niemand, tatsächlich niemand, eine saubere Weste hat. Zum Rest des Beitrags »
ShareMondo Lux (Elfi Mikesch)
von Georg Seeßlen in Film, Filmspiegel, Filmwissen, Kolumnen & Blogs, Kritik am 20. Dezember 2011
Werner Schroeter ist einer der wenigen fundamentalen Künstler des deutschen Films gewesen. Er hat nicht „mit den Mitteln des Films“ seine Geschichten erzählt, er hat einen besonderen, filmischen Blick auf einige große, fast zu große Dinge entwickelt: Liebe, Leidenschaft, Einsamkeit, Leben und Tod. Und so benutzte er auch nicht Schauspieler und Schauspielerinnen, sondern er erschuf mit ihnen, zuletzt mit der wunderbaren Isabelle Huppert, filmische Wesen. Ihre Seele ist das Licht, ihre Wahrhaftigkeit beginnt erst da, wo sie die schauspielerischen Konventionen hinter sich lassen, so wie es Peter Kern im Interview erklärt, jenseits dessen, „was man so drauf hat“ und was man „bedient“. An allem, was Werner Schroeter gemacht hat, kann man sehen, was das ist: Schöpfung. Kreativität, für diejenigen, die es gern weniger pathetisch haben.
Elfi Mikesch, Fotografin, Kamerafrau und langjährige Mitarbeiterin von Werner Schroeter, eine Filmemacherin aus eigenem Recht überdies, begleitet den von seiner Krebskrankheit gezeichneten Regisseur bei der Arbeit, montiert Filmszenen und Interviews. „Mondo Lux“ kann man also auch als Freundschafts- oder Liebeserklärung sehen. Bis in die sechziger Jahre reicht die Zusammenarbeit der beiden Künstler zurück: In „Der Rosenkönig“ und „Deux“, in der Jelinekschen Bachmann-Adaption „Malina“ und im sehr persönlichen „Abfallprodukte der Liebe“ bilden Schroeter und Mikesch eine unerhörte Einheit. Nur aus dieser Kenntnis und diesem Respekt heraus konnte ein Film entstehen, der sich ganz auf die Kraft der Assoziation verlässt, selber die Chronologie und Dramaturgie auch des gewohnten Dokumentarfilms überschreitet. Zum Rest des Beitrags »
ShareChristian Goeschel: Selbstmord im Dritten Reich
von Michael André in Gesellschaft, Kritik, Literatur am 16. Dezember 2011
Heroische Feiglinge
Auch die NS-Täterseite war ständig von einer Suizidwelle erfasst / Christian Goeschels aufschlussreiche historiographische Studie zum „Selbstmord im Dritten Reich“
Statistiken haben etwas Verführerisches an sich. Aus Zahlen, Kurven und Verläufen spricht eine scheinbar objektive Gewissheit und die daraus gewonnenen Ergebnisse lassen sich zu allen möglichen Zwecken einsetzen. Ein besonders sensibles Feld waren (und sind immer noch) die jeweiligen nationalen Selbstmordraten. In Deutschland, wo die Suizidfälle nach dem Ersten Weltkrieg auffällig höher lagen als etwa in den alliierten Siegerstaaten Frankreich oder England, hat man schlimme Erfahrungen mit diesem Thema gemacht. Offiziell starben in Deutschland zwischen 1919 und 1933 insgesamt 214.419 Menschen durch Selbstmord. „Wenn Meinungsmacher einen Beleg für den Verfall der Republik suchten, zogen sie die Selbstmordraten heran,“ schreibt der Historiker Christian Goeschel in seiner Studie „Selbstmord im Dritten Reich“.
Jede dieser kriminalpolizeilich registrierten Leichen wurde den Gegnern der ersten deutschen Republik zum Beleg ihrer politischen Propaganda, zum Sargnagel einer hoffentlich bald überwundenen Zeitepoche. Die linken Grabredner betrauerten die Toten von eigener Hand als bemitleidenswerte Opfer von Verarmung und sozialem Elend. Für die Demagogen von rechts waren sie das Ergebnis der schreienden Ungerechtigkeit des Vertrags von Versailles. Dumm nur, dass nach 1933, als die Arbeitslosigkeit abgeschafft sein sollte und der NS-Volksstaat anbrach, die einschlägige jährliche Sterbequote annähernd gleich hoch auf dem Niveau der Einwohnerzahl einer deutschen Kleinstadt blieb. Zum Rest des Beitrags »
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